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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-15 · 24 (15.6.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
24 (15.6.1905)
Date
1905-06-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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9w. 24 Dr. Blocb’s Wocbenscbritt. Sette 37.» Deutsch-israelitischer Gemeiudetag. Frankfurt, 13. Juni. In der Frankfurt-Loge wurde gestern der zehnte deutschisraelitische Gemeindetag eröffnet. Prof. Philippson-Berlin begrüßte die Anwesenden. Von 139 Mandatsinhabern werden 235 Gemeinden vertreten. Als Vorsitzender wurde Dr. Blau- Frankfurt gewählt. Geheimrat Prof. Rosin-Freiburg i. B. erstattete Bericht über seine Arbeit: „Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Preußen". Für den Gesetzentwurf müssen maßgebend sein: Herstellung einer Organisationsform, Ausgleich zwischen Laien und Geistlichen, Feststellung der Staatsgewalt und Rechte der Minorität innerhalb dieser Staatssorm. Im Einzelnen forderte der Redner Gründung von Rabbinatsverbänden für kleine Gemeinden, Einsetzung eines Staatskommissärs in den Obersynagogenrat, Minoritätenvertretung und zu diesem Zweck Proportionalwahl in den jüdischen Gemeinden, lieber Propaganda berichtete Dr. Apt-Berlin, Syndikus der Aeltesten der Kaufmannschaft. Das Vereinsvermögen beträgt rund Mark 625.000. Trotz der Beitragserhöhungen war es nicht möglich, die kleineren Gemeinden, die immer mehr zu Gunsten der großen zurückgehen, genügend zu unterstützen. Prof. Blaschke-Berlin referierte über Religionsunterricht und die damit zusammenhängenden Fragen. Der Gemeindebund hat die Ausgestaltung von Religionsschulen aller Art in Aussicht genommen und ist fortgesetzt bemüht, in diesem Sinne zu wirken. Seine Bemühungen sind aber bis jetzt erfolglos gewesen, so namentlich in der Frage der Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichtes an höheren Schulen mit denjenigen anderer Konfessionen. Ferner strebt der Gemeindebund die Einführung der obligatorischen Inspektion über den Religionsunterricht an. Die Zustände der kleineren Gemeinden sind noch recht prekäre; das liegt an dem Jndifferentismus der Gemeindemitglieder selbst. Die Regierung hat staatliche Unterstützung zur Anstellung von Religionslehrern für bedürftige Gemeinden zugesagt. Eine Petition an den Kultusminister wegen Erteilung des Prädikats im jüdischen Religionsfach beim Reifezeugnis und wegen der Festsetzung des Religionsunterrichts hatte wenig Erfolg. Eine zweite Petition betrifft die Schulinspektion für den jüdischen Religionsunterricht und wer sie ausüben soll. An das Referat knüpfte sich eine sehr lebhafte Debatte. Geheimer Regierungsrat Pros. Cohen-Marburg wies darauf hin, daß bei den Prüfungen der Kandidaten für das höhere Lehramt an deu deutschen Universitäteu die Juden nicht wie die Angehörigen der anderen Konfessionen in der Religion geprüft werden. Er ersuchte, die Petition noch dahin auszudehnen, daß in Zukunft auch der jüdische Lehramtskandidat in der Religion geprüft wird. Direktor Dr. Adler-Frankfurt wünschte eine Reform der Inspektion, Kirchenrat Dr. Kroner-Stuttgart deren Ausdehnung aus Lehrer und Rabbiner und paritätische Gleichberechtigung der israelitischen Jugend. Sanitätsrat Stern - Berlin, M. Lebrecht - Nürnberg und B. Feilchenfeld-Köln berichteten über Wanderbettelei und Arbeitsstätten. Die Wanderbettelei hat in den letzten Jahren in den deutschen Städten . rapide zugenommen. Eine Milderung der unhaltbaren Verhältnisse erblickt man unter anderem in der Schaffung von Arbeitsstätten, Gründung von Arbeitsnachweisen und Führung von „schwarzen Listen". An eine Beseitigung des Bettelns im Judentum, so wurde von dem Kölner Redner ausgeführt, sei so lange nicht zu denken, als es in Europa noch einen Staat gebe, der einen Teil seiner Bevölkerung auf die Landstraße setze. * * Frankfurt, 13. Juni. Die heutige Sitzung begann mit dem Referat über Bezirksrabbinate von Prof. Blaschke-Berlin. Der Gemeindebund macht sich die Gründung von Bezirksrabbinaten zur Aufgabe, und zwar soll dies im Interesse der Gemeinden geschehen, in denen kein Seelsorger ist. Die Hauptschwierigkeit liegt in der finanziellen Frage. Von einer Seite wird die Anstellung von Wanderrabbinern empfohlen, von der anderen Seite wird verlangt, daß die Stadtrabbiner den Konfirmationsunterricht und die Inspektion über den Religionsunterricht übernehmen. Ein weiterer Vorschlag sucht die Frage durch Bezirkssynagogenverbände zu lösen. Die Regierung hat nur ideelle Unterstützung zugesagt. Der Gemeindebund wünscht die Gründung von Bezirksrabbinaten ohne Einmischung des Staates. An das Referat knüpft sich eine mehrstündige Debatte. Es ward ein Antrag des Referenten angenommen, wonach Rabbinatsverbände ohne Inanspruchnahme des Staates gegründet werden sollen. Nachträglich wurde noch zu dem gestrigen Referat über den Religionsunterricht von Prof. Blaschke folgender Antrag von Kirchenrat Dr. Kroner- Stuttgart angenommen: „Der Gemeindetag erklärt, daß es für die paritätische und zweckmäßige Behandlung der israelitischen Schuljugend erforderlich ist, daß an allen Schulanstalten des Staates, wie der Städte, an denen die Mindestzahl von zehn Schülern vorhanden ist, ein geordneter israelitischer Religionsunterricht erteilt wird; daß ferner im Aufträge der Regierung durch geeignete israelitische Fachmänner dieser Religionsunterricht beaufsichtigt wird". Der badische Finanzminister Moritz Ellstätter. Karlsruhe. Der ehemalige badische Finanzminister Moritz Ellstätter ist, 78 Jahre alt, gestorben. Ellstätter war am 12. März 1827 in Karlsruhe von jüdischen Eltern geboren. Er studierte in Heidelberg die Rechtswissenschaft und wurde 1850 Rechtspraktikant. Mit Ausnahme der Jahre von 1856 bis 1859, wo Ellstätter eine Stellung in der Berliner Diskontogesellschaft inne hatte, hat er bis März 1893, wo er in den Ruhestand trat, seine Kraft dem badischen Staatsdienste gewidmet. Im Jahre 1865 bereits Kreisgerichtsrat, wurde er das Jahr darauf als Ministerialrat ins Finanzministerium berufen und nach dem am 3. Februar 1868 erfolgten Tode Karl Mäthy's zum Präsidenten des Finanzministeriums ernannt. Dieses wichtige Amt hatte er bis zu seinem Eintritte in den Ruhestand, also volle fünfundzwanzig Jahre, inne. Die organisatorischen Umgestaltungen, die aus den Wirkungen des 1870er deutsch-französischen Krieges sich ergaben, find ebenso wie alle neuen Finanz- und Steuergesetze in Baden durch Ellstätter eingeleitet worden. Seit 1881 war ihm auch die oberste Leitung des badischen Eisenbahnwesens zugewiesen worden; 1871 zum Bevollmächtigten beim Bundesrat ernannt, erstattete Ellstätter bei den Gesetzentwürfen über die neuen Münzfragen als Referent die Ausschußberichte. Ellstätter's Arbeitskraft war ungewöhnlich, und das badische Land wird ihm für seine ausgezeichneten Leistungen ein dankbares Andenken bewahren. Judenexzesse in Rußland. Aus Brest-Litowsk wird telegraphiert: Sonntag mittag waren etwa zweitausend Reservisten, die zumeist aus Beffarabien, aus der Gegend von Kischenew stammen, hier eiugetroffen. Sie sind zur Komplettierung des 19. Armeekorps bestimmt, das nach dem Kriegsschauplätze abgehen soll. Die Reservisten begannen ihre Tätigkeit damit, daß sie über die jüdische Bevölkerung, die sich vollständig ruhig verhielt, herfielen, in sechs Gassen deren Läden und Wohnungen demolierten und die Warenvorräte raubten. Bis dahin blieb die Polizei vollständig passiv. Als sich jedoch schließlich eine Anzahl Juden gegen die andrängenden betrunkenen Reservisten zur Wehr setzen wollte, ließ ein Polizeimeister, der eine Abteilung von zwölf Mann Infanteristen befehligte, ohne jede Warnung zwei Salven auf sie abgeben. Die Wirkung war furchtbar. Neun Personen wurden sterbend in die Spitäler gebracht; fünfzehn Schwerverletzte nahmen die Hilfe von Privatärzten in Anspruch. Außerdem werden noch etwa dreißig leichter verwundete Personen gezählt. Ein junger Jude, der tätlich verletzt niedersank und in einer Droschke nach dem Hospital gebracht werden sollte, wurde noch auf der Fahrt von den Reservisten mißhandelt und starb sofort nach seiner Ueberführung ins Spital. Die Plünderung der Wohnungen und Läden wurde bis in die Nacht hinein fortgesetzt, ohne daß die Uebeltäter daran gehindert oder festgenommen wurden.

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