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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-15 · 24 (15.6.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
24 (15.6.1905)
Date
1905-06-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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wr. Llocb's Mocbenscbrttt. Nr. 24 Sette 382 Zuhörer tiefen Eindruck machte. Hierauf bestieg der Jubilar die Kanzel und sprach mit tiefempfundenen Worten fein Dankgebet. Nach dem Gottesdienste begab sich das Publikum in den großen Festsaal des Komitatshauses, wo die einzelnen Deputationen ihre Glückwünsche darbrachtey. Der Präsident der Gemeinde, Dr. Mangold, übergab bei diesem Anlässe dem Jubilar ein Ehrengeschenk. Abends fand ein Bankett statt, an dem mehr als hundert Personen teilnahmcn, darunter die Elite des Komitats und der Stadt. Toaste sprachen Vizegespan August Janko, Dr. Mangold,. die Rabbiner Dr. Szidon und Dr. Arnold Kiß. Telegraphische Glückwünsche sandten die Rabbinerseminarien zu Berlin, Breslau und Budapest, die israelitische Religionsgemeinde in Miskolcz, Wilhelm v. Ormody, der Direktor des Budapester Rabbinerseminars Moses Bloch, der Professor am Rabbinerseminar Wilhelm Bacher u. v. a. Zürich. In der hiesigen, prächtig geschmückten Hauptsynagoge fand am ersten Tage „Schewuos" die feierliche Einweihung einer überaus herrlich ausgestatteten Sefer-Thora statt. Der edle Spender derselben, Herr Sigmund O r t l i e b, ein äußerst angesehener Bürger Zürichs, sowie dessen hochverehrte Gemahlin erfreuen sich durch ihren bekannten Wohltätigkeitssinn der allgemeinen Sympathie und Wertschätzung unserer Gemeinde. Als Herr Ortlieb als der erste zur Thora gerufen wurde und nebenbei eine hochherzige und namhafte Summe zu Gunsten der hiesigen Armen spendete, brachte ihm Oberkantor Tom inberg einen speziell feierlichen Mischeberach dar. New-Aork. Der gefeierte Philanthrop Herr Jakob H. Schiff hat der Harvard-Universität 200.000 Mark gestiftet, damit während der nächsten vier Jahre Forschungsexpeditionen nach Palästina ausgeschickt werden. Feuilleton. Aus finstern Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung aus 9fr. 22.) Siebentes Kapitel. Die Assentierung stand vor der Türe. Die Hausdurchsuchungen nahmen bereits ihren Anfang. Schon zeigte sich zum Schrecken der Armen der „Viertelmeister" mit den bewaffneten Polizeileuten auf der Gasse. Die Schreckenstage waren in vollem Anzuge. Das Alles nötigte mich, meinen Sohn, der in seinem Eheglücke nicht einmal ahnte, welches Unheil über seinem Haupte schwebte, den verhängnisvollen Beschluß des Vorstandes mitzuteilen. Anfangs war es ihm, wie wenn er von einer sonnigen Höhe in einen nachtvollen Abgrund jäh herunterstürzen würde; doch mit bewunderungsvoller Raschheit faßte er wieder Mut und zeigte sich mannhaft und stark. Wie die Sache immer ausfallen wird, sagte er, müffe man es ihm überlassen, seine Rachele auf das Geschehene vorzubereiten. Er tat das in der schonendsten, liebevollsten Weise der Welt. Allein, sie zeigte sich nicht annähernd so gefaßt wie er. Anfangs blieb sie schreckensstarr, dann brach sie in lautes Schluchzen aus und erst seiner ganzen Beredtsamkeit gelang es, sie ein wenig zu beruhigen. Was ihr die Fäffung wieder gab, war die Hoffnung, ihn während der Assentierungszeit dem Späherauge der Häscher zu entziehen und so 'für dieses Jahr zu retten. Jankele mußte sich also verstecken, wo er den Tag verbrachte, weilte er nicht die Nacht, bald lag er in einem finstern Kellerloch zusammengekauert, bald auf dem Dachboden in irgend entern verschlossenen Schrank und bald in einem Pferdestall. Heimlich und verstohlen brachte ich oder meine Frau ihm das Essen hin, das er jedoch nur selten berührte. So vergingen einige Wochen, in welchen er wie ein Verbrecher das Tageslicht meiden mußte. Nicht einmal sehen konnte ich ihn während dieser Zeit, weil sein Versteck immer finster war; auch durfte ich nicht lange bei ihm verweilen, weil die Häscher dadurch auf die Spur geführt werden konnten. Wir sprachen nur wenig mit einander und das auch nur im Flüstertöne. Nur einmal drang durch eine enge Lucke des Dachbodens ein schwacher Sonnenstrahl und da konnte ich denn nach Wochen meinen Jankele wieder einmal sehen. Sein Anblick schnitt mir tief in die Seele. Wie hatte er sich verändert; bleich und abgezehrt, war er kaum zu erkennen. Der kraft- und lebensstrotzende Junge war zu einem Schatten herabgesunken. Die glanzlosen, von tiefen Rändern umgebenen Augen, die weit hervorstarrenden Backenknochen gaben seinem aschfahlen Antlitz etwas Entsetzenerregendes. Aber so sehr dieses sein Aussehen mein väterliches Herz mit unnennbarem Schmerz erfüllte, so schöpfte ich, unter der einen furchtbaren Sorge stehend, gerade daraus einen Schimmer von Hoffnung. Ein solches Bild des Jammers, so beruhigte ich mich, wird man gewiß nicht zum Soldaten nehmen können. Aber auch die Häscher hielten nicht stille — fuhr der Blinde in seiner Erzählung fort. — Unter Anführung des „Viertelmeisters" umkreisten sie die Straßen, überfielen die Synagogen, stürzten in die friedlichen Familienhäuser und schleppten die Armen halbnackt aus den Betten. Jeden Augenblick durchzog ein Jammerschrei die Stadt — ein neues Opfer war in die Falle geraten. Das war eine Zeit glänzender Ausbeute für den Regierer. Seine Börse füllte sich mit Geld, seine Küche mit dem feisteten Geflügel, mit Zucker, Kaffee, Viktualien, kurz mit allem, was sich die Frau des Regierers von den Armen ausbat. Keine Nacht ging vorüber, ohne daß die Häscher das Tor meines kleinen Häuschens stürmten, in dasselbe einbrachen, alle Winkel durchstöberten, die Schlösser der Schränke aufrissen, uns aus den Betten warfen, mit den Waffen klirrten, vor Wut schrieen, polterten und fluchten; doch konnte ihnen das Alles nicht helfen — Jankele war nicht aufzufinden. Wer damals den roten Wölfele in der Synagoge gesehen hätte, würde wohl kaum geglaubt haben, daß er der Schrecken aller Armen sei. Hier war er das fromme Opferlamm. Mit verdrehten Augen, den Kopf zwischen den aufgezogenen Achseln stand er vor seinem „Ständer", strich sich die Stirn und glättete sich in demutsvoller Gottesfurcht den Bart. „Was möchte ich darum geben", hörte ich ihn einmal mit einem frommen Seufzer sagen, „jetzt kein Regierer zu sein. Glaubt mir, wer ein jüdisches Herz hat, dem muß es brechen bei dem Gedanken, der Verursacher von so viel Kummer zu sein. Freilich geben wir uns Mühe, die frommen Kinder der Gemeinde zu. retten, aber auch die Schlechten und Gemeinen, die wir für den Militärdienst bestimmen mußten, sind ja auch jüdische Kinder und jeder Seufzer, den sie ausstoßen, zerreißt mir das Herz. Doch was ist zu tun? Das vorgeschriebene Kontingent muß beigestellt werden. Glaubt mir, liebe Brüder, es ist 'ne harte Sache, Regierer zu sein!" . Was mein armes Vaterherz dabei litt, als ich solche Worte hörte, weiß nur Gott. Mein Kind, mein Jankele, der immer in Gottes Weg wandelte, der ein echtes jüdisches Herz hatte voll Güte und Milde, der an keinem Tage verfehlte, früh und abends andachtsvoll sein Gebet zu verrichten und der nur den einzigen Fehler hatte, daß er ein armer Handwerker war, daß er sich und seine Frau redlich von seiner Hände Arbeit ernährte, er war der „Schlechte", der „Gemeine". — O, guter Gott und du hörst es an! Ich glaubte, daß ich mich in Tränen auslöse. Mein sorgenschweres Haupt auf den Arm gestützt, so blieb ich — wie lange weiß ich selber nicht mehr — in dumpfer Betäubung sitzen und erwachte erst, als ich eine Hand fühlte, die sich auf meine Schulter legte. Wie aus einem Traume fuhr ich empor. Vor mir stand der rote Wölfele, das Haupt tief gebückt. Mit einem Gefühl des Abscheues schüttelte ich seine Hand von mir, als wäre sie eine Giftotter. „Was wollen Sie — was?!" stieß ich mit einem heisern Aufschrei hervor. „Ich fühle Ihren Schmerz, ich kenne ihn!" fing er mit gleißnerischer Stimme an.

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