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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 386 Nr. 25 Dr. BlvÄr's Wochenschrift. geworden sei. Das ist aber nicht genug. Der Mann, der selbst so glücklich ist, nach seinem eigenen und gewiß sehr maßgebenden Urteil über eine „zaubergewaltige Erscheinung" zu gebieten, —- bei einer Männerschönheits-Konkurrenz ist er leider doch noch nicht aufgetreten, — läßt aus Anlaß der wohl größten Wohltätigkeitsaktion, die jemals in unserem Vaterlande geübt worden ist, verkünden, daß die Mitglieder der Familie Rothschild durchaus degenerierte, stupide, mehr affenals menschenähnliche Wesen seien. Das ist antisemitischer Takt und antisemitischer Geschmack. Ganz besonders bemerkenswert ist aber die tiefsinnige antisemitische Logik, die aufgeboten wird, um den Wert der Spende herabzusetzen. Erst wird von „Scheinwohltätigkeit" gesprochen, mit der die Welt „gebläfft" werden soll. Herrn Vergant ist also auch das Haus Rothschild nicht „gut" genug. Die Millionen sind zwar testiert und für einen genau angegebenen Zweck bestimmt, aber deshalb ists doch nur — Scheinwohltätigkeit. Wer weiß, was mit den Millionen noch geschieht. Das Sicherste wäre wohl gewesen, sie gleich Herrn Vergant direkt in die Hände zu legen. Der Mann von den berühmten Obligationen wendet sich an die öffentliche Wohltätigkeit, wenn einer seiner Angestellten erkrankt; er wäre ein guter Stistungsverwalter. Und „bläffen" wollte der Erblasser die Welt! Hätte er das gewollt, dann hätte er die Summe ja bei seinen Lebzeiten flüssig machen können. Wenn man schon solche Absichten hegt, dann möchte man doch auch etwas davon haben! Die „Deutsche Zeitung" — schon gut; wir kennen alle nördlich gelegenen Milderungsgründe, die bei Nennung dieses Namens gewöhnlich sofort ins Treffen geführt werden, obschon auch die „Deutsche Zeitung" geradeso wie ein Tenorist von den ihr eingeräumten Vorrechten keinen allzu unbescheidenen Gebrauch machen sollte — sie also entrüstet sich geradezu darüber, daß Baron Nathaniel Rothschild erst in seinem Testamente die Stiftung gemacht habe. Genau genommen sei das eigentlich eine Schmutzerei. Darum dürfe man ihn auch nicht mit Peabody und anderen großen Wohltätern vergleichen. Die „Deutsche Zeitung" weiß also nicht oder stellt sich, als wüßte sie es nicht, daß Baron Nathaniel Rothschild auch während seines ganzen Lebens Wohltätigkeit in großem Stile geübt hat. Sie zürnt, weil er jetzt nicht auf „eigene Kosten" wohltätig gewesen sei, sondern — „auf Kosten seiner Erben". Der freundliche Leser greift sich an den Kopf — aber es ist doch die „Deutsche Zeitung", die wir zitieren. Da entfällt jede weitere Diskussion. Sie glaubt die ganze Geschichte überhaupt nicht recht und spricht nur von einer „angeblichen" Millionenstiftung des Barons Rothschild. Die Summe „soll" zwanzig Millionen betragen. „Die wahre Summe wird niemand erfahren. Für die Welt ist Nathaniel Rothschild der große jüdische Wohltäter, der zwar Millionen besitzt", — (auch nach seinem Tode?) — „aber sie auch der bedürftigen Menschheit widmet. So macht man Stimmung." Wir wiederholen, es ist die „Deutsche Zeitung", die so spricht. Da ist doch das „Deutsche Volksblatt" schlauer, Dieses setzt erst die Spende herab, spricht von Scheinwohltätigkeit und von der Absicht, der Welt Saud in die Augen zu streuen, erkennt aber dann die Stiftung doch als „Riesenspende" an, freilich nur, um daraus dann auf die Gefährlichkeit des jüdischen Kapitals zu folgern. So also die antisemitische öffentliche Meinung angesichts eines historisch denkwürdigen Aktes der Menschlichkeit und der Menschenliebe. Man könnte ja auch darüber wortlos hinweggehen, wenn der Aspekt in die Zukunft nicht ein so trüber wäre. Arisches Wohltäter beschränken ihre Stiftungen ausschließlich auf christliche Nutznießer; die Formel „ohne Unterschied der Konfession" wird in diesen Kreisen nie angewendet. Baron Nathaniel Rothschild wollte, daß sein Liebeswerk seinen leidenden Mitmenschen ohne Rücksicht aus Nationalität oder Bekenntnis zugute kommen solle. Gewiß ist das die rechte Humanität, die da wünscht, daß die Menschen, zumal unglückliche Menschen, mit gleichem Maße gemessen werden, die Frage bleibt aber offen, ob der große Menschenfreund auch zur Genüge bedacht hat, wer da berufen sein werde, seine Absichten zu verwirklichen, und ob nicht etwa gerade die, die als seine Volks¬ und Glaubensgenossen seinem Herzen am nächsten, gestanden haben mochten, dabei gar sehr zu kurz, kommen könnten. Was für Begriffe der Antisemitismus von Gerechtigkeit hat, das haben wir ja gesehen. In Stad^und Land führt der Antisemitismus bei uns das Ruder. Es gibt schon zahlreiche interkonfessionelle Stiftungen, die von Juden errichtet worden sind. Und nun — die Hand auf's Herz — hat bei den Machthabern in Stadt und Land ein Jude, oder auch nur ein notorischer Liberaler genau dieselbe Anwartschaft auf Berücksichtigung, wie — andere Bewerber? Diese Stiftungen und Legate, wie z. B. die berühmten Singer'schen, werden ausschießlich antisemitischen Agitatoren verliehen. Das traurige Kapitel mancher Pollak von Rudi n'schen Stiftung bildet seit langem ein offenes Geheimnis. In dem Bettina-Pavillon, fundiert von Baron Albert Rothschild, wird ein jüdischer Arzt nie eine Anstellung finden. Das lag gewiß nicht in den edlen Intentionen des hochherzigen Stifters, entspricht aber der „Moral abendländischer Zivilisation" und „herrschendem Christentum". Der Statthalter aber erzittert und erbebt vor jedem kleinen Wiener Demagogen. Und so könnte es wohl geschehen, daß der großherzige Stifter, der in seiner Menschenliebe alle gleich behandelt wissen wollte, gerade seine Volks- und Glaubens- und darum auch seine Leidensgenossen zurückgesetzt und geringer bedacht hat als — die anderen. Ausgeschlossen! In einem Wiener Theater wird gegenwärtig von Berliner Schauspielern das Tschirikvff'sche Drama „Die Juden" aufgeführt, das mit grellen Schlaglichtern die bejammernswerte Lage unserer Glaubensgenossen in Rußland beleuchtet. Während dieses grausige Stück wahren Lebens über die Bühne schreitet, wird in Brest-Litewsk, in Schitomir, in Siedlee und in anderen Orten chxDzweiten Zarenreiches der blutige Kommentar dazu geschrieben. Was vermöchte uns der Dichter noch zu sagen, was nicht mit packender Furchtbarkeit die Tatsachen der letzten Monate und Jahre uns erzählt hätten? Das Schicksal der alten indischen Parias ist beneidenswert zu nennen gegenüber dem der russischen Juden. Rechtlos, der Beutegier jedes gewissenlosen Beamten preisgegeben, zusammengepfercht in Wohnungen, die eher den Höhlen wilder Tiere als menschlichen Behausungen gleichen, vom Hunger zermürbt, von Krankheiten aufgerieben, werden sie nun noch, um für die durch schmähliche Niederlagen aufgereizten nationalen Instinkte eine Ableitung zu schaffen, schutzlos dem mordgierigen Pöbel vorgeworfen wie einst das grausame Rom seine Christen den Bestien der Wildnis vorwarf. Da fällt ein Lichtstrahl in diese schaurige Nacht. Die Macht der Autokratie, die schrankenlose Gewalt einer korrumpierten Bureaukratie sind gebrochen, aus den Schlachtfeldern des Ostens erhebt sich für Rußland das Morgenrot freieren Lebens — der Zar hat eingewilligt, eine Verfassung zu geben und er selbst hat es mit seinem kaiserlichen Worte den Vertretern des Adels und der Intelligenz verkündet. Eine Verfassung! Das Volk soll mitsprechen bei der Bestimmung aller öffentlichen Angelegenheiten. Es soll mitberaten an den Gesetzen des Landes, es soll entscheiden über Krieg und Frieden. Das Volk! Das ist in Rußland noch ein Begriff, es gilt im Osten noch so viel, wie es vor dem Jahre 1789 im Westen gegolten hat. Das Volk ist groß, das Volk ist stark, das Volk ist mächtig und das Volk ist — barmherzig. Im russischen Volke gibt es heute noch keinen Antisemitismus nach westeuropäischem Muster. Dort ist der Jude ein Leidensgenosse aller anderen Unterdrückten, ein Kampfgenosse um die Allen vorenthaltene Freiheit. Wie die Juden.für die russische Intelligenz und ihre freiheitlichen Forderungen, so kämpft die russische Intelligenz, für die Befreiung der Juden. An die Kunde, daß Rußland eine National-Versammlung erhalten soll, knüpft sich die freudige Hoffnung unserer Glaubensbrüder, daß nun auch für sie eine bessere

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