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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 95 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Seite 389 gebürt der ganzen Menschheit. Und wenn, jener Zionist an das Wort, des Propheten Sacharia mahnt: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allerlei Sprachen einen jüdischen Mann bei dem Zipfel ergreifen und sagen, führe uns nach Jerusalem!" so hält er jetzt mit seinem Freunde, dem jüdischen Arbeiter Jserson, der dem Schwärmer entgegnet: „Es ist schon in Erfüllung gegangen .... Der Prophet ist gekommen! Alle Perfolgten aus allen Stämmen, in Scharen folgen sie Marx nach! Mögen die Blinden und Tauben warten, bis man sie nach Jerusalem führen wird." Aber dann ist noch ein anderer Jude da, Doktor Fuhrmann, Arzt, breit, behaglich, satt, gut gekleidet, schwere Zigarren schmauchend, für den das alles, der Sozialismus der einen wie der Zionismus der anderen, im Grunde nur Neurasthenie, nur Hysterie ist. Es kommt nicht viel dabei heraus, als höchstens „nur ein blind verfehltes Leben und verpfuschte Karritzre". Recht töricht von Juden, „für die es ohnedies nicht viel Karriöre gibt". Den Sozialisten sagt er: „Ich kann es nicht verstehen, wie ihr jungen Herren euer Leben einzurichten gedenkt! Ihr wollt auf fremden Grund bauen . . ., daraus wird aber nichts werden! Denn wenn es euch auch gelingt, etwas aufzubauen, etwa eine Scheune des allgemeinen Wohlergehens, dann wird man euch, den Juden, sagen: „Fort vom fremden Boden! Und so wird es kommen, daß ihr wieder nichts haben werdet; nicht einmal diese Scheune l . . . . Ihr jungen Herren verschafft euch zum zweiten Mal egyptischen Städtebau, dem wir seinerzeit glücklich entronnen sind . dank der Liebenswürdigkeit des Moses!" Und den Zionisten sagt er: „Ich glaube, daß der Zionismus eine gesunde Strömung in dem Leben unserer Juden ist. Er bringt, sozusagen, in unser nationales Selbstbewußtsein ein paar Tropfen Wiedergeburt hinein.Ich glaube aber nicht an die Verwirklichung des idealen Endzieles des Zionismus. Das ist genau so eine Utopie, wie der Sozialismus. Man muß das Leben innerhalb des Möglichen ... und des Realen einzurichten suchen." Und erklärt ihnen auch gleich, wie er sieb das denkt, dieses Leben eines Juden innerhalb des Möglichen und des Realen: „Wir dürfen nicht vergessen, daß wir, die Juden, sogar auf der Höhe unserer politischen Macht, nur eine religiös-nationale Aggregation waren. Ohne unsere Religion sind wir keine Nationalität! . . Ein gebildeter Jude verliert mit seiner Religion seine Nationalität. Das ist das Gesetz der historischen Evolution des jüdischen Volkes. Unser Judentum ist nur durch die Religion stark. Wer von den gebildeten Juden kann sich aber religiös nennen? Ich kenne keinen, bin nie einem solchen begegnet! An einem solchen gibt es dann bald nichts Jüdisches mehr. Vielleicht nur der Akzent — über den alle lachen, der eine unerschöpfliche Quelle für die russischen Witzbolde ist. — Was bleibt nun unter diesen.Umständen zu tun? Es wird verlangt, du sollst dich taufen lassen: laß dich taufen! — Bald geschehen! Man spottet in deiner Gegenwart über die Juden: lach auch du! denn es ist unvernünftig zu weinen. Der arme Jude muß Hungers sterben; sieh also, daß du reich wirst! denn der Jude mag ebenso wenig sterben wie jedes andere virnünftige Geschöpf. Dann, ^wenn du reich wirst, werden sie sich vor dir, dem Juden, bücken und du, der Jude, wirst über sie lachen . . . Das ist die ganze Logik des Lebens!" Das ist seine Art, sich „anzubauen", auf sicherem Grunde: gehaßt wird nun einmal jeder Jude, aber dem Reichen schadet kein Haß. Julius Bauer im „Extrablatt" schreibt über dieses Stuck: „Es war ein Theaterereignis. Auf ihrem Sterbebette wurde der Saison neues Leben eingeblasen. Das ausverkaufte Haus bereitete dem Schausviel „Die Juden" einen schier maßlosen Erfolg. Der gellende Aufschrei eines gemarterten Volkes ist hier dramatisch eingefangen. Ein Tendenzstück, wird man achfelzuckend sagen. Ja wohl, ein Tendenzstück, aber ein menschliches Dokument zugleich. Um die russischen Juden handelt es sich, deren ganzer Jammer den Dichter zu diesem flammenden Mene-Tekel gegen Glaubenshaß, Unduldsamkeit und Pöbelherrschaft beseelte. Eugen Tschirikoff, dessen Dichterruhm noch jung ist, hat einen tiefen Blick getan in die Stätten des Elends und in die Seelen ihrer Bewohner. Aus dem Nichts, als das die arme Judenheit den Ruffen gilt, schuf der Dichter Menschen. Die meisterhafte Charakterschilderung allein gibt dem Drama seinen Wert. Der alte Uhrmacher Leiser Frenkel, der tief in den alten Satzungen und Anschauungen wurzelt; seine Kinder Baruch und Lija, relegierte Studenten, die aus der Stickluft des Ghettos heraus nach neuen Menschheitszielen streben; der fanatische Zionist Nachmann, der sein Volk befreien und nach Palästina führen will: der Doktor Fuhrmann, der in der Assimilation sein gutes Auskommen erblickt; die Sozialisten Beresin und Jserson, die als christliche Arbeiter den verfolgten Juden beistehen, und endlich der arme Uhrmachergehilfe Schloime, der von einer Stadt träumt, wo auch der Schutzmann ein Jude ist - sie Alle sind mit dem Auge eines Dichters geschaut und mit der Hand eines Künstlers dem Leben nachgebildet. Und dabei schlägt Tschirikoff das objektive Verfahren ein, denn in seinem Drama hat fast ein Jeder Recht, der alte Jude sowohl, wie der Zionist und der Sozialist. Umso heftiger protestiert er gegen das Unrecht, das in allen Winkeln des Zarenreiches auf Väterchens geächtete Stiefkinder lauert. Zwei Akte lang fesselt das Schauspiel durch Milieuschilderung und Charakterzeichnung, aus der auch der Humor wehmütig lächelt. Dann folgt der grelle dritte Akt, dessen Vorgänge sich nicht organisch aus der Handlung entwickeln. Der Pöbel dringt in das Haus des Uhrmachers, mordet und plündert. Ein Kleinklschenew entsteht vor unseren Augen. Das Publikum aber war mächtig ergriffen. Ich singe zu den Ereignissen des Abends die folgende Wieder klingt das alte Lied Aus vergangnen grauen Tagen Von dem Volk, das auserwählt ist Schweres Erdenleid zu tragen. Kleinen Judenkindern klingt es Als ein traurig Wiegenliedchen, Eine Melodie des Todes Ist es für die alten Jüdchen. Immer klingts: Am Volk der Juden Wird gestraft mit tausend Wehen, Was vor neunzehnhundert Jahren Bei Jerusalem geschehen. Doch man denkt jetzt viel humaner, Als in alten Finstertagen: Nicht verbrannt wird mehr der Jude, Sondern höchstens totgeschlagen. Ach man sah in jener Zeit, Die vom Schrei des Bluts durchgellt war, Erst beim Licht der Scheiterhaufen, Daß es finster in der Welt war. Doch wenn heute tief in Rußland Lodert hell des Hasses Flamme, Spenden gleiche Lichteffekte Kisch.newer Telegramme. Dorten, weit von den Japanern, Sind die Russen echte Helden, Können aus den kleinsten Dörfern Ihre größten Siege melden. Wie sie dorten Schuld um Schuld Sich auf ihre Seele luden. Schildert glühend Tschirikoff In dem Wehespiel: „Die Juden". Schildert Last- und Arbeitstiere, Die sich plagen, rackern, schinden, Die von Väterchen verlassen. Büßen für der Väter Sünden. Hebräische Melodie: Eifervolle Zionisten Weinen ihre besten Tränen, Um zu zeigen, wie sie ehrlich Nach Jerusalem sich sehnen. Und sie stützen ihre Sehnsucht Mit den schönsten Argumenten, Wie sie aus den Schriften Herzl's Nicht beredter strömen könnten. Ach des Zionsliedes Sänger Hat auf Erden ausgelitten. Doch sein Lied trägt Trost und Hoffnung In die armen Judenhütten. Lehrer Nachmann hegt und pflegt In der Seele solche Träume, Auch der Uhrenhändler Leiser Und sein Handlungsdiener Schloime. Dieser alte Uhrenhändler, Deffen Fehler die Geburt ist. Stöhnt, wie eine alte Uhr, Die nicht vollends abgeschnurrt ist. Denn sein Sohn, der junge Boruch, Hält es mit den Sozialisten, Während seine Tochter Lija Ist verliebt in einen Christen. Darob ist sein HeiH zerrissen. Darob flucht und schreit Gewalt er. Kann die Jugend nicht verstehen. Denn verknöchert ist das Alter. Alle diese Kernfiguren, Sichres Wild für neue Hetzen, An dem eigenen Elenddasein Philosophisch sich ergötzen. Nur nach Assimilation Ruft ein wohlbestallter Chaim, Während Schloime denkt: „Im nächsten Jahre in Jeruscholaim!" Und ein Dritter denkt mit Wehmut: Heißt Du Jtzig oder Löbel, Bleib im Land und lass' Dich redlich Töten von dem Ruffenpöbel. Und ihr Leben ist ein Sterben In der Angst, der hoffnungsleeren. Daß die Tat von Kischenew Neue Untat wird gebären. Während sie noch disputieren. Gründe noch in's Treffen führen. Dringt die Pöbelrotte ein Durch die Fenster und die Türen. Und sie mordet, schändet, plündert, Alles ist von Blut gerötet, Männer toben, Weiber kreischen Und der alte Leiser betet. Betet leise: Schma Jisroel, Gott der Juden, hör' mein Flehen! Da erschießt sich seine Tochter, Um der Schändung zu entgehen. Mit der Jüdin stirbt der Christ, Dem sie bräutlich sich verbunden; Seine eignen Glaubensbrüder Schlugen ihm die Todeswunden! Als das Volk davon gezogen. Kommt die Polizei verspätet; Ausgestorben ist der Laden, Nur der alte Leiser betet. Scheltet kraß die Blutgeschichte, Ja sie zeigt mit greller Klarheit, Daß sie grausig echt und wahr ist. Wenn auch ein EMß der Wahrheit. Und der dieses Stück geschrieben Seiner Menschlichkeit zum Ruhme, Ist ein Christ, der ehrlich diente Einem wahren Christentume.

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