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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 426 Dr. Bloch's Wochenschrist. Nr. 27 der freisinnigen Partei. Abgeordneter Goldschmidt trug diesen poetischen Scheidegruß vor, der also begann: „Er schied von uns — ein Leben ist beschlossen, Das überreich an Kampf und Arbeit war, Er brachte unverzagt und unverdrossen Die ganze Kraft der Allgemeinbeit dar, Nie trug für sich er strebendes Verlangen Und fand den einzigen Lohn im Dienst der Pflicht, Aufrecht ist er zur Ruhe eingegangen, Ermüdet nur, jedoch entmutigt nicht.... Gesang des Sängerchors schloß die Feier. Unten ordnete sich der lange Zug, während der Sarg hinunter getragen, wurde. Der Choral einer Musikkapelle empfing ihn.. In langem Zuge, unter Vvrantritt der Vereine mit ihren Fahnen und Bannern und dem Mufikkorps erfolgte die Ueberführung zum jüdischen Friedhof in Weißensee, wo Rabbiner Dr. Weisse nochmals am Sarge sprach. Der frühere badische Finanzminister Ellstätter ist. wie bereits erwähnt, Mitte Juni hochbetagt gestorben. In früheren Jahrgängen dieses Blattes ist der Lebenslauf dieses ausgezeichneten Mannes eingehend geschildert worden. Unter der Spitzmarke: „Eine Ironie der Geschichte" veröffentlichen die „Münchener Neuesten Nachrichten" folgenden historisch-anekdotischen Beitrag: Der verstorbene badische Finanzminister Ellstätter durfte im Jahre 1854 noch keine Rechtsanwaltschaft in Baden ausüben, seines Glaubens wegen. Er verließ deshalb das Land und ging zur Diskontogesellschaft nach Berlin, wo er mit Miguel und Mathy zusammen praktizierte. Alle drei sind Finanzminister geworden. Mathy war Elstätters Vorgänger im Amt und berief, nachdem der Minister des Innern, Lamey, inzwischen die Emanzipation der Juden durchgeführt hatte, den in Durlach als Rechtsanwalt etablierten Kollegen von der Diskontogesellschaft als Rechtsreferenten ins Finanzministerium, 10 Jahre zuvor war er aus Baden gleichsam vertrieben worden. Nach 4 weiteren Jahren war Ellstätter Minister und seine Wirksamkeit als Reorganisator des gesamten Finanzwesens ist einer der Grundpfeiler gewesen, auf der Baden seine nationale Politik in so vorbildlicher Weise für ganz Deutschland durchführen konnte. Ellstätter war ein Finanzgenie ersten Ranges und nichts ist vielleicht bezeichnender für die ihm zu dankende Höhe des badischen Staatskredits, als die Tatsache, daß badische Staatsobligationen ein Lieblingsanlagepapier der Rothschilds aller Länder waren. Freiherr Willy, der verstorbene Chef der Frankfurter Firma, sammelte in aller Stille, aber mit großem Eifer sogenannte „Gulden- Baden", d. h. die alten Staatsobligationen in Guldenwährung. Dem Sohne des jüdischen Möbelhändlers David Ellstätter war die Ausübung seines Berufes versagt worden, aber die liberale Gesetzgebung des Landes hat das gut gemacht an ihm und er hat seiner Heimat in glänzender Weise dafür gedankt. Im übrigen hat — und auch das war eine Ironie der Geschichte — Ellstätters Ernennung zum Minister auf Jollys Vorschlag Lamey, den badischen Judenemanzipator, derart verblüfft verdrossen, daß er Abends in den „Darmstädter Hof" zu Karlsruhe gestürmt kam und den Wirt wütend zurief: „Herr Cerf, nennen Sie sich Hirsch, dann werden Sie Minister." In unverfälschtem Karlsruher Dialekt wurde ihm aber aus der Tafelrunde zugerufen: „Deß hasch jetz dervon mit Deine Judde. Du hasch jo kain Ruh g'habbt, bis D' se emanzibicrt g'habbt hasch!" Pariser Skizze. Wenn mir irgendwo in Paris die Heimat in lebhafte Erinnerung gebracht wurde, so war es m meinem Koscher-Restaurant, in welchem ich durch längere Zeit hindurch meine täglichen Mahlzeiten einnahm, und wenn ich manchmal die Augen schloß, konnte ich mir sogar einbilden, ich wäre in der Schiffgaffe in Wien. Dies war aber nur dann der Fall, wenn ich im mittleren Saa'e des Restaurants saß, welches 3 Säle hatte. In dem erwähnten mittleren sitzen vorwiegend junge Lente, die zumeist dem Arbeiterstande angehören: Schneider (rumänische Schneider find in Paris gesucht und finden lohnende Beschäftigung) Goldarbeiter, Handlungsgehilfen und erwcrbsuchende Zugereiste bilden das vorherrschende Kontingent desselben. Ihrer Nationalität nach sind es: Russen, Rumänen und Polen. Die erste Zeit, als ich in das Gasthaus kam, wurde fast allgemein französisch gesprochen — aber sragt mich nur nicht wie. Diese jungen Leute, deren Muttersprache der Jargon ist, waren gezwungen, französisch zu sprechen, denn die Kellnerin war eine Vollblut - Pariserin und die Speisekarte war französisch abgefaßt. Man tat also sein Möglichstes, um sich verständlich zu machen. Das dauerte aber nicht lange. Eines Tages wurde die Kellnerin durch einen Kellner ersetzt. Mit dem kurzen schwarzen Lustre- Spenzer, den dunklen Beinkleidern, der langen, Weißen Leinenschürze, die ihn fast ganz einhüllte und der Weißen gestärkten Hemdbrust, die aus dem tiefausgeschnittenen Gilet herausleuchtete, sollte er den Pariser Kellnertypus illustrieren. Er war aber nur ein polnisch Jüngel aus „Lemberch", wie er sagte, der nach Paris gekommen war, um französisch zu lernen. Er war als Schiffsjunge schon viel in der Welt herumgekommen und mauschelte in einigen Sprachen. Er mauschelte manchmal auch hochdeutsch, aber das nützte ihm nicht viel, der polnische Jude steckte ihm in allen Gliedern. Mit seiner Ankunft war Anarchie im Gasthaus eingeriffen, man gab sich nicht mehr die geringste Mühe, französisch zu sprechen. Alles jüdelte, die Schiffgaffe von Wien war in Paris etabliert. Als ich am Tage des Debüts unseres Kellners ins Restaurant kam, setzte ich mich an einen Tisch, an dem bereits ein ungeduldiger Stammgast platzgenommen hatte. „Oaryou, Gallon, in forschelt“, rief er unausgesetzt, aber plötzlich ging ein Leuchten und Strahlen über sein Gesicht, der „Gargon“ war mit einem lauten: „was schafft der Herr?" auf ihn zugerannt. „Gebt mer a Guppel", sagte er freundlich, und da mittlerweile vom Nebentische „une carav doh“ verlangt wurde, übersetzte ec freudig angeregt: „a Buttelje Wasser". Und so kam es, daß in kurzer Zeit das mühsam erlernte Französisch in Brüche ging. Im Zimmer rechts vom großen Saal saß die Elite der jugendlichen Stammgäste. Das waren zumeist Leute, die sich schon seit längerer Zeit in Paris aufhielten und in besserer Stellung waren, gutbesoldete Handelsangestellte. Agenten, Zahntechniker u. s. w. Diese jungen Leute wollten anscheinend für Franzosen gehalten werden. Sie sprachen furchtbar schnell, verstümmelten daher die Worte derart, daß sie sich untereinander selbst nicht verstanden, und fast jedem Satze folgte ein stereotypes „comment?“ des Zuhörers. Trotzdem lachten sie so viel und so laut, als ob sie sich köstlich unterhielten. Die edlen Jünglinge waren in ihrem Gespräche furchtbar öde, trotz ihres öfters ins Publikum hineingeschleuderten „e't exatant!" Der dritte Saal war zumeist von Familien okkupiert. Da gab es ein internationales Publikum von Herren und Damen. Außer Russen, Polen und Rumänen waren hier Holländer. Türken, Araber, und eines Tages sah ich auch eine algerische Jüdin in reichgesticktem Nationalkostüm. Das Essen im Restaurant war ausgezeichnet, trug dem Geschmacke seines Publikums Rechnung, und wenn auch manches nationale Gericht eine französische Verballhornung über sich ergehen lassen mußte, so hatte man es doch bald herausgefunden, daß unter ..Louguel au Maz“ unsere köstliche „Matzekugel" und unter .,Chalette“ der altehrwürdige, klassische „Schalet" gemeint war. Mit Staunen aber entdeckte ich unter der im Menu mit „Latkes“ bezeichnten Speise das unvergleichliche „Chimsel", die pieeo äs rssistanes des österlichen Backwerks. -Da ich im kulinarischen Jargon so ziemlich zuhause bin, befremdet mich dieses Wort, das ich nicht definieren kann, und ich wäre einem Jargon-Etymologen sehr verbunden, wenn er mich darüber beruhigen würde, daß „Latkes“ sich mit „Chimsel" deckt. Madame N., meine Gastwirtin, ist nicht nur eine vorzügliche Köchin, sondern auch eine ausgezeichnete Gattin und Mutter. Sie ist eine litthauische Jüdin und seit 85 Jahren in Paris angesiedelt. Sie spricht geläufig französisch, bedient sich aber mit Vorliebe des Jargons. Ihr Gatte ist Deutscher von Geburt, seit Jahrzehnten in Paris und ist jetzt, da er als Kaufmann Schiffbruch gelitten, im Geschäfte seiner Frau tätig. Wie die meisten jüdischen Eltern, hatten auch unsere Gastwirte den Ehrgeiz, ihre Kinder zu etwas Besserem zu erziehen. So sind die Töchter intelligente Mädchen, gute Pianistinnen, die Söhne studieren. Madame ist ein Original. Sie ist eine kleine, wolgefüllte, kugelrunde Person, die auf kurzen Beinchen und hohen Absätzen herumtippelt. Der mächtige Leib steckt in einem französischen Mieder, in welchem die Pariserinnen wie in einem Schraubstock eingepreßt sind und das den Oberkörper ins Unendliche verlängert. Aber trotz dieses Mieders ist es nicht möglich, bei Madame auch nur die Silhouette einer Taille zu entdecken. Sie ist ein großes voluminöses Paket, dabei aber doch sehr beweglich und lebhaft. Das Haar trägt sie nach französischer Art, hoch auffrisiert, stark gewellt und mit Kämmen reich besteckt. In dem runden, vollen Gesicht blitzen ein Paar dunkle Augen. Wehe Demjenigen, den diese Augen zornig anblicken. Wenn Madame aufgeregt ist und mit einer fabelhaften Zungengeläufigkeit, bald ein französisches, bald ein Jargon-Donnerwetter auf den Gegenstand ihres Zornes niederpraffeln läßt, dann schweigt Alles, Gatte und Kinder ducken sich. „0b, maman est si nsrvenss“, entschuldigt etwas verlegen die älteste Tochter; denn wenn Madame erregt ist, io hält auch di- Anwesenheit zahlreicher Gäste ihren Zorn nicht auf So regalierte sie eines Tages den Kellner mit einer Serie französischer Schimpfworte, wie imbeeile, idiot u. s. w., bis ein kräftig beransgestoßenes: ..Sie Cbamer, Sie" der aufgeregten Frau einige Erleichterung und ihren Gästen Beruhigung brachte. Uebrigens ist Madame eine wackere Frau. Sie besorgt ganz allein eine ausgezeichnete Kost für oft an 100 Gästen, sie ist eine fürsorgliche Familienmutter und eine sittenstrenge Frau.

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