Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 366 Dr. Dlocb's MlocdenscdrtN. Nr. 25 bei freier Verpflegung durchschnittlich 1 Rbl. 64 Kop. täglich verdienen, während der Meister, welcher die Getreidehaufen zusammenlegt, 4 Rbl. 10 Kop. pro Tag erhätt. Die argenttnischen Gerichte gefallen den jüdischen Kolonisten wenig. Die Verhandlungen werden in spanischer Sprache geführt. Dolmetscher gibt es nicht, bei Streitigkeiten zwischen einem Argentinier und Europäer hat immer der Argentinier Recht, während, wenn zwei Europäer vor dem Gericht ihr Recht suchen, dasselbe in salomonischer Weisheit gewöhnlich beide Seiten mit Strafe belegt. Da nun aber bei den Juden die Leidenschaft zum Prozessieren doch mehr entwickelt ist als bei den anderen Nationen, so hat nian z. B. in der Kolonie Lucienville den Ausweg gefunden, ein „Komitee der Vermittler" zu organisieren. Die Mitglieder des Komitees (5) werden von den Kolonisten gewählt, darauf wählt das Komitee aus seiner Mitte den Vorsitzenden. Jede rechtsuchende Seite hat beim Komitee 41 Kopeken zugunsten der landwirtschaftlichen Gesellschaft einzuzahlen. Diese 1900 gegründete' „Primera Sociedad Agricola Israeiita“ besitzt schon 60 Mitglieder. Die landwirtschaftliche Saison in Lucienville beginnt mit Ende Mai. Zuerst wird Weizen gesät. Mais wird Ende September, im Oktober, ja selbst im Dezember gesät. Die Fröste sind für Weizen im Juli und August gefährlich, für Mais im April und Mai. — Viele Kolonisten in Lucienville haben begonnen, sich mit der Geflügelzuchl zu beschäftigen. Die Hühner vermehren sich erfolgreich und finden über all genügend Futter. Eier finden unbeschräntten Absatz, und zwar zr dem guten Preise von 10 Kopeken das Zehner, während Milch z. B. sehr billig ist und nach AbMg der Transportkosten zu den großen Molkereien nicht mehr als 25 Kopeken pro Wedro erzielt. Die wichtigste Bedingung für den Wohlstand des Uebersiedlers nach Argentinien liegt in seiner Familie. Erfolgreich arbeiten nur diejenigen Kolonisten, welche eine große Familie haben. Der Durchschnittskolonist erarbeitet im Jahr an Geld für den Verkauf von Getreide und anderen Produkten etwa 615 Rbl. An die Adniinistration sind etwa 287 Rbl. an Abzahlungen zu machen, so daß ihm noch 328 Rudel bleiben. In den günstigsten Verhältnissen befindet sich die Kolonie Mauricio, weil sie einem guten Absatzmarkt, der Stadt Buenos-Aires, nahe liegt und auch nicht durch Heuschrecken, Dürre oder allzuviel Regen zu leiden hat. Diese Kolonie hat eine Bevölkerung von 1128 Seelen (164 Kolonisten-Familien) und hatte Anfang 1904 schon 18.267 Hettar Land bestellt. Hornvieh gibt es hier 5611 Stück, darunter 2555 Milchkühe, ferner 3500 Pferde. Auch die Schafzucht hat hier schon einen ziemlich beträchtlichen Umfang — 3000 Schafe. Die Fahrt durch die Kolonien, sagt Krjukow, hat auf mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Immer hat man mich herzlich ausgenommen. Rußlands erinnern sich die Kolonisten sehr gern. Nirgends habe ich Erbitterung oder Haß bemerkt; alle ihre Erklärungen hierüber kann man mit den Worten eines Kolonisten ausdrücken: „Rußland ist ein gutes Land; kein Argentinien hält ihm den Vergleich; nur uns ist es zu leben unmöglich. Man zwingt uns in der Enge zu leben; deshalb ist auch Schmutz und Armut, da sich keinerlei Erwerb finden läßt, und des Volkes immer mehr wird. Wenn man es erlaubte, würde ich an einen anderen Platz gehen, würde eine paffende Beschäftigung finden, und für mich und die Familie würde es besser sein." Alle Kolonisten haben ihren Ssamowar mitgenommen und lieben sehr den Tee. „Wir bangen uns nach Rußland — sagte mir einmal mein Gastwirt; wie Sie wollen, es ist doch das Vaterland, und das Vaterland liebt Jeder. Hier kann man zwar frei leben, niemand rührt dich an, aber doch ist alles ftemd; man muß sich an alles gewöhnen." Wenn die Hebräer nach Buenos-Aires kommen, so sind alle über ihr seltsames, erschöpftes Aussehen erstaunt; langschössige Röcke, geflickte schmutzige Mützen, Peijes, auf den mageren Gesichtern Niedergeschlagenheit. Aber in Argentinien werden sie rasch neue Mensche»; sie tragen keine Peijes mehr, ihre Kleidung ist die aller Argentinier, das Gesicht gewinnt einen offenen, kühnen Ausdruck. Besonders das junge Geschlecht, das schon die Schule durchgemacht hat und spanisch spricht, hat sich die Lebensweise, die Manieren, die Bräuche und Interessen der Argentinier angeeignet. Sogar dem Geld gegenüber legen sie eine gewiffe argentinische Nachlässigkeit an den Tag. Wie die richtigen Argentinier stopfen sie die zerknitterten papierenen Pesas nachlässig in ihre Taschen. Am meisten aber hat Krjukow in Erstaunen gesetzt, daß sich bei den jüdischen Kolonisten Argentiniens ein richtiges landwirtschaftliches Leben entwickelt. Die Leute verschmelzen mit der Landwirtschaft, weil sie sehen, daß ihre Arbeit keine verlorene ist, die sie zu steigendem Wohlstand führt. In Argentinien sei der Beweis geliefert, daß man bei einer gewissen Organisation, bei einer gewissen Verausgabung von Mitteln die in schmutzigen Städtchen eingepferchte jüdische Bevölkerung in Landwirte umwandeln könne. Nur müsse man im Auge behalten, daß sich eine solche Umwandlung natürlich nicht durch' den Erlaß dieses oder jenes Gesetzes, sondern nur durch eine praktische Organisation, durch ein teilnahmsvolles Verhalten zu der Bevölkerung erreichen laffe. Me Jude«. (Schauspiel in vier Aufzügen von Eugen Tschirikow. Zum erstenmal ausgeführt im Deutschen Volkstheater von der Berliner Truppe Karl Meinhards am 15. Juni 1905.) Hermann Bahr liefert von diesem Stück folgende Inhaltsangabe: Ein niedriges Zimmer in einem Keller. Links geht es zur Wohnung, rechts ist der Laden des alten Uhrmachers Leiser Frenkel. Drüben hört man den Lärm streitender Stimmen. Vorn sitzt Frenkel an der Arbeit, mit Schloime, seinem Gehilfen. Und die beiden reden. „Nein," sagt Leiser, „nein, Schloime! Ich werde es nicht mehr erleben, meine Augen werden es nicht mehr sehen! — Aber vielleicht werden meine Enkel oder Urenkel wieder nach Palästina kommen". Und der junge Schloime seuzt: „Das gebe Gott, Neb Leiser!" Und Leiser weiter: „Und sie werden endlich ihre eigene Heimat haben, wie jeder Mensch!" Und Schloime wieder: „Das gebe Gott, Reb Leiser!" Und Leiser: „Und ich ... ich werd' hier bleiben, auf fremder Erde! . . . Vielleicht bringt dann jemand aus Palästina eine Handvoll heilige Erde mit und wirft davon auch auf mein Grab." So reden diese zwei, und man spürt gleich: sie reden es alle Tage, müssen es reden, jeden Tag, denn kein anderer Gedanke kann in ihnen sein, davon leben sie. Beide. Der alte Leiser, der in seinem Leben dreimal alles verloren hat und dreimal sein Leben wieder angefangen hat. „Wie eine Biene Hab' ich tropfenweise den Honig angesammelt. Und wenn in meinem Bienenstock genug Honig war, dann haben sie mir ihn zerstört und alles, was drin war, herausgenommen. So wie es mit Hiob geschah: Da kam ein großer Wind von der Wüste her und fegte alles weg. Und ebenso Schloime, der freilich noch zu jung ist, um ein rechter Jude zu sein: „Man hat dich noch zu wenig geprügelt," sagt Leiser. Aber es fängt schon an. Er erzählt: „Als ich gestern Früh über den Markt ging, da hat mich ein Betrunkener beim Genick gepackt und mir einen Hieb versetzt ... ich Hab' ihm ja gar nichts getan — ich ging nur so . . . und als ich dann davonlief, da warf einer mit einem Stein nach mir! . . . Gott sei Dank, der Schuft traf mich nicht! ... Es war ein großer Stein! . . . Was Hab' ich denn getan?! Ich ging nur so . . ." Und er weiß es doch längst: sie haben ihm ja seine Mutter getötet, damals in Milno, als die Verfolgungen waren Darum sitzen die zwei und reden nur immer davon, an der Arbeit und denken an den Tag, von dem es heißt, daß, wenn Messias kommt, alle Juden, die in verschiedenen Ländern wohnen, in Polen, bei uns, in Amerika in Afrika und..f,U., England und überall, alle unter der Erde nach Palästina ziehen werden. Aber indem sie so sitzen und so reden, dringt der Lärm von Streitenden her, von Leisers Kindern und ihren Freunden. Er hat einen Sohn, dem es lieber ist, Boris zu heißen, als Boruch. wie ihn der Vater nennt, und hat eine Tochter, Lija, und die beiden hätten lernen sollen, um es einmal besser zu haben, aber man hat sie von der Universität fortgejagt „wegen Beteiligung an Unruhen". Das kommt davon, wenn der Mensch zu ^klug wird. Das ist ein großes Unglück, sagt Leiser. „Wenn der Mensch sehr klug wird, ist es ebenso schlimm, wie wenn er ein Dummkopf wäre . . . Dann fängt er an zu glauben, daß er klüger als Gott selbst ist". Boruch glaubt nicht mehr, daß die Juden noch einmal nach Palästina kommen werden, er sagt, daß das alles Märchen sind. „Ja, es ist ein großes Unglück, seine Kinder so klug werden zu lassen, daß sie an diese Märchen nicht mehr glauben. Es ist ein großes Unglück, denn wenn der Jude an diese Märchen nicht mehr glaubt, dann hört er gar bald auf, Jude zu sein". Boruch und Lija sind auch in der Tat eigentlich keine Juden mehr, sie fühlen nicht mehr jüdisch, sie möchten aus allem diesen heraus. Wie Lija dem Zionisten Nachmann, der sie liebt, den auch sie einst zu lieben glauble, während es doch nur Dankbarkeit war, Dankbarkeit für den Lehrer, der ihr „den breiten Horizent des Lebens" erschlossen hat, wie sie diesem, nach zwei Jahren aus der Residenz zurückgekehrt, bekennt: „In diesen zwei Jahren Hab' ich vergessen, daß ich eine Jüdin bin! Ich hatte so viel gute Menschen um mich her, Nachmann, denen es gleich galt, ob ich eine Jüdin bin oder keine . . , Das Leben floß voll und reichlich dahin, und ich Dürstende trank mit vollen Zügen . . . Als ich hieher fuhr und auf dem staubigen Wege wieder einen Juden in seiner Tracht erblickte, fuhr ich zusammen .... Er ging in Pantoffeln, weißen Strümpfen und einem langen Rock. . . gebückt, hager, mit einem großen silberweißen Bart ... Ich sah ihn an und mir war es plötzlich, als sähe ich ein altes, halbzerfallenes Haus verödet und verlassen vor mir. in dem ich einst, vor langer, langer Zeit, als Kind gelebt habe." Dem Bruder ist es nicht anders ergangen, er hat sich einen neuen Talmud gefunden: Marx. Und darin eine neue Sehnsucht, neue Hoffnungen, neuen Glauben. Und neue Freunde, die nicht mehr fragen, zu welcher Nation einer gehört, die überhaupt nur noch zwei Nationen kennen: „Die eine arbeitet viel und ißt wenig, die andere arbeitet wenig und ißt sehr viel!" Die auch „nach Hause" wollen, aber nicht in irgend ein Jerusalem der Vergangenheit, sondern in das Haus der befreiten Menschheit. Die begriffen haben, „warum der eine Mensch den anderen an der Kehle würgt", und von denen darum keiner mehr ein Russe oder Pole oder Jude, sondern jeder nur noch einfach ein Mensch sein will. Seitdem kann er an die Wiedergeburt seines Volkes nicht mehr glauben, weil er jetzt einen höheren Glauben hat; an die Wieder»