Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. JJiocb’s MocbenscbriN. @;ttc 398 Mayersohn, Kramer, Dr. Gelbhaus, Kammervirtuose Alfred Grünfeld, Prof. Joseph Sulzer, Direktor Blum, der ehemalige Prokurist des Bankhauses S. M. v. Rothschild Alexander Blum, Direktor Herz, der Provinzial des Ordens der Barmherzigen Brüder P. Eduardus Stur, Chefredakteur Julius Bauer, Hofrat Ritter v. Skala, der Obmann des Tempelvereines für den IV. und V. Bezirk Adolf Hofmann, kaiserl. Rat Dr. S. Kohn, Maler Mehofer, Adjunkt Dr. Palisa von der Universitätssternwarte, Maler Felix, Chefarzt kaiserlicher Rat Dr. Charas, der Verwaltungsrat der Nordbahn Alfred v. Lenz, der Präsident der Suppen- und Theeanstalt Dr. Singer, Chefredakteur Julius Löwy, Hermann Ritter v. Goldschmidt, die Genossenschaft der bildenden Künstler vertreten durch Vorstand Baurat Streit, Schriftführer Pecha und Sekretär kaiserlichen Rat Klobasser, die Schriftführerin des israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereines für Hausarme in Wien Rosa Wiesner, der Chacham der türkischisraelitischen Gemeinde Papo, dann die Prokuristen des Bankhauses S. M. v. Rothschild Kommerzialrat Stiedry, Emil Horner und Karl Langbein, Zentraldirektor Julius Schuster und die Beamten des Hauses, der Pfarrer von Jnzersfeld und Abordnungen der Patronatskirchen und des Forstpersonals der Güter des Barons Nathaniel Rothschild, Abordnungen aller Wohltätigkeitsanstalten, die im Testamente bedacht sind, und viele andere. Um 10 Uhr vormittags nahm die Trauerfeier ihren Anfang. Oberkantor Singer brachte, begleitet vom Chorpersonal, die Trauergebete zum Vortrag. Dann setzte sich der endlose Trauerzug nach dem Zentralfriedhofe in Bewegung. In den Straßen hatte sich zahlreiches Publikum angesammelt. Um 11 Uhr hielt der Trauerzug vor dem Tore des Zentralfriedhofes. Der Sarg wurde in die Zeremonienhalle der israelitischen Abteilung getragen. Oberrabbiner Dr. Güdemann sprach an der Bahre folgende Worte: „In aller Stille, in tiefer Zurückgezogenheit, die selbst die besten Freunde nicht mehr zuließ, ist hier ein Leben abgeschlossen, dem esbeschieden war, die schärfsten Kontraste in sich zu vereinigen. Der Dahingeschiedene hätte sein Leben so glanzvoll und genußreich wie nur irgend möglich gestalten können, dazu waren ihm die Mittel in einer Fülle geboten, wie sie nur wenigen Menschen zur Verfügung stehen, aber eine kränkliche Veranlagung, die seit dreißig Jahren zu einem schweren Leiden sich ausgebildct hatte, reifte in ihm die schmerzliche Erkenntnis, daß es eigentlich nur einen wahren und echten Reichtum gibt, die Gesundheit. Dieser Reichtum blieb ihm versagt und der von Tausenden Beneidete war also in Wahrheit ein beklagenswerter Mann, denn es gibt — wie unsere alten Lehren sagen — nur einen wirklich armen, das ist der Kranke. Aber dieser Kontrast, unter dem andere zusammengebrochen wären, wurde dem Dahingeschie^enen ein Antrieb zu sittlicher Reinigung, er verhalf ihm zu einem Siege über die Unvollkommenheiten des Lebens, wozu sich selbst die Stärksten nur selten aufschwingen. Er hat es verstanden. die Kontraste zu versöhnen, und wenn man die Seelengröße ermißt, die'er dadurch bewies, so muß man anerkennen, daß dieses beklagenswerte Leben doch wiederum ein beneidenswertes war. Was verhalf ihm zu diesem Siege? Seine reiche Bildung, sein hochentwickeltes Kunstverständnis, das seinem Geschmacke die höchste Verfeinerung verlieh, seine Freude an der Natur, vor allem aber seine Wohltätigkeit. Dadurch hat er seine Schmerzen und Leiden überwunden. So bescheiden und anspruchslos er für sich selbst war, ja schon wegen seines körperlichen Zustandes sein mußte, so grenzenlos war sein Drang, wohlzutun. Auch hier stoßen wir wieder auf einen merkwürdigen Kontrast: Der Kranke lvird leicht verbittert, er wird es umso mehr, je reicher ihm die Mittel geboten sind, sein Leben zu schmücken. Der Dahingeschikdene war höchstens unwillig über seine Standesgenossen, die bloß sammeln und nicht ausstreuen, aber für die leidende Menschheit öffnete er bereitwillig und freudig die Schleusen seines Reichtums. Wie oft lief nicht die Kunde von den Millionen durch unsere Stadt, die der Dahingeschiedene auf dem Altar der Humanität und Menschenliebe dargebracht hatte! Das glänzendste Zeugnis von seiner Wohltätigkeit hat er aber in seinem Testament abgelegt. Er hat nicht bloß seine Beamten in vornehmster Weise bedacht, sondern ich darf es als Erster an seiner Bahre verkünden, daß die Welt staunen wird über die Höhe des Betrages, den er, der lebenslang Kranke, einer Krankenstiftung letztwillig gewidmet hat. So findet sein Leben ein treues Abbild in jenen Gärten, die seine Munifizenz geschaffen und in denen alljährlich tausenden Besuchern der Blütenfrühling aller fünf Weltteile in entzückender Pracht vorgezaubert wurde. Die Geschichte weiß von mancherlei Gärten zu erzählen, sagenhaften und wirklichen. Aber die merkwürdigsten find diejenigen, die seinen Namen tragen, denn aus ihnen bezog eine unserer vorzüglichsten Humanitätsgesellschaften alljährlich reichen Gewinn. Das ist eine Frucht, die keine andere Gartenkunst hervorgebracht hat. So war auch sein Leben ein fruchtbarer Garten. Er hat an sich bewahrheitet, was der erste Psalm von dem guten und edlen Menschen sagt: „Er wird einem Baum gleichen, gepflanzt an Wafferbächen, der seine Frucht gibt zur rechten Zeit, und sein Laub welkt nicht und alles, was er tut, gedeiht! Aus diesem Garten zieht er nun ein in diesen Garten des Todes, wo Reich und Arm gleich find. Aber er darf mit den Worten des Hohen Liedes sagen: „Auch unser Lager grünt." Eine Blume wird seine Ruhestätte ewig zieren, die Menschenliebe, die er gepflanzt und die nie verwelken wird! Amen!" Nun trat Hofrat Profeffor O s e r an die Bahre, um de.n Todten namens des Rothschild-Spitales folgenden tiefempfundenen Nachruf zu widmen: „Im Namen der armen Kranken unseres Spitales, die Baron Nathaniel Rothschild mit so reicher Liebe bedacht hat, will ich als Dolmetsch ihrer Gefühle dem Verewigten ein Wort des Dankes auf seinem Wege in die seligen Gefilde nachrufen. Sie war sicher eine unvergleichlich große Tat, die Millionenspende an unser Spital, die das von seinem seligen Vater begründete, von ihm und seinen Brüdern vergrößerte Werk einer nie geahnten Vollendung zugeführt hat; aber viel größer und edler noch find die Motive seines Handelns, die den ganzen Mann charakterisieren und sein Bild für alle Zeiten in die Herzen der künftigen Generationen unauslöschlich einprägen werden. Viele Jahre lang hat der arme reiche Mann unsäglich gelitten und in den schmerzdurchwühlten Stunden seines Siechtums, in denen andere nur vom Gedanken an das eigene Leid erfüllt find, stand vor seinem Auge das Bild der armen Leidensgenossen, die, frierend und hungernd, kein Obdach und keine schützende Decke haben nnd die vielleicht im Kampfe ums Dasein siegen könnten, wenn ihnen ein Armenbett im Spitale, Pflege und Wartung zuteil werden könnte. Heilung und Linderung, die er für sich selbst kaum erhoffte, wollte er anderen, den Aermsten, bieten. Das ist wahre, antike Herzensgröße, ein Altruismus, wie er edler und schöner nicht gedacht werden kann. Reich an Gut und Geld war Baron Nathaniel Rothschild; aber die wahre Größe seines Reichtums lag in seinem Herzen. Er war überreich an Liebe für seine Mitmenschen, überreich in seiner Liebe zur Kunst und zum ewig Schönen. Sowie er den lachenden blühenden Frühling seiner herrlichen Gärten in Wohltun umgefetzt hat, so hat er aus seinem unsäglichen Schmerz, der ihn mit seinen armen Leidensgenoffen verband, die edelste Formel gefunden, die anderen Heil und Hilfe bringen sollte. Im Namen der armen Kranken, die seiner in Ewigkeit dankbarst gedenken werden, rufe ich ihm aus der tiefften Tiefe meines Hebens zu: Ruhe sanft!" Die Zahl der Beileidskundgebungen, die seitens hervorragender Persönlichkeiten des In- und Auslandes an die Familie Rothschild gelangten, ist eine außergewöhnlich große. Es kondolierten die Spitzen der Gesellschaft aller Länder, die Vertreter der in- und ausländischen Aristokratie, der Diplomatie und der Finanz- und Kunstkreise. Auch die Zahl der Kränze, die an dem Sarge Baron Nathaniel Rothschilds niedergelegt wurden, ist unabsehbar. Hunderte der schönsten Gewinde wurden im Palais abgegeben.