Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sir. 25 Dr. Dlocd's Mlocvenscbnn. «eite 395 gar nicht wählen. Denn wie auch in der Natur alles Werdende und Wachsende nach Freiheit strebt, wie alles Wachsende und Werdende, angelockt durch die warme Frühlingssonne, die beengenden Fesseln zu sprengen sucht, so wollen auch Sie geistig frei werden dadurch, daß Sie zunächst befreit werden von den kleinlichen Sorgen um die wirtschaftliche Existenz. Und in der Tat, die geistige Freiheit, sie kann nur erreicht werden, wenn die wirtschaftliche Existenz gesichert ist. Aber Sie werden freilich auch mit daran zu denken haben — und es ist mir sympathisch, daß Ihr Herr Vorsitzender in der Einleitungsrede demselben Gedanken bereits Ausdruck gab — daß Sle einem idealen Berufe sich zugewendet haben und daß Sie das Schicksal aller Derer zu teilen haben werden, die sich einem idealen Berufe zuwenden. Die Hauptbefriedigung, Sie werden Sie in der Ausübung ihres Berufes zu finden haben, Sie werden Sie darin zu finden haben, daß Ihr Tun gute Früchte trägt und daß aus dem Samen, den Sie ausstreuen, wahrer Segen reift. Ich weiß mich sicherlich mit Ihnen eins, wenn ich denjenigen Kantor, der zwar in glänzender, äußerer Lebensstellung lebt, doch einen armen Mann nenne, wenn er diese Berufsfreudigkeit sich nicht zu erringen versteht. (Lebhafter Beifall.) Und auch deshalb konnten Sie keine schönere Zeit für Ihre Bestrebungen finden als die Zeit um Pfingsten, in welcher die Natur in ihrer ewigen Liebe für die Menschen sich am herrlichsten und am strahlendsten zeigt und in welcher die Menschen durch die Natur an die Pflicht der Liebe, der Kernlehre der jüdischen Religion, gemahnt werden. Liebe bedeutet aber Frieden. Mögen deshalb Ihre Debatten sich in friedlichen Bahnen bewegen und mögen Sie sich bei Ihren Entschließungen ausschließlich leiten lassen durch die Liebe zu Ihren Berufsgenossen, die Liebe zu Ihrem Berufe, die Liebe zum Judentum. Dann wird Ihre Arbeit gesegnet sein, dann wird diese nicht nur Ihnen zum Segen, sondern der Gesamtheit zum Heil gereichen. (Allseitiger stürmischer Beifall.) Namens des D. I. G. B. sprach Herr Rosenthal und wies auf die Verdienste hin, die sich der D. I. G. B. um die Sache der Kantoren erworben. Der D. I. G. B. werde auch weiter wie bisher sich die Förderung der Kultusbeamten angelegen sein lassen. Im Aufträge der Kantoren Posens sprach Gold-Samter und Ziegelroth-Posen. — Ueber die Gründung des allgemeinen Kantorenverbandes referierte in ausführlicher Weise Kantor Kalischer. An der Diskussion über diesen Hauptpunkt der Tagesordnung beteiligten sich u. a. die Herren Henle- Hamburg, Schönberger-Potsdam, Hoffstein-Dresden, Goldschmidt- Königsberg, Dr. Moses-Berlin. Es wurde schließlich einstimmig die Gründung eines Kantorenverbandes beschlossen. Ueber Reliktenversorgung sprach Dubowsky-Berlin. — Die Gründung einer Kantorenschule, über die Schönberger-Potsdam referierte, rief eine sehr ausgedehnte Debatte hervor, ebenso die Anstellungs- Verhältnisse der Kantoren. In den Vorstand des Kantorenverbandes wurden gewählt die Herren Schönberger, Ziwi, Nußbaum, Kalischer, Hoffstein, Friedmann-Berlin und Fabisch-Göttingen. Außer diesen Herren, die mit absoluter Majorität resp. Acklamation gewählt wurden, erhielt noch Kantor Asch-Berlin zwei Stimmen. Zum Schluß des Kantorentages hielt Kantor Henle-Hamburg einen hochinteressanten Vortrag über Rück- und Ausblick auf die Entwicklung des Synagogengesanges. — Abends fand ein gemeinsames Essen statt. G. B. Breslau. Am 4. Juni beging Frau Dr. Anna Honigmann geb. Bauer in fast jugendlicher Frische und Elastizität unter der wärmsten Theilnahme eines engeren und weiteren Kreises ihren 70. Geburtstag. Frau Dr. Honigmann ist die jüngste Schwester der verewigten Frau Cäcilie Adler, deren Andenken in der Wiener jüdischen Gemeinde unvergessen und unvergänglich fortlebt. Wiederholt hat Frau Dr. Honigmann bei dieser in Wien geweilt, und es war ihr noch vergönnt, die letzten Lebens- und Leidenstage der Verewigten durch ihre treue schwesterliche Liebe zu verschönen und zu erhalten. Die beiden anderen Schwestern der Jubilarin sind Frau Lina Morgenst e r n in Berlin, die rühmlichst bekannte Vorkämpferin der Frauenbewegung, die Schöpferin der Berliner Volksküchen, und Frau Dr. A f ch, hier, Vorsitzende des Kindergartenvereines, dessen Begründerin sie vor 40 Jahren war. Gleich ihren schwesterlichen Vorbildern, und auch die edle Mutter wirkte schon im Dienste der Humanität, ist Frau Dr. Honigmann seit Jahrzehnten auf dem Gebiete der Nächstenliebe tätig. Als Nachfolgerin ihrer Mutter gehört sie dem Vorstande der Industrieschule für israelitische Mädchen an, die schon über hundert Jahre besteht, ferner ist sie Vorsteherin des israelitischen Jungfrauenvereines, baffen Ziel die Ausbildung junger, schulentlassener Mädchen zu selbständiger Berufsarbeit ist; und auch dem Vorstande der erst vor wenigen Jahren begründeten israelitischen Haushaltungsschule, wie des Vereines zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen „Israelitisches Schwesternheim" ist sie ein wertvolles und geschätztes Mitglied. Umgeben von ihren Kindern, Enkeln und zahlreichen Verwandten, unter denen auch Frau Morgenstern nicht fehlte, empfing Frau Dr. Honigmann zahlreiche Beweise von Liebe und Verehrung; Deputationen der Vorstände aller genannten Vereine, Schülerinnen derselben und eine stattliche Anzahl von Freunden brachten der verehrungswürdigen Frau ihre aufrichtigsten Glückwünsche dar und betonten einmütig ihre liebevolle Hingebung für die freiwillig übernommenen Pflichten, die sie durch alle Jahre unentwegt bekundet hat, in dankbarer Anerkennung. Die große Bescheidenheit, die ein Grundzug des edlen Charakters der trefflichen Frau ist, zeigte sich auch in den warmen Worten des Dankes, die sie für alle Erschienenen fand. Möchte ihr ein freundlicher Lebensabend beschieden sein und sie noch lange in Frische des Körpers und Geistes zum Wohle ihres Geschlechtes wirken können! Regina Reißer. Eine jüdische Protestversammlung. Die Petersburger Judengemeinde gegen die geplante Ausschließung der Juden vom Wahlrechte. Am 17. Juni nachmittags fand in der Synagoge eine Versammlung der Petersburger jüdischen Gemeinde statt, an der Juristen, Aerzte, Journalisten, Bankiers. Kaufleute und Handwerker teilnahmen. Den Vorsitz führte Baron Horaz Ginsburg. Nach lebhaften Erörterungen wurde folgende Erklärung abgefaßt und an den Ministerrat gesandt: „Die Gemeinde erhebt Einspruch gegen die Absicht der Regierung, sechs Millionen russische Untertanen mosaischen Glaubens von dem aktiven und passiven Wahlrecht, somit von der Teilnahme an der Volksvertretung auszuschließen. Diese Maßregel würde die revolutionäre Bewegung im westlichen Rußland zu neuen Flammen emporlodern lassen. Die russische Gesellschaft aller Schichten wird aufgefordert, mit für die gerechte Sache einzutreten. Der „Vossischen Zeitung" wird berichtet: Die allseitige offen geäußerte Entrüstung über die Ausschließung der Juden vom aktiven und passiven Wahlrecht in Bulygins Volksvertretungsentwurf hat die Reaktionäre zum Nachgeben veranlaßt. Der Finanzminister erwirkte, daß den Juden die Beteiligung an den Wahlen gestattet wird. Doch soll die Zahl ihrer Vertreter gegenüber den christlichen proportional herabgesetzt werden. Warschau, 18. Juni. Wegen der Meldungen, daß die Juden von den Vorteilen der Reformen ausgeschlossen sein werden, kam es gestern zu Kundgebungen in den Synagogen. Israeliten, die mit roten Fahnen einherzogen, wurden durch Infanterie-Patrouillen zerstreut. Petersburg, 20. Juni. Im Ministerrate sprach sich die Mehrheit der Minister gegen die Ausschließung der Juden aus der Volksvertretung aus. Aus Petersburg wird der „Tägl. Rundschau" berichtet: In Melitopol in Rußland hat sich zur Selbsthilfe, da auf die Polizei nicht der geringste Verlaß ist, ein jüdisches Regiment gebildet, das aus dreihundert Mann Fußvolk und fünfzig Reitern besteht. Die Mannschaften find mit Revolvern bewaffnet. Uebungen werden außerhalb der Stadt abgehalten, in der Stadt dagegen öfters Proben veranstaltet, um festzustellen, in wie langer Zeit sich das Fußvolk auf einem bestimmten Platz versammeln könne.