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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Kloch's Wochenschrift. Seite 403 Die Juden in Marokko. Von Dr. M. R a ch m u t h - S ch ii t t e n h o f e n. Das Sultanat Marokko gehört zu denjenigen außereuropäischen Staaten, die es verstanden haben, sich dem europäischen Einflüsse am allerlängsten zu verschließen. Obwohl von Europa bloß durch die Meerenge von Gibraltar getrennt, hat dennoch bis in die Gegenwart kein Hauch der europäischen Kultur und Zivilisation in dieses Land - eindringen können, und wie vor Jahrhunderten, so herrscht daselbst auch heute noch die größte Barbarei und Unkultur, und das Innere des Landes den Europäern ist noch immer fast unzugänglich. Ein»' Reise von Tanger nach Fez ist fast ein ebenso schwieriges Unternehmen, wie eine Expedition zu den wilden Negerstämmen des Innern Afrikas. Die Eifersucht der Mächte, die in Marokko Handelsinteressen verfolgen, hat es verhindert, daß Marokko heute wie das benachbarte Algerien ein europäisches Kolonialgebiet wurde, worin bürgerliche Freiheit, Recht, Sicherheit und Ordnung herrschen. Und doch wird das Eintreten eines geordneten Rechtsznstandes in Marokko von den fast 250.000 Juden, die in diesem Lande das elendste Sklavenleben führen müssen, mit größter Sehnsucht erwartet! Diese Unglücklichsten aller Unglücklichen verdienen es wahrlich, daß sich ihnen das Interesse der Juden Europas in höherem Maße znwende, als dies tatsächlich der Fall ist. Denn die Juden Marokkos sind ja zum größten Teile die Nachkommen jener spanischen und portugiesischen Emigranten, die zu wiederholtem Male aus ihrem schönen Vaterlande in dieses Land der Barbarei und der Knechtschaft zogen, weil sie hier wenigstens dasjenige finden konnten, was ihnen in ihrem Vaterlande, ja in ganz Europa, versagt wurde: nämlich die Freiheit, im Glauben ihrer Väter zu leben. Wie es jedoch geschehen konnte, daß diese einst so intelligenten und geistig hochstehenden Juden sich im Verlaufe von wenigen Jahrhunderten zu der Stufe des Stumpfsinnes und der Resignation entwickelten, in welcher heute die Juden im Innern Marokkos leben, das wird uns aus folgendem geschichtlichen Ueberblick klar werden. Die älteste Judenansiedlung in Marokko ragt in das graue Altertum hinauf. Juden ans Palästina sollen die Phönizier auf ihren Seefahrten begleitet und in den von diesen an der nordafrikanischen Küste gegründeten Kolonien sich dauernd niedergelassen haben. Im Jahre 320 v. Ehr. hatte Ptolomäus Lagt eine beträchtliche Anzahl Juden in Cyrene und Libyen, dem heutigen Barka und Tripolis, angesiedelt und mit besonderen Rechten und Freiheiten ausgestattet. Nach der Zerstörung Jerusalems wurden zahlreiche Gefangene und Flüchtlinge aus Palästina nach den nordafrikanischen Provinzen verschlagen; die ersteren wurden zumeist von ihren afrikanischen Glaubensgenossen losgekauft und als freie Männer im Lande angesiedelt, während die letzteren, denen die Absicht, den jüdischen Krieg gegen Rom auf afrikanischem Boden fortzusetzen, nicht gelingen wollte, sich zu den unabhängigen Berberstämmen ins Gebirge und in die Wüste flüchteten, wo sie gut ausgenommen wurden und mit Erfolg für ihren G auben Propaganda trieben. Es gelang ihnen allmählich, einige Berberstämme zum Judentume p bekehren, dem sie auch einige Jahrhunderte lang bis zur Invasion der Araber treu geblieben waren. Im Jahre V13 fanden zahlreiche Juden aus Spanien, denen von dem Westgothenkönig Sisebut Annahme der Taufe oder Auswanderung freigestellt wurde," in den nordofrikanischen Küstenländern eine neue Heimat. Und als einige Jahrzehnte später die Araber von Egypten aus nach dem westlichen Nordafrika vordrangen, fanden sie da unter den zahlreichen Juden auch solche, die in unzugänglichen, festen Burgen hausten und ihnen lange Widerstand leisteten, die aber schließlich besiegt und teils getötet, teils zur Annahme des Islams gezwungen wurden. Ja, den denkwürdigsten Widerstand hatte den vordringenden Arabern der jüdische Berberstamm der Dscherana entgegengesetzt, an dessen Spitze ein Weib, namens Kahena, stand. Fast sämtliche Berber Nordafrikas, sowie auch der Rest der christlichen Byzantiner unterwarfen sich dem Kommando der jüdischen Heldenkönigin, die den Arabern eine empfindliche Niederlage beibrachte und erst nach langwierigen Kämpfen von den glaubensbegeisterten Anhängern Muhammeds besiegt werden konnte. Mit der endgiltigen Eroberung des Landes durch die Araber beginnt für die Juden in Nordafrika eine Epoche des erfreulichen Aufschwunges. Zahlreiche Juden aus Palästina und Syrien waren den Eroberern nach Afrika gefolgt. Es entstanden bald blühende jüdische Gemeinden in den von den mohammedanischen Herrschern erbauten, bald zu hoher Blüte gelangten Städten. Kairuan und Kodes, Tlemsen und Fez, die hervorragendsten Städten der arabischen Kunst und Wissenschaft, waren auch Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit und Bildung. Ihre höchste Blüte erlangten die nordafrikanischen Judengemeinden im 10. und II. Jahrhundert, wo Männer wie R. Chananel, R. Nisiim und Jsak Alfllsi als berühmte Talmudgelehrte, Jehuda b. Kureisch, Dunasch b. Labrat und Jehuda Chajudsch als bahnbrechende Grammatiker und Sprachforscher und Jsak Israeli als Arzt und Philosoph den Ruhm der afrikanischen Jndengemeinden bis in die entferntesten Gegenden Europas verbreiteten. Durch die Judenverfolgung der fanatischen und bildnngsfeindlichen Almohaden im 12. Jahrhundert erlosch der Glanz der afrikanischen Gemeinden. Ein beständiger Niedergang war seitdem wie bei den Mohammedanern so auch bei den Juden zu beobachten, bis letzteren durch Masseneinwanderungen europäischer Juden neues Leben zugeführt wurde. Solche fanden statt in den Jahren 1306 nach der Vertreibung der Juden aus Frankreich und . 301 nach der blutigen Judenverfolgung in Spanien und den Balearen. Diese Judeneinwanderungen treten jedoch zurück gegen diejenigen, welche in den Jahren 1492 und 1497 stattgefunden haben, wo über 100.600, ja nach manchen Berichten sogar mehr als 200.000 aus Spanien und Portugal in dem Sultanate Marokko eine neue Heimat gefunden haben. Die politische und soziale Lage der Juden in Marokko unter mohammedanischer Herrschaft war zu allen Zeiten, insbesondere aber seit dem 17. Jahrhundert, wo die grausame, noch heute regierende Scherifen-Dynastie zur Herrschaft gelangte, eine ganz eigentümliche. Während sie sich da nämlich einerseits der vollsten Glaubensfreiheit erfreuen durften und ihnen in der Verwaltung ihrer Gemeinden die vollkommenste Autonomie und in Rechtsstreitigkeiten unter einander die eigene Gerichtsbarkeit zuerkannt wurde; während sie in ihrem Erwerbsleben nicht nur durch keinerlei Schranken beengt waren, sondern auch von den Herrschern meistens begünstigt und in vielfacher Weise gefördert wurden; ja, während sogar hervorragende Juden nicht selten hohe Staatsämter bekleideten und zu diplomatischen Sendungen bei europäischen Höfen verwendet wurden, war dennoch der auf den jüdischen Gemeinden lastende Druck ein derartig unerträglicher, daß ein spanischer Missionär des 16. Jahrhunderts von den Juden Marokkos mit Recht sagen konnte, daß „ihr Atmen ein beständiger Seufzer" sei. Dieser Druck äußerte sich zum Teile in den Quälereien und den grausamen Mißhandlungen, die sie von Seite der Bevölkerung und der Negierungsorgane erdulden mußten. Der Marokkaner blickt auch heute noch mit souveräner Verachtung auf den Juden herab und glaubt, ihn wie einen herrenlosen Hund behandeln zu dürfen. „Die Mauren bewiesen mehr Humanität gegen ihre Tiere", schreibt ein Afrikareisender des 18. Jahrhunderts, „als gegen die Juden Ich habe oft gesehen, wie diese Unglücklichen so unbarmherzig geschlagen wurden, daß sü oft wie tot liegen blieben, ohne daß sie den geringsten Schutz finden konnten". Der Jude durfte keine Waffe besitzen, keine Pferde reiten, er mußte dunkle, ihn als Juden kennzeichnende Kleider tragen und in manchen Städten sogar ohne jede Fußbekleidung einhergehen. Viel drückender jedoch empfanden sie die unerschwinglichen Steuern, die ihnen die Herrscher und Statthalter nach despotischer Willkür auferlegten. Die reguläre Kopf- und Grundsteuer, welche schon an sich als drückende Last empfunden wurde, war ganz verschwindend gegenüber den außerordentlichen Abgaben, die ihnen beständig unter jedem möglichen Vorwände erpreßt wurden. So mußten sie für den Haushalt des Sultans sämtliche Wachskerzen zur Beleuchtung, den ganzen Bedarf an Fleisch. Geflügel, Gewürzen rc. kostenlos liefern, was in Anbetracht dessen, daß der Hofstaat des Sultans mit Einschluß der Leibwache mehr als 6000 Personen umfaßte, eine bedeutende Summe ausmachte. Für jedes neugeborene Kind im Harem des Sultans, sowie auch zu jeder Vermählung eines Prinzen oder einer Prinzessin mußten die Juden kostbare Geschenke beisteuern. Im Monat Ramadan mußten sie nach einem a ten Herkommen eine „goldene Henne mit ihren Küchlein", alles aus gehämmerten Golde, dem Sultan da, bringen. Auf die geringfügigste Verleumdung hin wurden sie mit enormen Geldstrafen belegt, von denen die geringste 10 Zentner Silber betrug. — Außerdem wurden sie von den Prinzen, den Statthaltern und Beamten derartig ausgeplündert, daß ihnen, soviel sie auch verdienen mochten, kaum übrig blieb, um das nackte Leben zu fristen. Alle diese Steuern und Abgaben mußten von dem Nagid, dem Oberbaupte sämtlicher Juden Marokkos, auf die Gemeinden verteilt, einkassiert und dem Sultan abgeführt werden. Konnte jedoch in irgend einer Gemeinde die hohe Steuer von den verarmten Juden nicht eingetrieben werden, dann wurde zur exekutiven Eintreibung derselben ein Beamtenschwarm mit einem Gefolge von rohen Negersoldaten auf Kosten der betreffenden Gemeinde dorthin entsendet. Diese Exekutoren verbreiteten bei ihrer Ankunft einen panischen Schrecken in der Gemeinde. Jeder Jude, der ihnen in den Wurf kam, wurde ergriffen, gebunden und durch die Gaffen geschleift. Auch Frauen und Kinder wurden von ihnen mißhandelt. Die Angst vor den schwarzen Exekutoren war so groß, daß bei ihrer Ankunft jeder, der konnte, sich schleunigst aus dem Melach (Ghetto) flüchtete oder in einem sicheren Versteck Zuflucht suchte. Die entmenschten Banden überfluteten daun die verlassenen jüdischen Häuser, plünderten und raubten alles, was sie mühelos fortschleppen konnten, verwüsteten und zerstörte» alles Andere, dessen Fortschaffnng ihnen zu viel Mühe bereiten würde. — Diese grausame Mißhandlung der Juden durch Regierungsorgane wird jedoch nicht wundernehmen» wenn man bedenkt, daß häufig auch die Mohammedaner in fast ähnlicher Weise mißhandelt und ausgeplündert wurden. Dieser ungeheuere Druck konnte natürlich nicht ohne schädlichen Einfluß auf die ökonomischen, geistigen und moralischen Verhältnisse der Juden bleiben. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war ihre ökonomische Lage trotz alles Druckes eine verhältnismäßig günstige. Es gab kein Gewerbe, das nicht von Juden ausgeübt wurde. Sie waren fast die einzigen Handwerker im Lande. Die Goldschmiedekunst und die Goldmünze wurde ausschließlich von ihnen ausgeübt. Sie waren aber auch Waffen- und Grobschmiede, Maurer, Zimmerleute. Schlosser, Sattler, Weber u. dgl. mehr. Sie betrieben auch mit Erfolg den Weinbau und an der Meeresküste die Fischerei. Auch der Handel lag ganz in ihren Händen. Bis zum Jahre 1492 war es allerdings bloß der Kleinhandel,

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