Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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lUy]25. Dr. Bloch’s kMM lnJprgiraglXll. Central organ für die gesammten Interessen des Iudenthums. A. K. Postfxarrsffrn-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Aed artton und Administration: Wir« IX/l, Vrrggalse Nr. 39. Tslephon Nr. 14.847. Wien, 28. Juni 1905. -E Erscheint jeden Freitag. - 4 4* ■»S» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift» Wien. S- »ezugsprei» flir Srsterrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller, Für'« Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene^ "'rtitzeile 24 Heller. Inbalt: Leitartikel: Die zwanzig Millionen-Stifiung. — Ausgeschlossen! — Jüdische Kolonie in Argtntinien. — Die Juden.— Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Judenehen und das Heimatsrecht. Heimatsrechtchikanen der Wiener Gemeinde. Zur Genealogie des Vize-Bürgermeisters Dr. Porzer. Adolf Mussaffia. Juden und Griechen. Mißbrauch der Statistik oder falsche Moralstatistik. Arme und reiche Inden. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Das Leichenbegängnis Nathaniels Freiherrn von Rothschild. Das Leichenbegängnis des Abgeordneten Singer. Berlin, Breslau, Hagen. Eine jüdische Protestversammlung — Vermischtes: Wien. Der neue Dekan der Wiener medizinischen Fakultät. Kaiser Franz Josefs- Ferienheim, Banjaluka, Graz, Straßnitz, Witkowitz, Paris. — Feuilleton: Aus finstern Zeiten. — Briefkasten. — Inserate. Die zwanzig MMonen-Stistung. „Für den dummen Kerl von Wien sind schwere Tage gekommen." Mit diesem ehrlichen Stoßzeufzer beginnt das „Deutsche Volksblatt" seinen Leitartikel, in welchem es an die von seinem Standpunkte aus in der Tat schwierige Aufgabe herantritt, zu einer von jüdischer Seite ausgegangenen großherzigen Stiftung Stellung zu nehmen. An sich scheint die Aufgabe gar nicht schwierig, sondern ungeinein einfach. Es kam ein Mann zu sterben, der, im Besitze großer Reichtümer, im Leben doch nicht glücklich gewesen ist. Er hat viel gelitten, und er, der von Millionen beneidet worden sein mag, hätte sicherlich gerne all seinen Reichtum geopfert, wenn er sich dadurch ein Ausatmen in Kraft und Gesundheit und Lebensfreudigkeit hätte erkaufen können. Er hatte in Hülle und Fülle, was sonst der Menschen Begehr, und dennoch war ein düsterer Schleier von Sorge und Schwermut über sein Leben gebreitet. Und als er nun zu sterben kam, da wollte er, dem selbst das Glück niemals gelächelt hatte, wenigstens andere beglücken, er wollte Leidende trösten, Unglücklichen helfen, ihnen Trost bringen, wenigstens ihnen einen Schimmer des Glücks vermitteln, das ihm versagt blieb, und er errichtete eine Stiftung, die an Umfang und Großherzigkeit bei uns in Oesterreich und vielleicht in Mitteleuropa überhaupt ihres Gleichen noch nicht hatte. Er wollte dem öffentlichen Wohle dienen und Unglücklichen beistehen, welcher Abstammung und welchen Glaubens sie auch sein mögen. Er wollte den öffentlichen Gewalten, dem Staate, dem Lande, der Stadt, eine große und ernste Verpflichtung abnehmen, deren Dringlichkeit längst fühlbar war und die sie doch nicht erfüllen konnten, weil im Drange all der übrigen Verpflichtungen die Mittel dafür nicht aufzubringen waren. Man sieht, für den gesunden Menschenverstand und jede unbefangene Anschauung liegt die Sache wirklich sehr einfach. Fürst S ch w a r z e n b e r g hat für die Armen Wiens 500 Gulden testiert und Fürst Schwakenberg verfügte über größeren Reichtum als Baron Nathaniel Rothschild. 20 Millionen für einen wohltätigen Zweck, — es kommt der öffentlichen Meinung wohl zu, dafür ein Wort des Dankes und der Anerkennung zu finden. Wir meinen sogar, daß das Pflicht sei. Es ist ein Beispiel, das gewürdigt werden muß. Unsere Plutokraten, insbesondere soweit sie auch Aristokraten find, haben es bisher immer mit den Pflichten des Besitzes, beziehungsweise mit der Pflicht der Selbstbesteuerung zu Gunsten ihrer unglücklichen Mitmenschen doch etwas zu leicht genommen. Es sollte ihnen zu Gemüte geführt werden, daß großherzige Akte der Wohltätigkeit einen Hellen Widerhall in der öffentlichen Meinung Hervorrufen, daß sie Ehre und Ruhm bringen, und es durfte schon deshalb mit der Anerkennung nicht zurückgehalten werden, weil von ihr eine schulbildende Kraft ausgeht und sie zur Nachahmung anzueifern vermag. Auch die öffentliche Meinung hatte da also eine Pflicht den Leidenden und Bedürftigen gegenüber. Menschlich begreiflich wäre noch ein Anderes. Der Antisemitismus soll die Großtat eines Juden anerkennen, — das wäre mehr der Selbstverleugnung und des Gerechtigkeitsgefühls, das wir beim Antisemitismus vorauszusetzen gewöhnt worden sind. Wir sehen ein, daß das nicht zu verlangen ist. Menschlich begreiflich wäre hier also, wenn es schon so sehr wider den Strich geht, eine edle Tat auf gegnerischer Seite rückhaltlos anzuerkennen, wenigstens — ein achtungsvolles Schweigen gewesen. Auch dieses nur halbwegs anständige Auskunftsmittel ist nicht gewählt worden. Die Wortführer unserer Antisemiten haben den Anlaß lediglich dazu benützt, nicht nur den Verstorbenen, sondern gleich die ganze Familie Rothschild einfach anzuflegeln, ja zum Lohn für die 20 Millionen-Stistung zu beschimpfen. Das englische Volk hat einem Peabody in London in der Nähe der Bank ein Denkmal gesetzt. Bei uns wird ein Mann, der mehr getan hat als Peabody, angeflegelt. Das ist der ganze Unterschied. Nicht einmal das schäbige Argument kommt unseren Antisemiten hierbei zustatten, daß Peabody ein Sohn des Volkes war, das ihm das Denkmal aufgerichtet hat. Auch Peabody war ein „Eingewanderter", der Gast des englischen Wirtvolkes, und Nathaniel Rothschild war mehr und ein besserer Oesterreicher, als Peabody Engländer. Aber Nathaniel Rothschild war Jude und das ist Grund genug, jede, aber auch jede Brutalität nicht nur als gerechtfertigt, sondern geradezu als Verdienst erscheinen zu lassen. Und wie da gearbeitet wird! Das Organ Vergani's — man beachte — Vergani's! — beginnt mit dem xrinclxinm xetitum, das natürlich nicht erst bewiesen wird, daß die Familie Rothschild lediglich „durch Wucher" und die „rücksichtsloseste und hartherzigste Ausbeutung der Notlage ihrer Mitmenschen" groß