Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021631--14643-3039364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 Dr. Bloches Wochenschrift. Sette 441 vor dem allmächtigen deutschnationalen Einfluß und setzen die Juden allenthalben zurück. Hofrat Professor Pick suchte für die Stelle eines zweiten Assistenten einen arischen Arzt in Prag, Wien und Innsbruck, obzwar an seiner Klinik genügend geeignete Aerzte waren, die nur einen Fehler hatten. Juden zu sein. Daß die Assistentenlaufbahn auch den tüchtigsten jüdischen Aerzten an den nichtoperativen Kliniken verschlossen bleibt, wäre,. so deprimierend es für die Betroffenen ist, schließlich noch zu verschmeißen, da in diesen Fächern auch in der untergeordneten Stellung eines Externarztes eine genügende Ausbildung erworben werden kann. Ausgeschlossen ist aber eine spezialistische Ausbildung in jedem operativen Fache, da zu den größeren Operationen, wie selbstverständlich, nur die Assistenten zugelassen werden. Unter solchen Umständen ist die spezialistische Ausbildung sowohl der jüdischen Aerzte als auch des künftigen Nachwuchses für immer unterbunden, falls nicht die Juden zur Selbsthilfe greifen. Wenn nun in Prag, wo das Gros der Mediziner und Spezialärzte an der deutschen Hochschule aus Juden besteht, diese in ihrer Ausbildung verhindert sind, um wie viel mehr gilt dies für die anderen Hochschulen Oesterreichs, an denen die Juden naturgemäß nur einen geringen Perzentsatz ausmachen. Aus diesen Gründen wenden sich die Unterzeichneten jüdischen Aerzte an die löbliche Kultusgemeinde als die für alle jüdischen Angelegenheiten kompetente Behörde mit der Bitte: „Die jüdische Kultusgemeinde möge den Neubau eines jüdischen Spitales so bald als möglich in Angriff nehmen und dasselbe nach dem Muster des Wiener Rothschildspitaleszu einer modernen Krankenheilanstalt mit besondrer Berücksichtigung der operativen Fächer ausgestalten". — Auch dieses Schriftstück gestattet einen tiefen Einblick in die Verhältnisse des Prager Deutschtums. Die „deutschfreundlichen Israeliten" wird aber auch diese Zurücksetzung nicht daran hindern, überall sich vorzudrängen, wo es die Beschützung antiböhmischer Tendenzen gilt. Das ist ja noch das Einzige, wobei sie mittun dürfen, weil daHU die „Stammesdeutschen" allein zu schwach wären. Wb Noch eins. Äls jüngst der Landesausschuß einen minder qualifizierten deutschen Bewerber um eine Stelle — die Stelle eines Sekundararztes an der Irrenanstalt in Dobkan — im ärztlichen Landesdienst, der zufälligerweise Jude war, abwies, da entrüsteten sich die beiden Kasinoblätter ganz gewaltig über diese „Zurücksetzung des deutschen Elementes im Landesdienste". Ueber die faktische planmäßige Ausschließung der deutschen Aerzte und Mediziner mosaischer Konfession an den Prager Kliniken wissen weder „Boh." noch „Pr. Tgbl." ein Sterbenswörtlein zu berichten. Das dürfen ihre Leser nicht erfahren. Und darum befolgen sie auch in diesem Exempel die Vogel Strauß-Taktik. Für dieses Schweigen werden sie auch bei nächster Gelegenheit wieder durch eine grause Historie von „tschechischen Ueberfällen auf deutsche Studenten" entschädigen. Es herrschen recht nette Zustände im Prager zweigeteilten deutschen Lager. Prag. (Verein deutscher Krankenhausärzte.) Wir beehren uns Ihnen folgende einstimmig beschlossene Resolution mitzuteilen: „Die am 29. Mai 1905 tagende Vollversammlung des „Vereines deutscher Krankenhausärzte" protestiert gegen den unqualifizierbaren Vorgang des Herrn Prof. Dr. Anton Wölfler, welcher die Kollegen Dr. O. Klauber und Dr. E. Bayer ab 1. Oktober 1905 ohne Angabe von Gründen von der Klinik verwies. Dieser Vorgang, der in der Geschichte der Prager Klinik nicht seinesgleichen findet, ist umso mehr zu verurteilen, als die beiden betroffenen Aerzte durch Jahre hindurch in der uneigennützigsten Weise ihr ganzes Wiffen und Können in den Dienst der Klinik stellten. Dieser Vorgang der Vertreibung der genannten Aerzte ist um so weniger zu rechtfertigen, als die Zahl der Operationszöglinge an der chirurgischen Klinik seit mehreren Semestern eine sehr kleine ist. Herr Professor Wölfler hat trotz seines vielgerühmten angeblichen Wohlwollens für die Aerzte es immer verstanden, die Systemifierung der Sekundarärztestellen an der chirurgischen Abteilung in unabsehbare Ferne hinauszuschieben. Seit nahezu zwei Jahren wurde die IV. Assistentenstelle nicht besetzt, weil er, der Lehrer einer voraussetzungslosen Wiffenschaft, sich bei Ernennung von Assistenten leiten läßt teils von konfessionellen Rücksichten, teils von Rücksichten, die mit der Wiffenschaft nichts gemein haben. Herr Prof. Wölfler hat auf feiner Seite das formale Recht; dem Vereine deutscher Krankenhausärzte steht dagegen kein anderes Mittel zu Gebote, als die breiteste Oeffentlichkeit mit dem Mißbrauche dieses Rechtes bekannt zu machen. Dieser Protest erscheint um so gebotener, als auch in den Instituten Chiari und Dittrich, an den Kliniken v. Jaksch und F. I. Pick bei Besetzung von Asfistentenstellen dieselben Rücksichten maßgebend find wie an der Klinik Wölfler. Für den „Verein deutscherKrankenhausärzte" in Prag. MIDr. Hugo Weil, m. p., MUDr. Hugo Gans, m. p. d. Z. Obmann. d. Z. Schriftführer. Paris. (Generalversammlung der Jewish Colon isation Association, „Ica".)Zugegen waren:N.Leven, Präsident des Verwaltungsrates, Leonard L. Cohn, Paul Errera, Herbert G. Lonsada und Salomon Reinach, Verwaltungsräte. Franz Philippson, Vizepräsident des Verwaltungsrates und Repräsentant der Brüffeler Synagoge. Dr. I. Blau, Verwaltungsrat und Vertreter der israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. Zadoc Kahn, Berwaltungsrat und Vertreter der Alliance israslite universelle. Dr. E. Lachmann, Verwaltungsrat und Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlin, Claude G. Montefiore, Verwaltungsrat und Vertreter der Anglo Jewish Association. Dr. S. Sonnenfeld, E. Meyerson, Direktoren und Dr. E. Schwarzfeld, Sekretär. Den Vorsitz führt Herr N. Leven, Präsident des Verwaltungsrates. Nach Gutheißung des Protokolls der Generalversammlung vom 3. Juli 1904 legt er den Jahresbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft während des Jahres 1904 vor, sowie die Bilanz und den Bericht des beerdigten Experten. Diese Berichte werden von der Versammlung gutgeheißen. Der Präsident hält hierauf folgende Ansprache: „Ich bedauere, nicht in die Details der Arbeiten des verfloffenen Jahres eintreten zu können. Sie werden hierüber einen Auszug in unserem Jahresbericht finden, welcher zu umfangreich ist, als daß ich hiervon eine Analyse geben könnte. Dieser Bericht wird Ihnen die Entwicklung und den Erfolg unserer Institutionen in den verschiedenen Weltteilen zeigen. Unsere Kolonisation blüht besonders in Argentinien. Unsere Kolonisten arbeiten dort als wirkliche Ackerbauer und ziehen aus ihrer Arbeit einen Nutzen, welcher schon ihre Existenz sichert. Parallel zu der Kolonifiernng entwickelt sich die Auswandererbewegung der osteuropäischen jüdischen Handwerker, welche besonders den freien Ländern zustrebt, den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien. Die Auswanderung hat letztes Jahr weit um sich gegriffen; ihr spontaner Charakter ist als besonders interessant in dieser Entwicklung hervorzuheben. Die Arbeiter finden überall Beschäftigung. Besonders in Argentinien werden sie von den Chefs gesucht, welche sie wegen ihrer Arbeit und guten Führung hochschätzen. Heute jedoch find wir durch die Unruhe, welche uns die Lage in Rußland verursacht, in Anspruch genommen. Wir wohnen Ereignissen bei, welche zu den größten Befürchtungen Anlaß geben. Immerhin schöpfen wir aus denselben Hoffnung für die Zukunft unserer Glaubensgenossen. Die Lage der russischen Juden kann nicht schlimmer werden, als sie schon ist. Trotz des zwanzigjährigen Elends, in das Ghetto gezwängt, in dem das Leben infolge ihrer Anzahl unmöglich ist, trotz der entsetzlichsten Leiden, haben sie das Bewußtsein ihrer Würde behalten. Wir glauben, uns gestehen zu dürfen, daß die Hilfe, welche wir ihnen stets zu Teil werden ließen, zu diesem Erfolg beisteuerte. Da wir ihre geistige und moralische Kraft kennen und wissen, mit welcher Leichtigkeit unsere Glaubensbrüder sich in die Höhe arbeiten, sobald man ihnen die Möglichkeit hierzu gibt, so haben wir für sie gearbeitet. Wir haben zur Gründung vieler Schulen beigetragen und den Unterricht nach jeder Richtung hin verbreitet. Wir haben ihnen zur Erlernung von allerhand Handwerken verholfen, ihren Fleiß unterstützt und sie beffere Zeiten voraussehen lassen. Heute sind sie für eine neue Lage der Dinge vorbereitet. Sic