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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Blorh's Wochenschrift. Seite 425 Jhering „Kampf ums Recht" in die ungarische Sprache übertrug. Ich erwähne dies, weil es symptomatisch berührt, daß, was der Jüngling von damals im heißen Mühen begann, es ward im Leben zum Ereignis, denn seit dreißig Jahren steht der heute berechtigt gefeierte Mann an der Spitze des königl. Gerichtshofes zu Szolnok und als Leiter an der Spitze der israelitischen Kultusgemeinde, er, der kömgl. ungar. Tafelrichter Herr Wilhelm Lippe in Szolnok. Ich folgte willig seinem Rufe — und der ist tadellos — und ich konnte dem Trefflichen, den ich dreißig Jahre nicht sah, Herzensworte vermitteln von Angesicht zu Angesicht. Herr Senatspräsident Lippe, der Schöpfer des ganz merkwürdigen Gemeiudewesens, genießt alle Ehren seiner hohen verantwortungsvollen Stellung, ohne aber — tout chome chez nous — die vitalen Interessen der jüdischen Gemeinde auch nur einen Augenblick seiner weiten Ausschan entrücken zu lassen. Denn seiner Tatkraft verdankt die Gemeinde ihren rhetorisch exzeptionellen Rabbi Cornell H e v e s, den derufstreuen, gesangsbegeisterten Kantor Jonas Friedmann, den modernen Gottesdienst, der unter berauschendem Orgelklang und Chorgesängen aufbraust zu Ehren Gott Zebaoth im herrlichen Tempel, welcher den jüdisch-architektonischen Fialen und Sternarchitravzug harmonisch mit den schneeig weißen Renaissancebau so glücklich verbindet, und die Baustelle, allwo vor drei Jahren der erste Spatenstich zum Gotteshause vollzogen ward, fügt sich in die Mitte zwischen der protestantischen und der katholischen Kirche ein, in gerader unferner Linie, und tu felix Hungaria — der Psalmengesang von hüben, das Ave Mariageläute von drüben stört durchaus nicht den Hosianahgesang vor dem Heiligenschrein, der aus Menschenkehlen und gut gemeisterten Orgtlkehlen sich entringt, und erfüllet den in verschwenderischem Raummaß gehaltenen Bau der nur für «00 Andächtige angelegt ist. Und die Votivtafel im Vestibüle kündet, daß die segensvolle Hand von Wilhelm Lippe den alten Geist mit der neuen Form verband. Doch nicht saxa loquntur, auch nicht, um mit dem Propheten zu sprechen, „ki ewen mikir tizok“, sondern sein Lob künden die Lippen aller Kulten, und ich fand dieser Stimmen Leitmotiv — auf der Stätte des eigenen Wirkungskreises im Schwurgerichtssaal, allda Lippe sitzet und richtet in der Richtertoga des Verhandlungspräsidenten. Hier manifestiert sich der jüdische Grundzug der deue raedmonim, der Geist der Milde waltet über der Unglücklichen Haupt, die Verirrung, Habsucht oder menschliche Leidenschaft auf die Anklagebank drückte; nicht zitternd, sondern vertrauend auf die Mil^e stehen sie zumeist reuig bekennend vor der Rampe des Gerichtshofes, in dem Lippe mit menschlichen Empfindungen waltet, der immer wieder in den dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele der Verirrten und auf der Rechtsbahn Entgleisten einen Lichtschein zu erblicken im Stande ist. Und als die Verhandlungen vorbei — es war Freitag Abends — gab derselbe Mann mir das Geleite in die Synagoge und fühlte sich ganz Jude, als welcher er der Ungarstadt des Tieflandes ihr Gepräge gab. Es sitzen im Rate der Stadtgemeinde Männer, die — wir sind in Ungarn — nicht einmütig gewählt sind trotzdem sie Juden, sondern weil sie Juden sind. Stumm drückte ich dem dreifachen Präsidenten, Senats-, Gemeinde- und Distriktspräsidenten die Hand und durch die Seele mir ein alter Traum ging: Li Io almon Jisroöl! Dr. Max Hirsch. Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch, der bekannte Volkswirtschaftler, ist in einem Sanatorium in Homburg v. d. H. am 26. Juni an den Folgen einer erneuten Darmblutung verschieden. Max Hirsch wurde 1832 in Halberstadt geboren, begründete, nachdem er verschiedene Universitäten besucht und Frankreich und Nordafrika bereist hatte, 1859 in Berlin eine Verlagsbuchhandlung, übernahm nach dem 1862 erfolgten Tode seines Vaters dessen Landesproduktengeschäft in Magdeburg, widmete sich aber dabei dem politischen und Vereinsleben und ward 1864 in den ständigen Ausschuß der deutschen Arbeiterbildungsvereine gewählt. 1867 übersiedelte er wieder nach Berlin, um ganz den öffentlichen Angelegenheiten zu leben. Infolge einer Studienreise nach England veranlaßte er seit Herbst 1868 die Gründung der deutschen (Hirsch-Duncker'schen) Gewerkvereine, als deren Anwalt und Herausgeber des Vereinsorgans er eine große organisatorische Tätigkeit entwickelt hat. Auch die Gründung des Wissenschaftlichen Zentralvereins und der Humboldtakademie, für die er als Sekretär fungierte, war seiner Anregung zu verdanken. Viele Jahre war er Mitglied des Reichstages. Seine schriftstellerische Tätigkeit war eine sehr fruchtbare. In dem Hause, das er, der Schöpfer der Gewerkvereine, so recht als seine Schöpfung ansehen durfte, im stattlichen Gewerkschaftshause zu Berlin, war Dr. Max Hirsch aufgebahrt. Hier fand die Trauerfeier statt, die imposanteste, die Berlin einem Volksmanne seit langen Jahren gewidmet hat. Um so imposanter, als diese Trauerseier keine Demonstration bedeuten, keine Parteitendenz bekunden sollte, sondern eben nur der tiefen, stillen Trauer galt um dem Heimgang eines trefflichen, verdienstvollen Mannes, eines praktischen Sozialpolitikers, der in opferfreudiger Lebensarbeit die Gewerkvereine organisiert hat, eines hochgesinnten Jdealpolitikers, der durch die Jahrzehnte treu zur Fahne der Fortschritts- und Freisinnigen Partei stand, als ihrer Führer einer. In dem Gewerkschaftshause, das er selbst vor einem Jahre mit berechtigtem frohem Stolze eröffnen durfte und in dem er die erste festliche Ansprache hielt, ist ihm gestern von seinen Strebens- und Kampfgenossen der letzte Gruß nachgerufen worden. Im großen Festsaal war, überdeckt von Blumen und Kränzen, umringt von Palmen und Lorbeer, sein Sarg aufgebahrt, indeß aus grünem Pflanzenrahmen die Büste des Heimgegangenen hervorlugte, in all der Freundlichkeit und Milde, aber auch all der zähen Treue seines Wesens. Aus weiter Ferne kamen die Vertreter der Gewerkschaften, der Ortsverbände, um dem Begründer und unermüdlichen Anwalt der Organisation den letzten Gruß zu bringen. Aber auch die politischen Freunde, die seit langer Zeit Schulter an Schulter mit dem Entschlafenen in harten politischen Kämpfen standen, fanden sich im Verbandshaufe, in der Greifswalderstraße, ein, die ^Abgeordneten von der Freisinnigen Volkspartei, Müller-Sagan, Kreitling, Kopsch, Cassel, Dr. Wiemer, Max Schulz und andere, die Vertreter des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung, der Humboldt-Akademie, der freisinnigen Wahlvereine Berlins, der Bezirksvereine rc. Zahlreiche Fahnen und Banner der Vereine und Gewerkschaftsvereine hatten zu beiden Seiten des Sarges Aufstellung gefunden. Als offizielle Vertreter der Stadt Berlin kamen Stadtrat F i s ch b e ck, Stadtverordneten-Vorsteher Doktor Langerhans und Stadtverordneter Rosenow im Schmucke der goldenen Amtsketten. Die Pracht und Fülle der nach vielen Hunderten zählenden Kränze der Vereine war geradezu überreich. Alle Räume des Gewerkvereinshauses waren mit Kränzen und Palmen angefüllt. Die ungeheure Trauerversammlung überflutete förmlich alle Räume, Garten und Höfe des Gewerkvereinshauses. Die Trauerfeier begann um 2 Uhr mit dem vom Gewerkvereins-Sängerchor vorgetragenen Choral: „Was Gott tut, das ist wohlgetan". Fünf Redner sprachen am Sarge. Als erster der Vorsitzende des Zentralrates der deutschen Gewerkvereine Herr Hartmann, der ein Lebensbild des verblichenen Anwalts entwarf. Nach ihm sprach als Vertreter der Humboldt- Akademie Herr Kämpf, Landtagsabgeordneter Goldschmidt für die Redaktion des „Gewerkvereins". „Auf dem Ehrenschild unserer Organisation" — so führt der Redakteur des „Gewerkvereins", Abgeordneter Karl Goldschmidt u. a. aus — „glänzen zwei Namen: Max Hirsch und Franz Duncker. Franz Duncker, deckt schon viele Jahre der kühle Rasen. Nun muß auch Doktor Max Hirsch zur letzten Ruhe gebettet werden. Länger als 15 Jahre habe ich mit dem nun von uns scheidenden Freund, Führer und Berater auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens gemeinsam gearbeitet, und da war es mir vergönnt, seinen edlen Charakter, seine Selbstlosigkeit und seinen freudigen Opfermut kennen zu lernen. Dies berechtigt mich zu sagen, daß unser Max Hirsch ein ganzer Mann, ein Mann ohne Fehl und Tadel war, soweit dies von einem Menschen gesagt werden kann. Unser modernes Leben erfordert außerdem gar zu viel an Kleinarbeit, der sich auch die großen Männer nicht entziehen können. Ueber dieser Kleinarbeit vergaß er aber nie den großen, auf die Hebung des gesamten Menschentums gerichteten Gedanken. Dieser war es, 1)er ihn zur Begründung der deutschen Gewerkvereine trieb, ihn hinzog zur Arbeit für das geistige und materielle Wohl der breiten Volksschichten, insbesondere der Arbeiter, ihn zwang, die Schätze des Wissens bis tief in die breiten Massen des Volkes tragen zu Helsen." Professor Dr. Franke sprach namens der Gesellschaft für soziale Reform, Lehrer Tews für die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung. Auch der Reichs- und Landtagsabgeordnete Albert Träger widmete dem langjährigen Freunde einen Abschiedsgruß namens der Fraktion

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