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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Diocd's MocbenscvttN. Sette 411 Sobloewski wurde ein Nevolverattentat verübt, das jedoch mißlang. In der Stadt Lodz wurden insgesamt 32 Monopolläden und gegen 700 Gaslaternen zerstört. In Warschau sind die Straßen, die vom Militär durchzogen werden, ruhig. Die russische Gesellschaft über die Judenfrage. Aus Petersburg berichtet der Korrespondent der „Vossischen Zeitung": In einer Zeit, wo die russische Regierung sich die Köpfe darüber zerbricht, wie sie am besten die jüdische Bevölkerung von der russisch-orthodoxen trennen könnte, ist es vielleicht nicht uninteressant, wie die russische Gesellschast über die Juden denkt. Der demokratische Fürst Eugen Trubetzkoi (Kiew) sagte mir im Jänner dieses Jahres auf meine Frage: „Die Judenfrage hat überhaupt lediglich durch die Ausnahmsgesetze eine Bedeutung bekommen, die sie nicht verdient. Ich sehe in den Juden nur so lange eine Gefahr, als sie den heute herrschenden Gesetzen unterworfen find. Es heißt doch eine geringe Meinung von seinem eigenen Volke haben, wenn wir uns vor den Juden fürchten sollten. Der Moskowiter ist so weit entwickelt, daß es mir gar nicht zweifelhaft erscheint, daß er im Konkurrenzkampf mit dem Juden lediglich gewinnen kann." Herr D. N. S ch i p o w (Moskau), her bekannte Organisator der Semstwo, weit konservativer als der Fürst Trubetzkoi, meinte: „Eine Judenfrage kennen wir (die Gebildeten) nicht; wenn Sie aber die Frage so stellen, wie ich die kulturellen Fähigkeiten der Juden beurteile, dann kann ich nur auf den gewaltigen Aufschwung Hinweisen, den die Juden in den letzten 25 Jahren auf allen Gebieten genommen haben. Die Annäherung an die Juden kann uns nur zum Segen gereichen." Herr I. T a b u r n o, der Kriegsberichterstatter der „Nowoje Wremja", schreibt in seinem, vom alten Suworin herausgegebenen Buche „Die Wahrheit über den Krieg": „Welche Anekdoten werden nicht von den Juden erzählt! Dennoch habeu sich nicht wenige von ihnen während dieses Krieges prächtig ausgezeichnet als tapfere und überlegene Soldaten. Nicht wenige wurden von ihnen mit dem Georgskreuz geschmückt; viele tragen zwei oder drei solcher Kreuze an der Brust. Man beachte, daß dieses Ehrenzeichen durch Stimmabgabe der Mannschaften einer Kompagnie nnd nicht durch die Vorgesetzten vergeben wird. Und wie werden die Juden von den anderen Soldaten geliebt! Auch die Offiziere konnten sie nicht genug loben. Beim russischen Soldaten gibt es weder nationalen noch religiösen Fanatismus." So wagt ein Mitarbeiter des Herrn Suworin, der neben Herrn Gringmut der wütendste Antisemit Rußlands ist, zu schreiben. Odessa. Wie auf Parole sind in allen Städten, wo jüdische Stadtverordnete find, dieselben von ihrem Posten zurückgetreten, und zwar mit der Begründung, sie seien nicht von der jüdischen Bevölkerung gewählt, sondern nur vom Magistrate ernannt worden, sie können sich also nicht als Vertreter der Juden betrachten, abgesehen davon, daß die wenigen jüdischen Stadtverordneten in gar keinem Verhältnis zu dem der jüdischen Bevölkerung gebührenden Pei^entsatze stehen. Wie die „Sin Okozestwo" schreibt, bemühten sich die Behörden, die zurückgetretenen Stadtverordneten von ihrem Beschlüsse abzubringen, aber ohne Erfolg. Juden auf dem Schlachtfeld. Es erhielt für seine Teilnahme an der Schlacht vor Mukden L. Tschernezky, Kapellmeister des 57. Mosliner Regimentes, den St. Stanislaus-Orden mit Schwertern, den persönlichen Adel und für seine Familie die erbliche Ehrenbürgerwürde. So erhielten ferner Ordensauszeichnungen die Militärärzte Dr. E. Hermann und Dr. Bortschewsky (Sohn des gewesenen Kischenewer Rabbiners). Beim Friedensrichter. Der „Vorwärts" erhält aus guter Quelle die folgenden Mitteilungen: Die letzten Bluttaten in Minsk und Warschau, wo in der Rolle der Krawallhelden die Soldaten der örtlichen Regimenter hervorgetreten sind, bilden die allerneueste Taktik der selbstherrschenden Clique. Die Banditen des Zarismus, mit Trepow an der Spitze, bereiten allem Anschein nach eine neue Reihe von Judenkrawallen mit Hilfe der Soldaten und Reservisten vor. Der dazu organisierte städtische Mob und die „schwarze Bande" haben, wie es scheint, die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Tatsachen, die wir aus Lodz erfahren, verbreiten über die letzten Mordtaten in Minsk und Warschau ein neues Bild. Nach unseren Informationen hat am Mittwoch den 31./18. Mai, um 10 Uhr abends, beim Friedensrichter des neunten Bezirkes, in seiner Wohnung (Konstantinowskaja 31), eine Versammlung der bürgerlichen und militärischen Beamten stattgefunden, auf der beschlossen wurde, den Versuch zu machen, mit Hilfe der örtlichen Reservisten einen Judenkrawall zu veranstalten. Exzesse gegen Juden. In Bobrinsk (Gouvernement Minsk) versammelten sich mit Erlaubnis des Polizeichess gegen tausend' jüdische Bewohner des Ortes auf dem dortigen Friedhofe, um eine Gedächtnisfeier für die Opfer der antisemitischen Exzesse in Schitomir und den christlichen Studenten Blinow, der als Verteidiger der angegriffenen Juden gefallen war, zu begehen. Das Publikum betrug sich musterhaft. Obgleich die Versammlung von der Polizei gestattet war, kam ihr auf dem Rückwege eine vom Gehilfen des Polizeipristaws geführte Abteilung Kosaken entgegen, die auf das Kommando des Polizisten: „Haut die Juden!" mit ihren Knuten nach rechts und links schlagend in die Menge hineinsprengten, wobei Kinder, junge Mädchen und gebrechliche Greise von den Hufen der Pferde und den Knuten übel zugerichtet wurden. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß. Zur Geschichte der chinesischen Juden. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Berthold Lauser im „Globus" vom 13. April 1904 eine Abhandlung, die sich mit der Herkunft der Juden in K'ai song su, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Honau, beschäftigt. Lauser tritt der Ansicht namhafter Sinologen, daß die Juden, deren Anwesenheit in K'ai song fu bekanntlich bereits im Anfang des 17. Jahrhunderts durch Jesuiten festgestellt und nach Europa mitgeteilt wurde, zur Zeit der Han-Dynastie im ersten nachchristlichen Jahrhundert über Persien und Zentralasien nach China eingewandert seien, entgegen. Diese Ansicht beruhe auf der Tradition der Juden, wie sie in den in der Synagoge von K'ai song fu gefundenen vier Vertikalinschriften niedergelegt sei. Diese Inschriften, von denen die älteste vom Jahre 1489, die zweite vom Jahre 1512 und eine dritte vom Jahre 1663 datiert ist, (sie find übrigens neuerdings durch den Jesuitenpater Tobar in einer Abhandlung in den Variötös sinologiques Nr. 17, Schanghai 1900 herausgegeben und übersetzt worden) könnten aber nicht als zuverlässige Quelle angesehen werden, sondern bestrebten sich zweifellos, die erste Einwanderung der Juden nach China in immer frühere Zeiten hinaufzurücken. Das g he besonders augenfällig daraus hervor, daß die jüngste Inschrift einen noch viel früheren Zeitpunkt für die erste Einwanderung angebe als die älteste Inschrift. Lauser kommt auf Grund eines kritischen Eingehens auf den Inhalt der Inschriften zu dem Ergebnis, daß die Juden in K'ai song fu aus Indien eingewandert seien und zwar in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, da mit dem Bau der Synagoge in K'ai song su bereits im Jahre 1163 begonnen wurde. Wahrscheinlich habe sie der Baumwollhandel aus Indien nach China geführt, da in der ältesten Inschrift ausdrücklich angegeben ist, daß sie Baumwolle als Tribut aus Indien mitgebracht hätten. Lauser stützt seine Annahme außer auf den Text der Inschriften noch darauf, daß die Juden von K'ai song su selbst, als sie im Jahre 1851 im Aufträge der Londoner Misfionsgesellschaft von christlichen Missionären besucht wurden, ihre Religion als „indische Religion" bezeichneten. Uebrigens sieht Lauser die (in den letzten Jahrzehnten allmählich untergegangene) Judenkolonie in K'ai song fu als die letzte einer großen Anzahl von Judenkolonien an, die in China einst bestanden hätten. Die Juden, die schon in sehr ftüher Zeit aus Persien auf dem Seewege nach Indien ge-

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