Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-15 · 24 (15.6.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
24 (15.6.1905)
Date
1905-06-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021627--14576-3039293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Seite 378 2H\ JSlocb’s Wocbenscbrttt. und ihm ein entsprechendes Zeugnis auszustellen, was auch sofort geschah. Voraussichtlich wäre das erstrichterliche Urteil bestätigt und Valentin Mayer mit seiner Forderung, die auf Zahlung einer Entschädigung im Betrage von X 347 97 lautete, abermals abgewiesen worden. Um vor Mayer endlich Ruhe zu haben, hatte sich Herr Rudolf Latzer zu diesem Vergleiche entschlossen. Dessenungeachtet erschien nun gegen drei Uhr nachmittags Valentin Mayer im Kontor der Firma Brüder Latzer und verlangte in erregtem Tone von Herrn Rudolf Latzer ein neues Zeugnis, beziehungsweise die Richtigstellung seines Gewerbebuches. Mayer war nämlich bis 1. Februar d. I. lei dieser Firma bedienstet. Für die Zeit vom 1. bis 24. Februar, als. er sich in Untersuchungshaft befand, blieb natürlich eine Lücke und dafür verlangte eben Mayer ein neues Zeugnis, um anderswo Arbeit zu finden. Herr Rudolf Latzer forderte nun Valentin M<cher, als er gestern nachmittag ins Kontor kam, auf, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Mayer, der etwas betrunken schien, beschimpfte nun Herrn Latzer in der gröblichsten Weise und schrie ihm zu: „Du jüdischer H . .. mußt hin sein . . Plötzlich zog Mayer einen Revolver aus der Tasche und feuerte gegen den Kopf des Herrn Rudolf Latzer einen Schuß ab. Das Projektil war ober dem linken Auge eingedrungen. Tätlich getroffen glitt Herr Rudolf Latzer vom Stuhle auf den Boden. Mayer richtete nun auch auf Herrn Adolf Latzer,. dem Bruder des Genannten, seinen Revolver, um auch ihn niederzuschießen, und dann auf sich selbst. Die Waffe versagte jedoch. Nun stürzten Herr Adolf Latzer und die im Kontor noch anwesenden Angestellten der Firma sich aus den Attentäter und hielten ihn fest. Rasch telephonierte man um Polizei und um den Rettungswagen. Dieser brachte Herrn Rudolf Latzer in hoffnungslosem Zustande ins städtische Krankenhaus, wo er bereits um halb 6 Uhr verschied. Sicherheitswachleute eskortierten den Mörder nach dem Amte, wo er sofort einvernommen wurde. Noch abends erfolgte seine Einliefernng an das Landesgericht. Die Leiche Rudolf Latzers, der im Alter von 49 Jahren stand, wurde auf behördliche Anordnung nach dem Forensischen Institute überführt. Valentin Mayer, der bisher Gleichgiltigkeit zur Schau trug und nur bedauerte, daß er sich nicht töten konnte, da ihm nichts mehr am Leben gelegen sei, ist seit letzten Fasching verheiratet und seine Gattin besitzt am Griesplatz ein Feinputzereigeschäft. Die Teilnahme an dem schrecklichen Vorfälle ist eine allgemeine. Rudolf Latzer war als einer der hervorragendsten Geschäftsleute sehr beliebt und zufolge seiner humanen Ansichten nur selten in einen geschäftlichen Streit verwickelt. Sein schonendes Vorgehen gegenüber säumigen Zahlern war bekannt. Trotz der Drohungen, die Valentin Mayer wiederholt gegen die Firma und ihre Inhaber ausgestoßen, unterließ Herr Rudolf Latzer die Erstattung einer Strafanzeige. Er bekleidete unter anderem auch das Amt eines Kultusrates der hiesigen israelitischen Gemeinde. Die ruchlose Tat hat hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen, da Herr Rudolf Latzer sich durch sein bescheidenes und schlichtes Auftreten einer allgemeinen Achtung erfreute. Der Kultusrat der in dem so tragisch Geendeten ein verdienstvolles Mitglied verlor, hielt am Sonntag den 11. d. M. um 11 Uhr vormittags eine spontane Trauerfeier ab, in welcher Herr Gemeindepräses Bernhard Biller folgende Ansprache hielt: „Nachdem vor ungefähr Monatsfrist dem Kultusrate ein altes, liebes Mitglied, Herr Adolf Stern, eine Persönlichkeit von geradezu überschäumender Konzilianz, ein Mann, der sich durch seine Tätigkeit im Privatleben sowie in seiner Eigenschaft im öffentlichen Leben die vollkommenen Sympathien jedes einzelnen Gemeindemitgliedes erwarb, durch den Tod entrissen wurde, ist unsere Kultusgemeinde neuerlich in tiefe, Trauer versetzt worden, indem sie das Hinscheiden eines im besten Mannesalter stehenden Mitgliedes, Herrn Rudolf Latzer, der durch einen Mordanschlag gemeinster Art sein junges Leben lassen mußte, zu beklagen hat. Entsetzt über die grausame Tat hat sich der Kultusrat versammelt, nicht nur um der tiefen Trauer über den Verlust des so hochgeschätzten Mitgliedes des Kultusrates, sondern auch seiner Entrüstung über den rohen Akt Ausdruck zu geben, durch welchen uns Herr Rudolf Latzer entrissen wurde. Wir empfinden das Ereignis um so tiefer, als durch den Hingang des Verstorbenen fünf unmündige Kinder, denen der sorgsame Vater, eine junge Frau, welcher der zärtliche Gatte entrissen wurde, überhaupt eine große Anzahl von Familien, die mit dem Verstorbenen in verwandtschaftlichen Beziehungen standen, in tiefe Trauer versetzt wurden. Schließlich fordert Redner die Versammelten auf, sich an dem Leichenbegängnisse korporativ zu beteiligen und so der Teilnahme an dem schmachvollen Ereignisse Ausdruck zu verleihen. Die Kultusratsmitglieder hörten die Ausführungen ihres Präses stehend an; die Kultusgemeinde wird Herrn Rudolf Latzer allezeit ein ehrendes Andenken bewahren. Welcher Sympathien sich der Dahingeschiedene erfreute, zeigte sich bei dessen Beerdigung, an welcher trotz des schlechten Wetters eine übergroße Anzahl von Menschen, Juden und Christen aus allen Schichten der Bevölkerung beteiligte. Nachdem die üblichen Trauergesänge von unserem Herrn Oberkantor Horn mit seinem trefflich geschulten Chorpersonale in ergreifender Weise vorgetragen wurden, hielt unser Herr Rabbiner, Se. Ehrwürden Dr. Mühsam dem Dahingeschiedenen mit von tränenerstickter Stimme einen ergreifenden Nachruf, der auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Anstatt Kränzen haben der israelitischen Kultusgemeinde für Armenzwecke gespendet: Die Familien Bernhard Biller X 10, David Stern K 30, Jakob Mayer d. I. uud Max Reisner je X 20, Isidor Aglar K 30, Herr Ignaz Pollak, Familien Markus Orowan und Joachim Zilz je K 10, Familie Emil Freiberg X 20, Herr Dr. Eugen Pollak 10, Herr Dr. Leopold Libitzky (Wien) und Familie Alfons Haymann je X 20, Familien Friedrich Pollak, Jen ö Koppstein und Herr Bernhard Wieder je X 10, Familie S. Rendi X 20, A. Rosenberg uud Söhne K 5, Herr Adolf Ehrlich X 20, Familien Jakob Fischer, Leopold und N. Latzer je X 10, Jenö Barta X 5, Herr Edmund Löffler X 4, Familie Josef Reisner und Cafotier Pietsch je X 10, Familien Adolf Rensi X 5, Krause und Deutsch X 10, Kommerzialrat Theodor Reitlinger (Wien) und Familie S. Latzer & Co. je X 20. Frankfurt a. M. Das neue jüdische Lehrerseminar, in welchem junge Leute zu Lehrern für Galizien und Rußland ausgebildet werden sollen und das unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz steht, wurde dieser Tage eröffnet. Dank der Unterstützung der„Jca" ist schon eine Reihe junger Leute ins Seminar eingetreten. Der Unterricht wird von den Herren Dr. Jakob Horovitz, Schwab, Stern, Einstädter und Levy in den Räumen der Synagoge am Hermesweg erteilt. Ob das Seminar eine Erweiterung auch für solche jun^e Leute, die in Deutschland bleiben wollen, erfährt, wie früher einmal gemeldet wurde, ist noch nicht bekannt. Frankfurt a. M. Der Verein „Lemaan Zion" hat, wie wir seinem soeben erschienenen Jahresbericht entnehmen, im Jahre 1904 in sehr ausgiebiger Weise für unsere kranken Glaubensgenossen in Jerusalem Fürsorge getragen. Für die Behandlung in der Klinik und durch Visiten hatte der Verein, einschließlich augenärztlicher Behandlung, nicht weniger als Franks 98,-!0 ausgegeben, während im Jahre 1903 nur Franks 7913 für diesen Zweck verwendet worden sind. In den Sprechstunden wurden 30.096 Patienten behandelt. Die Zahl der von den Vereinsärzten gemachten Krankenbesuche war 8343. Eine im Besitz eines Griechen befindlich gewesene Eismaschine ist in das Eigentum des Vereines „Lemaan Zion" übergegangen, wodurch man in der Lage ist, jederzeit Eis zum Preis von 20 bis 25 Centimes per Kilo für Kranke und für häusliche Bedürfnisse zu liefern, während bisher bis zu Franks 10 per Kilo gezahlt werden mußte. Für Lehrgeld von 28 Lehrlingen wurden Franks 670 verwendet. Die Ansiedlung in Ramleh kostete (einschließlich des Baues eines Bades) Franks 1028. Der hebräische und arabische Unterricht in den Tages- und Abendkursen zu Eben Israel, Meah Schearim, Gaza. Jaffa, Hebron usw. beansprucht Franks 2631. Dem Kindergarten bewilligte der Verein wieder Franks 500. An der Palästina-Handelsgesellschaft, welche in Hamburg gegründet wurde, um den Import und Export des heiligen Landes zu heben, beteiligte sich der Verein durch Uebernahme von Mark 1000 in Aktien. Der Rechnungsabschluß bilanziert mit Mark 29.803-20.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.