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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-21 · 29 (21.7.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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»eilt 450 9(T. 29 Dr. Llocb s MocvenscbrM. stärker oder auch nur so stark entwickelt wie bei den Juden. Was auch der verbissenste Antisemitismus den Juden vorzuwersen hatte, dieses Gefühl hat er doch immer gewürdigt und vor ihm selbst seine unfreiwillige Reverenz gemacht. Man sollte meinen, daß auch die rohesten, unmenschlichsten Instinkte sich scheu und in einer Art Beschämung verkriechen, wenn gramgebeugte Eltern den leidenden Sohn, verzweifelte Gattinnen den im Felde verwundeten Gatten, jammernde Kinder den unglücklichen Vater zu sehen, zu begrüßen, mit liebevoller Pflege zu umgeben trachten. In Kiew werden sie nicht zugelassen, werden sie ab- und ausgewiesen. Der tote Buchstabe eines von der ausgelebten und in den letzten Zuckungen liegenden Tyrannei aufgestellten Gesetzes will es so. Wo ein tiefes Erbarmen jede menschliche Brust erfüllen sollte, rückt man mit dem toten Buchstaben in's Feld. Die Wohnberechtigung der Juden ist in Rußland eine beschränkte. Was verschlägt es, wenn ein Mensch in Todesnöten daliegt, was verschlägt es, wenn es ihrer Hunderte oder Tausende sind; die Angehörigen, die sie noch einmal sehen, die ihnen vielleicht den letzten Liebesdienst erweisen, ihnen die Augen zudrücken möchten, sie werden mit roher Gewalt aus ihrer Unterkunft, aus der Stadt gestoßen. Denn sie haben keine Wohnberechtigung. Sie haben für das Vaterland geblutet, sterben für das Vaterland; das ist recht schön und ganz in der Ordnung, aber den letzten Gruß zu empfangen von Vater oder Mutter, von Weib oder Kind, den letzten Blick zu richten auf ihre thränenerfüllten Augen, — das geht nicht; sie haben ja keine Wohnberechtigung. Und so haben die Schergen alle Häuser der Stadt durchforscht, und wo sie Angehörige fanden von verwundeten — jüdischen Soldaten, die in den russischen — den russischen! — Militärspitälern schmachten, da haben sie sie vertrieben mit all der Härte und Grausamkeit, mit der auch die schwersten Verbrecher nicht behandelt werden. Und was ist ihr Verbrechen?? Das ist der Dank des Vaterlandes. Mehr als sein Blut hergeben kann ein Mensch nicht. Die jüdischen Soldaten im Feld haben mehr als ihre Pflicht getan. Viele der jüdischen Verwundeten in den Kiewer Spitälern sind mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und so sieht nun der Lohn aus. Man wird sich erinnern müssen, wann einmal die Saat aufgeht, und so Gott es will, wird es bald sein, wer die Märtyrer waren, die mit ihrem Blute das Feld gedüngt haben. Der Preis, mit dem die Zukunft des russischen Volkes erkauft wird, ist ein entsetzlich hoher und das Judentum hat dazu beigesteuert über seine Kräfte.' Nicht nur, daß es auf den Schlachtfeldern blutete, nicht nur daß seine Habe geplündert ward. Das Unrecht, das an chm begangen ward und stündlich begangen wird, schreit zum Himmel und zeugt wider die ruchlose Tyrannei und öffnet der Welt die Augen. Auch das muß seine Früchte tragen und wenn es der Fluch der bösen Tat ist, daß sie fortzeugend Böses muß gebären, so ist es ihr Segen, daß sie den Ingrimm weckt wider das Böse. Sie vermittelt die Erkenntnis und diese Erkenntnis muß nützen, denn sie weckt den Sturm der Entrüstung, der schließlich das ganze System von Betrug und Grausamkeit hinwegfegen wird. Unvergessen bleibe das Los der unglücklichen Dulder, unvergessen aber auch die Schandtaten der Peiniger. Kiew wirk jeder Jude im Gedächtnis behalten. — Wenn ich dein vergesse, Kiew, dann verdorre mir die Rechte!- IDom Jahrmarkt des Lebens. Not au Militärärzte». Kurz vor Beginn der Parlamentsferien ist im Abgcorduetenhause eine die Not an Militärärzten betreffende Interpellation eingebracht worden. In der Interpellation wird ausausgeführt, daß seit mehreren Jahren weniger junge Aerzte den Beruf eines Militärarztes wählen, während andererseits eine beträchtlich große Anzahl der bereits aktivierten Militärärzte vorzeitig aus dem Heeresverbande scheidet und sich mit Vorliebe der Zivilpraxis widmet. Die Interpellation führt weiters aus, daß derzeit mehrals ein Sechstel der systemiiiertcnStellen unbesetzt ist. Von den 1234 systemisierten Stellen seien laut dem letzten Militärschematismus nur 1024 besetzt und das Heer besitze anstatt 324 Oberärzten nur 93, von welchen noch ein Teil infolge anderer Verwendung keinen Dienst macht. Mit Rücksicht darauf, daß bekanntermaßen im Zivil über eine Ueberproduktion au Aerzten geklagt wird, sei die Tatsache noch auffallender, daß die Heeresverwaltung nicht imstande ist, den jährlichen Bedarf an Militärärzten zu decken. Die Interpellanten führen als Grund dieser Abneigung, sich dem militärärztlichen Stand zuzuwenden, an, daß der Militärarzt im k. u. k. Heere dem Offizierskorps nicht wie in anderen Staaten gleichgestellt sei, daß er dieselben Pflichten, nicht aber die gleichen Rechte des Offiziers genieße, und kommen zu dem Konklusum, dem Aerztemangel in der Arniee sei nur durch Besserung der sozialen Stellung der Militärärzte. Gleichstellung mit den kombattanten Offizieren und andere Erleichterungen abzuhelfen. In der „O e st e r r e i ch i s ch e n W o ch e n s ch r i f t" ist die aktuelle Frage des Aerztemangels im k. u. k. Heere wiederholt des Ausführlichen besprochen worden. Während die Interpellation diesen Mangel auf mehr nebensächliche Motive zurücksührt, wurde an dieser Stelle das „Kind beim rechten N a m e n" g e n a n n t: der Widerwille gegen Juden als Militärärzte. Es ist kaum ein Lustrum, als im Kriegsministerium die Parole ausgegeben wurde, das militärärztliche Offizierskorps sei verjudet und müsse purifiziert werden. Man hat, wenn auch nicht äs jure, so doch ätz facto einen numerus clausus für Juden als Militärärzte geschaffen und die Aktivierung von Juden im militärärztlichen Stand nur nach perzentuellen Verhältnis der Bevölkerung vorgenommen. Man hat weiters jüdische Aspiranten um Verleihung von Stipendien, die behufs Behebung des Mangels an Militärärzten errichtet worden waren, grundsätzlich abgewiesen, beziehentlich ihnen diese Stipendien nicht verliehen und sie auch von allen anderen Begünstigungen ' ausgeschlossen'.' Das" ist des „Pudels Kern" und einzig und allein daraufhin ist die Not an Militärärzten zurückzuführen.. Die arischen Mediziner wenden sich dem militärärztlichen Berufe nur ungern zu. Warum auch? Der Militärarzt genießt im Offizierskorps tatsächlich nicht die soziale Stellung, auf die er kraft seines Bildungsgrades Anspruch zu machen vollauf berechtigt ist. Die Besoldung ist eine kärgliche, die Avancementaussichten kümmerlich, dagegen winkt dem Arier in der Zivilpraxis ein weit glänzendes Fortkommen. Alle die ärztlichen Präbanden, die Staat, Land, Gemeinden, Gutsverwaltungen u. s. w. zu verleihen haben, sie stehen ihm offen, sie bleiben für ihn reserviert und geben, verbunden mit der Zivilpraxis schon bei Beginn der Laufbahn ein weit reichlicheres Einkommen, als es der Militärarzt erst nach dreißig bis vierzigjähriger Dienstzeit besitzt. Der jüdische Mediziner dagegen, in der Regel armer Eltern Kind, das sich durch Privatunterricht fortbringen mußte, in Not und Entbehrungen ausgewachsen, betrachtet die fixe Stellung als Militärarzt als Rettungsanker, er schätzt sich glücklich, der Sorge und des Kummers um das Stückchen täglichen Brotes befreit zu sein. Nur mit schwerem Herzen freilich bringt er das Opfer des Intellektes — in dem militärärztlichen Berufe hat die fachwiffenschaftliche Fortbildung, auf die der Jude nicht verzichten will, ihr Ende erreicht — und läßt sich aktivieren. So war es unter den früheren Kriegsministern, bis die Aera Krieghammer mit dem numerus clausus Wandel brachte — der derzeitige Kriegsminister Pittreich wandelt in den Fußtapfen Krieghammer's. Will man dem Mangel an Militärärzten gründlich abhelfen, so gibt es dafür ein einfaches Mittel: man weise die jüdischen Mediziner bei Bewerbung um Militärstipendien nicht ab, beziehentlich man verleihe ihnen diese und aktiviere die jüdischen Aerzte. Der Jude als Militärarzt ist dem arischen Kollegen zumindest gleichwertig nach jedem Belange hin, Beweis dessen, daß jüdische Militärärzte die hierarchische Leiter bis in

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