Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021631--14644-3039365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 442 nr. Dlocb's Mocdenscdrtn. Nr. 28 beanspruchen sämtliche Zivil- und politischen Rechte. Sie sind deren vollkommen würdig und wir glauben sicher, daß. wenn die Stunde für die soziale Erneuerung ihres Landes geschlagen haben wird, sie den ihnen gehörigen Platz einnehmen werden. Sie werden dem russischen Staate nützliche Bürger sein." Herr Reinach konstatiert mit Befriedigung, daß die Kolonisierung in Argentinien in ihrer vollen Blüte steht. Die letzte Ernte hat gute Erfolge aufgewiesen. Die Kolonisten haben der Gesellschaft große Summen zurückzahlen können und sind selbst in der Lage, Geld an ihre Verwandten in Rußland zu schicken. Nach einigen nebensächlichen Bemerkungen wurde dann die Sitzung, die etwa eine Viertelstunde gewährt hatte, geschlossen. Ueber die Lodzer Kämpfe. Die russische sozialdemokratische Zeitung „Jskra" enthält einen ausführlichen Bericht aus Lodz über die dortigen Ereignisse, welchem wir einiges entnehmen: . . . Niemand konnte sich denken, daß die Opfer der letzten Demonstration ungesühnt bleiben werden. Und wirklich, man hatte sich darin nicht geirrt. Es begann damit, daß man im Lause des gestrigen Tages (23. Juni) einzelne Polizeibeamte, Kosaken, Spione und Gendarmen tötete. Abends umringten einige jüdische Arbeiter den Gendarmenoberst Andrejew, als er die Sredniastraße passierte, und verwundeten ihn. Aber dieses alles trug bloß den Charakter eines Signals zu größeren, wichtigeren Ereignissen. Ungefähr um 9 Uhr abends bestiegen jüdische Arbeiter auf der Wschvdniastraße die Dächer mehrerer Häuser, ließen durch falschen Alarm eine starke Kosakenpatrouille herbeirufen und begannen, als dieselbe herankam, von ihrem hohen Sitz die Kosaken niederzuknallen. Die Patrouille, ganz unerwartet in die Falle gelockt, flüchtete, ohne ihre Verwundeten aufzunehmen. Es kamen Fußsoldaten und wurden von den Dächern herab auf dieselbe Weise traktiert. Unterdessen, als das Militär mit Flintenkugeln antwortete und die Pforten der Häuser erbrach, um die Dächer zu besteigen, gelang es den heldenhaften Arbeitern glücklich zu entkommen. Aber auch das war nur eine Probe, war nur der Anfang des Gewaltigen, das später kam. Es wurde Nacht. Die Einwohner zerstreuten sich in Angst, die Polizei ergriff keine besonderen Maßregeln, scheinbar erwartete sie für die kommende Nacht nichts Außergewöhnliches von seiten der Arbeiter. Unterdessen aber begann in den jüdischen Stadtvierteln eine fieberhafte Tätigkeit: man begann dort Barrikaden zu bauen.. .. Im Laufe der Nacht wurden zirka zehn aufgebaut. . . . Das Beschießen des Militärs von hinter den Barrikaden begann erst am Morgen des nächsten Tages. Die Barrikaden konnten als Schutz vor den Flintenkugeln des Militärs nicht dienen — sie waren dazu zu leicht gebaut, — so daß ungefähr um zwei Uhr viele Barrikaden, von den Kämpfern verlassen, vom Militär weggeräumt wurden. Die Arbeiter kletterten von neuem auf die Dächer, standen in den Fenstern der höheren Stockwerke und beschossen regelrecht die vorüberziehenden Patrouillen. Zu dieser Zeit begann das Militär mit aller Brutalität aufzutreten. Den Kosaken wurde der Befehl erteilt, auf die Fenster und die Dächer Acht zu geben und beim Erscheinen verdächtiger Personen sofort Feuer zu geben. Alle Vorübergehenden wurden ohne weiteres niedergeknallt. Man hörte sonst nichts als knatterndes Gewehrfeuer. Auf beiden Seiten wurde es heiß. Aus den Fenstern der Häuser beschoß man das Militär, man bewarf es mit Ziegelsteinen, und das Militär antwortete. . . . Später bestiegen die Soldaten mehrere Dächer, Balkons und Zäune und knallten von dort aus alles nieder, was ihnen vor Augen lag. Ein Offizier stand auf dem Balkon des Hotel Polski und schoß kaltblütig jeden Vorübergehenden nieder. ... Es waren Häuser, die sich in wahre Festungen verwandelten. So z. B. dauerte der Kampf des Militärs gegen das Haus Schapiro (Ecke Nowomiejska und Polnocna) ungewöhnlich lange. Bemerken muß ich hierbei noch, daß alles dieses sich hauptsächlich im jüdischen Stadtviertel abspielte. . . . 24. Juni. 9 Uhr früh ... In der Stadt herrscht Totenstille. Diese so auffallende bange Stille wird nur von Zeit zu Zeit vom Knattern der Gewehrsalven unterbrochen. Alles geschlossen. Fabriken stehen. Noch ganz früh morgens zogen durch die Petrikauerstraße jüdische Arbeiterburschen und riefen laut: „Zumachen! Zumachen!" Niemand wagte, ihnen nicht zu gehorchen. Aber völlig tot wurde die Stadt erst gegen 12, als die „Kriegsoperationen" der Lodzer Garnison besonders großen Maßstab annahmen. Noch gestern kochte es in der Stadt und wimmelte von Menschen — heute kann man kaum auf der Straße einen Fußgänger erblicken. 5 Uhr nachmittags. Still — als ob alles verzaubert wäre. . . . Nie, in keiner Stadt habe ich je in tiefer Nachtstunde solch eine Stille beobachtet. Doch plötzlich — scharfes, kurzes trockenes Knattern. . . . Von allen Seiten Kosaken und Soldaten; die Flinten auf die Fenster gerichtet, die Finger am Hahn. . . . Abends werden die Salven immer öfter. Plötzlich knallt es ganz nah an meinem Hause. Ich sehe durchs Fenster: in der Nähe wurde ein Schnapsmonopolladen zertrümmert und in Brand gesteckt (von 54 Monopolläden wurden an diesem Tage bis 35 vernichtet). Von Zeit zu Zeit wird auf einer Droschke die Leiche eines gefallenen Arbeiters vorübergeführt. Von beiden Seiten bewaffnete Schutzmänner und Soldaten, das Gewehr bereit haltend. Oder ein schwer Verwundeter wird von einem Schutzmann ins Polizeirevier oder ins Ambulatorium geführt. Fürchterliches, herzzerreißendes Stöhnen! . . . Gestern war es in meinem Rayon still. Heute knattert es auch bei mir von allen Seiten, — endlich haben sich die polnischen und deutschen Arbeiter ihren jüdischen Genossen angeschlossen. . . . Die Achtung, die das jüdische Proletariat im Laufe des letzten Jahres, besonders der letzten Monate, sich beim „christl chen Lodz" erworben hat, ist ungeheuer groß. Das heldenhafte Auftreten der jüdischen Arbeiter bei Zusammenstößen mit Militär und Polizei ruft überall hier gewaltige Bewunderung hervor... Von der gestrigen Schlacht der jüdischen Arbeiter mit den Kosaken auf der Wschvdniastraße verbreiten sich Legenden, die die jüdischen Arbeiter als wahre Helden bezeichnen. ... 12 Uhr nachts. Die Gewehrsalven folgen unaufhörlich, eine nach der anderen. Scheinbar werden Barrikaden beschossen. 1 Uhr nachts. Es wird stiller. Was wird morgen sein? . . Halb 3 Uhr nachts, 24. Juni." * * So kämpfte heldenhaft das durch die mächtige Organisation des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes zum Freiheitskampf erweckte jüdische Proletariat in Lodz. Vor 12 Jahren, bei den blutigen Mai-Ereignissen daselbst, bildete die jüdische Bevölkerung eine eingeschüchterte Masse, die sich in Angst versteckte und verkroch und ihre ein.ige Hilfe — von der Polizei erwartete. Der letzteren gelang es auch damals, die anfänglich regierungsfeindlichen Ausschreitungen in eine Judenplünderei zu verwandeln. Wie anders sieht es heute in Lodz aus! Das jüdische Proletariat steht an der Spitze der Bewegung nicht nur im Sinne einer verhältnismäßig höheren geistigen Entwicklung und einer planmäßigeren Tätigkeit ihrer Organisation, — es macht gleichzeitig die ganze Welt erstaunen durch sein heldenhaftes Auftreten in Straßenschlachten, durch eine strategische Findigkeit und eine ebenso aufopferungsvolle, wie wunderbar kluge Kampfesweise. Und anders konnte und soll es auch nicht sein: die Unglücklichsten, die Gedrücktesten und Rechtlosesten müssen an den wirklichen Ehrentagen der Weltgeschichte die höchsten und schönsten und glücklichsten Stellen der Menschheit einnehmen! Eine glückliche Zukunft kann einem Lande prophezeit werden, welches solche Söhne besitzt. Ehre diesen Märtyrern und Helden! Ehre der Organisation, die solche Kämpfer erzogen hat! Zum Schluffe wollen wir noch einiges aus einer Revolutionsproklamation des Lodzer Komitees des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes" bringen, die die Stimmung, die in den Reihen der Arbeiterschaft herrscht, trefflich kennzeichnet. . . . . „Die Zeitungen, durch die inquisitorische Zensur gezwungen, melden lakonisch: „in Lodz waren Arbeiterdemonstra-