Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Dr. Biocb’s MwcbenscbrM. Seite 423 Pathologie. Professor Benedikt ist einer der ersten Neurologen; er schrieb vor vierzig Jahren ein Lehrbuch der Elektrotherapie und vor dreißig Jahren ein solches über Nervenkrankheiten, überdies eine große Reihe von Abhandlungen aus dem Gebiete der vergleichenden Schädel- und Gehirnanatomie, über verschiedene Nerven- und Geistesstörungen, über Jrrenrecht und Verbrecherpsychologie. Professor Benedikt ist heute alt geworden; sein Fach hat eine ganze große Schar jüngerer Kräfte als Spezialfach ausgewählt. Die Lehre von den Nervenkrankheiten und der Elektrotherapie ist weit vorausgeeilt. Benedikt ist aber nicht stehengeblieben. Wenngleich er sich in der letzten Zeit besonders gern naturwissenschaftlich-philosophischen Problemen zuwendete, wie zum Beispiel dem Leben der Kristalle, der Urzeugung, der Biomechanik, so hat er dennoch auch die Fortschritte der Nervenklinik gewissenhaft verfolgt und teilweise auch vermehrt, wie zum Beispiel mit seinen Abhandlungen über Röntgenisierung des Schädels bei traumatischer Neurose re. Die Arbeiten Benedikts sind in deutscher, französischer, italienischer, englischer und spanischer Sprache erschienen. Merkwürdigerweise ist der greise Gelehrte im Ausland stets mit mehr Gerechtigkeit« und Anerkennung behandelt worden als in Wien, dessen Fakultät einen bescheidenen Teil ihres alten Renommees gewiß auch dem aus der berühmten alten Wiener Schule übriggebliebenen Benedikt verdankt. « Irma Kaufmann, geb. Gomperz, gestorben IS. Juni 1905. „Die Frau eines Gelehrten ist dem Gelehrten gleich zu achten". Sie hat ihren Anteil an seinem Ansehen, an seinen Verdiensten und Ehren. Das gilt auch für die Frau des Professors David Kaufmann, der ihr am 6. Juli 1899 mit dem Tode vorangegangen ist. Und wenn es auch wahr ist, daß David Kaufmann alles, was er in seinem Leben geleistet und an Ruhm und Nachruhm sich erworben hat, seinem Fleiße, seinem Genie und seiner großartigen Persönlichkeit verdankte, so hat seine Gattin Irma geb. Gomperz doch auch ihren Anteil daran, als sie seinem nimmer ruhenden Drange nach geistigen Schassen und wissenschaftlicher Arbeit nicht nach Art der meisten Töchter aus reichen Häusern mit Ansprüchen an das Leben und die sogenannten geselligen Freuden hinderlich in den Weg getreten, vielmehr mit einem regen, warmen und auch verständnisvollen Interesse seine Arbeiten verfolgte und ihn mit einer überaus zärtlichen, selbstlosen und auch gern entsagenden Liebe in Allem begleitete. Seine wissenschaftlichen Erfolge und seine Ehrung und Anerkennung boten ihr einen reichlichen Ersatz für alles Andere. Sie war eine geistig begabte, gebildete und vornehm denkende Frau, der geistiges und wissenschaftliches Schaffen höher stand, als alle Güter der Erde. Sie war eine würdige Gattin des gelehrten und feinsinnigen David Kaufmann. Das Haus Gomperz in Budapest, welchem Irma Kaufmann entstammt und das zu den besten und angesehensten der ungarischen Hauptstadt zählt, muß aber auch mit einem anderen Maßstabe gemessen werden als mit dem, den man sonst an die Häuser reicher Kaufleute unserer Zeit anlegt. Hier ist nicht der Erwerb, der Besitz und der Genuß die Seele des Hauses, sondern ein von vielen Geschlechtern her überkommener idealer Sinn. Die angesehene Position dieser Familie mit ihren durch Geist, wie durch Reichtum vielfach hervorragenden Mitgliedern ist nicht von heute, sondern von gestern. Der Stammbaum dieser Familie fiihrt weit und namentlich zu vielen hervorragenden Männern und Frauen zurück, welche vom 17. Jahrhundert an die geistigen Führer und die mächtigsten und einflußreichsten Vertreter der Judenheit in Deutschland und den österreichischen Ländern bildeten. Diesen Kreisen gehörten Samson Wertheim, Chajim Jair Bachrach, die Ahnen Heinrich Heines und Glückels von Hameln an, denen David Kaufmann in bedeutenden Monographien herrliche Denkmäler gesetzt hat. Von diesem Hause sagt David Kaufmann in einem seinerzeit an uns gerichteten Briefe, daß darin eine staubfreie Atmosphäre, das reinste Streben und eine seltene Bildung des Geistes und des Herzens herrsche. Die Familie, welche durch ihre Mittel auch gesellschaftlich hochsteht, verkehrt hier (Budapests nur mit wenigen erlesenen Familien, die dann ebenfalls auch nicht den Geldkreisen, sondern den schriftstellerischen angehören (Kaufmanns Biographie im Gedenkbuche p. XLI). Es war daher nicht der Glanz des Reichtums, sondern Kaufmanns enthusiastischer Sinn für das historisch und geistig Wertvolle, der ihn zu dieser Familie hinzog. Irma, das einzige Kind von Siegmund Gomperz (verst. am 9. Juni 1893) und seiner Ehegattin Rena, auch geb. Gomperz, war aber an Adel und Vornehmheit der Gesinnung, des Herzens und des Geistes eine würdige Tochter dieses ausgezeichneten Hauses und Stammes. David Kaufmann hat sie in einem Briese an Zunz kurz nach seiner Verlobung richtig charakterisiert: „Ein einziger Verein von seltenen Vorzügen des Herzens und des Geistes hat es mir angetan. Sie hat das Herz und die Bildung, allen meinen Bestrebungen sich anzuschließen." Und so bewährte sie sich auch tatsächlich in der Ehe, welche die Liebenden nur etwas über 18 Jahre mit einander vereinte. Sie hatte Verständnis und Bewunderung für die Arbeiten des Gatten, und wenn auch nicht immer für die sachwissenschastliche Materie, so doch stets für die Formschönheit der Behandlung, worin David Kaufmann bekanntlich noch eine besondere Meisterschaft besaß. Sie.schloß sich auch allen seinen wissenschaftlichen und idealen Bestrebungen mit ganzem Herzen an. Sie war stolz auf seine Ehren und tiesbeglückt, wenn ihn etwas erfreute. Sie war die regelmäßige Begleitung des Gatten auf seinen Reisen und in den Badeorten, wo David Kaufmann überall einen größeren Kreis gebildeter Menschen an sich fesselte, zu dessen anregender Unterhaltung auch sie durch ihr lebhaftes Temperament, mit dem ihr eigenen Geist, Witz und Humor einen schönen Beitrag lieferte, so daß auch sie neben ihm die gebührende Geltung und Beachtung fand. Von ihm unzertrennlich bildete sie nach und nach gleichsam ein Stück seines Wesens. Für die Freunde und die Verwandten Kaufmanns hatte sie stets ein teilnehmendes Herz, einen liebevollen Sinn und ein offenes Haus. .Seinen ehrwürdigen Eltern bewahrte sie wie den eigenen stets kindliche Liebe und Verehrung und seinen Geschwistern war sie eine treue und hingebende Schwester, und zwar nicht nur bei seinem Leben, sondern in ungeminderter Kraft auch nach seinem Tode. Und vielleicht wurde dieses Verhältnis nachher nur um so inniger, als der Kultus seines Andenkens ihr ganzes Inneres erfüllte und ihr daher alles, was mit ihm in Verbindung war, doppelt wertvoll erschien. Der Tod des geliebten Gatten, des in seiner herrlichen Art einzigen David Kaufmann, war für sie ein furchtbarer Schlag, der ihre Gesundheit erschütterte und von dem sie sich nicht erholen konnte. Ihre Trauer hörte nie aus, ihr Leiden nahm zu und die Freude am Leben immer mehr ab. Sie war von Ahnungen eines frühen Todes erfüllt und lebte zumeist in den Erinnerungen früherer Zeiten. Das Einzige, was sie jetzt beschäftigte, war das Andenken des Gatten und fein geistiger Nachlaß. Das im Jahre 1900 von M. Brann und mir herausgegebene „Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann" verdankt seine Entstehung ihrem Wunsche und ihrer materiellen Hilfe. Durch das schöne und empfindungsvolle Vorwort, das sie demselben gewidmet, bleibt ihr Name damit für immer verbunden. Sie hat auch die zweite Auflage der „Hebräischen Melodien" veranlaßt und auch diese mit einem trefflichen Vorwort aus ihrer Feder versehen. Sodann war ihr Hauptaugenmerk auf die Sammlung, Ordnung und Veröffentlichung von Kaufmanns geistigem Nachlasse gerichtet, sowie aus die Verarbeitung des reichen Quellenmaterials, das er für eine Geschichte der Familie Gomperz gesammelt und zum großen Teile auch geordnet hatte. Die Ausführung dieses Planes sollte sie nicht erleben; aber mit dem Aufwand ihrer letzten Kräfte hat sie alles dazu in die richtigen Wege geleitet. Die Hoffnung ist daher begründet, daß ihr Herzenswunsch schließlich erfüllt wird, und daß, die im Leben einander lieb und hold gewesen, in dem Unternehmen, das nun ein solches der Pietät für Beide ist, vereint nachleben werden. An einer Unterstützung und Förderung desselben von Seiten ihrer edlen und hochherzigen Mutter, die Gott erhalten möge, wird es sicherlich nicht fehlen.