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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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«>cu.. 898 Dr. JBlocb s Mocbenscbrm. »t . 25 Feuilleton. Aus finster« Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Smnuely. (Fortsetzung.) Achtes Kapitel. Unsere Sache nahm einen sehr glücklichen Verlauf — fuhr der Blinde in seiner' Erzählung fort. Die Assentierungskommission erklärte den Supplenten für tauglich. Seine Papiere befanden sich in guter Ordnung — er wurde angenommen. Die Hundertfünfzig Gulden, die wir dem Supplenten zu geben hatten, bereiteten uns allerdings nicht geringe Verlegenheit, aber wir machten Alles zu Geld. Wir lösten das Kassebüchel, welches die Ersparnisse unserer Kinder enthielt, ein, meine Frau gab ihre Habseligkeiten in Versatz; die Summe war endlich aufgebracht. Erst jetzt konnten wir unserem Jankele die glückliche Wendung der Dinge mitteilen. Im ersten Augenblick verwirrte es ihn so sehr, daß er sich weigerte seinen Versteck zu verlassen, aber wir brachten ihn doch bald zur Ueberzeugung. daß alle Gefahr vorüber sei. Im vollen Tageslicht standen unsere Kinder sich gegenüber. Aber wie mußte ihr Herz schmerzhaft zusammenzucken, als sie einander ansahen: sie waren beide so bleich, so abgehärmt, daß sie sich kaum erkannten. Doch ist nicht Jankele wieder frei? Ist es chm nicht jetzt vergönnt, ungestört bei seiner Rachele zu bleiben? Die verlorenen Kräfte werden schon wieder zurückkommen. So verflossen vier Wochen in sorgloser Ruhe, in stillem Familienglück. Mittlerweile wurde die Treibjagd auf die armen Opfer immer toller und unbarmherziger. Die Zeit der Einberufung rückte heran. Wie besessen rannten die Häscher in den Gassen umher, überfielen jede halbe Stunde ein anderes Haus, und aus demselben drangen Jammerschrei und Verzweiflungsrufe hervor. Alle diese Schreckensszenen jedoch erhöhten nur unser Glück, daß unser einziges Kind frei, erlöst, daß es uns nicht entrissen wurde. Da geschah es einmal mitten in der Nacht, daß ich von einem ungeheueren Lärm aus dem Schlafe wachgedonnert wurde. Ich fuhr empor und lauschte. Der Lärm war in unserer Nähe. Mehrere Kolbenstöße — ich hörte es jetzt deutlich — wurden gegen das Tor des Hauses geführt. Dieselben verdoppelten sich mit immer größerer Heftigkeit und waren bald von den wirren Rufe begleitet: „He. öffnen!, öffnen!". Sofort erkannte ich die Häscher; aber nur einen Augenblick trieb mir das den Schrecken in die Glieder. Ich überlegte bald, daß ich im Grunde ja gar nichts zu fürchten habe. Hat nicht unser Jankele einen Suplenten? So denkend schob ich den Riegel des Tores zurück. Bald war das Zimmer von Polizeileuten überflutet, Waffengeklirr und heisere Triumpfrufe erfüllten den kleinen Raum. „He, wo ist unser guter Mann?", schrie der Viertelmeister, während alle Hausleute aus den Betten fuhren. „Sieh, da ist er ja!", rief er mit einem Hohngelächter, als er das Bett meines Sohnes entdeckte und ihn aus demselben emporriß. „Da ist ja unser edles Wild, jetzt gibts wohl kein Entrinnen mehr. Mach Dich nur schnell auf!" Ich kam bei diesem Rufe wieder zu Besinnung. „Sie haben sich wohl um ein Haus geirrt", sagte ich, „mein Sohn ist ftei, er hat einen Supplenten!" „Einen Supplenten, ha, ha, ha!", lachte jener brutal. „Ein schöner Vogel ist Ihr Supplent, der bereits siebenmal die Federn gewechselt und zuletzt davon geflogen ist, Ihr Supplent hat sich nämlich nur in sieben Städten verkauft, in jeder unter einem andern Namen, in jeder zeigte er einen andern Geburtsschein und Reisepaß vor, und zu guter letzt ist der saubere Vogel auf und davon. Halten Sie sich nur an Ihren Supplenten, er kann Ihnen viel nützen. — Auf, machs schnell Junge!" Verzweiflungsvolle Angst sträubte mir das Haar. Der Rote hat mich irregeleitet und in die Falle gelockt — das war Gedanke, der mich wie ein jäher Blitz durchzuckte. Die Häscher hielten unterdessen nicht stille; sie lärmten, stampften, klirrten mit den Waffen, umringten meinen Sohn und wollten ihn mit sich fortreißen. Aber ein entsetzlicher Jammerschrei bannte ihre Schritte. Flehend hatte sich mein Weib und Rachele dem Viertelmeister zu Füßen geworfen, mit zitternden Händen seine Knie umklammert und Letztere schrie mit markerschütternder Stimme: „Um der Allbarmherzigkeit Gottes willen haben Sie Mitleid oder töten Sie mich lieber auf der Stelle. Ich kann und werde es nicht überleben, wenn Sie mir meinen Mann rauben!" „Das alte Lied!" brummte der herzlose Viertelmeister, indem er die unglücklichen Frauen von sich fortstieß und zugleich seinen Leuten den Befehl gab: „Greift nur mutig zu, wir haben keine Zeit zu verlieren!" Die Häscher faßten Jankele an der Brust und zerrten ihn fort. Allein abermals warf sich Rachele zwischen sie und ihren Mann, diesmal jedoch nicht als Bittende, sondern als Drohende, mit einem Messer, das sie in fliegender Eile ergriffen, in der zitternden Rechten. „Nein!" schrie sie mit wahnsinniger Stimme, „meinen Mann laß ich mir nicht nehmen, es.wird Blut kosten!" Einige Sekunden wagte sich keiner der Häscher.an sie heryn, aber am Ende mußte es sich doch erweisen, daß fünf bewaffnete Polizeileute viel stärker sind als ein schwaches Weib. Das Messer, wurde gewaltsam ihrer Hand entwunden. Blut kostete es allerdings, denn zwei der Häscher erhielten arge Verletzungen und sie selber schnitt sich tief in die Hand. In ihrer Verzweiflung klammerte sie sich mit beiden Händen an die Knie ihres Gatten; aber das scherte die Polizisten noch weniger, denn sie zerrten Jankele nach sich, ohne zu beachten, daß die Unglückliche auf dem Boden nachschleifte. Auf der Schwelle lösten sie gewaltsam ihre Hände los. Besinnungslos sank die Arme..auf dem Boden zusammen, während die Grausamen ihr Opfer fortrissen und sich mit demselben in der dunklen Nacht verloren. Anfangs wollten wir ihnen nachstürzen, aber da lag Rachele starr, bleich und regungslos bei der Türe, wir mußten bleiben, denn es galt ein uns allzu teueres Leben zu retten. Mit schwerer Mühe gelang es uns, die Ohnmächtige wieder ins Leben zurückzurufen und zu Bette zu bringen. Welche schwarze Gedanken mir durch den Kopf jagten, das läßt sich kaum schildern! In der ersten Aufwallung stand das eine in mir fest — der rote Wölfele hat uns in die Falle gebracht. Hätte ich ihn in diesem Augenblicke vor mir gehabt, ich wäre eines Mordes fähig gewesen. Diese schwarzen Gedanken wichen nach und nach einem schwachen Strahl der Hoffnung. Ich fing an, mich zu bereden, daß Jankele, der gar erbärmlich schlecht aussah, unmöglich zum Militär genommen werden könne. Dieser Gedanke gewann immer mehr Herrschaft über mich. Unmöglich, sagte ich mir, ich habe noch nie einen Soldaten mit einem so verkümmerten Gesichte gesehen und wer verschafft mir übrigens die Gewißheit, daß der rote Wölfele mit jenem Auslöser im Einverständnis war? Vielleicht ist das Alles nur trauriger Zufall? Der rote Wölfele hat es also nur gut mit mir gemeint. Was kann er für diesen unglücklichen Ausgang? Er wird mich noch retten . . . Immer krampfhafter klammerte sich mein Herz an diese trügerische Hoffnung. Kaum hatte sich der erste Lichtstrahl am Himmel gezeigt, als ich mich aufmachte und wie wenn mir tausend Teufel in den Gliedern säßen, znm Assentplatze lief. Weit und breit ließ sich noch kein lebendes Wesen blicken. Ich lehnte mich an die Wand und stand wie eine Bildsäule. Wie lange ich so stand, weiß ich nicht, es mochten zwei Stunden gewesen sein. Mir schienen sie eine lange gähnende Ewigkeit. Endlich fing es an, in den Nachbarhäusern sich zu regen. Einzelne Personen zeigten sich auf der Gasse. Nach und nach wurde es.lebendig. Die Assentierungsbeamten kamen einzeln und paarweise heran: der Major, einige Offiziere, der Kreishauptmann, endlich auch der Assentierungsarzt. Ach, wenn sie mir in das zerrissene Herz sehen könnten, sie würden sich gewiß meiner erbarmen!

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