Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Dr Blocb's Mocbenscbritt^ Sette 437 Nr. 28 Maßgebende und Treibende für das Wiederaufwachen des Antisemitismus in unseren Tagen. Für die erschreckende Verbreitung, für die empörende Gestaltung dieses Frevels an der Humanität und Gerechtigkeit ist genau dasselbe Motiv die Triebfeder wie vor 800. bis noo Jahren: der gemeine Neid, die niedrige Mißgunst. Man vergißt bewußt oder unbewußt, daß es Hundert- und Aberhunderttausende von ärmsten Juden gibt, welche bitter und mühselig mit des Lebens Not ringen; man denkt nur daran, daß es den jüdischen Mitbürgern heute ermöglicht ist, in den Wettbewerb in dem Kampfe ums Dasein einzutreten — man haßt den Konkurrenten auf den Gebieten des geistigen und erwerblichen Lebens. Das, meine Herren, ist der wahre Kern des Antisemitismus, ist das Traurige zugleich an demselben, daß er aus dem Gemeinen in der Menschennatur seinen Ursprung nimmt Alle Deklamationen von sogenannten anderen Beweggründen, Erklärungen. Rechtfertigungen für denselben sind hohl und nichtig. Auf alle gibt es nur eine einzige Antwort: sei gerecht! prüfe! lasse in einem Einzelfalle von Schuld den Schuldigen die ganze Strenge des Gesetzes treffen, aber verallgemeinere nicht! .Du versündigst dich sonst gegen das Herrlichste, was das Sittengesetz kennt, gegen die Nächstenliebe! - Von der Warte der historischen Betrachtung gesehen und psychologisch analysiert, ist die Erscheinung des Antisemitismus einer der schwersten Vorwürfe gegen das menschliche Herz." Bei einer geselligen Zusammenkunft appellierte er an die Mitarbeit der Frauen und drückte sich folgendermaßen aus: „Von der Aufgabe, deren Erfüllung uns allen als hohes und heiliges Ziel vorschwebt, ist ein großer, ja der bedeutungsvollste Teil in die Hände und Herzen der Frauen gelegt. Gesetze, soziale und ökonomische Maßregeln gegen die schmachvollen und traurigen Vorgänge, zu deren Abwehr wir uns vereinigt haben, sind wichtig und notwendig. Den vollen und endgiltigen Erfolg können aber nicht sie verbürgen. Der kann nur erreicht werden, wenn man diesen Angriffen auf dem Boden begegnet, aus welchem sie herausgewachsen sind. Aus dem Niedrigen und Gemeinen sind sie in. letzter Instanz geworden, nur das Gute und Edle kann in letzter Instanz sie endgiltig überwinden. Erhaben und groß ist die Aufgabe der Frauen hiebei. Die angeborene Güte ihres Herzens und Wesens läßt sie die Ungerechtigkeit, ihre Milde die Roheit stärker verurteilen, sie sind empfindlicher gegenüber allem Rohen und Gemeinen. Sie sind die Hüterinnen des Reinen und des Milden und deshalb sind sie im Hause und an der öffentlichen Stätte ihres Wirkens, in der Gesellschaft der Hort der Liebe, der Gerechtigkeit, der Menschenfreundlichkeit. Und wenn die Frauen sehen, in welcher Weise, wie schmachvoll gegen unsere Mitbürger vorgegangen wird, wie mau Mre hssjligsten Gefühle verletzt und verhöhnt, w nn sie sehen, wie mit Füßen getreten wird, was Anderen hoch und erhaben steht, wenn die Ungerechtigkeit in der empörendsten Weise, wenn die Mißachtung, die'Verletzung der heiligsten Interessen in der rohesten Weise erfolgt, muß da nicht ihre Liebe, ihre Menschenfreundlichkeit, ihre Güte, ihre Gerechtigkeit flammenden Protest erheben gegen das, was das Heiligste verletzt, was gerade die Frauen pflegen und hüten? So, meine Herren, sind die Frauen die eigentlichen Trägerinnen, die Stützen dessen, was wir verfolgen und was wir wollen. Nur, wenn sie den Boden für uns ebnen, wenn sie überall, wo sie Einfluß haben, für uns wirken, dann erst werden wir von einem Erfolg sprechen können. Tausend Gründe überzeugen viel weniger und die hinreißendste Beredtsamkeit des Mannes überwältigt viel weniger, als die Sanftmut der Frau zu wirken imstande ist. Aber noch Größeres und Erhabeneres ist in ihre Hand gelegt. Die ganze geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes ist ihnen anvertraut, denn in ihre Hände sind die Kindesseelen gelegt. Wenn die Mütter, wie sie den Kindern einprägen, ihnen sagen, daß es empörend und gemein sei, zu stehlen, zu lügen, in derselben Weise ihnen einprägen würden, daß es entehrend, niedrig und gemein sei, gegen einen Mitmenschen roh, mißachtend, brutal und in lügnerischer Weile vorzugehen, wenn das den Kindern ins Herz gelegt würde, ist mir um die Zukunft nickt bange. Die Seelen der Kinder sind wie Wachs. Die Mütter können sie formen zum Guten und Bösen. Wenn die Mütter auf unserer Seite stehen, wenn den Kindern von Jugend auf beigebrachl wird, daß der Mensch nur nach dem beurteilt werden müsse, was er tut, nicht nach Konfession oder Nationalität, daß man nie eine Allgemeinheit verurteilen darf um Einzelner willen, daß alle Menschen gleich sind von Wesen und Natur, daß nur rhre sittliche Entwicklung den Maßstab für ihre Beurteilung biete, wenn das fest und unauslöschlich und mit eisernen Zügen in die Seelen der Kinder eingegraben wird, dann wird der Antisemitismus, dann wird der Nationalitäten- Hader, dann erst wird die Feindschaft aushören, und Jeder wird nur nach dem beurteilt werden, was er tut, als Individuum, noch seinen Handlungen, aber nicht nach irgend einem allgemeinen Gesichtspunkte von einem voreingenommenen Standpunkte ans. Dann wird auch gelingen, was wir so heiß ersehnen für das Gedeihen unserer Wirksamkeit und für den Erfolg unserer Bestrebungen. Tann wird es wieder gelingen, den Idealismus, den Sinn für das Gute und Schöne, für Menschenliebe und Gerechtigkeit in die Seele der Heranwachsenden Jugend einzuprägen. Dann wird die Zeit wiedeikommen, in welcher diese Heranwachsende Jugend wieder der Bannerträger des Idealismus sein wird, welche auf ihre Fahne in leuchtenden Zügen das Wort des großen Dichters schreibt: „Den Menschen Liebe — Lieb' ist Götterfreude". Auf diese Wirksamkeit unseres Vereines, auf dieses Gedeihen dessen, was wir für die Zukunft wünschen, darauf lassen Sie uns das Glas erheben. Unsere Frauen, sie sollen leben und wirken in unserem Sinne,Aach unseren Zielen für unsere Mitbürger begeisterten Herzens." Die Beteiligung an seinem letzten Gange gestattete sich zu der großartigsten, die je in Wien gesehen wurde. Was geistige Bedeutung repräsentiert, war oder ließ sich vertreten, jedoch auch an sichtbaren Zeichen der Huld aus Allerhöchsten Kreisen fehlte es nicht. So gelangte an die treue Pflegerin des großen Menschenfreundes und Denkers, an Frl. Marie Nothnagel, ein Kondolenztelegramm aus Ischl des Inhaltes: „Seine Majestät auf das Schmerzlichste berührt durch die Kunde von dem plötzlich erfolgten Hinscheiden des hervorvorragenden Gelehrten, berühmten Arztes und edlen Menschenfreundes, Hofrates Dr. Hermann Nothnagel, Euer Hochwohlgeboren nun in Gott Heimgegangenen Bruders, geruhen mich zu beauftragen. Euer Hochwohlgeboren und den Töchtern des Verblichenen allerhöchst derselben aufrichtigste und wärmste Teilnahme auszudrücken." G. d. K. Paar. Gräfin Stephanie Lonyay hat ein Beileidstelegramm sowie einen Kranz, ebenso hatte Se. kais. Hoheit Erzherzog Friedrich einen Kranz gesendet. Nicht weniger als fünf mit Kränzen schwer beladene Wagen fuhren dem ebenfalls mit Kränzen beladenen Leichenwagen voran, durch ein endloses Spalier ging der majestätische immense Zug von Leidtragenden. Von den unserer Sache Näherstehenden find als Trauergäste besonders hervorzuheben: Herr Baron Jos. Doblhoff und der ehrwürdige Superintendent Prof. Dr. Seberiny, Vorstandsmitglied des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, welcher trotz der drückendsten Hitze, trotz seiner 81 Jahre und trotzdem er am selben Tage das Fe st seiner goldenen Hochzeit feierte, es sich nicht nehmen ließ, dem Dahingeschiedenen als letzter der 7 Redner einen warmen und tiefempfundenen Nachruf zu halten. Mit Nothnagel ist nun der letzte des Dreigestirns geschwunden, die sich seinerzeit — 1891 — vorgenommen hatten, als Felsen der brandenden Flut des Antisemitismus entgegenzutreten: Nothnagel, Baron Leitenberger, Baron Suttner. Ehre ihrem Andenken! Verein zur Abwehr des Antisemitismu s. Die antisemitische „Wijsenschatt" der Schiichthetzer. Die „Blätter für höheres Schulwesen" (Juni 1905) bringen aus der Feder des Herrn Dr. H. Hildesheimer in Berlin folgenden Artikel: Unter der Ueberschrift: „Ist das Schächten, weil es eine religiöse Handlung vorstellt, darum unantastbar?" gaben Sie in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes eine der „Tierschutz-Korrespondenz" (Herausgeber Herm. Stenz) entnommene Besprechung des Buches des Dr. von Schwartz: „Das betäubungslose Schächten der Israeliten" wieder, welche geeignet ist, durchaus irrige Anschauungen über das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren zu erzeugen und die in ununterrichteten Kreisen herrschenden Vorurteile zu nähren. Indem ich mir gestatte, Sie um die Aufnahme nachstehender Richtigstellung zu ersuchen, bedarf es sicherlich nicht erst des Appells an Ihr Gerechtigkeitsgefühl; vielmehr hege ich die zuversichtliche Ueberzeugung, Ihren eigenen Wünschen zu entsprechen, wenn ich jenen Unrichtigkeiten plumpster Art die Wahrheit entgegenstelle und Ihren Lesern die Möglichkeit gebe, selbst zu beurteilen, wie es sich mit dem „neuen Buche" und dem ihm gespendeten überschwänglichen Lob in Wirklichkeit verhält. Herr Stenz rühmt als „besonders auszeichnend" an dem Buche „die beinahe Peinliche Fernhattung alles dessen, was auch nur irgendwie als Antisemitismus ausgelegt werden könnte". Trotzdem Dr. von Schwartz diejenigen Juden, die an dieser ihrer Religionsvorschrist festhalten, mit Schimpfworten wie „SchÄhtjuden" (S. 20, 158 usw.) reguliert; trotzdem er den Rabbinern oder wie er sie (S. 111) tituliert, dem „Rabbinertum" n. A. „Halsstarrigkeit" (S. 65). „kuifflichste Anwendung von Kasuistik* (S. 61), „Purzelbaum in Schlußfolgerungen" (S. 65), „berghohen Irrtum" vorwirst und diese berufenen Interpreten deS jüdisch-religiösen Schrifttums mit hochfahrender Selbstgefälligkett schulmeistert (vergl. z. B. S. 29, 58, 63,^1 lljff.,^122|?c.).