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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 430 Dr. Llocv's MocdenscvrM. Nr. 27 „Uitfer Goldele ist Dir ja wie aus dem Gesichte geschnitten", jauchzte Jankele. „Was Dir nicht einfällt!" widersprach Rachele. „Sie hat ja ganz Dein Gesicht, ganz Deine gutmütigen blauen Augen, sie ist ein weiblicher Jankele!" So wollte Jeder von ihnen, daß das Kind dem Andern ähnlich sehe, weil sie ja in einander das Ideal alles Guten und Schönen erblickten. Mehr wie einmal sah ich Jankele vor der Wiege stehen, die Augen voll überquellender Vaterliebe auf das Kind gerichtet, während er mit tiefer Innigkeit leise sprach: „O, daß Dich Gott wie Deine Mutter werden lasse, daß er Dir so viel Güte ins Herz schütte und so viel Anmut und Lieblichkeit aufs Gesicht. — Ja, ja, schön Goldele, gerate nur ihr nach!" Jede Bewegung, jeder lallende Laut des Kindes erregte in dem Herzen der Eltern neue Freuden. „Jetzt bist Du mir noch ein kleines Engelchen", sagte Rachele oft, während sie das Kind in ihren Armen wiegte, „aber Du wirst wachsen, gedeihen, wirst immer größer, immer schöner, immer blühender werden und dann geben wir Dir einen Bräutigam, nähen Dir schöne seidene Kleidchen und führen Dich unter die Chupe. Ha, wie wird es da lustig zugehen, getanzt und gehopst werden." Und da faßte sie in ihrer überströmenden Freude das kleine Geschöpf, schwenkte es wie ein Fähnlein hoch über ihr Haupt und hüpfte damit im Zimmer herum. Und wie so Jankele eine Weile das entzückende Schauspiel mit angesehen, hob es ihn wie mit Flügeln vom Tische hinweg und mit seinen starken Armen umfing er Mutter und Kind und tanzte mit ihnen rund herum. Nicht selten fühlte Rachele ihr Herz beklommen und dann saß sie stille mit gesenktem Haupte bei der Wiege. Diese Beklommenheit jedoch entfloß durchaus nicht dem Gefühle des Schmerzes, sondern glich vielmehr jenem Duftwölkchen, das aus den Blumen bisweilen emporsteigt, wenn sie in allzu üppiger Fülle neben einander stehen. In solchen Augenblicken klangen alle die seligen Gefühle, die ihr das Herz schwellten, in ein zartes Wiegenliedchen aus, das ich noch heute wiedergeben kann: Draußen ist Nacht und Wind, Schlafe sanft, liebherziges Kind! Schlaf' in Freuden Fern von Leiden — Schlafe sanft, liebherziges Kind Draußen ist Nacht und Wind! Draußen ist Nacht und Wind, O, fürchte nicht, liebherziges Kind — Tausend lichte Engelein Schweben um Dein Wiegelein, Singen Dir gar sanft und lind: Schlafe sanft, liebherziges Kind! — Das Wort „Schlaf" schien Jankele seit jener Zeit ganz unbekannt gewesen zu sein, denn er wachte jetzt oft ganze Nächte an der Wiege des Kindes, die er leise mit dem Fuße schaukelte, während er mit fleißigen Händen sich bei der Arbeit beschäftigte. „Jetzt heißt es einen Sparpfennig einsammeln", sagte er oft. Von Zeit zu Zeit unterbrach er sich, um nach dem Kinde zu schen und mit den Lippen leise und kaum fühlbar sein Mündchen zu berühren. Da geschah es einmal, daß Jankele, als er wie gewöhnlich an der Wiege des Kindes wachte, Plötzlich einen Ruf des Schreckens ausstieß. Das Kind stöhnte nämlich und seine Atemzüge gingen schwer, abgebrochen und stoßweise. Rachele fuhr aus dem Schlafe empor und bald stand auch sie über die Wiege des Kindes gebückt. Das Gesichtchen der Kleinen brannte in Fieberfeuer und die Aeuglein waren zur Hälfte geschlossen. Der verzweifelte Wehruf, den die Eltern bei diesem Anblicke ausstießen, weckte auch uns aus dem Schlafe und wir erkannten sofort, daß der Zustand des Kindes in der Tat bedenklich war. Der Arzt, der noch mitten in der Nacht herbeigerufen wurde, machte eine ernste Miene und meinte endlich, die Krankheit ließe sich zwar nicht im Voraus angeben, aber da Diphtheritisanfälle gerade damals bei Kindern häufig auftraten, sei diese Krankheit zu befürchten, jedenfalls müsse man den Verlauf abwarten. Der Verlauf war höchst unbestimmt, bald schien sich das Kind leichter zu fühlen, verlangte nach Nahrung und lallte so lieblich wie gewöhnlich, bald verfiel es in brennende Fieberhitze und stieß heisere und röchelnde Töne aus. Je nach dem Befinden des Kindes wechselte auch die Stimmung der Eltern, die zwischen Angst und Hoffnung schwebten, und es war eine harte Aufgabe, die nach jedem Mal schier Verzweifelten zu beruhigen. Gerade um diese Zeit ereignete es sich, daß Jankele eines Frühmorgens — Rachele lag noch ermüdet von der durchwachten Nacht im tiefsten Schlafe — ein amtliches Aktenstück erhielt und das bildete in unserem stillen, ärmlichen Häuschen ein Ereignis, das geeignet war, uns in Schrecken zu versetzen. — Jankele zitterte denn auch am ganzen Körper, als er das Kuvert erbrach und Leichenblässe bedeckte sein Antlitz, als er den Inhalt des Aktenstückes durchflog. „Jankele, was ist Dir?" fragte ich voll Entsetzen. „Das Schreiben . . . von der Militärbehörde . . .", stammelte er mit bebenden Lippen. Ich nahm das Aktenstück aus seinen Händen und als ich es las, wollte mir das Herz stehen bleiben vor namenlosem, entsetzlichen Weh. Im ersten Augenblicke glaubte ich zu träumen, denn was ich da las, war so ungeheuerlich, daß ich es nicht fassen konnte. Jankele wurde nämlich in dem verhängnisvollen Schreiben verständigt, daß die Militärbehörde von seiner Bitte, wieder in den Militärdienst versetzt zu werden, Notiz genommen habe, daß er bereits in der Militärliste ausgenommen sei und daher binnen drei Tage sich zum Abmarschieren bereit halten solle. „Um Gotteswillen!" sprang ich verzweiflungsvoll auf. „Was hast Du getan?" Jankele stierte mich entsetzt an. „Getan?!" wiederholte er tonlos. „Weißt Du vielleicht etwas davon, Vater?" „Du hast also nicht darum nachgesucht? . . ." „Ich nachgesucht?" fragte er mit einem herzzerreißenden Lächeln. „Heißt das nicht mein Weib und mein Kind verlassen?" Da durchzuckte es mich auf einmal wie ein greller Blitz. „Die rote Schlange", stieß ich hervor, „das ist das Satanswerk der roten Schlange!" „Was jetzt anfangen?" brach Jankele in wilder Verzweiflung aus. „Was tun? Was anfangen?" „Vor Allem heißt es, die Hände nicht müßig in den Schoß zn legen —", erwiderte er entschlossen. „Eilen wir nach dem Bezirkskommando; vielleicht läßt sich noch Alles gutmachen." Wie von einem Taumel ergriffen, stürzten wir in das Bezirkskommando. Dort fanden wir den Oberst des Regimentes, unter welchem Jankele gedient hatte, umgeben von mehreren Offizieren. „Der war immer mein bravster Soldat", sagte der Oberst, als er Jankele ansichtig wurde. „Das ist schön von ihm, daß er sich seinem Kaiser und Herrn in den Zeiten der Not zur Verfügung gestellt hat!" Jankele zitterte wie Espenlaub. „Herr Oberst", stammelte er, „ich habe nie um Einreihung gebeten — ich bin jetzt Familienvater! ..." „Was!" rief der Oberst, finster die Stirne runzelnd, „er will die Sache wieder ungeschehen machen? Da liegt ja noch sein Bittgesuch vor!" „Herr Oberst, das ist eine Fälschung, das Werk eines boshaften- Menschen." „So", rief der Oberst und sah Jankele mit mitleidigen Blicken an, „leider ist nicht mehr zu helfen, er ist bereits in der Soldatenliste aufgeuommen." „Herr Oberst, ich bin Vater", flehte Jankele, „ich habe Familie, diese müßte zu Grunde gehen, wenn ich ihr jetzt entrissen werde." „Armer Mann", sagte der Oberst gerührt, „ich kann Ihnen nicht mehr helfen; es ist bereits geschehene Sache. Doch tröste er sich, er solls beim Militär gut haben, ich werde ihn befördern!"

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