Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Mocb's Mocbenscvritt. Seite 419 senden jüdischer Handwerker aus Moskau — eine Maßregel, welche offenkundig ungesetzlich war — die Entziehung des Rechtes, in die Kommunalverwaltungen selbst innerhalb des Ansiedlungsrayons Vertreter zu wählen, die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Schüler in mittlere und höhere Lehranstalten, die Ausschließung der Juden von der Advokatur usw. usw. Aeußerlich wurden diese grausamen Verfolgungen und Bedrückungen mit der patriotischen Absicht motiviert, „die Bevölkerung vor der Ausbeutung durch die Juden zu schützen", während selbst eine oberflächliche Bekanntschaft mit der Lage der jüdischen Masse es klar zeigte, daß sie nicht nur der umgebenden Bevölkerung keinen Schaden zufügt, sondern von ihr geradezu ausgebeutet wird. Die außerordentliche Billigkeit der Arbeit in den Gegenden, wo den Juden der Aufenthalt gestattet wurde, war die Folge der Entwertung der jüdischen Arbeitskraft durch den Mangel an Freizügigkeit. Wir sahen ein, daß wir weder auf die Regierung, noch auf die Gesellschaft rechnen können und daß wir uns selbst helfen müssen. Zuerst erkannte dies der jüdische Arbeiterstand (organisiert im „Bund"). Die Bewegung in den jüdischen Arbeiterkreisen wurde bald so mächtig, daß die Regierung ihr mit allen Strafmaßregeln, Verschickung usw. nicht beikommen konnte. Da wurde das alte Mittel der Achtziger- Jayre wieder hervorgeholt, die Veranstaltung von Exzessen. Es kamen die Massakres von Kischenew, und damit diele von den Juden nur deutlich als Lektion verstanden werden, wurde der jüdischen Deputation in St. Petersburg, damals mit einer Offenheit, die eines wirklichen Genies würdig gewesen wäre, erklärt: „Haltet Eure Jugend zurück! Liefert uns Eure Demokraten aus! Sonst werden wir Euch das Leben in Rußland unerträglich machen!" Das Ziel wurde jedoch durch dieaufeinanderfolgenden Exzesse nicht erreicht. Eine Beruhigung wurde nicht erzielt, selbst nachdem auch in Homel Krawalle veranstaltet waren; im Gegenteil, die Bewegung verbreitete sich in ungeahnter Weise, erfaßte das gesamte Proletariat und einen bedeutenden Teil der Intelligenz, gewann die Sympathien fast aller Kreise der jüdischen Bevölkerung und die Selbsthilfe, die Selbstverteidigung des Lebens, der Ehre und der Menschenwürde wurde zur allgemeinen Losung unter den Juden. Die Drohung der Regierung war unwirksam gewesen, da unsere Lage schlimmer nicht mehr gestaltet werden konnte. Es ist entsetzlich, zu beobachten, wie jeden Tag neue Exzesse entstehen können, wie ununterbrochen und überall die Vorbereitung zu Krawallen getrieben wird und Agitationen ungehindert stattfinden. Wir haben daraus nur die Schlußfolgernng gezogen, daß wir überall zur Selbstverteidigung bereit sein müssen. In Melitopol und in Schitomir kam es zu einem offenen Kampf der jüdischen Wehrorganisalion mit den auf die Juden gehetzten Raubmördern. Von jeher eine friedliche Bevölkerung, haben wir durch die Not lernen müssen, Ehre und Leben mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, und wenn es uns bestimmt sein sollte, noch weitere Exzesse über uns ergehen zu lassen, so werden wir auch siegen lernen. Aber die in Aussicht stehende Einberufung der ersten Volksvertretung soll ja den allgemeinen Frieden bringen. Damit dieser Friede erreicht werde, ist es unerläßlich, daß alle in der Versammlung eme wirkliche Vertretung der gesamten Bevölkerung sehen, aller Klassen und aller Völkerschaften, proportioniert nach der Zahl. Es ist notwendig, daß vorher alle Völkerschaften und alle Klassen gleiche Rechte erhalten, daß die Gleichheit aller vor dem Gesetze anerkannt und zur Bedingung gemacht werde, um dadurch die Freiheit der Wahl zu sichern, sowie die Unverletzlichkeit der Personen, welche gleichzeitig mit der Freiheit des Wortes und dem Versammlungs- und Vereinsrecht gewährlei st et werden muß. Sonst blelbt in den Händen der Administration eine mächtige Waffe, um die Stimme des Volkes zu fälschen, rndem sie emerseus durch Versprechungen und Drohungen, andererseits durch künstlich geschürten Haß zwischen den Völkerschaften einen Druck ausübt und die Einigung aller Volkskreise verhindert. Groß wird die Verantwortung derjenigen sein, welche am Tage der Erneuerung unseres Vaterlandes die Gleichheit aller vor dem Gesetze erst als Gegenstand besonderer Erwägungen hinstellen und nicht ohneweiters anerkennen wollen; welche teilnahmslose Zuschauer der brudermörderischen Kämpfe geblieben sind, die die Administration in letzter Zeit zwischen verschiedenen Völkerschaften provoziert hat. In Rußland besteht augenblicklich keine Autorität, keine Macht als Schützerin der Gesetze über die Sicherheit eines jeden Einwohners, jener Gesetze, wie sie selbst m unserer bürgerlichen Gesetzessammlung §§ löa und 270 enthalten sind. Dies mutz nach den Ereignissen von Äelitopol und Schitomir, nach dem Armeniergemetzel von Nachitschewan, nach den offiziellen und offiziösen Proklamationen. welche geradezu zur Abschlachtung ganzer Bevölkerungsklassen auffordern, als unvexkennbares Paktum erachtet werden. Die erste bedeutsamste, nicht aufschiedbare Pflicht der Vertreter der Semstwos wird es nun sein, für den Schutz des Gesetzes und des Rechtes einzutreten, wodurch allein das Land von dem Schrecken der Anarchie gerettet werden kann. Es ist dies sogar durch die bestehenden Gesetze zur Pflicht gemacht, welche unter außerordentlichen Verhältnissen Amtspersonen die Ermächtigung erteilen, besondere Maßregeln zu treffen, die im Interesse der staatlichen Ordnung unerläßlich sind. vom Aabrmarkt des Lebens. Anteilnahme der Juden am Befreiungswerk des russischen Volkes. Der Schlacht von Lodz ist die von Odessa gefolgt — ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen. So reißt die glorreiche russische Wehrmacht einen Sieg nach dem andern au sich. Die Reihe der kriegerischen Triumphe wurde in Petersburg eröffnet, als der Priester Gapon das wehrlose Volk mit einer Bittschrift zum Zaren führen wollte. Da haben Fußtruppen und schwere Reiterei mit großartiger Verachtung des Lebens — Anderer gekämpft und Erfolge erzielt, die denkwürdig bleiben werden in der Geschichte der Krankheit und der Agonie einer Selbstherrschaft, die, so riesenhaft sie auch war, ihre Rolle nun einmal ausgespielt hat. Den Siegen zu Lande schlossen sich ruhmvolle Seeschlachten an. Zuerst der Sieg über die Fischerboote von Hüll, die allerdings nicht bewaffnet waren, die aber doch die englische Flagge gehißt hatten. Und nun die eindruckvollste Tatsache: die russiche Kriegsflotte — gegen die russische Kriegsflotte! Den Tragödien folgt das Satyrspiel. In groteskeren Formen ist der Bankerott eines obsolet gewordenen Regimes niemals in die Erscheinung getreten, als in diesen Tagen, da eine erstaunliche und ans Abenteuerliche grenzende Katastrophe nach der anderen den nahenden Zusammenbruch kündet. Die einzigen Erfolge, die die größte Kriegsmacht der Welt noch zu erringen vermag, find die gegen wehrlose Boote, gegen das eigene verzweifelte Volk, das sich in seiner völligen Hilf- und Rarlosigkeit zu Prozessionen und ungeordneten Scharen zusammenrottet, und höchstens dann noch gegen versprengte Teilchen der eigenen Wehrmacht. Dafür aber gegen den verachteten exotischen Feind im Felde auch nicht einen, nicht den geringsten Erfolg. Eines hat bei den letzten Szenen dieses Satyrspiels doch gefehlt. Als der Priester Gapon das Volk führte, das nach landesüblicher Sille sich reichlich mit Heiligenbilder versehen hatte, da war der internationale Antisemitismus rüstig an der Arbeit, um alle Schuld und alle Verantwortung den Juden zuzuschieben. Gapon wurde zum Juden gestempelt, uub als man damit doch kein rechtes Glück hatte, wurden genealogische Studien betrieben, um den tröstlichen Nachweis zu erbringen, daß er doch wenigstens ein Judenstämmling fei. Die Nachkommen Schmul Leeb Kohn's und der edle Vizebürgermeister von Wien, Dr. Porzer, haben allerdings bewiesen, daß man trotz jüdischer Abstammung den Geschmack und die Courage haben kann, sich zum „praktischen Antisemitismus" zu bekennen, aber schließlich — eui Trost wäre es doch gewesen. Auch die blutigen Affären von Lodz, von Warschau und hundert anderen Orten konnten noch den Juden in die Schuhe geschoben werden. Es haben zwar immer — auch das ist landesübliche Sitte in Rußland — die Juden zu allererst und am schwersten zu leiden, ob nun der russische Absolutismus oder das von ihm bedrückte Volk wieder einmal einen Anlauf nimmt, die Schranken zu durchbrechen. Welcher Art auch die Gewalttat sei, — plectuntur Achivi; immer sind es die Juden, die zu bluten haben, die geplündert und erschlagen werden. Halten wir uns nicht auf damit, so sehr sich auch der Ingrimm regt über die Ruchlosigkeiten, die kaum ihresgleichen haben in der Weltgeschichte. Nun ist es aber aus einmal still geworden von dem Verschulden der Juden. Hat der Antisemitismus die Arbeit eingestelltV Russische Kriegsschiffe meutern, und weder das „Deutsche Volksblatt", noch seine würdige Genossin, die „Deutsche Zeitung" haben die Welt mit der Entdeckung überrascht, daß auch das das Werk der Juden sei? Was geht da vor? Daß diese Beschuldigung doch zu dumm wäre, das wäre immerhin eine Entschuldigung, aber wir find nicht in der Lage, sie gelten zu lassen. Denn reichlich so Dummes und womöglich noch Dümmeres ist unzühligemale mit dreister Stirn und kalt lächelnd mit dem Applomt dargebracht worden, als gelte es salomonische Weisheit zu verkünden. Das kann es also nicht sein. Wohl aber find nun die Dinge so weit gediehen, daß endlich auch in den von Mutter Natur