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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ser.« 4;-)6 Dr. Lloeb's 'MocvenscbrM. Nr Hz Ich weiß nicht, meine Herren, was größer in einem fühlenden Menschen fein muß: ob der Ekel über das wüste Treiben, welches sich als Antisemitismus bezeichnet, oder der Zorn über dasselbe, oder eine tiefe Traurigkeit darüber, daß eine solche Scelenpest sich verbreiten konnte. Wenn eine wahrhaft große Bewegung die Menschen ergreift, so liegt ausnahmslos auch eine bedeutende Idee zu Grunde, im Anfänge vielleicht von Manchen nicht erkannt, nicht verstanden, aber doch einen Inhalt bergend, der irgend einen sittlichen Kern einschließt und darum auch eine Lebensbercchtiguug bedingt und gewährleistet. Wenn in den Strom einer solchen Bewegung die Wellen den Einen oder den Anderen verschlingen, so ist das wohl beklagenswert, aber cs sind das Opfer, welche wenigstens einer fortschreitenden Entwicklung gebracht wurden, die der Gesamtheit zugute kommt. Meine Herren! Von einem solchen Standpunkte aus die antisemitische Bewegung prüfen zu wollen, wäre eine Versündigung gegen die elementarsten Forderungen nicht nur der Gerechtigkeit und Humanität, sondern selbst des schlichten Verstandes. Keinerlei Idee und keinerlei noch so verschrobenes Ideal liegt in Wahrheit dieser Bewegung zu Grunde, kein zündender Gedanke führt sie, kein leuchtendes Ziä winkt an ihrem Ende. Von alledem das Gegenteil! Wozu, meine Herren, soll ich in dem trüben Sumpfe rühren, aus welchem die Giftdlasen des Antisemitismus aufsteigen. Sie Alle kennen ihn ebenso gut wie ich. Und ich muß sagen, daß es mir widerstrebt, das traurige Gewirr von Beschränktheit und Schwäche, von Neid und Haß, vm Allem, was klein und häßlich in der Menschennatur ist und was in seinem Zusammenwirken die euipörende Fratze des Antisemitismus erzeugt hat, psychologisch zu analysieren. Nur von den klaren Höhen der historischen Anschauung möchte ich in dieser Stunde die Sache, für welche wir mit Ernst und Treue zu wirken uns bemühen, in wenigen Bemerkungen beleuchten. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie durch Details erolüde. Ich bin kein Historiker von Fach, aber ich bin immer der Meinung gewesen, daß die Geschichte die große Lehrmeisterin der Menschheit sei, daß sie uns vor Allem Gerechtigkeit lehre. Gleichsam zu ihrer Rechtfertigung uno mit einem gewissen Hohn weisen die Antisemiten öfters darauf hin, daß ja nicht sie zuerst und nicht gegenwärtig zuerst gegen die Juden Stellung genommen hätten, sondern daß, wie sie meinen, schon seit den ältesten Zeiten dies von allen Völkern geschehen sei. Zunächst ist natürlich in dieser Fassung diese Behauptung unzutreffend. Denn gleichwie es heute noch in einer Reihe vpn Staaten ist, so sind auch früher Jahrhunderte vergangen, in denen die Bekenner des mosaischen Glaubens vollständig undeheUrgl neben den anderen Staatsbürgern leben konnten. Und wenn Gegensätze entstanden find, was lehrt die Geschichte, was war der Grund demselben? Das erste Austreten des Mosaismus in der Völkcrgeschichte ist eine Erscheinung, deren unermeßliche kulturhistorische Bedeutung ich nicht besser auszudrücken vermöchte, als mit den Sätzen eines der vornehmsten und objektiosten Historikers, nämlich L. v. Ranke's. Dieser sagt: (»Die Idee von Jehovah ist nicht etwa aus dem Naturdienst entsprungen, 'sie ist ihm entgegengesetzt. Die mosaische Schöpfungsgeschichte ist ein Manifest gegen, die Abgötterei, welche die Welt beherrschte. Dem Polytheismus entschwand in seiner Vielgestaltigkeit die Idee selbst, aus der er hervorgegangen ist: er verwandelte sich in Götzendienst. Dem gegenüber trat hier die absolute Idee der reinen Gottheit auf, frei von jeder Zufälligkeit der Anschauung. Eine erhabenere Inauguration des sittlichen Lebens in der menschlichen Gesellschaft könnte nicht gedacht werden. In dem einfachen Fortgang eines nationalen Naturdienstes hätte es keine Geschichte des Menschengeschlechtes gegeben. Diese gewinnt erst in dem Monotheismus, der sich von dem Naturdienst losreißt, Grund und Boden." Soweit Ranke. Und wenn auf Grund eines solchen Gegensatzes die Stämme mosaischen Bekenntnisses von den Völkern um sich herum (nebenbei, auch diese waren Semiten) angefeindet würden, dürfen, können wir mst unseren heutigen Anschauungen daraus den Juden einen Vorwurf machen? Diese Frage beantwortet sich für Jeden, der einen Funken von Gerechtigkeitssinnen sich hat, von selbst. Wenn weiter gesagt wird, drß die Röms, welche doch alle anderen unterjochten Völker unter sich duldeten, der« Juden mit besonderer Feindseligkeit begegnet seien — woher kam dies, und was beweist es? Zunächst muß festgchalten werden, daß die gegen die Juden gerichteten unbegründeten Anklagen nicht blos diese, sondern in ganz gleicher Weise die Christen trafen. Beide waren derselben Abneigung, demselben Haß und denselben grausamen Verfolgungen ausgesetzt. Diese aber entsprangen einem Grunde, welcher Christen wie Juden zur höchsten Ehre gereicht. Weil sich beide weigerten, die Römischen Staatsgötter zu verehrar, weil sie den Imperatoren keine göttliche Anbetung erweisen wollten, weil sie mit einer unerschütterlichen Treue an der Verehrung ihres Gottes festhielten, die selbst die ungeheure politische Machtfülle des Römerstaates nicht zu brechen vermochte, deshalb bestand jener Gegensatz. Dann existiert für beinahe ein Jahrtausend keine sogenannte Judenfrage. In den wilden Stürmen der Völkerwanderung, in den von Blut und unaufhörlichen Kämpfen erfüllten Zeiten bis etwa um die Mitte des XI. Jahrhunderts erfreuten sich die Juden einer stillen und unangefochtenen Existenz. Sie lebten unter den anderen Völkern, wie urkundlich festgestellt worden ist, nicht nur unbehelligt, sondern als gleichberechtigte Bürger unter den anderen. Die verwandelten Lebensverhältnisse hatten aus dem in seiner alten Heimat ausschließlich Ackerbau und Viehzucht treibenden Volke allmälig ein Kaufmannsvolk gebildet. Aber nicht etwa Geldgeschäfte besorgten sie, sondern sie waren die Großkaufleute, welche neben den Syriern, den Italienern und von den deutschen Släu>men neben den Friesen den Großwaarcnverkehr und insbesondere den mit dem Orient vermittelten. Sie betrieben den Handel wie jetzt die großen Kaufherren von Hamburg und Bremen, früher von Augsburg, Nürnberg, Basel. Ihre durch die Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Beziehungen zum Orient ermöglichten es ihnen, für ihre Heimatsgenossen, unter denen sie lebten, die Vermittler eines unbedingt notwendigen Verkehrs zu sein. Daneben jedoch trieben sie auch jetzt noch Ackerbau, hatten Grundbesitz in Stadt und Land; vollständig gleichberechttgt lebten sie unter ihren Landesgenossen; vereinzelte, vom Glaubensfanatismus herbeigeführte Anfeindungen blieben nur Episoden. Sie teilten mit Landesgenossen wie die Pflichten so auch die Rechte, sie wurden Beisitzer im Schöffenrat und in Köln erzählen die archivarischen Urkunden von einem jüdischen Bürgermeister. Dann, etwa um das Jahr 1100, kam ein Umschlag, begann jener Zustand, welcher die vielhundertjährige Leidensgeschichte der Juden einleitet. Welche Momente begründen ihn? Wohl mag zugegeben werden, daß bei einer in leidenschaftlichem Glaubenseifer aufflammenden Menge, wie sie die europäischen Völker zur Zeit der Kreuzzüge waren, auch das konfessionelle Moment eine gewisse Rolle gespielt habe. Demgegenüber muß jedoch betont werden, daß gerade die Päpste und die Kirche in Erkenntnis ihrer hohen Pflichten und in edlem Gerechtigkeitsgefühl sehr oft und vielfach Milde und Schonung gegen die Juden forderten. Wohl kann es ferner möglich sein, daß bei der damaligen intensivsten Aneinanderschließung der vielfachen Stammesgenossen unter einander auch ein gewisses nationales Moment von Bedeutung war für den jetzt ans brechenden Haß gegen die Juden, aber jedenfalls nicht von maßgebender Bedeutung, nachdem es durch Jahrhunderte sich so wenig geltend gemacht hatte. Nein, nicht gegen die Bekenner des Mosaismus, nicht gegen den anderen Stamm erhob sich die Abneigung der Verfolgung. Glaubens- und Rassenmotive mochten bei den Einzelnen wirken, im Großen aber waren nicht sie das Treibende, sondern auch damals schon für die Mehrzahl nur ein Schleier, welcher noch unreinere und unedlere Beweggründe verhüllen sollte. — Ganz andere allgemein menschliche, und zwar aus der unguten Natur des Menschen entspringende Motive waren die Triebfeder. Der Neid und die Mißgunst, jene häßlichen und widerwärtigen Eigenschaften, welche für zahllose unethische, direkt schlechte Handlungen im Großen wie im Kleinen, im Leben des Einzelnen wie der Völker die Quelle bilden, diese gemeinen Züge-im- Seelenleben, sie sind die hauptsächlichen und die eigentlichen Ursprünge der um den Beginn unseres Jahrtausends ausbrechenden Judenverfolgung. Die Völker, unter welchen die Juden lebten, erwarben allmälig kaufmännische Fertigkeit. Sie beneideten den Juden um den Erwerb, welcher aus dem Großhandel einzelnen derselben erwuchs und die Stellung der Juden im Verkehrsleben wurde durch allerlei Maßnahmen derart verändert, daß sie aus dem Waaren- und Großhandel allmälig auf das Geldgeschäft und den Kleinwaarenhandel zurückgedrängt wurden. Und nun beginnt jene fürchterliche und grausame Zeit, welche das gemarterte Volk unter die schlimmsten Ausnahmegesetze stellte, vom Ackerbau, Gewerbe, Großwaarenhandel ausschloß und eine vielhundertjährige Leidensperiode einleitete, die von Blut und Tränen trieft. Erst im vorigen Jahrhundert, als erleuchtete und hochsinnige Männer anfingen, ihre Stimme zu erheben, begann man theoretisch des Verbrechens gegen Humanität und Gerechtigkeit sich bewußt zu werden. Praktisch wurde es, in der Form wenigstens und von Seiten der Staaten als solcher aufgehoben, als die großen politischen Umwälzungen die rechtliche Gleichstellung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession herbeiführten. Und wenn trotzdem jetzt vom Neuem der Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger hervorgebrochen ist, jetzt, in unserer kulturell und wissenschaftlich so hoch entwickelten Zeit in erschreckendster und für den Menschenfreund beschämendster Weise von Neuem um sich gegriffen hat, was ist, psychologisch untersucht, die letzte und eigentliche Triebfeder davon? Wieder sagen die einen: der konfessionelle Gegensatz. Das ist unmöglich, denn ein wahrhaft frommer Mensch würdigt jede religiöse Ueberzeugung. Haß gegen Andersgläubige verträgt sich nicht mit der echten Frömmigkeit. Die Anderen meinen: der Rassengegensatz. Das ist ganz unhistorisch, denn bekanntlich gehören namentlich in unseren östlichen Ländern sehr viele Bekenner des mosaischen Glaubens ethnologisch gar nicht zu den Semiten, sondern zu den Slaven. Und dann, wenn wirklich bei Einzelnen ein solcher sogenannter Rassengegensatz die Quelle ihres Antisemitismus sein sollte, wie klein, wie verächtlich und in seinen Konsequenzen wie erschreckend ist eine solche Art des Empfindens. Das stärkste Gefühl für das Vaterland ist ein Gebot, politische Gegensätze zwischen Völkern können zu blutigen Kämpfen führen, in denen mit Begeisterung das Dichterwort lebendig wird: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles einsetzt für die Ehre." Aber für Rassengegensätze als solche soll es keinen Raum in uns geben: erst Mensch, dann Weißer, Gelber, Roter, Schwarzer; erst Mensch, dann Germane, Slave, Semit, Romane; erst Mensch, dann Jude, Christ und Muselmann! Nein, nicht konfessioneller'Gegensatz, auch nicht nationale Abneigung find das

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