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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 27 Dr Dlocb's Mocbenscbrttt. -Seite 427 Als ich nach einigen Wochen das Restaurant verließ, wurde mir eine angenehme Ueberraschung zuteil; unser Kellner hatte sich bereits einige französische Sätze angeeignet und mit einem stolzen „v’la in pottaseh“ stellte er meine Suppe auf den Tisch. Paris, im Juni 1905. Rosa Feigenbaum. Zürich. In der konservativen „Freitagszeitung" läßt sich Redakteur Zurlinden anläßlich der Beschreibung eines Ausfluges über die beiden jüdischen Gemeinden Endingen und Lengnau wie folgt vernehmen: „Bei der Volkszählung von 1900 waren in Ober-Endingen noch 263 Juden neben 545 Katholiken und 313 Protestanten, in Lengnau 110 Juden. 988 Katholiken und 21 Protestanten. Von der früheren Zeit zeugt in Ober-Endingen wie in Lengnau namentlich noch die große Synagoge; einen Rabbiner gibt es aber weder hier noch dort; nach Lengnau kommt alljährlich etwa zweimal Herr Rabbiner Dr. Littmann von Zürich, und Ober-Endingen ist (war!) dem Rabbinat Baden zugeteilt; in der Regel versieht ein Vorsänger die gottesdienstlichen Funktionen. Hie und da dient die Synagoge auch anderen Zwecken; so wurde vor 14 Tagen in der Synagoge von Lengnau das Bezirkssängerfest abgehalten und um die gleiche Zeit ungefähr sprachen in der Synagoge von Ober-Endingen vor einer großen Volksversammlung einige Aargauer Berühmtheiten, die Nationalräte Zschokke, Baldinger und Eggspühler über das Surbtalbahnprojekt. Typische Merkmale einer jüdischen Kolonie fallen dem oberflächlichen Beobachter kaum irgendwie au; die jüdischen Haushaltungen, Wohnungen und Geschäfte unterscheiden sich, von den Namen etwa abgesehen, durch nichts von den christlichen, die jüdischen Kinder, die in der Straße spielen, sind gar nicht immer als solche gleich zu erkennen, und, wenn nicht hie und da eine würdige jüdische Matrone in schwarzem Häubchen vor der Haustüre sitzt oder ein paar Judenfrauen mit großen Gebetbüchern vom Judenfriedhof zurückkehren würden, so könnte man heute durch Endingen und Lengnau wandern, ohne zu merken, daß hier einmal die gesamte Judenschast der Schweiz und noch länger diejenige des Kantons Aargau seßhaft war. Das Beste aber ist, daß zwischen Christen und Juden nunmehr das freundnachbarlichste Verhältnis herrscht; ich habe darauf bei meinem kurzen Verweilen besonders geachtet, manches beobachtet und bei Juden und Christen nachgefragt; übereinstimmend wurde von beiden Seiten bezeugt und durch den Augenschein bestätigt, daß sich Juden und Christen aufs beste vertragen und einander nichts in den Weg legen. Das ist der Segen der Emanzipation." Znm Aufruhr in Lodz wird dem „Berliner Tageblatt" von dort geschrieben: Die Meldungen der deutschen Blätter, die sich in der Hauptsache auf Telegramme des Wolffschen Bureaus aus Warschau stützen, sind stark übertrieben. Da ist von 60.000 Arbeitern, die gegen vier Regimenter kämpften, und von Barrikaden in der Höhe dreier Stockwerke die Rede, während an den Tumulten im ganzen höchstens 25.000 Personen beteiligt waren, die Barrikaden aus einem lächerlichen Haufen alten Gerümpels bestanden, und der Sturm auf diese „Barrikaden" lediglich in einer sehr einseitigen Attacke blutdürstiger Kosaken auf wehrloses, ganz unbeteiligtes Publikum bestand. In einem anderen Brief heißt es: Die gefährlichen „haushohen" Barrikaden bestanden aus niedrigen Wagen und leeren Tonnen, die halbwüchsige Burschen an verschiedenen Straßenecken zusammenstellten, um die Feuerwehr zu verhindern, die angezündeten Monopolläden zu löschen. Darauf zerbrachen sie viele hundert Laternen, was die Polizei unbegreiflicherweise ruhig geschehen ließ, wenngleich eine Handvoll Kosaken genügt hätte, dem wüsten Treiben bald ein Ende zu machen. Erst als die tapferen Barrikadenhelden längst das Weite gesucht hatten, erschienen überall Dragoner, Kosaken und Infanterie, und da die Schuldigen verschwunden waren, mußten jetzt die Unschuldigen dafür büßen. Es begann nun ein wahres Morden auf den Straßen. Niemand war mehr seines Lebens sicher; heimkehrende Arbeiter und Handwerker, Dienstmädchen, die Einkäufe besorgten (es war Markttag), Geschäftsleute, die gerade unterwegs waren und nun nach Hause eilten, Kinder, die zum Haustore hinauslugten: sie alle wurden von den tödlichen Kugeln getroffen. Niemand war gewarnt, keiner ahnte die drohende Gefahr und so liefen viele dem Tode in die Arme. Hier ist es ein armes Nähermädchen, das, ahnungslos ihr Päckchen tragend, plötzlich von Flintenschüssen überrascht wird. Der Schreck lähmt ihre Glieder, eine feste Männerhand zieht sie ins Haustor. Als sie nach einer Weile den Kopf hinaussteckt, um zu sehen, ob fie ohne Gefahr ihr Heim erreichen kann, da trifft fie eine Kugel und fie sinkt tot nach hinten. An einer Kaserne stehen einige Soldaten, lachend zielt der eine in die Straße hinein, die Kugel verwundet zwei Herren und tötet einen dritten. Dort eilt ein 77jähriger jüdischer Mann, sein Enkelchen, das, im Hofe spielend, von einer mörderischen Kugel getroffen wurde, im Arm, vielleicht kann es der Arzt noch retten; der Großvater allein hatte den Mut, denn es gilt ja das Leben des Kindes und Gott wird ihn, den Greis, schützen. — Da sinkt er hin, von einer Kugel durchbohrt. — Tote und Verwundete werden in die Höfe gebracht. Die Straßen werden menschenleer, doch die Kugeln pfeifen durch die Luft und die entmenschte Soldateska sucht nach neuen Objekten ihrer Mordsucht. Tag und Nacht hörte das Schießen nicht auf; es war, als wenn die Stadt vom Feinde belagert wäre. Hunderte von Verwundeten wurden in die Hospitäler eingebracht, wo fie zum Teil auf Treppen und in Korridoren niedergelegt wurden. In der Nacht von Freitag zum Samstag machten sich die Kosaken den Spaß, in die Fenster der Häuser auf der Altstadt zu schießen, welches Viertel meistens von Israeliten bewohnt wird. Die armen, geänstigten Einwohner verließen scharenweise die Stadt. Sobald der Morgen graute, sah man einfache Fuhrwerke dichtbesetzt mit Juden, die ihre armseligen Bündel hielten, zur Bahn fahren; ein langer Zug von Flüchtlingen. (Es sollen, wie festgestellt, bis 20.000 Personen an diesem Tage die Stadt verlassen haben.) Eine Frau, die ich gerade beobachtete, hatte zwei kleine Kinder aus den Armen, ein Bündel trug fie in der Hand, und mit dieser Last hastete sie zur Bahn, Angst in den verhärmten Zügen. Sie war nur eine von den vielen dieser Unglücklichen, die nirgends eine Heimat haben. So sehen wahrlich nicht Leute aus, die Barrikaden bauen und kämpfend auf ihnen fallen. Die offiziösen Berichte über die hiesigen Vorkommniffe erwecken den Eindruck, als ob es sich hier um Unterdrückung einer Revolution gehandelt hätte und wollen dadurch die unmenschliche Handlungsweise der Soldaten als einen Akt der Notwehr hinstellen. Wir Lodzer wissen, daß das unwahr ist. Es wurden weder Barrikaden mit Bajonetten erstürmt, noch kämpften 60.000 Arbeiter gegen vier Regimenter. Es war überhaupt kein Kampf, denn ein solcher setzt Angreifer und Verteidiger voraus, und hier gab es nur Mörder und ihre wehrlosen Opfer. „J’aceuse!“ Aber wen, das ist die Frage und wer käme jetzt zu seinem Recht? — — Jahre werden vergehen, Gras wird über den Gräbern der unglücklichen Opfer wachsen, aber der 23. Juni wird immer ein Trauertag für die Lodzer bleiben. Die russische Regierung hingegen möge diesen Tag feiern, den Tag des großen, ruhmvollen Sieges über friedliche Lodzer Bürger. Jndenmassakre in Schitomir. Unter den hier eiugetroffenen Reisenden aus Rußland befindet sich auch eine Frau Hermann, die einen Besuch bei einer Schwester in Schitomir im Gouvernement Welinsky abbrechen mußte, weil dortselbst Judenkrawalle ausgebrochen find. Die Dame erzählt: Ein reicher christlicher Weinhändler, bei dem 25 Leute in Diensten stehen, veranlagte seine Angestellten, die Juden auf der Straße zu überfallen, wofür er fie gut honorierte. Als die ersten Schlägereien auf dem Marktplatz begonnen hatten, mengten sich Bauern ein, und es wurden viele Juden verwundet. Die Juden setzten sich zur Wehre und gingen mit Erfolg gegen die Angreifer vor. Da man erfahren hatte, daß der Polizei-

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