Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021629--14604-3039323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«eite 404 Dr. Mocv's Mocvenscvrttl. 26g den die eingeborenen Juden als Händler mit Rohprodukten,^ Krämer und Hausierer ausübten. Mit der Ankunft der spanisch-portugiesischen Juden nahm jedoch der Handel einen kolossalen Aufschwung. Diese intelligenten und weltkundigen Emigranten wußten den Reichtum des Landes an Naturprodukten und die Indolenz der mohammedanischen Bevölkerung zu ihrem Vorteile auszunützen. Sie knüpften Handelsbeziehungen an mit Spanien, Italien, Frankreich, England, Egypten und dem Oriente. Sie exportierten die marokkanischen Landesprooukte, wie Felle, Leder, Wolle, Wachs, Kupfer und zuweilen auch Getreide, wenn der Export desselben einmal ausnahmsweise nicht verboten war, und importierten Tuch, Leinwand, Eisen, Glas- und Galanteriewaren, Waffen, Schießpulver und andere Jndustrieartikel Europas. Auch der Binnenhandel nahm durch dieselben einen erfreulichen Auftchwung, so daß mancher von den spanischen Juden zu großen Reichtümern gelangte Md auch die großen Massen ihren Lebensunterhalt trotz der drückenden Steuerlast in befriedigender Weise finden konnten. Dies änderte sich jedoch mit dem Momente, wo die Scherifendynastie zur Herrschaft gelangte (1664). Zwar waren auch diese Herrscher bemüht, die Handelsinteresjen der Juden zu fördern. So hatte z. B. der Scherif Muley Er-Reschid das Ansuchen des Königs Ludwig XIV. von Frankreich um die Erlaubnis zur Gründung einer mit Dtonopolen und Privilegien ausgestatteten französischen Handelsgesellschaft in Marokko mit dem Hinweise auf die Handelsmteressen der Juden rMdweg abgeschlagen. — Allein diese Protektion konnte den Juden wenig nützen, in Anbetracht des Schadens, den ihnen dieser Herrscher Md seine Nachfolger durch ihre'unvernünftige Handelspoliltt zufügten, indem sie durch willkürliche Erhöhung oder Herabsetzung der Em- Md Ausfuhrzölle, sowie auch durch die Verringerung des Gehaltes der Gold- und Silbermünzen dem Handel einen empfindlichen Schlag versetzten. Diese verderbliche Handelspolitik in Verbindung mit dem stetig zunehmenden Steuerdrücke hatte zur Folge, daß die jüdische Bevölkerung zusehends verarmte und dadurch auch ihre geistige und moralische Entwicklung nachteilig beeinflußt wurde. — Der Jude mußte jetzt in vielfach erhöhtem Maße seine Kräfte anspannen, um so viel zu verdienen, als nötig war, um die enormen Steuern zu erschwingen und die Habsucht der zu allen Erpressungen geneigten Beamten zu befriedigen. Er sah sich daher genötigt, seine Kinder so ftüh als mögltch dem Erwerbe zuzuführen, damit sie zur Erhaltung der Familie beitragen können. Die Knaben wurden oft schon im Alter von 6—7 Jahren zu einem Handwerker in die Lehre gegeben, obwohl sie noch nicht einmal recht beten konnten. Die HMdwerker und Geschäftsleute, welche sonst ihre MußestMdeu iu dem Beth-Hamidrasch mit dem Studium oder mit dem Zuhören der Vortrage von gelehrten Rabbinern zuzubringen gewohnt waren, mußten nunmehr, um den größeren Anforderungen zu entsprechen, bis spät in die Nacht hinein in ihrem Berufe tätig sein. Dadurch leerten sich die Lehrhäuser immer mehr und es drohte die Gefahr, daß die jüdische Bevölkerung oer Unwissenheit anheimfallen und geistig zu Grunde gehen würde. Dazu kamen die sittlichen Schaden, welche infolge der stetig zunehmenden Armut Md bei der immer wachsenden Konkurrenz im Handel Md Gewerbe zur Erscheinung kamen. Der unlautere Wettbewerb, früher eine seltene ErscheinMg bei den Juden in Marokko, nahm jetzr überhand Md forderte jeden edeldenkenden Juden zur Stellungnahme heraus. Sicherlich Ware infolgedessen der geistliche und sittliche Verfall der Juden in Marokko rapid eingetreten, wenn nicht die Gemeinderabbiner in die Bresche getreten wären und durch ihre unermüdliche soziale Wirksamkeit dem Verfalle entgegengearbeitet hätten. Sie erließen eine Verordnung gegen die Kinderarbeit, indem sie bestimmten, daß kein jüdischer Handwerker einen Lehrling aufnehmen dürfe, ehe derselbe das 13. Lebensjahr zurückgelegt und mit der nötigen Schulbildung der damaligen Zeit ausgestattet wäre. Sie setzten dem allgemeinen Verlangen nach einer Besteuerung der Berufsgelehrten, die seit jeher zu den der Gemeinde auferlegten Steuern keinen Beitrag leisteten, erfolgreichen Widerstand entgegen, um die Berufsgelehrten vom Erwerbsleben fernzuhatteu und das Thorastudium wenigstens in diesem Stande für die Dauer zu erhatten. In dem langwierigen Kampfe, der infolge dessen zwischen den arbeitenden Berufsständen und dem privilegierten GelehrtenstMde mit den auf seiner Sette stehenden Rabbinern geführt wurde, wobei es in Fez zu Demonstrationen gegen die Rabbiner, ja sogar zu einer förmlichen Belagerung derselben kam, blieben die Rabbiner standhaft und verhalfen den Gelehrten und mtthin auch dem Thorastudium zum endlichen Siege. Die Wirksamkett der Rabbiner ist überhaupt eines der interessantesten Kapitel aus der Geschichte der Juden in Marokko. Während die europäischen Rabbiner des Mittelalters ihre Tätigkelt hauptsächlich Mf religiösem Gebiete entfalteten, konzentrierte sich die Haupttätigkett der Rabbiner in Marokko auf das Gebiet des sozialen Lebens. Sie waren nicht nur die Seelsorger, Lehrer und Richter ihrer Gemeinden, sondern auch deren soziale Gesetzgeber und die Wächter über das materielle Wohlergehen derselben. Sie sorgten für eine gerechte Verteilung der Steuerleistungen und für eine ordentliche und uneigennützige Gemeindeverwattung. Sie ordneten den Marttverkehr innerhalb des Judenviertels und traten ein für die unnachsichtliche Bestrafung ott derer, die durch ihr unreelles Gebühren dem Gemeinwohle zum Schaden gereichten. Die Zünfte und Gewerbegenossenschaften standen unter ihrer Aufsicht und Kontrolle Md die Tätrgkett derselben mußte eine derartige sein, daß sie weder den Rohproduktenhändlern noch auch den Konsumenten zum Nachteile gereichte. Ja, die Wirksamkeit der Rabbiner erstreckte sich sogar auf das privateste Familienleben. Sie erließen zeitgemäße Verordnungen gegen die Mitgistjäger, gegen die kostspieligen Festgelage bei Hochzeiten und anderen Familienfesten, gegen die kostbaren Brautgeschenke und den Luxus der Frauen. Dadurch suchten sie der fortschreitenden Verarnlung vorzubeugen und das geistige und sittliche Niveau der Juden zu heben. Wir besitzen eine Anzahl Verordnungen der Rabbiner von Fäs (Fez), Maratesch (Marolto) und Miknüser (Mequinez), die uns die hervorragende soziale Tätigkeit veranschaulichen, welche die marokkanischen Rabbiner vom Jahre 1492 bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts entfalteten *). Und nur der Umsicht und dem energischen Eingreifen der Rabbiner ist es zu verdanken, daß die Juden Marokkos trotz alles furchtbaren Druckes vor dem gänzlichen Verfalle bewahrt wurden und gesund an Leid u»id Seele einer besseren Zukunft erhalten geblieben sind. Allerdings hatten die Rabbiner den Erfolg ihrer Tätigkeit nicht in letzter Reihe dem Beistand jener Männer zu verdanken, die kraft ihres Amtes dazu berufen waren, den Verordnungen der Rabbiner Nachdruck und Geltung zu verschaffen. Es sind dies die Judenältesten, welche die Oberhoheit über sämtliche Juden Marokkos inne hatten und vom Sultan selbst in diese Würde eingesetzt wurden. Der Judenülteste, Nagid oder Scheich - el - Jehud genannt, übte Über seine Glaubensgenossen eine fast unumschränkte Gewalt aus. Die Pottzeigewalt innerhalb des von einer Mauer umschlossenen Melläch ^Ghetto) lag ganz in seiner Hand. Er hatte das Recht, die Widerspenstigen körperlich zu züchtigen oder mit Geld und Gefängnisstrafen zu belegen. Ja, es hat manchen Nagid gegeben, der die spezielle Befugnis hatte, Todesurteile auszusprechen und dieselben vollziehen zu lassen. Der Nagid war also ein Sultan im Kleinen, um dessen Gunst sich irn Mellach alles bemühte. Zur Ehre dieser »Autokraten" muß jedoch anerkannt werden, daß sie mit geringer Ausnahme ihre unumschränkte Macht nur zum Heile ihrer Glaubensgenossen ausübten. Der Nagid bekleidete in der Regel auch ein hohes Staatsamt, indem er teils^als Minister oder als Sekretär und Dolmetsch des Sultans fungierte, teils als Diplomat mit politischen Missionen betraut wurde. Zu oer ersten Kategorie gehört der Nagid HLrun ibn Sentob (Ahron b. Schemtob), welcher im 15. Jahrhundert Minister des Sultans Abd-el-Hak ben Abu Said war. So oft der Sultan mtt seinem Heere Streifzüge gegen unbotmäßige Stämme unternahm, ließ er seinen^ jüdischen Vezier m Fez als Regenten zurück, was den Unwillen der fanatischen Ulemas (mohammedanische Theologen) erregte, weil sie es als Demütigung und Schmach empfanden, daß Gläubige von einem Juden regiert werden. Sie hetzten daher den Pöbel gegen den Vezier auf, indem sie ihn beschuldigten, daß er die Armengeloer der Gläubigen seinen.etgenen Glaubensgenossen zuwende. Im Jahre 1464 brach in Fez ein Aufstand aus, in dessen Verlauf der Sultan und sein jüdischer Minister ermordet und die Juden m Fez teils niedergemetzelt. teils gewaltsam zum Islam bekehrt wurden. Den letzteren wurde es jedoch vald gestattet, zu ihrem ftüheren Glauben zurückzukehren. Eine ähnliche Stellung hatte um 1630 Moses Peliache im Rate des Sultans zu Marakesch (Marokko) eingenommen. Er war der bestgehaßte Alaun der spanischen Missionäre, die nach Marokko kamen, um die Bekehrung der aus Spanien vertriebenen Juden tu Marokko zu versuchen. Da sie ihre Bekehrungsversuche auch auf die Mohammedaner ausdehnten, wurde der Missionär Juan de Prado mit 2 Genossen in den Kerker geworfen und, der Schmähung Mohammeds angeklagt, zum Tode verurteilt. Nicht ohne Interesse ist die Rolle, welche ein Missionsbericht dem Moses Peliache in dem Prozeß gegen Juan de Prado zuschreidt. Er soll nämlich an den Sultan folgende Ansprache gehalten haben: Ich habe eine Strafe für diese Spanier gefunden» die ul ihrem Vaterlande mit Vorliebe praktiziert wird. Die Spanier haben ein Tribunal, welches sie Inquisition itennen. Diese hielt eine Ahnin von mir 30 Jahre lang in ihren grausigen Gefängnissen. Und obwohl man dieselbe gleich hätte töten können, ließ man sie, ohne ihr die Wärme der Sonne und das Licht des Mondes zu gönnen, langsam dahinsterben, und zwar so oft als das Jahr Tage zählt. . . . Dasselbe, o Herr, konntest du jetzt mit diesen Geistlichen tun, denn sie werden dich wegen der Erfindung einer so grausamen Strafe nicht tadeln können, da dieselbe von ihnen selbst ersonnen wurde. . . Demnach hätte — und man wird es vielleicht begreiflich finden — Moses Peliache die Praxis der Inquisition, welche in derselben Zeit in Spanien in nnmenschlichster Weise gegen die unglücklichen Marannen wütete, von denen viele Tausende den Scheiterhaufen besteigen oder in finsteren Kerkern langsam bahinsterben mußten, gegen die spanischen Missionäre angewendet wissen wollen. Dessenungeachtet verschmähte es der Herzog von Medina Sidonia nicht, einige im Jahre 1636 neuerdings nach Marokko entsendete Missionäre dem verhaßten Moses Peliache durch ein schmeichelhaftes Handschreiben zu empfehlen, weil dies der einzige Weg war, auf dem das Wohlwollen des Sultans für die Missionäre gewonnen werden konnte. *) Ausführliches über diese Tekanoth behalte ich mir vor für meine »Geschichte der Juden in Nordafrika", an der ich jetzt arbeite Md mtt deren Veröffentlichung ich bald zu beginnen hoffe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.