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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Str. 26 Dr. Llocv's MocvenscvrlN. «eile 415 die schönen, lieben Augen. Wie schnell werden die paar Dienstjahre verschwinden und dann sitzen wir wieder am Nähtische und singen so frei wie die Vögel im Walde." So verstand mein Jankele zu sprechen; es waren nicht bloß Worte, sondern auch heilender Balsam, der ihm von den Lippen floß. Als er uns verließ, war uns wunderbar zu Mute, wir wußten selber nicht, was wir empfanden, etwas Süßes, Wonnigliches, Ueberraschendes. Meine gottselige Frau war die erste, die das Schweigen brach. „Die wahre Lebensfreude", sagte sie, „liegt in der Arbeit — wie recht hat unser Jankele." „Ja", erwiderte ich, „wir können alle zu ihm in die Lehre gehen, sowohl was frommes Denken, als was frommes Handeln betrifft." Rachele jedoch sprach kein Wort, aber wie ein Lichtbote aus ihrem heilen Herzen erschien ein gar seliges Lächeln auf ihren Lippen. Schweigend vor sich hinlächelnd, zog sie sich in ihr Stübchen zurück, und als sie dasselbe eine Viertelstunde später verließ, war alles darin schmuck und sauber, der Fußboden gescheuert und die Fensterscheiben spiegelblank geputzt. Uns legte sie auf dem Nähtische alles zurecht, gleichsam, als wollte sie sagen „Liebe Eltern, zur Arbeit!" Als Jankele tagsdarauf nach dem Exerzieren zu uns herüber kam, fand er uns alle frisch bei der Arbeit. „Mit Glück! Mit Glück!" rief er uns schon bei der Türe entgegen, „so erkenne ich in Euch meine guten, meine braven, meine lieben Eltern wieder. Die ehrliche Arbeit wird alle Zeit den Kummer von Euch bannen. Hierauf begab er sich ins zweite Zimmer zu seiner Frau, die ebenfalls über ihre Arbeit gebückt saß. Mit beiden Händen richtete er ihr Haupt zu sich empor, schaute ihr sekundenlang in die Augen und rief dann in einem wahren Ausbruche von Freuden: „So bist Du mir wieder meine gute, meine teuere Rachele, mit den schönen, lichtvollen Augen — mögen sie Dir immer nur in Freuden leuchten!" „Jankele, mein guter Jankele", flüsterte sie, aber mehr vermochte sie nicht, denn seine Küsse ließen sie nicht zu Worte kommen. „Schauts mal her! Schauts mal her!" rief Jankele unter hellem Lachen, während ihm die Tränen voll in den Augen standen. „Schauts mal her, wie die fromme Rachele einen Söldner küßt!" Keinen Tag versäumte Jankele seit jener Zeit, sich bei uns einzufinden. und uns bei der Arbeit behilflich zu sein, oder mit uns ein Stündchen zu verplaudern. Seiner Ordnungsliebe und unvergleichlichen Pflichttreue wegen wurde er bald der Liebling aller seiner Vorgesetzten, die es ihm dann auch erlaubten, uns zu jeder Zeit außer den Dienststunden zu besuchen. Zwei Monate nach seinem Eintritte ins Militär fehlte es uns nicht an einer klemm, freudigen Ueberraschung. Jankele nämlich erschien bei uns und sein Waffenrock, war zu beiden Enden des Kragens mit je einem weißen Stern geschmückt: es war sein erstes Avancement. Eine noch größere Ueberraschung war uns für einige Wochen später Vorbehalten. Der Major seines Regimentes erschien selber bei uns. Er wollte, so sagte er, die wackern Eltern kennen lernen, die einen so braven Sohn haben, der der pflichttreueste und diensteifrigste Soldat in seinem Regimente ist. Diese Worte waren doch gewiß nur geeignet, unser Herz mit edlem Stolze zu erfüllen. Jankele genoß aber auch Freiheiten, wie sie keinem anderen Soldaten zuteil wurden. Er durfte uns nicht allein außer den Dienststunden besuchen, sondern auch über die vorgeschriebene Nachtzeit bei uns bleiben. Leider sollte uns aber auch der herbe Schmerz der Trennung nicht erspart sein: schon kurze Zeit darauf mußte Jankele mit seinem Regimente in die Hauptstadt abmarschieren. Da riß freilich die kaum vernarbte Wunde wieder auf, aber er wußte uns so liebevoll Trost zuzusprechen, daß uns die lange Trennungsstunde um vieles leichter wurde. Die Briefe, die er aus der Hauptstadt an uns richtete, enthielten viele ermunternde Worte und waren mit einem heitern Humor gewürzt. In einem derselben teilte er uns mit, daß sein Waffenrock jetzt nicht mehr mit einem, sondern mit zwei Sternen geschmückt ist. „Freilich", so fügte er launig hinzu, „leuchten dieselben ihm lange nicht so schön, wie die lichtvollen Sterne seiner Rachele, aber immerhin sind es Sterne, und wenn nmn im Dunkeln ist, muß man auch mit ihnen vorlieb nehmen. Aber nicht immer blieb Jankele im Dunkeln. Es nahte bald die Zeit heran, wo er seinen Urlaub erhielt und da konnte er wieder in die leuchtenden Sterne seiner Rachele blicken und mit Freuden seinen Soldatenrvck entbehren. Jankele gehörte wieder ganz und ungeteilt seiner Familie. Wieder erklangen im zweiten Zimmerchen bei der Arbeit heitere Lieder, die ein Jahr lang dort nicht gehört wurden und wir, die Eltern, wie waren wir glücklich, unsere Kinder wieder vereint zu sehen, die wir seit ihrer Kindheit nebeneinander wachsen, gedeihen und in lauterer Liebe groß werden sahen. Mit Rachele ging seit einiger Zeit eine wunderbare Veränderung vor; sie schwieg oft stundenlang und saß, in stille Träume verloren, doch lag in diesem Hinbrüten nicht jene drückende Schwüle der Wehmut, sondern ein süßes Ahnen, eine stille Glückseligkeit, die gerne in sich selber abgeschlossen bleibt, auch schwamm in ihren Augen etwas wie feuchte Sehnsucht, während ihr Mund von jenem träumerischen Lächeln umspielt war, welches von einem inneren Glücke zu erzählen wußte. Es kam uns daher nicht unerwartet, als unser Jankele eines Tages mit vor Freude strahlendem Gesichte vor uns hintrat und uns mit wonnebebenden Lippen das zarte Geheimnis mitteilte: „Mein herzliebes Rachele sieht einem freudigen Ereignis entgegen". (Fortsetzung folgt.) Literat««. Literarisches Wanderbuch. Von Gustav K a r p e l e s. Neue Folge. Slavische Wanderungen. Berlin. Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur 1905. Der bekannte Heineforscher und bedeutende Literarhistoriker zeigt sich in dem vorliegenden Buche auch als ein Kulturhistoriker ersten Ranges und denkende Leser werden ihm Dank wissen, daß er sie in eine neue, ferne und fremde Welt führt. Wohin wir dem geschätzten Schriftsteller auf seinen Wanderungen auch folgen, überall empfangen wir tiefe, nachhaltig wirkende Anregungen und Eindrücke, in der weltberühmten russischen Handelsstadt Nischni-Nowgorod, wie an der russischen Riviera, bei den Karäern und Chazaren, ob er von dem edlen spanischen Dichter und Philosophen Jehuda Halevi erzählt, ob von dem großen Wladimir, der in der Heldensage des russischen Volkes noch fortlebt, ob er unfern Blick auf die russische Frauenarbeit lenkt, ob auf dem Schauplatz des Meisterwerkes des unsterblichen Dichterfürsten, Iphigenie, nach Taurien! Ueberall bewundern wir die Vielseitigkeit des geschätzten Verfassers dieser trefflichen Schilderungen! Von ganz besonders hohem Interesse ist das umfangreiche Kapitel „Der russische Parnaß", ein Stück russischer Literaturgeschichte neuerer und neuester Zeit. Aus dem „heiligen Rußland" begleiten wir den Reisenden mit nicht minder großem Interesse durch Polen! Wo gäbe es ein fühlendes Menschenherz, das nicht die wärmste Teilnahme für das tragische Schicksal des unglücklichen Volkes und Landes empfände! Wir schreiten durch die Straßen der „degradierten Schönen" der einst so stolzen Hauptstadt Warschau, eine Flut historischer Erinnerungen steigt vor unserem geistigen Auge auf, die Schatten Johann Sobieskys, August des Starken, Stanislaus Poniatowskys neben dem des Nationalhelden Thaddeus Koscinszkos ziehen an uns vorüber, wir vermeinen den Schmerzensschrei: „Fiiiis Poloniae“ zu hören! Von polnischen Dichtern und Schriftstellern, von polnischer Kunst weiß Gustav Karpeles vortrefflich zu sprechen und namentlich hat mich die Frau, das bedeutende Kapitel, mächtig angezogen, das er Polens größter Schriftstellerin Elise Orzeszko, widmet, die er die „polnische George Sand" nennt.

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