Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Llocb's Mocbenscdrikt. @ettt[ 445 Feuilleton. Aus finstern Zeiten. Eure Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samurly. Elftes Kapitel. Es ist nötig, meine lieben Kinder, daß ich Euch die damaligen Vorgänge schildere, damit Ihr das, was ich Euch soeben erzählt habe und was noch kommt, besser verstehet. Das Leben in unserem kleinen Städtchen, wie Ihr meine lieben Kinder selber wisset, gleichet in den meisten Fällen einem seichtem, stillstehenden Sumpfe. Alles hat seinen kriechenden, schleichenden Gang, ein Tag gleicht dem andern und Jahre können oft vorüberziehen, ohne daß die trägen Wellen dieses grauen, einförmigen Lebens von irgend einem Windhauche gekreiselt werden. Höchstens wenn eine Hochzeit oder ein Leichenbegängnis stattfindet, dann kriechen die verschlafenen Leute aus ihren Häusern hervor, um dann wieder in dieselben sich einzuschließen. Draußen im großen Leben ziehen oft Stürme vorüber, ohne daß nur ein schwacher, abgedämpfter Tow zu uns hinüberdringt. Erst einem gewaltigen Orkan, der das Gesamtleben mit mächtiger Hand erfaßt, kann es gelingen, die Leute aus ihrem Schlafe aufzurütteln und da rennen sie entsetzt, wie ein umgestürzter Ameisenhaufen durcheinander. So geschah cs auch damals — unser Städtchen wurde auf einmal von einer schrecklichen Neuigkeit überrascht. — Krieg, ein Krieg zwischen Oesterreich und Rußland! . . . Wohl erzählten sich schon früher die Klausleute, daß schreckliche „Scharires" im Anzuge sind, allein, zu welcher Zeit haben sich diese Leute nicht von „Scharires" zu erzählen, wann lassen sie nicht hinter dem Eisenofen der Klaus ganze Regimenter aufmarschieren? ... Diesmal jedoch wurde das Klausgemunkel zu erschreckender, lebendiger Wahrheit. Von der Militärobrigkeit kam es wie ein Sturmvogel her: Einberufen! Und von hier trug der Wind das Wort nach allen Richtungen der Windrose. Tie Urlauber wurden einberufen, neue Assentierungen ausgeschrieben, Werbekommissionen entstanden, in den Schankhäusern ging es toll her, man lockte durch wüstes Gelage, die dort aufgesührt wurden, Freiwillige für den Militärdienst an, man zahlte auch Handgelder und gestattete manch tolles Treiben, welches in anderen Zeiten nicht geduldet worden wäre. Das Städtchen glich einem gesprungenen Dampfkessel. Aus den Schankhäusern und Spelunken tönte wüste Musik. In den Gassen tummelten sich drei Regierer und das ganze Heer der Gemeindebeamten — es galt wieder fette Beute. Der „Viertelmeister" und seine Häscher kreisten wie die Sturmvögel durch die Gassen und es fehlte nicht an Greuelszenen. Mitten in diesem Gewühle bewegte sich ein rundliches Männlein — Stasch, der Barbier — mit seinen blinzelnden Aeuglein und den aus den Hosentaschen heraushängenden Fingern. Auch er verpaßte den günstigen Augenblick nicht und rührte die fleißigen Hände, um künstlich alle Art Gebrechen zu erzeugen, die für das Militär untauglich machen. Mein Jankele jedoch konnte das Alles mit ruhigem Gemüte ansehen, weil er bereits seinen Präsenzdienst hinter sich und seinen Urlaub in Händen hatte; er müßte höchstens im Falle eines Landsturmes einrücken, aber davon war ja jetzt nicht einmal die Rede. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn plötzlich jenes Aktenstück von der Militärbehörde, in welchem er, wie es in jenem Schreiben hieß, über sein eigenes Verlangen in den Militärdienst ausgenommen und zum sofortigen Abmarschieren vorgemerkt wurde. Der Oberst, zu dem wir uns begaben, war noch unsere einzige Zuflucht, allein er zertrümmerte unseren letzten Hoffnungsanker. Trauriger und verzweifelter kann kaum eine menschliche Lage gedacht werden, als die unserige es war. Jankele besaß jedoch eine merkwürdige Eigenschaft. Der erste Anprall des Geschickes warf ihn nieder, kaum war aber der erste Sturm vorüber, so raffte er sich mannhaft auf und bot allen weiteren Stürmen mannhaft die Stirne. So war es auch damals, als die letzte Hoffnung sich als Täuschung erwies. Mutig richtete er sich wieder auf und seine Seele erhielt neue Schwingen. „Vater", sagte er mit fester Stimme, „es ist einmal geschehene Sache — Gott ist überall, auch im Kriege. Der Einzige, wie Du siehst, bin ich nicht, der in den Krieg ziehen muß, ich teile dieses Los mit tausenden von Menschen und wie Du soeben gehört, muß auch der Oberst, der ein hoher Adeliger ist, seine Familie verlassen und einem ungewiffen Schicksale ententgegengehen. Also, darum Mut, lieber Vater!" Ich hörte ihn schweigend an. Als wir zu Hause waren, fragte ich ihn: „Wie willst Du es beginnen, Rachele den traurigen Vorfall mitzuteilen? . .." Bei dieser Frage ließ er traurig den Kopf hängen. „Ach", seufzte er, „wenn nur das nicht wäre! Dazu fehlt mir ganz der Mut. Doch nicht heute und nicht morgen soll sie cs erfahren, sondern in der letzten Stunde. Das Bittere kommt nie zu spät!" Während der folgenden beiden Tage verriet Jankele nicht durch eine Miene, was in ihm vorging. Er überbot sich gegen Rachele in Zärtlichkeit und wich keinen Augenblick von ihrer Seite. Am dritten Tag, dem letzten nämlich, an welchem er abmarschieren mußte, verließ er, noch bevor der Tag zu grauen anfing, das Bett und trat zu uns in Zimmer. „Liebe Eltern", sagte er, „heute heißt es von dannen ziehen." Diese paar Worte waren mit einer Stimme gesprochen, die uns das Herz erstarren machte. Darauf durchmaß er mit langen, hastigen Schritten das Zimmer, während Seufzer auf Seufzer sich seiner Brust entrangen... Mit einem Mal blieb er vor dem Schrank stehen, griff nach einer leeren Flasche und entfernte sich mit derselben rasch aus dem Zimmer. Einige Minuten später trat er wieder ein, die Flasche, welche bis zur Hälfte mit Branntwein gefüllt war, in der Rechten. „Vater", sagte er, indem er mir die Flasche reichte, „trink zu, Du hast es nötig, heute werde ich abmarschieren!" Mechanisch setzte ich die Flasche an den Mund und nachdem ich mir mit dem Inhalte die Lippen genetzt, gab ich ihm dieselbe wieder zurück. Jankele tat einen tiefen Schluck, einen zweiten und dann einen dritten. Das war ich bei ihm nicht gewöhnt, es war das erste Mal, daß ich ihn überhaupt trinken sah. „Du wunderst Dich darüber, Vater", sagte er, als ich ihn mit ängstlichen, fragenden Blicken ansah, doch Berauschendes tut not. Gilt es ja das Härteste zu bestehen, Rachele... das Geschehene . . . mitzuteilen .. . Dazu gehört. . . Mut, unendlich viel Mut..." Wieder durchmaß er das Zimmer mit langen, hastigen Schritten. Hierauf richtete er sich auf und trat ins zweite Zimmer zu Rachele, die, nichts Böses ahnend, an der Wiege des kranken Kindes saß. „Lieb Rachele", begann er. ihre Hand zärtlich in die seine nehmend, „ich brauch Dir nicht erst zu sagen, daß ich nur bloß Urlauber bin und daß ich jeden Augenblick gewärtigen muß, einberufen zu werden." Rachele wurde auf einmal kreideweiß. „Rachele!" schrie er bei ihrem Anblicke mit kreischender Stimme, „willst Du mir mein hartes Los noch erschweren?!" Sie brach in Schluchzen aus und rief: „Ich weiß, Du hast Recht, laß mich nur erst ein wenig Faffung gewinnen, ein wenig..." „So ist es recht, mein Herzlieb", erwiderte Jankele, sie in seine Arme schließend und ihr Mund, Augen und Hände mit glühenden Küffen bedeckend. „So bist Du wieder mein kluges Rachele", schluchzte er, „Gott hat uns ja bis nun nicht vr.rlaffen, er wird auch weiter mit uns fein. Er wird uns noch viele Freuden erleben laffen." Rachele lag wortlos an seiner Brust und schluchzte. „Gott, der milde, der barmherzige, wird uns beistehen", fuhr Jankele fort, dem die zurückgedrängten Tränen wie siedendes