Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 420 Dr. Mocv's MocbenscbrtN. Nr. 37 stiefmütterlichst ausgestatteten Gchirnen die Erkenntnis zu dämmern beginnt, daß der gewaltige russische Despotismus hippokratische Züge aufweist, daß er wahr und wahrhaftig in der Agonie liegt. Und nun. da der Antisemitismus und seine Schergen schweigen, ist es an der Zeit, daß von jüdischer Seite geredet werde. Nicht um zu leugnen, erheben wir die Stimme, sondern um eine Tatsache, um eine Wahrheit zu bekräftigen. Wenn die Dinge sich entwickeln, wie es heute der Fall ist, so haben die Juden allerdings ihren Anteil daran. Sie haben Gut und Blut dafür eingesetzt, sie haben gelitten dafür und sie gingen in Not und Tod für eine große und herrliche Sache, die nicht nur ihre Sache, sondern eine Sache der Menschheit war. Das soll nicht verleugnet und nicht verschwiegen werden, das muß man redlich einbekennen und das verdient mit Stolz festgestellt zu werden. Wie ein gewaltiger erratischer Block ragte der russische Despotismus in die moderne Zivilisation Europas herein, die freie Bahn verschließend und den Fortschritt hemmend. Und wenn die Dinge nun so weit gediehen find, daß dieser furchtbare Block endlich gesprengt werden soll, so ist das Verdienst, es so weit gebracht zu haben — und es ist ein Verdienst um die heiligsten Güter, der gesamten Menschheit — auch den Juden mit auf die Rechnung zu setzen. In diesem heiligen Kriege haben sie die schwersten Opfer gebracht; fie waren zu jeder Zeit an die gefährlichsten Posten gesteltt; immer hatten sie die Kriegskosten zu bezahlen und an Blutsteuer haben fie in diesem Kampfe mehr entrichtet, als das ganze große übrige Volk Rußlands. Gewiß, es waren nicht die Juden, die die russischen Kriegsschiffe zum Meutern gebracht haben, aber wenn endlich die Geister in Rußland wach werden, wenn endlich das Volk zum Bewußtsein zu kommen beginnt, wenn endlich die ungeheuere Maschinerie verrotteter Willkür und korruptester Gewaltherrschaft stockt und in Men Fugen kracht, so haben sie wohl ihren blutig erkauften Anteil daran. Ueberall in der Welt haben sich die Juden als ein staatserhallendes Element, als treue Söhye ihres Vaterlandes erwiesen, überall aber haben sie auch bewiesen, daß sie zu Schergen des Despotismus sich nicht hergeben. Zu Helfershelfern wider Freihett und Menschenrecht, wider Gerechtigkeit und Menschlichkell waren sie niemals zu haben. Das soll die Well nun erfahren, fie soll es wissen, und darum wäre es nicht nur verkehrt, es wäre ungerecht, darüber zu schweigen oder es zu leugnen, daß die Juden ihren Anteil haben an der jetzigen Entwicklung der Dinge in Rußland. Das arme, gewaltsam in tieffter Unbildung gehaltene Volk, das bei irgend einer Erregung auch heute sich noch nichts Besseres weiß, als die Juden zu verfolgen, wird, wenn ihm erst die Freiheit errungen, ihm die Bildungsmöglichkeiten verschafft sein werden, selbst zu der Erkenntnis gelangen, daß es in dem schweren Kampfe keinen treueren Bundesgenoffen hatte, keinen, der für die Sache des Volkes blutigere Opfer gebracht hätte, als die Juden. Es ist ein Kulturwerk ersten Ranges und großen Stiles, das sich jetzt mit dem Niederringen der Tyrannei in Rußland vollzieht und es wäre, wir wiederholen es, töricht und ungerecht, den ruhmvollen Antell des Judentums an dieser großzügigen Kullurarbeit zu verdunkeln und zu verheimlichen. Der Despotismus liegt in der Agonie, Freihett und Gerechtigkeit sind auf dem Marsche. Das ist der weltgeschichtliche Aspell, den die Dinge in Rußland eröffnen. _ Die Bibel in der deutschen Literatur. In der Maifitzung der Gesellschaft für deutsche Literatur sprach Herr Felix Rosenbaum über den „Estherstoff in der germanischen und romanischen Literatur". Unter den biblischen Stoffen, die im 16. Jahrhundert dramattfiert wurden, zeigt das Buch Esther eine besondere ltterarische Langlebigkeit und vielfache dichterische Verwendung. Woher kommt das? Großen Reiz verlieh dem Stoffe schon der Jnhall, der in wenigen Worten lautet: Nach der Verstoßung der Vasthi wird Esther, die Adoptivtochter des in der Verbannung lebenden Juden MaHochai, die Gemahlin des Königs Ahasverus, d. i. Xerxes, und als Königin vereitelt sie die Pläne des Judenfeindes Haman, des einst so mächtigen Ministers, und verschafft ihren Glaubensgenossen blutige Rache an ihren Verfolgern. Durch seine scharfen Gegensätze war der Stoff äußerst wirksam für ein Drama. Die Erhöhung der Niedrigen ersckeint zugleich als Lohn der Guten, und der Fall der Großen als Bestrafung der Schlechten. Esther und Vasthi, Mardochai und Haman bilden scharfe Kontraste. Dazu lockten viele Einzelheiten, z. B. das Unerwartete in der Entwicklung. Auch der Gegensatz zwischen den gottgläubigen Juden und den heidnischen Persern ließ sich verwenden. Die Schilderung des glänzenden Festes, die Anwendung fast märchenhafter Zahlen erregten die Phantasie: Ahasveros beherrscht 127 Länder, das Gastmahl der Großen dauert 180 Tage; besonders oft wird die Zahl 7 gebraucht. Der Estherstoff ist unglaublich oft dichterisch bearbeitet worden; schon in einer Bibliographie von James v. Rothschild (Paris 1891) sind 92 Dramen aus germanischen und romanischen Landen aufgezählt. Dabei fehlt hier u. a. der Hinweis auf Goethes „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" und auf Grillparzers „Esther"-Fragment. Der Vortragende will die zahlreichen Dichtungen nur nach bestimmten Gesichtspunkten ordnen und charakterisieren. — Die Absicht der frühesten Dramendichter war die Verbreitung der Bibelkenntnis. Der Text der Bibel wurde in Verse gebracht und auf Personen verteilt, die sich den Zuschauern selbst vorstellten; die Technik war also höchst naiv. So in einem Stück von Velten Voitto (1537), auch bei Andreas Pfeilschmidt (1555) und in einem jüdisch-deutschen Purimspiel (1697), handschriftlich aufbewahrt auf der Leipziger Stadtbibliothek. In den romanischen Stücken, selbst den frühesten, ist die Technik besser. Erst die Humanisten des 16. Jahrhunderts befolgten strenger die Gesetze des Dramas. Vorbildlich wurde das lateinische Schuldrama des Bayern Thomas Naogeorgus (Kirchmeyer) vom Jahre 1543. Er schuf eine geschlossene Handlung dadurch, daß er den Hamanstoff allein bearbeitete: Esther ist bei Beginn des Stückes schon Königin, die Vorgeschichte erfährt man durch ein Gespräch Mardochais mit seinem Diener. Aehnlich arbeitete der französische Dichter Pierre Matthieau sein 1585 geschriebenes Stück 1589 in zwei Schauspiele um: „Vasthi" und „Aman". Reiche Gelegenheit zur Erfindung neuer Motive bot der Stoff. Davon haben die Dichter vielfach Gebrauch gemacht. Besonders interessant sind einige Zusätze jüdischer Verfasser. Hierher gehört ein Epos der Münchener Bibliothek und ein Krakauer Druck „Megillath Esther" (1589), sowie zwei provenzalische Werke. Sie haben alle eine Reihe von Motiven gemeinsam, die sich im Bibeltext nicht finden, wohl aber im „Midrasch Esther" (übersetzt von Aug. Wünsche, Leipzig 1881). Diese jüdischen Dichter wollten vor allem die Festesfreude am Purim erhöhen. Auch die christlichen Verfasser bis weit ins 17. Jahrhundert wollten erbauend wirken; daher fehlt nie die moralische Nutzanwendung. So z. B. bei Hans Sachs. Die meisten Dichter der Reformationszeit begnügen sich nicht mit allgemeinen moralischen Betrachtungen, sondern legen den Personen des Spiels symbolische und allegorische Deutungen unter. So wird dieses Buch, dem man nicht mit Unrecht vorgeworfen hat, daß es jüdischer Nationaleitelkeit schmeichle und den Rassenhaß auf jüdischer Seite schüre, zum Träger der Dogmen, der christlichen Kirche. Dabei ist der Stoff selten katholisch gefaßt worden, sondern meist als Waffe für den Protestantismus gegen die katholische Kirche benutzt. Wenn z. B. Damian Lindtner seine Vasthi in ein Kloster schickt, so will er damit den Mönchen einen satirischen Hieb versetzen (1607.) — Besonders beliebt waren bei allen Verfassern Witze und komische Figuren, die meist gar nicht in der ursprünglichen Legende Vorkommen. Im französischen Mysterienspiel des 15. Jahrhunderts spielen seltsamerweise die Henker diese Rolle. In der „Comoedia: Von der Königin Esther und hoffärtigen Haman", die die englischen Komödianten häufig in Deutschland im 17. Jahrhundert aufführten, bilden die ergötzlichen Szenen zwischen Hans Knappkäfe und seiner Frau eine breite Nebenhandlung. Einige jüdische Purimspiele sind geradezu Parodien des Stoffes. Aber dieselbe Richtung nehmen die Estherszenen in Goethes „Jahr-