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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Dr Llocb's Mocbenscbritt. Gelte 408 Wenige Jahrzehnte später gelangte der Jude Josef Maimoran und sein Sohn Abraham zu höchstem Ansehen beim Hofe. Der Sberis Muleh Jsmael verdankte dem Gelde und dem Einflüsse des Josef Maimoran seinen Thron, den er gegen seinen mächtigeren Bruder Mubammed verteidigen mutzte. Zum Danke dafür ernannte er zwar den Josef Maimoran zum Nagid und Minister, liefe ihn aber bald darauf durch einen Gardisten meuchlings ermorden, um den Mann los zu werden, dem er so viel Dank und noch mehr Geld schuldete. Abraham Maimoran folgte hierauf seinem Vater in allen Würden und war bald der einflußreichste Mann bei Hofe. Mit der Zeit erwuchs ibm jedoch ein mächtiger Rivale in der Person seines Glaubensgenossen Moses ben Attar, welcher es verstanden hatte, sich die besondere Kunst des Sultans zu erwerben. Aus Furcht, von diesem neuen Günstling gänzlich verdrängt zu werden, erschien eines Tages Abraham Maimoran beim Sultan mit einer beträchtlichen Summe Geldes und sprach zu ihm: „Mein Herr und König, diese Summe lege ich dir zu Füßen für den Kopf meines Feindes Moses ben Attar!" Muleh Jsmael nahm das Geld in Empfang und entließ Maimoran in huldvoller Gnade, beschied jedoch bald darauf den Moses ben Attar zu sich und zeigte ihm die Summe, die Maimoran für seinen Kopf erlegt hat. Gefaßt sprach jedock Moses ben Attar: „Ich bin bereit, für den Kops Maimorans das Doppelte zu zahlen." Der Sultan ließ sich auch diese Summe auszahlen, brachte dann beide Todfeinde zusammen und sprach zu ihnen: „Jbr seid ein Paar Narren, ich befehle euch, mit einander Freundschaft zu schließen!" In Gegenwart deß Sultans mutzte Maimoran seine Tochter dem jüngeren Ben Attar als Frau anbieteu und die Todfeinde verließen als Schwiegervater und Schwiegersohn den Palast des Sultans: Moses ben Attar Unterzeichnete als marokkanischer Bevollmächtigter den Vertrag mit England vom Jahre 1721, welcher die Grundlage aller späteren Verträge mit den europäischen Staaten bildete. Von den mit diplomatischen Missionen betrauten marokkanischen Juden sind besonders zu nennen: Samuel Peliache als Gesandter bei den Generalstaaten von 1591 bis 1616, in welchem Jahre sein Tod im Haag erfolgt ist. Prinz Moritz von Oranien und der ganze Adel folgten seinem Leichenkondukte, da er nach Amsterdam Überführt wurde. Ferner Josef Toledano, der im Jahre 1688 den Frieden zwischen Holland und Marokko abschloß, und deffen Bruder Chajjim Toledano, der zur selben Zeit Gesandter in England war. Alle diese Männer hatten es mit geringer Ausnahme selten unterlassen, ihren Einfluß zugunsten ihrer unterdrückten Glaubensgenossen einzusetzen, was zwar das Elend derselben hie und da zu lindern, keinesfalls aber für die Dauer zu beseitigen vermochte. Ueber den gegenwärtigen Zustand der Juden in Marokko läßt sich nur Trauriges mittcilen. Nach den übereinstimmenden Berichten der Marokko-Reisenden und der Konsulate ist die Lage der eine Viertel Million zählenden Inden in Marokko sehr drückend. Mit Ausnahme der in den Küstenstädten lebenden, zumeist svanisch sprechenden Juden, die sich zum großen Teile unter den Schutz eines der fremden Konsulate stellen und dadurch allen Bedrückungen entzogen sind, ist die bei weitem größere Zahl der Juden im Innern des Sultanates der Willkür des Herrschers, der Erpressunassucht der Statthalter und Beamten und der fanatischen Wut des Pöbels preisgegeben. Nur hie und da ist in den Tagesblättern eine kurze Notiz von einem Judenmassakre in Marokko zu leien; von dem alltäglichen Elende, welches das Los dieser Unglücklichen ist, wird in Europa keine Notiz genommen Man kann die Juden in Marokko heute in zwei Kategorien einteilen: Und zwar, in Untertanen des Sultans und in Hörige der freien Stämme in der Wüste und im Gebirge.') Die letzteren sind, obwohl in völliger Unwissenheit und Armut lebend, dennoch die glücklicheren und bei weitem besser gestellten Juden Marokkos. Sie bilden in der Regel einen integrierenden, wenn auch einen abgesonderten Teil des Stammes selbst, unter dessen Protektion sie stehen und dessen Freud u-d Leid sie teilen. Am stärksten ist dieses System unter den Nomadenstämmen der Sahara ausgeprägt. Eine Ausnahme machen nur 'die Juden, welche unter den wilden und fanatischen Stämmen des nördlichen gebirgigen, Er-Rif genannten Küstenstriches wohnen. Diese leben hier ein einem Zustand zwischen Sklaverei und Hörigkeit. Jeder Jude hat einen Protektor, dem das Recht zusteht, seinen Juden zu schlagen und unter gewissen Umständen sogar straflos zu erschlagen und zwar wenn sich derselbe einen Diebstahl, Aufruhr, Verrat. Lästeruna des Propheten etc. zu schulden kommen läßt. Er kann den Juden für sich unentgeltlich arbeiten lassen, ihm die Ehe verbieten oder zur Scheidung und zur Wahl einer anderen, vom Patron bezeichneten Gattin zwingen. Als Gegenleistung ist der Protektor verpflichtet, selbst mit Gefährdung des eigenen Lebens Gut und Leben seines Vasallen zu schützen und zu verteidigen. „Man ist überrascht," sagt ein Forschungsreisender der Gegenwart, „in diesem verlorenen Winkel von Marokko jüdische Niederlasiungen zu finden, inmitten einer wilden muslimischen Bevölkerung, die sonst keinen Andersgläubigen in ihrer Mitte duldet. ... Es gehört ein ganzer Band dazu, um eine ausführliche Schilderung der Plackereien zu geben, denen diese ') Das Folgende ist im Wesentlichen ein Auszug aus Reisebeschreibungen, insbesondere aus dem Buche „Marokko" von V. I. Horowitz, gew. Konsulatssekretär zu Tanger, unb Mouliere's Le marve inconu. Paris 1895. Juden ausgesetzt sind. Die blutigen Mißhandlungen und die schimpflichen Demütigungen derselben find so allgemein und alltäglich, daß sie keine Aufmerksamkeit mehr erregen. . . ." Die Bewohner des Rif find übrigens als die wildesten und fanatischesten Marokkaner bekannt, und so darf uns die so schimpfliche Lage der dortigen Juden nicht wundernehmen. Es gibt ferner in den Wüstenregionen auch freie jüdische Stämme, die man am besten als Holbjuden bezeichnen kann. Sie find Juden der Abstammung nach, die mit der Zeit auch manches von der Religion Mohammeds angenommen haben. Sie sind sich ihrer jüdischen Abstammung bewußt, verleugnen dieselbe auch nicht und behandeln die mit ihnen in Berührung kommenden Juden als Freunde und Stammesgenossen. Von den Nachbarstämmen werden sie mit Geringschätzung behandelt und es wird zumeist jede intime Annäherung an dieselben vermieden. Sonst bleiben sie jedoch in der Regel unbehelligt, weil sie sehr kriegerisch sind und sich auf ritterliche Weise Respekt zu verschaffen wiffen. Einer der bekanntesten dieser Halbjudenstämme find die Daggaten, die mehrere Tau'ende zählen und über mehrere Oasen der Sahara bis in die Nähe des Nigerstromes verbreitet sein sollen. Sie sollen sehr kriegerisch sein und mit den benachbarten Tuaregstämmen in fortwährende Fehden verwickelt sein. In physischer Hinsicht sind die Inden Marokkos trotz der furchtbar gedrückten Lage meist kräftig und wohlgebaut, von zäher Gesundheit und Ausdauer, wenig unter Mittelgröße, sogar mit anzutreffenden hochgewachsenen Athletengestalten. Zum Teil mag dies vom gesunden Klima und von der harten Lebensweise herrühren, da dortzulande Juden zu den.schwersten Arbeiten verwendet werden, zu denen der die Ruhe über alles liebende Moslim sich nicht gerne hergibt. Der Ebarakter der marokkanischen Juden ist ihrer sozialen Stellung entsprechend. Der marokkanische Jude lebt inmitten einer barbarischen Herde dahin, keinen Augenblick seines Lebens und Vermög-ns sicher, beständigen, das Ehrgefühl abstumvsenden Demütigungen ausgesetzt; und demgemäß entwickelt sich auch sein Charakter — der eines unterwürfigen Sklaven. Wenn er trotzdem nicht so verkommen ist. wie es andere an seiner Stelle unter den obwaltenden Zuständen schon langst geworden wären, wenn er überdies genügenden moralischen Halt besitzt, um seinen elenden Zustand zu ertragen, so ist der Grund davon teils in der strengen moralijchen Zuckt und Disziplin zu suchen, welche die marokkanischen Rabbiner in ihren Gemeinden stets zu erhalten wußten, teils auch in dem unverwüstlichen Optimismus, welcher den Juden aller Länder und Zeiten angeboren ist. — Bon der geringen Anzahl glücklicherer Klaubensgenoffen, in den Städten an der Meeresküste, die unter den Augen der fremden Konsuln etwas freier atmen können, erfährt der in Sklavenketten schmachtende Jude des Inneren Marokkos, daß jenseits der Grenzen seines Landes lAlaerien) viele Tausende seiner Glaubensgenossen leb n. Freie unter Freie, die einstmals gleich ihnen Knechte der Geknechteten waren. Und so duldet und leidet er weiter, sich in sein unvermeidliches Schicksal fügend und der Stunde der Erlösung harrend. Indessen werden dem marokkanischen Juden selbst von seinen Feinden auch mancke treffliche Eigenschaften zuerkannt: Einfachheit und Natürlichkeit sind ibm wie dem Mauren eiaen. Persönliche Feigheit und Furchtsamkeit ist beim marokkanischen Juden wenig zu finden. Dem Moslim und Europäer aeaenüber träot er zwar stets eine scheue Unterwürfigkeit zur Schau, allein der Gefahr an sich schaut er furchtlos ins Anaesicht. Zum Teile mag dies von dem geringen Werte, den das Leben für ibn hat. herrühren. Gleich allen Unterdrückten und dem jüdischen Ebarakter entsprechend hat der marokkanische Jude Mitaesübl für alle Leidende. In dieser Hinsicht ist er das gerade Gegenteil des Mauren, der gegen Untergebene gefühllos, roh und grausam ist. Die Juden bilden in Marokko einen wichtigen, aeradezu unentbehrlichen Faktor, ohne welche das Reick des Sultans sich nicht einmal auf der jetzigen Stufe, so niedrig dieselbe auch ist. erhalten könnte. Der Handel und das Handwerk sind größteuteils in ihren Händen. Sie sind zugleich das einzige Verbindungsmittel zwischen dem Lande und dem Auslande. Ihre Sprachenkenntnis und Geschmeidigkeit befähigen sie überall zu Dolmetschen und Vermittlern, während der Manre nur mit schwerer Mühe und Widerwillen die Sprache der Ungläubigen erlernt. Die Juden sind zugleich das einziae, europafreundliche Element im Lande. Jeder Europäer weiß und fühlt es, daß er da zu ihnen allein Vertrauen bekunden darf, daß die Juden allein im ganzen Lande offen oder still, treu und aufrichtia zu Europa halten und nur von dort her Schutz uud endliche Erlösung erwarten. Wann diese Erlösung kommen wird, ist freilich schwer vorauszusagen. Doch wird sie voraussichtlich nicht mehr allzu lange aus sich warten lassen. Die Marokkosrage drängt heute mehr denn je zur Lösung. Und mag diese Lösung durch eine internationale Konferenz oder durch ein freiwilliges Uebereinkommen der daselbst intereffierten Mächte zustande kommen, die notwendigen Reformen in diesem zerrütteten Lande können nicht lange ausbleiben und das Sultanat wird nicht länger dem europäischen Einflüsse sich hermetisch verschließen können. Dann aber hat auch für die unglücklichen Juden in Marokko der Tag der Erlösung zu dämmern begonnen.

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