Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Mentioned entities
- Odesa 3× ep/1000834
- Baku 1× ep/1000527
- Kursk 1× ep/1044963
- Melitopol 1× ep/2502403
OCR text
Seite 428 Dr. Vlocd's Mocvenscvrttl. Nr 27 meister mit dem Weinhändler im Einverständnis gehandelt und alle Polizisten in andere Straßen, weit vom Marktplatz, beordert hatte, richtete sich die Wut der Juden gegen ihn und er wurde erschlagen. Jetzt rückten Kosaken an, die in die Menge schossen. 40 Juden wurden getötet, viele verwundet. Jüdische Familien, die eine Fortsetzung der Exzesse fürchteten, flüchteten aus der Stadt, nachdem sie ihr Hab und Gut in Gruben unter der Erde versteckt hatten. Viele Juden fanden auch bei wohlhabenden Christen Schitomirs eine Zufluchtsstätte. Am Tage nach dem ersten Zusammenstoß wurde eine Anzahl von Juden, welche auf dem Friedhof für die gefallenen Opfer des Vortages beten wollte, von Kosaken auseinandergetrieben, wobei zahlreiche Juden Verletzungen davontrugen. Der Gouverneur hat den Juden gestattet, sich zum Selbstschutze zu bewaffnen; viele Juden tragen deshalb, da sie mit Revolvern nicht umzugehen verstehen, Vitriol bei sich. Der Weinhändler, dem die Exzesse zur Last fallen, wurde auf Befehl des Gouverneurs verhaftet, gegen eine Kaution von 50.000 Rubeln aber wieder auf freien Fuß gestellt. Offizielle Juvenhetzen. Aus der Fülle des Depeschenmaterials, das in den letzten Tagen den Zeitungen, die Vorfälle in Rußland betreffend, zuging, verdienen einige charakteristische Meldungen nähere Betrachtung. So die heute eingetroffene offizielle Depesche, deren letzter Titel lautet: „Der für Odessa geschaffene Posten eines Generalgouverneurs wurde mit dem General Karnisow besetzt. Die Bevölkerung ist nach wie vor beunruhigt. Der israelitische Teil derselben wandert aus. Judenfeindliche Unruhen werden befürchtet." Man versteht nicht recht, warum auf einmal der israelitische Teil der Odessaer Bevölkerung so beunruhigt ist. Man versteht es gleich besser, wenn man sich erinnert, daß Graf Jgnatiew mit besonderen Vollmachten nach Odessa zur „Herstellung der Ordnung" gesandt wurde. Welcher Art diese Vollmachten sein mögen, das wird eben aus der Haltung der israelitischen Bevölkerung klar. Aus Warschau wird der „Vossischen Zeitung" geschrieben: „Die Polizei sucht mit aller Macht Judenhetzen hervorzurufen. Es bildete sich unter ihrem geheimen Schutze ein angeblich revolutionärer Arbeiterverein, der unter den Arbeitern die Idee einer Judenhetze zu verbreiten sucht und in diesem Sinne Aufrufe verteilt, die, nach der Schrift zu urteilen, in der Druckerei der hiesigen „Polizeizeitung" hergestellt wurden. In der Maschinenfabrik von K. Rvdski u. Co. suchten einige Arbeiter für Judenhetzen zu agitieren, wurden aber von den übrigen Arbeitern zurechtgewiesen. Ich bin der Ansicht, daß, solange der „Bund" und die „P. P. S.“ (Polska partya socyalistyczna) Zusammenhalten, eine Judenhetze geradezu unmöglich ist." Furcht in der jüdischen Bevölkerung Odessas. Odessa. Eine Mitteilung des „Regierungsboten" behauptet, Juden seien an der Meuterei der Matrosen beteiligt. Die jüdische Bevölkerung ist deshalb sehr aufgeregt. Man befürchtet Judenmetzeleien. Die Flucht der jüdischen Bevölkerung dauert fort. Aufruf zur Sammlung für die Selbftbewaffnuug der Juden Rußlands. Noch nie hat eine Regierung mit solch verbrecherischen Mitteln ihr Dasein zu verteidigen gesucht wie die jchige in Rußland. Hunderte und Tausende von Arbeitern werden niedergemetzelt, die studierende Jugend, Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Leute wie Gorki, deren Namen einen Weltruhm genießen, müssen in den Kerkern schmachten. Aber da dies alles nichts hals, die gewaltige Bewegung gegen die jetzige Mißwirtschaft in Rußland zu ersticken, hat die zarische Regierung zum letzten, in einem Kulturstaate ganz unglaublichen Mittel gegriffen, den Bürgerkrieg im Lande zu entfachen. In ganz Rußland werden jetzt offen hunderttausende von Aufrufen verbreitet, überall schnüffeln Regierungsagenten herum, die die Bauern gegen die liberalen Semstwoleute, das städtische Gesindel gegen die Studenten und Intellektuellen, die Russen gegen die Juden und Polen, die Mohammedaner gegen die Armenier hetzen und einfach zum Raub und Mord rufen. Kursk, Damboff, Kischenew, Homel, Melitopol, Schitomir, Baku, Nachitschewan, — alle diese Namen sprechen mehr als dicke Bände von der jetzigen Lage in Rußland. Und besonders stark wird diese Hetzarbeit der Regierung gegen die Juden gerichtet. Nicht das erste Mal sucht schon die verbrecherische Regierung die Volkswut der unwissenden Massen auf die Juden abzulenken. Wer weiß nichts von den greuelhaften Judenkrawallen, die in den Achtziger-Jahren stattgefunden haben. Aber wie grundverschieden sind die Krawalle der Achtziger- Jahre von den jetzigen! Während damals große Massen der unwissenden Bevölkerung daran teilgenommen haben, sehen wir heute in den Reihen der Krawalleute fast ausschließlich von der Polizei bestochenes Gesindel und speziell zugereiste Regierungsagenten; während damals sich die Juden widerstandslos berauben und abschlachten ließen, sehen wir heute, wie sie mit dem Gewehre in der Hand Leben und Ehre verteidigen. In jeder Stadt, in jedem Städtchen wird von dem „Jüdischen Arbeiterbund" ein Selbstschutz gebildet, in den auch Leute aus anderen Bevölkerungsschichten eintreten und der im Falle der Gefahr auf dem Kampfplatze erscheint. Und nur diesem Selbstschutze verdanken viele Städte, daß dort keine Krawalle entstanden sind oder daß sie keine stärkere Verbreitung genommen haben. Und je mehr sich die Regierung überzeugt, daß die von ihr mobilisierten dunklen Mächte nicht Furcht, sondern allgemeinen Widerstand und allgemeine Empörung Hervorrufen werden, je mehr das gekaufte Gesindel erfährt, daß seine Arbeit nicht gefahrlos ist, desto eher werden diese schrecklichen Judenhetzen ein Ende nehmen. Der überall gegründete Selbstschutz, die allgemeine Volksbewaffnung verlangt aber große Summen von Geld und wir wenden uns daher an alle freiheitsliebenden Bürger, uns in diesem heiligen Kampfe gegen die von der zaris ^en Regierung mobilisierten kontrerevolutionären Kräfte zu unterstützen. Das Komitee für Selbstverteidigung der Juden- Adresse für Geldsendungen: Jmprimerie Jfraslite, 81 Rue de Carouge, G e n e v e. vermischtes. Wien. Sonntag fand hier die Vermählung des Fräuleins Frida Heller, Tochter des Herrn Carl Heller, Gesellschafter der Firma S. Heit, mit Herrn Arthur Schütz, Inhaber des gleichlautenden technischen Bureaus, statt. Wien. (Mädchen-Unterstützungs-Verein.) Die Einschreibungen für den Privat-Händels-Lehrkurs dieses Humanitären Vereines finden für das nächste Schuljahr am 6. und 7. Juli vormittags von 10—12 Uhr in der Schulkanzlei, II., Kaiser Josefsstraße 32, statt. Zur Aufnahme zulässig sind fünfzehnjährige, israelitische mittellose Mädchen. Beizubringen sind Geburts- und Schulentlassungszeugnis III. Bürgerschulklasse. Der Unterricht wird unentgeltlich erteilt. Hofrat Siegmund Taussig. Die Beamten der Donauregulierungskommission und die technischen Beamten der Statthalterei veranstalteten vorgestern abends im „Riedhof" zu Ehren des Hofrates Slegmund Taussig, der mit 1. d. aus dem aktiven Dienste schied, ein Abschiedsfest. Strombaudirektor Oberbaurat Bozdech hob die Verdienste des scheidenden Hofrates um die Donauregulierung hervor, schilderte seine grasten Leistungen auf technischem Gebiete, betonte, daß der Ruf Taussigs weit über die Grenzen des Reiches gedrungen sei, und erklärte, Taussig habe den Arbeiten der Donaureguliernngskommission den Stempel seines Geistes aufgedrückt, so daß sein Name für alle Zeiten mit diesem Werke verbunden bleiben wird. Er sprach dem Hofrate Taussig dann noch seinen speziellen Dank für die kollegiale Unterstützung aus, die er ihm allezeit gewährte, und schloß mit der Bitte, Hofrat Taussig wolle dem Werke und allen Beamten eine freundliche Erinnerung bewahren, wie auch die Erinnerung an ihn in aller Herzen fortleben werde. Die Rede wurde mit allg. meiner Zustimmung ausgenommen. Hierauf sprachen