Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 410 Dr. Biocb s MocbenscDrM. Str. L6 nun mit einer drückenden Majorität, daß Bethäuser den Religionsgemeinden für alle Zeiten gratis zur Verfügung stehen. Es ist zu hoffen, daß das Abgeordnetenhaus das Gesetz noch weiter zu Gunsten der Gemeinden modifizieren wird. Rumänische Zustände. In der Sitzung der rumänischen Kammer vom 19. Mai teilte der Vizepräsident mit, daß von nun an über je drei, welche um Naturalisation eingereicht haben, zu gleicher Zeit abgestimmt werde. Es erhoben sich sofort Stimmen des Protestes, weil man fürchtete, es könnten durch diese Bestimmung mehr Juden naturalisiert werden Die Protestler gaben sich jedoch zufrieden, als man ihnen erklärte, daß jetzt drei zu gleicher Zeit abgewiesen werden. Es sollte aber auch ein Bureau errichtet werden, welches Beschwerden über Unfug auf administrativem Gebiete entgegennehmen und gutmachen sollte. Man kennt in dieser Hinsicht die Verhältniffe im „Belgien des Orients" und man weiß auch, was ein solches Bureau leisten könnte. Ja, aber der am meisten Geschädigte ist der Jude; ihm würde ja auch das Bureau offenstehen müssen, was jedoch den Patrioten nicht recht sein kann, so daß der Junimist Dr. Bodez ganz erregt erklären mußte, man müsse gegen diese Einrichtung stimmen, da sie doch keinen Zweck hätte, denn nur Juden würden Klagen einbringen, daß man ihnen keine Reisepässe aussolgen wolle usw. Daß heißt wirklich offen gesprochen! Die Behauptung des gewesenen Ministers für Kultus und Unterricht, Spiru Haret, in seiner Broschüre „Die Bauernfrage", daß die jüdischen Gutspächter den Bauern ausbeuten, werden mit jedem Tage widerlegt. So erhoben sich am 21. Mai im Dorfe Mandre gegen 400 Bauern gegen den rumänischen Gutspächter Petre Popescu wegen Ausbeutung, ein Fall, der in Bezug auf die Juden in Rumänien noch nicht vorgekommen ist. Die Barrikaden von Lodz. Die russischen Truppen haben eine blutige Schlacht geschlagen, der Kampf soll noch nicht beendet sein, noch fließt das Blut, noch knattert das Gewehrfeuer und die Sprenggeschosse richten ihre mörderischen Verwüstungen an . . . Also hat General Linewitsch die Schlacht, die ihm Marschall Oyana anbietet, angenommen, ja, am Ende siegt er und ist eben dabei, die Japaner zu richten, wie er so zuversichtlich urdl et orbi verkündet hat? Denn in der Mandschurei ziehen sich die Truppen des bramarbasierenden Obergenerals ganz nach der Methode seines Vorgängers Kuropatkin von Position zu Position vor den Japanern zurück und General Linewitsch depeschiert unentwegt, daß sich in der Lage der beiden Armeen nichts geändert hat, außer daß seine Truppen die Rückwärtsbewegung fortsetzen; die Schlacht aber, die von den russischen Truppen geschlagen wurde, die noch forttobt, sie tobt in der volkreichen Fabriksstadt Lodz in Russisch- Polen und es liegt auch bereits eine amtliche Verlustliste vor. Nach dieser wurden bei den letzten Unruhen (das ist offenbar die zarte amtliche Umschreibung für die Schlacht von Lodz) 343 Juden und 218 Christen getötet und insgesamt 700 Personen verwundet. Da sich wahrscheinlich auch in die Zahl der Verwundeten Juden und Christen in annähernd gleicher Weise teilen dürften, sollte es uns gar nicht wundern, wenn etwa die offizielle Russische Telegraphenagentur, die so meisterhaft es versteht, in höherem Aufträge das russische Volk zu belügen und alle Greueltaten zu beschönigen, demnächst Europa mit der Mitteilung überraschen würde, daß in Lodz die Gleichberechtigung der Juden nahezu zur Tatsache geworden sei. Eine blutige Gleichberechtigung auf den Barrikaden vor den Gewehren der russischen Truppen, den Nagaikas und Säbeln der Kosaken. ... Es ist übrigens anzunehmen, daß wie bei den Kämpfen im fernen Osten auch bei den Straßenkämpfen in Lodz die Zahl der Opfer beträchtlich kleiner angegeben wird, als sie in Wahrheit ist. Privatmeldungen schätzen die Opfer auf Tausende und auch die Zahl der gefallenen Offiziere und Mannschaften, gegen die mit der Feuerwaffe und mit Bomben gekämpft wurde, soll eine bedeutende sein. Ein General wurde auch laut Privatnachrichten ermordet und der ganze Ernst der Situation geht daraus hervor, daß das Kriegsrecht in Lodz verkündet worden ist und ein General das Kommando in der Stadt übernommen hat. Die letzten Ursachen der Straßenkämpfe von Lodz lassen sich nur erraten. Die Arbeiterschaft ohne Unterschied der Konfession scheint in dieser Stadt, die nahezu 300.000 Einwohner zählt und ein sehr bedeutender Fabriksort ist, endlich am Ende ihrer Geduld gegenüber dem Uebermute der Kosaken und der Generale, die sich billige Lorbeeren ferne vom Kriegsschauplatz in der Drangsalierung wehrloser Arbeiter zu holen suchten, angelangt zu sein. Welcher Art die Kampfesweiie russischer Offiziere und Truppen ist, wenn nicht die Panik vor den Japanern diese Tapfern in die Flucht schlägt, beweisen die Nachrichten, daß in die Häuser geschossen wurde, daß kein Alter und kein Geschlecht Schonung fand und daß sich Szenen abspielten, die wiederzuerzählen tatsächlich die Rücksicht aus die Nerven der Leser verbietet. So mag es gekommen sein, daß die Arbeiterschaft ihre Zuflucht zum Barrikadenkampf nahm. Es gährt ja seit Beginn des Krieges in den Jndustriebezirken Russisch-Polens mehr als anderswo im Reiche und in Warschau und Lodz ist furchtbar viel Blut vergossen worden. Die Barrikadenkämpfe von Lodz aber bilden einen grauenhaften Höhepunkt wie jenes Morden von Petersburg, als die Arbeiter, von Gapon geführt, mit Heiligenbildern in den Händen, in einer Bittprozession zum Väterchen zogen und mit Gewehrsalven empfangen wurden. In dem grandiosen Ringen des russischen Volkes um seine Menschenrechte, das sich in diesen Monaten vor den Augen der zivilisierten Welt abspielt, bedeutet die Schlacht von Lodz, die über 2000 Opfer verschlungen haben soll, bisher den Kulminationspunkt der revolutionären Bewegung. Nicht der Schreckenssonntag von Petersburg, nicht die blutige Maifeier von Warschau, nicht die Blutbäder vom Kaukasus reichen in ihrer Entsetzlichkeit an diese gewaltige Explosion heran, die immer weitere Kreise gefährdet und den Boden von ganz Rußland aufwühlt. Man glaubt wirklich seinen Augen nicht trauen zu dürfen, wenn man diese grauenhaften „Schlachtenberichte" liest, und ist versucht, sich der Täuschung hinzugeben, irgend ein perverser Phantast habe einfach all diese Schreckensbilder ersonnen. Eine wilde Orgie der Grausamkeit und Niedertracht wird gefeiert, ein entsetzlicher Kampf der Verzweiflung wird gekämpft. Grausamkeit, Niedertracht und Verzweiflung . . , wehe, wenn sie losgelassen! Aus Warschau wird dem „Lokalanzeiger" berichtet: Wie aus Lozd hieher telegraphiert wird, wurde heute in der Mittagsstunde eine Bürgerdeputation, bestehend aus den Herren Dr. Krusche, dem Großindnstriellen Poznanski, den Kaufleuten Dobranicki und Spronczkowski, sowie dem Vorsteher der städtischen Kreditanstalt Galewitsch, bei dem Generallieutenant Schustow, dem Kommandeur der Truppen im Gouvernement Petrikau, über den furchtbaren Mißbrauch vorstellig, den das Militär mit den Waffen übe. Die Soldaten, vor allem aber die Kosaken, hätten harmlose Passanten aus der Straße, sowie Frauen und Kinder in den Wohnungen erschossen und ausgeplündert. Als Beispiel wird angeführt, daß der Kutscher eines Großindustriellen, der mit 1500 Rubel zur Bank geschickt worden war, unterwegs von Kosaken erschossen und des Geldes beraubt wurde. Der General sprach sein tiefstes Bedauern über diese Untaten aus und versprach, daß die strengste Untersuchung und Bestrafung durchgeführt werden würde. Von der Schußwaffe sollte das Militär von jetzt ab nur Gebrauch machen, wofern von den Manifestanten zuerst geschossen würde. In der Vorstadt Valuty wurde eine jüdische Familie, die in einer Droschke zum Bahnhofe fuhr, von einer Kosakenpatrouille überfallen. Alle fünf Insassen wurden in dem Wagen erschossen. Tausende Flüchtlinge verlassen die Stadt. Auf den Bahnhöfen drängt sich eine Menge von etwa 12.000 Personen zusammen, die mittels Extrazügen befördert werden soll. Viele Häuser sind bereits ganz von ihren Bewohnern verlassen. In der Vorstadt Pabianice töteten bewaffnete Arbeiter einen Schutzmann und verwundeten einen zweiten. Auf den Polizeichef