Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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«Setlr 414 Dr. Dlocv s Mocvenscvrlir. r»r. L6 Brünn. An der Brunner k. k. deutschen technischen Hochschule wurde der einzige jüdische Professor an dieser Anstalt, Herr Emil Wälsch am 23. Juni zum Rektor für das kommende Studienjahr gewählt. Herr Professor Wälsch hat es aber abgelehnt, das Ehrenamt anzunehmen. Sein diesbezüglicher Beschluß wurde am „schwarzen Brett" den Hörern der Technik kundgegeben. In pietätvoller Erfüllung des von dem plötzlich verstorbenen Reichsratsabgeordneten und Kammerrate Friedrich Singer geäußerten Wunsches und entsprechend seinen Intentionen hat dessen Gattin, Frau Mathilde Singer, deren Wohltätigkeitssinn und humanitäres Wirken allgemein bekannt ist, hierortigen Wohlfahrtsanstalten Spenden zukommen lassen. Es wurden u. A. bedacht: Die jüdischen Ortsarmen und der israelitische Frauenverein mit je 1000 K, der Verein „Bikur Cholim" und der jüdische Waisenhausfonds mit je 300 X, der Freitischverein für Knaben und Mädchen, das Tischnowitzer Mädchen-Ferienheim und das Brünner Kinderspital mit je 200 X, der Verein Reisender Kaufleute in Brünn, die Kranken- und Unterstützungskasse der Jndustriebeamten in Brünn und die Kranken- und Jnvalidenkasse der Arbeiter mit je 500 K; im Ganzen 10.250 K. Djakovar. Der Großkaufmann und Großökonom Herr Adolf Kohn, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Djakovar wurde von Sr. Majestät in Anerkennung seiner Verdienste für sein Wirken auf öffentlichem Gebiete mit dem goldenen Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet. Herr Adolf Kohn hat es verstanden, sich von bescheidenen Anfängen zu einer angesehenen sozialen Stellung emporzuschwingen. Stratznitz. Hier starb das älteste Mitglied unserer Gemeinde im 83. Lebensjahre, geachtet und beliebt, Herr Herzl Weiner. Das Leichenbegängnis fand am 22. d. M. unter zahlreicher Beteiligung statt und Herr Rabbirrer Dr. Friedmann pries an der Bahre den Charakter des Verblichenen, der ein Veteran der alten Garde war. Berlin. Für ein gutes Fortkommen der Auswanderer in den Ländern, nach denen sie sich wenden, ist es nötig, daß sie möglichst rasch die Landessprache sich aneignen. Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungs-Angelegenheiten hat, um die jüdischen Auswanderer zur Erlernung der Sprache ihrer zukünftigen Heimat anzuregen, zwei kurzgefaßte Wörterbücher herausgegeben; das eine Englisch-Jargon für die, welche nach England und den englisch sprechenden Ländern gehen, das andere Spanisch-Jargon für die, welche Südamerika aufsuchen. Die Umschlagsseiten dieser Wörterbücher enthalten übersichtliche Tabellen über Schiffspreise, Maße, Münzen und Gewichte. Frankfurt am Ntai». Herr v. Goldschmidt-Rothschild ersucht in Berliner Blättern mitzuteilen, daß an den seine Person betreffenden Mitteilungen vom Königlich preußischen Kammerjunker sowohl wie vom Großherzoglich hessischen Kammerjunker kein wahres Wort sei. Feuilleton. Aus finster« Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Natha« Samuely. Neuntes Kapitel. Gebeugt, gebrochen und völlig vernichtet erreichte ich die Türe meines Hauses. O, dieser Raum, in welchem so viele stille Glückseligkeit geherrscht hatte, war jetzt eine Stätte des Jammers. Meine Frau und Rachele saßen träumend nebeneinander, sie sprachen nicht, ja, sie weinten nicht einmal, aber auf ihren Gesichtern drückte sich so viel Schmerz, so viel Verzweiflung aus, daß ich meinen eigenen Jammer vergaß und nach Worte des Trostes suchte, um die Unglücklichen aufzurichten. Allein aus einem gebrochenen Herzen fließt nur sehr schlechter Trost . . . „Glaubt mir", fing ich an, verlegen nach Worte ringend, „glaubt mir, was der liebe Gott tut, das ist gut getan ..." Meine Frau fing an laut zu schluchzen, Rachele weinte still in sich hinein und auch ich konnte dem Laufe der Tränen nicht Einhalt tun. Ich sah es ein, daß in solchen verzweifelten Augenblicken ein derartiger Trost nur wenig geeignet war, das wunde Herz zu heilen . . . Die Nachbarinnen kamen eine nach der andern und suchten den Unglücklichen Trost zuzusprechen, allein auch sie fanden nicht das rechte Wort zur rechten Zeit. „Sind Sie doch nicht die Einzigen", sagten sie, „die von einem so harten Los betroffen werden!" „Aber Jankele ist unser einziges Kind", erwiderte meine Frau, „unsere Freude, unsere Stütze, unser Leben, unser Alles!" Da kam noch an demselben Tage ein viel besserer Tröster, der das rechte Zauberwörtchen kannte, mit welchem der große Schmerz gebannt wird, und dieser war kein anderer als unser Jankele. Er erschien bereits als Soldat gekleidet, doch merkwürdig, nicht gebeugt, wie ich ihn heute morgens gesehen, sondern stolz aufgerichtet und ich muß gestehen, daß seine schöne, schlanke Gestalt sich gar vorteilhaft in diesen knappanliegenden Gewändern ausnahm. „Jnkele!" so rang es sich uns allen bei seinem Anblicke von den bebenden Lippen und der Ruf klang, wie Ueberraschung über etwas Wiedergefundenes, das man verloren gegeben. „Jankele", wiederholte er mit munterem Tone, „freilich bin ich das, was ich war, nicht um ein Haar weniger. Euere Tränen und euere Verzweiflung, liebe Eltern, lassen mich schier an eurer Gottergebenheit zweifeln, die ihr alle Zeit so glänzend bewährt habt. Ich bin derselbe, der ich war, und werde es stets bleiben. Als Soldat werde ich meine Pflicht erfüllen, meinem Kaiser und Herrn dienen, dann kann mir gar nichts Arges geschehen. Dir, lieber Vater, schwebt immer jenes schreckliche Bild des Soldaten vor, der unter mörderischen Spießruten so gräßlich mißhandelt wurde. Wer seine Pflicht ehrlich erfüllt, ist solcher Strafe nicht ausgesetzt, der wird vielmehr von seinen Vorgesetzten ausgezeichnet. Fürchtet ihr vielleicht, daß ich als Soldat nicht mehr die frommen Bräuche unserer Religion üben werde? Dann irrt ihr euch nicht wenig. Ich werde wie bisher die frommen Lehren, die ihr mir seit meiner Kindheit eingeflößt habt, nicht außer Acht lassen, sie werden mich überall, wohin ich auch immer gehen werde, wie Leitsterne voranleuchten. Oder meint ihr, liebe Eltern, daß es eine gar so untilgbare Schmach sei, ein Kind unter den Soldaten zu haben. Dann ist es von euch noch weniger gerecht — heißt es ja auch von Gott, er sei ein Herr des Krieges — bleibt also, liebe Eltern, heiter und wohlgemut, suchet wie immer eure Lebensfreude in der Arbeit und es wird sich noch Alles zum Guten fügen". Ohne den Eindruck seiner Worte abzuwarten, wandte er sich hierauf zu seiner Rachele, hob sie wie ein Kind zu sich empor, legte ihren Kopf an seine Brust und küßte ihr die Tränen aus den Augen. „Du beweinst mich ja, herzliebes Rachele", scherzte er, während die zurückgehaltenen Tränen ihm schier die Kehle zusammenschnürten. „Du beweinst mich ja, wie wenn ich gestorben wäre. Schau mich einmal an, süßes Kind, da steh ich ja vor Dir mit ganzen heilen Gliedern, freilich stecken sie in militärischer Gewandung; aber das beweist ja nur, daß ich einige Jahre dienen werde, und hat nicht auch Jakob um seine Rachel sieben Jahre gedient. Ich brauche mir ja nur einzureden, daß ich um Dich diene, und die paar Jahre werden kaum wie einzelne Tage in meinen Augen sein, ganz wie es bei Jakob heißt. Weißt Du aber auch, mein Herzlieb, warum Jakob seine Rachel so sehr liebte? weil sie so gut, so fromm, so gottergeben wür und weil sie so schöne Augen hatte. Bleibe daher auch Du mir ein gutes, frommes Rachele und trübe Dir nicht durch Tränen