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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Mr. 2o Dr. Dlocd s WocdenscdrM. Gelle 387 Zeit anbrecheu werde, in welcher alle die großen geistigen Kräfte, welche trotz Unterdrückung und Schmach aus diesen elenden Massen von sechs Millionen Menschen wie elektrische Funken aufblitzen, ausgelöst und zur Mitarbeit an den großen Aufgaben des Vaterlandes herangezogen werden sollen. Aber die Hoffnung ist eine trügerische. In dem bunten Völkergemisch des Zarenreiches sollen alle Nationen das Bürgerrecht erlangen, soll die Gleichheit vor dem Gesetze für Jedermann statuiert werden, nur nicht für die Juden. Sie bleiben ausgeschlossen vom aktiven und passivem Wahlrecht, sie bleiben nach wie vor die verachtete, niedergetreteue Rasse, deren Vertreter nicht Sitz und Stimme haben dürfen au jener erhabenen Stelle, von der das Volk zum Zaren sprechen wird. So hat es Herr Buligyn, so haben es die Werkzeuge der zarischen Gewalt bestimmt, und wenn auch künftighin ein neues Kischenew, ein neues Schitomir, ein neues Brest- Litewsk den Juden bereitet wird, so sollen jüdische Delegierte nicht die Gelegenheit haben, von der öffentlichen Tribüne herab gegen die Ermordung und Beraubung ihrer Glaubensbrüder zu protestieren und für solche Freveltaten Sühne zu verlangen. Mögen immerhin auf den Schlachtfeldern der Mandschurei Tausende braver jüdischer Soldaten ihr Leben gelassen haben, während daheim ihre Familien von Ort zu Ort getrieben wurden und im Elend verkamen — der Jude verbleibt verdammt und seine heiße Stirne wird nicht gekühlt von dem Morgenwinde der anbrechenden Freiheit. So haben es die Ratgeber des Zaren bestimmt, aber ihre Rechnung hat ein Loch. Wenn einmal der Blitz aus den Wolken herniederfährt, wer will ihm ein Ziel setzen? Wenn die Sonne ihre Strahlen herabsendet, wer will ihr gebieten, daß sie nur Dem und Jenem leuchten dürfe? Wenn einmal der Sturm die Eichen entwurzelt, wer will ihm befehlen, daß er sich hierhin oder dorthin wende? Die russische Nationalversammlung, wie sie von Buligyn und Genossen geplant und von dem Zaren angekündigt wird, ist noch lange keine Volksvertretung im konstitutionellen Sinne des Wortes. Sie soll nach dem Worte des Zaren die „Grundlage einer Ordnung schaffen, die auf russischen Nationalgrundsätzeu aufgebaut sein wird", d. h. mit anderen Worten, daß sie nur eine Körperschaft mit beratender Stimme sein wird, deren Ratschläge der Zar hören oder verwerfen kann. Der Plan ist fein ausgeklügelt, aber viel zu fein, als daß er dauernd Bestand haben könnte. Unter der Bezeichnung „russische Nationalgrundsätze" wird die Fortdauer der Autokratie, die Fortdauer der gewissenlosen Beamtenherrschaft verstanden. Aber der Czar und seine Leute kennen nicht die elementare Gewalt der aus ihrem Schlummer erweckten Volksseele. Mag man den Semstwi sobor wie immer znsammensetzen und mögen die Wahlen zu demselben mit terroristischer Willkür vollzogen werden, es ist doch endlich ein Platz geschaffen, von welchem aus das tausendjährige Wünschen und Sehnen eines niedergetretenen Volkes nach Ausdruck und Erhörung ringt und von dem aus die Worte der Freiheit wie Geschützkugeln durch das ganze Land sausen werden. So gewiß, als die russische Intelligenz von einem Sturme der Entrüstung erfaßt wurde, als sie hörte, daß ihre Kampf- und Leidensgeuossen, die Juden, von der Nationalversammlung ausgeschlossen bleiben sollen, so gewiß wird früher oder später diese Nationalversammlung die Bande sprengen, mit welchen nach den Ratschlüssen der zarischen Schergen die Juden Rußlands noch weiter gefesselt blechen sollen. Anders offenbart sich die Kraft eines ruhig in breitem Bett dahinwallenden Stromes, anders die Kraft des Elementes, das, von jeher im Schoße der Erde zurückgehalten, plötzlich mit jähem Stoße hervorbricht. Mag die Nationalversammlung in Rußland auch noch lange kein Parlament sein, so wird sie doch mächtiger werden, als es gegenwärtig alle Parlamente der Erde sind. Und kein Gesetz, kein Paragraph, keine Wahlordnung, wird im Stande sein, die Juden Rußlands für die Dauer von der Teilnahme an dieser Versammlung auszuschließen, denn dieselbe würde sich so selbst vernichten, sich jeder Möglichkeit einer wirksamen Betätigung ihrer Existenz berauben, wenn sie dulden wollte, daß die zarische Despotie auch nur auf einem einzigen Punkte des weiten Reiches, auch nur einer einzigen Nation und einer einzigen Volksklaffe gegenüber aufrecht bliebe. Wenn der Zarismus sterben soll, muß auch das russische Judentum zum Leben erwachen.- Jüdische Kolonien in Argentinien. In dem „Westnik Jewroph" veröffentlicht N. A. Krjnkow auf Grund eigener Beobachtungen eine interessante Studie über die jüdischen Kolonien in Argentinien. Der Grund zu der jüdischen Kolonisation in Argentinien ist bekanntlich durch eine Spende des Barons Hirsch von 2 Mill. Pfd. Sterling (18,800.000 Rbl.) gelegt, und durch Beiträge von verschiedenen jüdischen Assoziationen ist dieses Grundkapital auf 9 Mill. Pfd. Sterling (84,600.000 Rbl.) gebracht. Gegenwärtig weist Argentinien vier große jüdische Kolonien auf: Clara und Lucienville in der Provinz Entre-Rois, Santa Fe, etwa 76 Werst nordwestlich von der gleichnamigen Stadt und Mauricio, 260 Werst westlich von der Stadt Buenos-Aires. Diese Kolonien nehmen einen Flüchenraum von 359.758 Hektar (1 Hektar ist gleich 0-91 Dessjatine) ein, wovon 202.412 kolonisiert sind. Insgesamt sind 1394 Familien (7658 Personen) angesiedelt. In allen Kolonien gab es zum 1. Jänner 1904 — 24 Schulen, die von 776 Knaben und 62? Mädchen.besucht wurden. Die Zahl der Bethäuser beträgt — 5. An Vieh besitzen die Kolonien — 53.000 Stück Hornvieh, 13 000 Pferde und 3500 Schafe. Mit Weizen sind 21.000 Hektar besäet, mit Flachs 17.000, mit Mais 14.000. Die meisten Kolonisten sind aus Rußland gekommen; nur in der letzten Zeit hat» auch ein Zuzug ans Rumänien und anderen Gegenden stattgefunden. Jeder Kolonist empfängt Land, Gebäude, Inventar, mit einem Wort, alles Notwendige, um seine Wirtschaft anzufangen. Er muß seine Schuld, die zu 5 Prozent verzinst wird, in 20 Jahren abzahlen. Anfänglich bekam jeder Kolonist 50 Hektar Land zugewiesen, doch stellte sich bald heraus, daß dies bei den argentinischen Verhältnissen nicht ausreicht, um in die Höhe zu kommen. Vorzugsweise findet die Ansiedlung in Gruppen von 4 Höfen statt. Für je 2 Höfe wird ein gemeinsamer Brunnen angelegt. Die einzelnen Ansiedlungsgruppen sind von einander 1 Kilometer entfernt, was für die Kommunikation nicht besonders schwierig ist. Auf je 12 Gruppen entfällt eine Schule. Der weiteste Weg, den die Kinder zurückzulegen haben, beträgt mithin 3 Kilometer. Die Häuser werden ans Ziegelstein erbaut und mit verzinktem Blecheisen bedeckt. Das Haus, 8 mal 4 Meter im Umfang, mit 3 Fenstern in der Fassade, hat 2 Zimmer und kostet etwa 369 Rubel. Der Kolonist empfängt das fertige Haus, eine eingefriedete Fläche von 25 Hektar und eine uneingefriedete von 125 Hektar. In der eingefriedeten Fläche kann er Gemüse bauen, Bäume pflanzen, Luzernen bauen, auf der uneingefriedeten Felder anlegen. Außer Gut und Land erhält er acht Ochsen zur Arbeit. 12 Kühe, 4 Pferde, einen Wagen, 2 Pflüge, 1 Egge usw. Die Gesamtschuld des Kolonisten beträgt im Durchschnitt 7000 Pesas (5740 Rbl.), wovon 40u0 auf das Land, 3000 auf alles übrige entfallen. Jede Kolonie hat zur Leitung ihrer Angelegenheiten folgende Administration: einen Verwalter (Gehalt 4100 Rbl.), einen Gehilfen desselben (2870 Rbl.), einen Buchhalter (! 640 Rbl.), 2 Schreiber (ä 492 Rbl.), alle bei freiem Quartier. Auch die ärztliche Hilfe wird in den Kolonien gut bezahlt. So bezieht ein Arzt etwa 4900 Rubel, ein Feldscher 984 Rubel bei freiem Quartier. Ernste Feinde der Wirtschaft sind die Ameisen, zu deren Bekämpfung sogar ein besonderer Apparat erfunden ist. Die Weizenernte in der Kolonie Clara beträgt 53'/, bis 67 Pnd pro Hektar, doch kommen auch ungünstigere Jahre vor. Die Einerntung kostet etwa 1 Rbl. 80 Kop. pro Dessjatine, die Arbeit und die Pferde nicht gerechnet. Schafe kommen in den Kolonien gut fort, doch ist die Zucht derselben für viele Kolonisten noch schwierig, da der Weideraum der Schafe eingebegt werden muß und außerdem gedeckte Stallungen für sie aufgeführt werden müssen, in denen die Schafe in der schweren Regenzeit Schutz finden können. Aeltere Kolonisten beschäftigen sich aber mit Erfolg auch schon mit der Schafzucht. Unter den Kolonisten, die sich in Rußland mit Kramhandel und Handwerken beschäftigt haben, haben sich nicht wenige als gute, energische Landwirte gezeigt. Ein gewisser Friedland z. B. verfügt schon über 150 Stück Hornvieh, darunter 24 Milchkühe und 50 Pferde. Auf seiner Farm von 300 Hektar hält er zwei Jahresarbeiter, die einen Monatslohn von 32 Rbl. 80 Kop., resp. 24 Rbl. 60 Kop. bei freier Wohnung erhalten. Um die Erntezeit steigt dieser Lohn noch um weitere zwei Drittel. Zur Ernte nimmt er außerdem noch 10 Arbeiter an, welche

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