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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-07 · 27 (7.7.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 418 Nr. 27 Dr. Dlocb's Mochenscbrm, Soldaten gibt cs weder nationalen noch religiösen Fanatis-- mus!" Das ist das Urteil der russischen Gesellschaft, des russischen Volkes über die Juden. Und da sollte ihre Gleichberechtigung Ausbrüche des Volksunwillens zur Folge haben? Nein, nein — die Feigheit der russischen Regierung greift zu diesem Vorwände, um die eigene blasse, schlotternde Furcht vor dem mächtigen Einflüsse, den die jüdische Intelligenz auf die Freiheitsbewegung gewonnen hat, zu bemänteln. Denn zur Ehre dieser gehetzten, täglich und stündlich vom grausamsten Tode bedrohten Menschen sei es gesagt: die russischen Juden stehen im Vordertreffen des großen Freiheitskampfes, der gegenwärtig im Reiche des Zaren ausgefochten wird! Und nicht die jüdischen Proletarier allein, die nichts zu vecliereu haben, weil ihnen ein Leben der Knechtschaft nicht wert ist, gelebt zu werden — auch die wohlhabenden, die emanzipierten Kreise der Juden haben diesen Kampf ohne Bangen vor den Knuten der Kosaken und dem Beile des Henkers aufgenommen. Am 3. Juni hat unter dem Vorsitze des Baron H. Günzburg eine Versammlung der Petersburger Kultusgemeinde startgefunden, welche für die Gewährung einer Konstitution eintrat und dem Ministerkonseil eine Resolution vorlegte, in der es heißt: „Wir finden, daß in einer Periode des Volkslebens in Rußland, wie wir sie jetzt erleben, alle, die ein Gefühl für Ehre und Würde haben, ihre tiefe Empörung und ihren Protest gegen eine so außergewöhnliche, unberechtigte Beraubung der natürlichen Rechte eines Bürgers aussprechen müßten." Die Synagogen der russischen Judengemeinden werden zu Versammlungslokalen, in denen Tausende stürmisch eine Verfassung fordern, während draußen die Häscher der Polizei lauern, um die Teilnehmer dieser Versammlungen in's Gefängnis zu schleppen. Der Feigheit und Verlogenheit der Autokratie setzen die russischen Juden Mannesmut und Wahrheit entgegen und furchtlos stellen sie sich an die Spitze der Freiheitshelden. Das russische Volk sieht und würdigt diesen Heldenmut und es will keine Freiheit, deren nicht auch die Juden teilhaftig würden. Mag Herr Trepow tausendmal hinauslügen, daß die Gleichstellung der Juden die Interessen der übrigen Bevölkerung verletzen würde — es ist rührend, wie die zarische Gewalt von „Interessen der Bevölkerung" spricht —, so weiß heute doch jedermann in und außerhalb Rußlands, daß das Gegenteil richtig ist und daß m nicht zu ferner Zeit das Blutbad von Kischenew durch die vom russischen Volke erzwungene Befreiung der Juden gesühnt werden wird! Memorandum russischer Juden an die Vertreter der Semstwos. Parallel mit der allgemeinen Verfassungsbewegung tritt immer starker der Emanzipationskampf der Inden in Rußland hervor. Die vielfachen blutigen Exzesse der letzten drei Jahre haben weite Kreise der jüdischen Bevölkerung aufgerüttelt zur Schaffung von Organisationen zum Zwecke der Selbstverteidigung und zu einem mutigen und energischen Verlangen der elementaren bürgerlichen Rechte geführt. In den Kommunalverwaltungen innerhalb der Ansiedlungsrayons, wo bis jetzt selbst in Städten, deren Bevölkerung mehr als 70 Perzent Juden zählt, wie Berditschew, Brest-Litewsk u. a. nur 2 bis 3 jüdische Stadtverordnete und auch diese nur durch Ernennung, nicht durch freie Wahl zugelaffen wurden, haben in letzter Zeit diese Scheinvertreter der jüdischen Bevölkerung ihre Aemter niedergelegt, indem sie Erklärungen abgaben, daß sie es mit dem Gefühle ihrer Menschenwürde nicht für vereinbar halten, ohne Mandat ihrer Glaubensgenossen, diese zu vertreten, zumal da ihre Stimmen (in Brest-Litewsk z. B. 2 unter 26 bei einem Verhältniffe von 70 zu 30 Perzent!) gar nicht zur Geltung kommen. Aehnlich haben in Minsk, Bobruisk, Kowno, Mohilew, Grodno, Kischenew, Wilna die jüdischen Stadtverordneten ihre Demiffion gegeben. Andererseits haben Vertreter der jüdischen Intelligenz in Moskau ein ausführliches Memorandum an die sich dort versammelnden Vertreter der Semstwos gerichtet, worin unter Bezugnahme auf die bevorstehende Einberufung einer Volksvertretung mit anerkennenswertem Mute eingehend die Rechtlosigkeit dargelegt wird, unter welcher die Juden am meisten im Reiche leiden, und entschieden verlangt wird, daß ihnen die Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern gewährt werde. Nach einer Aufzählung der Forderungen, welche vom allgemeinen liberalen Gesichtspunkte in formeller Beziehung an die zu berufende Volksvertretung gestellt werden müssen, fährt das interessante Schriftstück folgendermaßen fort: Von all den Beschränkungen, welche auf den russischen Juden lasten, ist die schrecklichste die Beschränkung des Wohnrechtes auf dem sogenannten Ansiedlungsrayon. Von 78 Gouvernements und Provinzen Rußlands (ohne Finnland und Polen) sind für uns Juden nur 15 offen, und selbst innerhalb dieser wenigen Gouvernements nur die Städte nicht aber die Dörfer und Landgebiete. Bei all der in Rußland herrschenden Rechtlosigkeit ist einer ähnlichen Beschränkung kein anderer Stamm, keine andere Konfession, keine andere Klasse der Bevölkerung unterworfen. Sogar die schwersten Verbrecher verlieren nicht für immer das Recht, sich den Wohnort zu wählen, dem Juden aber wird ohne eine geringste persönliche Schuld, nur deshalb weil er Jude ist, genauer gesagt, weil er den jüdischen Glauben bekennt, d. h. emen einzigen Gott verehrt, von der Geburt an und für das ganze Leben das elementare Menschenrecht geraubt, das Recht des Menschen, in seinen! Vaterlande zu wohnen und in dem für ihn notwendigen Orte zu leben und zn arbeiten. Die Ausnahmen in dieser Einsicht sind sehr wenige und werden nur als besondere Privilegien für diejenigen zugelassen, die eine Hochschule absolviert haben, für Kausieute erster Gilbe, für Personen, die sich auf dem Gebiete des Großhandels durch eine Reihe von Jahren Verdienste erworben, im beschränkten Maße auch für die als Meister anerkannten Handwerker (nicht aber für Gehilfen und Arbeiter); auch gilt diese Vergünstigung mehr in der Theorie als in der Praxis und gelangt nicht überall zur Anwendung. Diese Rechtsbeschräntung macht die Juden in den Augen der anderen Bevölkerung zu einer außerhalb des Gesetzes stehenden Klasse, der gegeilüder alles erlaubt erscheint. In der Tat, wie kann man anders auf die Leute sehen, deren bloße Anwesenheit an einem Orte schon als Verbrechen angesehen wird, wenn man glauben muß, daß ohne Schuld das Gesetz keinen bestraft, und wenn man das Gesetz respektieren soll. Diese Rechtsbeschränkung brachte die Juden, die außerhalb des Ansiedmngsrayons leben, in die Lage von Individuen, die unter polizeilicher Aufsicht stehen, da die gesamte lokale Administration bis herab zu den Dworniks (den rm Dienst der Polizei stehenden Hausbesorgern) auf die zuziehenden und abreisenden Juden zu achten und deren Wohnrecht zu prüfen verpflichtet ist. Häufig werden sogar zu diesem Zwecke umfassende nächtliche Hausdurchsuchungen vorgenommen. Wie sich diese Internierung von 6,000.000 Menschen innerhalb weniger Gouvernements in der ökonomischen Lage dieser Bevölkerungsklasse wieberspiegelt, wurde bereits hervorgehoben. Sie machte die jüdischen Arbeiter zu den am meisten ausgebeuteten Individuen, da sie des Rechtes beraubt sind, sich dort Arbeit zu suchen, wo sie besser bezahlt wird. Ein Pauperismus wurde geschaffen, der in seinen Dimensionen ohne Beispiel ist, eine Bettelarmut, wie man sie nirgends sonst gesehen. Daneben hat die Vorenthaltung der grundlegenden Bürgerrechte und der ftmstand, daß der Jude me als Sohn seines Vaterlandes anerkanut wird, den Boden geschaffen, auf welchem im Laufe von Jahrzehnten ungehindert und ungestraft, wie von selbst, immer neue Beschränkungen erblühen, die in ihrer Gesamtheit das Leben aller Klassen der jüdischen Bevölkerung in Rußland zu einer unerträglichen Qual gestalten. Der Ansiedlungsrayon, dieser Ueberrest mittelalterlicher Feudaleinrichtungen, blieb für die Juden bestehen, auch nachdem die Leibeigenschaft der Bauern beseitigt war und für alle anderen Einwohner die freie Bewegung gewährt wurde. Nur einige Erleichterungen wurdeil für die obenerwähnten Kategorien gewährt. Die Juden glaubten damals, es sei der Lichtstrahl eines neuen Lebens. Sie glaubten, daß jene der Vernuiift, dem Gewissen und dem allgemeinen Nutzen der Bevölkerung widersprechende Beschränkung des Wohnrechtes nicht lange sich werde halten lassen, sie hofften, daß die demokratisch gesinnte russische Intelligenz den Juden ebenso wie allen Bedrückten ihre Aufmerksamkeit zuwenden und auf das schreiende Unrecht der Ausnahmsgesetze Hinweisen werde. Aber wir haben uns getäuscht und unser Vertrauen, unser ruhiges Verhallen wurde als Zeichen der Ohnmacht und lnechtischer Unterwürfigkeit gedeutet. Dann kam die Reaktion und die Isolierung der Juden, welche durch ihre Rechtlosigkeit geschaffen war, machte sie zu einem besonders geeigneten Objekt für jede Willkür, für die Zurücksetzung und Unterdrückung aller Menschenwürde. Die Judenverfolgungen der Achtziger-Jahre, welche ganz plötzlich ausgebrochen sind, ohne daß man ähnliche Exzesse im Laufe der Jahrhunderte in Rußland gesehen hätte, diese Verfolgungen, die von einem bestlmmlen Plane geleitet waren (es ist wohl kein Zweifel, daß damals der Direltor des Departements der Staatspolizei W. K. Plehwe war), .machten es für uns bald klar, daß angesichts der sich vorbereitenden sozialen Revolution die Juden von der Administration dazu ausersehen werden, um die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes auf sie abzulenken und das Volk dadurch über die wirklichen Ursachen seines Elendes zu täuschen. Auf das Flehen der jüdischen Bevölkerung um Hilfe und Schutz antwortete die Regierung mit einer Reihe neuer grausamer Beschränkungen der Rechte. Es wurde den Juden verboten, selbst innerhalb des Ansiedlungsrayons in den Dörfern sich aufzuhalten, die Gebiete am Don und am Kaukasus wurden durch eine willkürliche Auslegung der bestehenden Gesetze den Juden verschlossen. Dann folgte die Vertreibung von Tau-

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