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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 896 Dr. JSlocb’s MocbenscbrM. Nr 35 Uganda. Durch das Angebot der englischen Regierung an die Zionisten ist die Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen, Anhänger sowie Gegner der zionistischen Bewegung auf das Ugandagebiet in Ostasrika gelenkt worden. Wenn auch kürzlich durch einen in der letzten Sitzung des großen Aktionskomitees der Zionisten im Hinblick auf das ungünstige Resultat der Ugandaexpedition gefaßten Beschluß das Ostafrikaprojekt von den Zionisten endgiltig abgelehnt wurde, so ist doch das Interesse für dieses Land noch immer lebendig. So veröffentlicht der Petersburger „Fraind" in einer seiner jüngsten Nummern einen „Gruß ans Uganda" von dem in Mombassa ansässigen Kolonisten Jacob Elieser Bloch, in dem wir einige interessante Details über jüdische Bewohner Ugandas finden. In dem Land Uganda, namentlich in jenem Teil, den die englische Regierung für jüdische Kolonisationszwecke zur Verfügung stellen wollte, wohnen gegenwärtig 500 Kolonisten, darunter 15 jüdische. Die Kolonien sind zirka eine Meile eine von der andern entfernt. Die Kolonisten haben sich erst vor zwei Jahren hier angesiedelt, da die englische Regiemng mit der Besiedlung des Landes durch Europäer bis vor kurzem zögerte. Das Land ist fruchtbar und das Klima ein gesundes, dem der Europäer sich leicht anpassen kann. Arbeitskräfte sind sehr billig, da die Schwarzen gern mcketten und mit einem Tageslohn von 8 bis 10 Kopeken zufrieden sind. Die jüdischen Kolonisten fühlen sich wohl, arbeiten fleißig und haben sich über die dortigen klimatischen Verhältniffe nicht zu beklagen. Jeder Kolonist besitzt seinen Garten, der mit den verschiedensten Gemüsearten, die auch gut gedeihen, bepflanzt ist. Die Tatsache, daß 15 jüdische Kolonisten in Uganda wohnen, verdient umsomehr der Erwähnung, als bisher weder in der zionistischen Presse noch in den Berichten der zur Erforschung des Landes abgesandten Expedition etwas darüber zu lesen war. Die 15 jüdischen Feldarbeiter, die sich unter den Pionieren eines erst zu kultivierenden Landes befinden, heißen mit Namen: Leib Nagler, ein Oesterreicher; Wöüvel Schulski aus Janowo; Hoz, Radkin aus Schawel; Landen aus Chelm; Abraham Elieser Bloch aus Schileznik (Gouvernement Wilna); Simeon Rosenblum aus Boryßow (Gouvernement Mohilew); Leib Heller aus Dwinsk; Sarin aus dem Kaukasus; Gebrüder Silvers aus Mußnitz; Gebrüder Feldsermann aus Warschau und Fin aus dem Kaukasus. Außerdem ist unter ihnen ein rumänischer Jude namens Markus. Bon den 15 Kolonisten wohnen neun bereüs mit ihren Familien dort. Das Crziehungswerk der Alliance in Algerien. Algerien, das etwa 60.000 Juden zählt, nimmt im Erziehungswerk der Alliance eine ganz besondere Stellung ein. Die jüdischen Kinder besuchen hier zu Hunderten die öffentlichen Elementarschulen. Es erübrigt sich also und verbietet sich aus verschiedenen Gründen, in diesem Lande besondere jüdische Elementarschulen zu errichten. Da der Religionsunterricht jedoch in den öffentlichen Schulen fehlt, und, wie bei einer Enquete in den Jahren 1898 und 1899 festgestellt wurde, der wirtschaftliche Fortschritt sehr unbefriedigend war, so sah man sich der doppelten Aufgabe gegenüber, die junge Generation durch besondere Religionskurse dem Judentume zu erhalten und ihr durch Förderung des bereits bestehenden Lehrlingswerkes neue Erwerbswege zu erschließen. Die Mittel zu diesen Unternehmungen, die zunächst in Algier und Konstantine in Angriff genommen wurden, werden ausschließlich von den französischen Juden aufgebracht. Die Aufwendungen überschreiten bereits 40.000 Francs jährlich, doch wären wenigstens 100.000 Francs jährlich nötig, um die Existenz der Institute zu sichern, deren hohe Nützlichkett auch von der Regierung anerkannt wird. Der Antisemitismus, der in Algerien bekanntlich vor einigen Jahren zu einem heftigen Ausbruch gekommen ist, kann auf keine bessere und wirksamere Weise bekämpft werden. Herr Nahon, der Direttor der im Jahre 1900 gegründeten Schule in Algier, die über 600 Kinder, Knaben und Mädchen, zählt, gibt über das letzte Schuljahr einen Bericht, aus dem einige Stellen von allgemeinerem Interesse hervorgehoben seien. Der hebräische Unterricht wurde in diesem Jahre durch die Einführung der direkten Methode vervollkommnet. Man gewöhnt die Schüler, soweit wie nur irgend möglich, an schnelle Erfassung und Anwendung der heiligen Sprache. Die Befehle der Lehrer, ihre Anordnungen in betreff der häuslichen Arbeiten, die Datierung, die Stundenpläne werden in den oberen Klassen und zum Teil selbst in den untersten Abteilungen hebräisch gegeben. Durch planmäßig fortschreitende Konversationsübungen, die sich um Fragen des täglichen Lebens drehen, gelangen die Kinder allmählich dazu, sich hebräisch auszudrücken, ohne erst aus ihrer Muttersprache übersetzen zu müssen. Zunächst erfassen sie unmittelbar die Bezeichnungen und zugehörigen Ausdrücke für all die Bewegungen und Handlungen, die man vor ihren Augen vollzieht oder sie selbst vollziehen läßt. Zwar lernen sie auf diese Weise viele Worte, die sie in den religiösen Texten nicht finden und die sie niemals Gelegenheit haben werden anzuwenden, aber ihr Ohr wird dadurch gebildet und gewöhnt sich an die Besonderheiten des hebräischen Sprachbaues. Gerade deswegen, weil das Hebräische keine lebende Sprache ist und in Nord-Aftika am allerwenigsten Aussicht hat es zu werden, sehen die Kinder darin leicht einen unnützen, aus stereotypen Formeln zusammengesetzten Lehrstoff, an dem ihre Neugierde, ihr Beobachtungssinn keine Nahrung finden könnten. Die direkte Methode erweckte bei ihnen lebhafte Ueberraschung. Es erschien ihnen wirklich als eine Unterhaltung, sich hebräisch, und sei es in noch so geringem Maße, zu unterhalten, und sie wurden stolz darauf, die altehrwürdigen fremdartigen Worte auch im gewöhnlichen Umgang anwenden und nach eigener Wahl kombinieren zu können. Je leichter sie nun die Texte verstehen und sich aneignen konnten, desto größer wurde ihr Interesse am Studium der Bibel und des Gebetbuches. Wir können uns zu dem im ersten Jahre durch diese Methode erreichten Resultate nur beglückwünschen. Im eigentlichen Religionsunterrichte halte ich sehr auf die Vertiefung der Lektion; auf 'längeres Verweilen bei besonders wichtigen Punkten wie z. B. die menschliche und die jüdische Solidarität, die Vaterlandsliebe bei den Juden, Laiengeist im Judentum, die Anklagen der Antisemiten, die von Israel der Menschheit geleisteten Dienste u. s. w. Wenn es ein Land gibt, in dem der Unterricht in der jüdischen Geschichte nicht zu entbehren ist, so ist es Algerien. Die große Masse unserer Glaubensgenossen weiß nichts von der großen Vergangenheit Israels. Diejenigen unter unseren jungen Freunden, die auf unseren Rat Reinach oder Graetz gelesen haben, erklären uns unumwunden, daß sich ihnen eine ungeahnte Welt eröffnet habe. Hätten die Juden dieses Landes bereits früher ein stärkeres Bewußtsein von der Würde ihres Stammes gehabt, so hätten sie längst ihre Kräfte zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Ehre vereinigt und hätten ftemden Beistandes zur Bekämpfung des Antisemitismus nicht bedurft. Die Krise wäre nicht vermieden worden — weil sie größtenteils aus äußeren Ursachen hervorging, aber doch abgeschwächt worden. Jedenfalls hätte die schreckliche Lektion des Jahres 1898 Früchte getragen und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gezeitigt gegenüber dem erniedrigenden Ostracismus, der auf die Gewalttätigkeiten der Straße folgte. Wir jedoch haben nur auf die Jugend Einfluß, wir setzen unsere Hoffnung auf die Zukunft. Auch die öffentlichen Schulen versuchen, allen ihren Schülern ohne Unterschied ihres Ursprungs Liebe zur Gerechtigkeit und zur Freiheit einzuimpfen. Aber sollte nicht die jüdische Jugend dieses Bedürfnis nach Gleichheit und sozialem Fortschritt inniger empfinden, wenn sie die Geschichte ihrer Ahnen durchgegangen ist, wenn die Opfer der Intoleranz als die besten Prediger liebevoller Duldsamkeit vor ihren Augen vorübergezogen sind? Die Logik der „Menschenrechte" hat man ihnen wohl entwickelt und man hat ihnen auf die gleiche Weise wie allen ihren Kameraden von den Eroberungen der Revolution erzählt. Aber werden sie nicht von dem heiligen Charakter dieser Rechte desto tiefer durchdrungen sein und nicht hundertmal glühender die Prinzipien von 1785 verteidigen, wenn ihnen

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