Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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dir. 28 Dr. JBlocb s Mocdenscvrttt. Seite 435 den Niederungen, in den Tiefen menschlicher Erbärmlichkeit. Begreiflich war ja der Haß, mit dem er verfolgt wurde, begreiflich wie der Kampf des Lichtes mit der Finsternis. Während andere sich verkriechen vor den Götzen des Tages, um ihre Gunst buhlen, um die eigene Stellung zu festigen und die eigenen kleinen Interessen zu fördern, trat er unerschrocken, aber in aller Würde und Bescheidenheit hinaus und bekannte feine reine und tiefe Menschlichkeit. Er wußte wohl, daß er damit seine Brust darbot zur Zielscheibe für all die vergifteten Pfeile, die die Gemeinheit vom Bogen zu schnellen vermag, aber er trat hinaus, weil das seinemgroßen Herzen und seinem Begriffe von Mannheit so entsprach. Wenn sein Kampf auf dem Felde der Wissenschaft eine Kette glorreicher Erfolge war, so war er es nicht auch in demselben Maße in dem um die Menschenrechte und im Besonderen um die noch immer verkümmerten und noch immer vorenthaltenen Rechte des Judentums. Er mußte die Augen schließen in dem schmerzlich bedrückenden- Bewußtsein, daß er auf diesem Felde vergeblich gekämpft und gerungen. Vergeblich im Hinblick auf die praktischen Erfolge; ganz gewiß nicht vergeblich im Hinblick auf das unauslöschliche Dankgefühl, das er in den Herzen der Millionen entzündet, für deren Recht er gekämpft und gelitten. Nicht nach dem Erfolg soll da sein Wirken gemessen werden, sondern nach der Größe und Reinheit der Absicht. „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens", singt der unsterbliche Dichter. Wie erst, wenn zur Dummheit sich abgrundtiefe Niedertracht, alle Bosheit, deren die menschliche Natur nur fähig ist, und die Gemeinheit in all ihren scheußlichen Erscheinungsformen gesellen! Nothnagel war der Erste, der sich d m unvergeßlichen Menschenfreunde Arthur Gundaccar Freiherrn von Suttner anschloß, um die Abwehr gegen die herandrängende schmutzige Flutwelle des Antisemitismus zu organisieren. Begeistert folgten ihnen führende Männer des Geistes und führende Persönlichkeiten der Gesellschaft. In die Reihen traten Eduard Sueß, Baron Leitenberger, Graf Edmund Zichy. der letzte große Amateur, und Graf Hoyos, die feingestimmte Poetennatur, und viele andere der Edelsten und Besten. Die meisten von ihnen sind ins Grab gesunken und manche haben sich entmutigt zurückgezogen.' Am längsten und als letzter hielt Nothnagel Stand. Er kämpfte lveiter ohne Furcht und — ohne Hoffnung. Er wußte/ daß die große Strömung nicht aufzuhalten sei; er erkannte, dast gegen das große Kontagium, von dem von Epoche zu Epoche die Völker gelegentlich befallen werden, durch private Tätigkeit -nicht aufzukommen sei, aber entmutigen ließ er sich dennoch nicht.- Er hielt standhaft aus und behauptete bis znm Schluffe den ungedeckten Posten, auf den er sich gestellt hatte. Dort hielt ihn sein ehernes Pflichtgefühl, das ihn ausharren ließ um so treuer, je tiefer die Sonne des Freisinnes und schöner Menschlichkeit sank und je schwärzer und länger die Schatten wurden. Er starb auf seinem Posten. Ein christlicher Priester sprach an seinem Grabe und zeichnete das Charakterbild des Verstorbenen mit folgenden Worten: „Seinen größten Reichtuni trug der Entschlafene in sich selbst, in dem, was er persönlich war, in der Stärke seines Charakters, im Adel seiner Gesinnung und (wie fein vertrautester Freund fick ausdrückt) in der uferlosen Güte seines Herzens, die alles schrankenlos beherrschte, was in seinen Gesichtskreis trat. Wie viele Arme girrgen beschenkt von dannen, wie viele Kranke gesundet, wie viele dem Tode Nahen wurden wenigstens reich getröstet und mit neuem Lebensmut erfüllt. Ja, wenn von einem, so gilt, von ihm das Wort: „Hinter ihm, in wesemlosen Scheine, lag, was uns alle bändigt, das Gemeine". Aber ganz unvollständig wäre das Bild seines Wesens, wollte man nicht noch seiner geradezu klassischen Bescheidenheit, die bis zur Naivität gehen konnte, gedenken, eine Schlichtheit und Einfachheit, die sich im Verkehr mit Fürsten oder Arbeitern stets gleich blieb, dort nie byzantinisch, hier nie aufgeblasen . wurde. Fragen wir, wie ist es möglich, daß in unseren Tagest mit ihren Arbeiten, Mühen, Kämpfen, Versuchungen und Leidem ein so' harmonisch gestaltetes Leben sich stets auf der gleichen Höhe erhalten konnte? Wo lagen die Wurzeln seiner Kraft? Die Antwort ist: „In der Gedankenwelt des Idealismus, die ihn erfüllte und mit der er sich immer wieder in Zusammenhang brachte. Da badete er seine Seele immer von neuem rein und gesund". Ein anderer hoher kirchlicher Würdenträger, der Mititärmperintendent Prof. Dr. S e b e r i n y, ließ ebenfalls seinen Schmerz um den großen Toten in Tönen ergreifender Beredtsamkeit ausströmen. Es waren christliche, nicht christlichsoziale Priester. Was christlich-sozial ist, hat auch vor der Majestät des Todes keine Scheu und keine Ehrfurcht. Der Mann, dessen Wirken und Leben die Verkörperung von Weisheit und Güte war, wird auch im Tode noch verfolgt und beschimpft. All sein Ruhm wird in den antisemitischen Blättern verschwiegen und höchstens nebenbei erwähnt, daß er eine durch die bestochene Judenpresse hinaufgeschwindelte Größe gewesen sei. Das ist der Lauf der Welt. Hermann Nothnagel stirbt, und Hermann Bielohlaweklebt und freut sich im rosigen Licht. Er hält Cercle und beglückt die Männer der Wissenschaft durch huldvolle An- ' sprachen. Er wird dem Fortschritte der Wissenschaft jederzeit Rechnung tragen, und er wird jederzeit strenge zu individualisieren wissen und alle jene Vertreter der Wissenschaft, welche Nihre Pflichten voll und ganz erfüllen, werden aus fein Eintreten - für ihre Interessen zählen können. Er sagt es selber — Nothnagel ist tot, und Bielohlawek ist der Protektor der Wissenschaft. Umsomehr ist es Pflicht Aller, die guten Willens find, sich um seine Fahne zu scharen, seinem Vermächtnis Treue zu bewahren. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" ist wesentlich sein Werk. Schon durch den klaren Namen „Abwehr des Antisemitismus" war sein Programm umschrieben, durch öffentliche Diskussion und Vorträge belehrend und erhebend auf die breiten Volksschichten einzuwirken, um sie abzutrennen von der planmäßigen Minier- und Hetzarbeit ihrer Verführer, die sich ' ja doch nur zur Geltung bringen wollten und dies vermöge ihrer, Geistesanlagen nur durch fortwährendes Hepp-Hepp-Geschrei imstande, sind. Wie energisch und überzeugnngstren er sein Programm verfocht, beweisen seine zahlreichen Reden, welche er bei den Generalversammlungen „seines" Vereines hielt, deren wichtigste wir uns nicht versagen können, hiemit der Vergessenheit zu entreißen. Sie bilden den schönsten Denkstein, den ein Mensch sich setzen konnte. Schon anläßlich der Gründung (1891) klang feiste Rede klar und scharf. Er sagte: „Der Antisemitismus ist eine Schmach. Sein Ursprung wurzelt in den unlautersten und häßlichsten Eigenschaften der menschlichen Natur. Sein Wesen ist die Aufhebung der Humanität und der Gerechtigkeit. Seine Betätigung ist das Zerrbild des Edlen und Guten. Seine Folgen sind die sittliche Verwilderung und Verrohun.i. Unsere jüdischen Mitbürger sind den empörendsten Beschimpfungen, ja selbst Gewalttätigkeiten ausgesetzt. Tagtäglich sehen und erleben wir es mit Zorn und Scham. Die gefährlichen Ergebnisse, welche in letzter Weiterentwicklung aus der antisemitischen Bewegung für den Staat und die Gesellschaft folgerichtig hervorgehen müssen, berühren wir nicht. Ausschließlich im Namen der Gerechtigkeit und der Humanität wenden wir uns an alle diejenigen, welche wie wir empfinden und denken. Sie alle fordern wir auf, offen Stellung zu nehmen gegen den Antisemitismus, indem wir sie zunächst bitten, uns ihre Namen mitzuteilen mit der Ermächtigung, dieselben in der Teilnehmerzahl des „Vereines zur Abweht gegen den Antisemitismus" veröffentlichen zu.dürfen." Bei der zweiten Generalversammlung hielt er einen der geistvollsten Vorträge, die überhaupt über das Leidensthema je gesprochen wurden. Wir heben folgende Stelle hervor: „Alle, welche heute hier versammelt sind, haben sich in Einem Gedanken gefunden. Ein gleiches Empfinden beseelt, trägt uns alle.' Wie verschieden der Anschauungskreis der Einzelnen in sozialer, iit politischer und mancher sonstigen Beziehung sein möge, in Einem, in dem hier entscheidenden Punkte berührt er sich bei uns allen — in; dem Gefühl für Gerechtigkeit. Dieses hat uns vor Jahresfrist zusammengeführt. Und die aus demselben entspringende ethische Pflicht, die schmachvollen Angriffe gegen unsere jüdischen Mitbürger.abzuwehren," hat diesen Verein in das Leben gerufen.