Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 24 (15.6.1905)
- Date
- 1905-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Dlocd's MocvenscbrM< Sette 373 Schutz zu suchen, die gleichen Begünstigungen gelten mögen, wie für die Politischen Flüchtlinge, welche bekanntlich ungehindert zugelassen werden sollen. Chamberlain ließ durch seinen Sekretär antworten, daß er die vorgeschlagenen Amendements ernstlich in Betracht ziehen werde, aber der Ansicht sei, daß die infolge religiöser Verfolgungen nach England flüchtenden Personen auch nach Annahme der vorgeschlagenen Fremdenbill bei ihrer Landung auf keine Schwierigkeiten stoßen werden. Eine weniger diplomatische Antwort hat das Unterhaus-Mitglied von West-Hartlepool, Mr. Christopher Furneß, gegeben, indem er zusicherte, alles aufbieten zu wollen, um denjenigen Fremden, die nichts Unrechtes getan haben, das Asylrecht zu erhalten. In gleichem Sinne äußerte sich das konservative Unterhaus-Mitglied für Bradfort, Sir Ernest Flower, welcher erklärte, in der Kommission sich nachdrücklich dagegen einsetzen zu wollen, daß den verfolgten russischen Juden durch die Bill Unrecht geschieht. Auf ein vom Rabbiner Daiches namens der jüdischen Gemeinde in Sunderland an die beiden Parlamentsvertreter ihres Distriktes gerichtetes Schreiben haben auch diese bündige Erklärungen in dem gewünschten Sinne abgegeben. Erfreulicherweise wird auch von nichtjüdischer Seite gegen die Fremdenbill mobil gemacht. So haben die Tratte« Unions in scharfen Resolutionen für ihre Ablehnung sich ausgesprochen. In einem von der englischen Friedensliga erlassenen Protest wird hervorgehoben, daß die von den Befürwortern der Bill in so grellen Farben geschilderten Gefahren der Fremden-Einwanderung in hohem Grade übertrieben seien, ferner daß die Einwanderer keineswegs den öffentlichen Wohltätigkeits-Anstalten zur Last fallen. Die Bill bedeute eine Abkehr von den altenglischen Traditionen, welche allen in ihrer Heimat verfolgten Personen ein unbeschränktes Asylrecht gewähren. Diese Gastfreiheit bilde einen Glanzpunkt in der englischen Geschichte und den Stolz der englischen Nation. Da die Bill endlich nur auf Deckpassagiere Anwendung finde, so dürfte sie bloß die ehrlichen, arbeitswilligen Einwanderer treffen, während Falschmünzer, Prostituierte und sonstige Verbrecher von ihr verschont bleiben. Noch fernere, überaus einflußreiche Elemente beginnen sich gegen die Bill einzusetzen. Die Wilsons Cunard-Line hat sich mit den anderen großen Rhederfirmen zusammengetan, um ihre von dem Gesetze bedrohten Interessen zu wahren. Sie haben bereits das Versprechen abgetrotzt, dem Minister des Innern Akers-Douglas, daß die Sichtung der Immigranten ganz und gar ihnen überlassen bleiben soll. Da endlich sehr gewichtige Faktoren hinter der Szene tätig sind, dem legislatorischen Wechselbalg den Todesstoß zu versetzen, war es doch etwas voreilig von den Wiener Antisemiten, über die englische Fremdenbill in Jubelhymnen auszubrechen. Zur Genealogie des Vize-Bürgermeisters Dr. Porzer. T r e b i t s ch. In Nr. 21 der geschätzten „Oesterreichischen Wochenschrift" wird berichtet, daß der Wiener Vize-Bürgermeister Dr. Porzer mütterlicherseits von einem gewissen Heinrich Neustem aus Mähren abstamme. Ueber diesen kann ich auf Grund der hiesigen alten Gemeinde-Verzeichnisse nähere authentische Mitteilungen machen. Heinrich Neustein war 1785 geboren, nicht in Trebitsch, sondern wahrscheinlich in irgend einem Dorfe, wo sein Vater Armendoktor gewesen sein dürfte. Er erhielt mit Erlaß vom 16. Dezember 1807, Z. 4409, die 238. Familienstelle der Judengemeinde Trebitsch, heiratete seine Gattin Wilhelmine, die 1792 geboren war, deren Familiennamen jedoch nicht angegeben ist, und bekam drei Kinder: Sohn Josef, geb. 1811; Tochter Barbara, geb. 1812 (gewiß die erwähnte Betty) und Sohn Gustav, geb. 1818. Am 8. März 1833 ist Heinreich Neustein in Wien zur katholischen Religion übergetreten, was unter Berufung auf Tore 22, Folio 189 (wahrscheinlich des Taufbuches der betreffenden Pfarre) angeführt wird. Der Vater Heinrich Neusteins hieß hebräisch „Pesach", vulgär nannte man ihn wohl daher „Jontef", und erscheint in den Büchern als Balthasar oder Balshäußer Neustem, war 1753 geboren, Inhaber der hiesigen 45. Familienstelle und in seinen späteren Jahren Besitzer und Bewohner des Hauses Nr. 53 der hiesigen Judenstadt, wo er am 3. Mai 1829 starb. Seine Gattin Eva folgte ihm 14 Tage darauf im Tode. Dr. S. P. Fördert die Handwerke! Ein Mahn- und Weckruf an unsere Kultussteuerträger. Vor mir liegt der 62. Jahresbericht des seit 64 Jahren segensreich wirkenden „Vereines zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten". Wir ersehen aus diesem Berichte, daß er am Schluffe des Vereinsjahres 690 Zöglinge in Obhut hat, für deren geistiges und leibliches Wohl er nicht nur während der Lehrzeit sondern bis zur Erlangung ihrer Selbständigkeit besorgt ist und alles veranlaßt, um sie zu brauchbaren, sitttlich religiösen, arbeitstauglichen und tüchtigen Mitgliedern der Gesellschaft heranzubilden. Es ist vollständig überflüssig, erst darauf hinzuweisen, von welcher Wichtigkeit es ist, unsere israelitische Jugend, insbesondere aber die Kinder unbemittelter Eltern, dem Handwerke zuzuführen, das ihm einzig die Möglichkeit bietet, mit der Kraft seiner geschulten Arme und durch die Verwertung seiner hiezu erworbenen theoretischen Kenntnisse den Kampf ums Dasein erfolgreich zu führen und, ohne an die Scholle gebunden zu sein, dorthin zu gehen, wo gerade Handwerker seiner Art gebraucht und gesucht werden. Wir lesen fast täglich, daß bei der Auswanderung der Tausende unserer bedrängten und entrechteten Glaubensgenossen aus Rußland, Rumänien und Galizien, die gelernten Handwerker unter ihnen anstandslos auswandern können und ihrer Einwanderung in den überseeischen Staaten nichts im Wege steht, während die Angehörigen anderer Berufe gar oft wieder ins alte Elend zurückbefördert werden müssen, weil ihnen auch drüben keine Existenzmöglichkeit geboten ist. Und nun ersehen wir aus dem Berichte des Handwerker-Vereines, daß die Zahl seiner unterstützenden Mitglieder abermals zurückgegangen und daß der Verein wegen ungenügender Mittel die Aufnahme neuer Zöglinge zeitweilig sistieren muß. Einem harten und berechtigten Vorwurfe gleich, muß diese tief bedauerliche Kundgebung unsere besser situierten Glaubensgenossen, und hiezu zähle ich zumindest die 23.000 (?) Steuerträger unserer Kultusgemeinde, treffen, weil es ihre Pflicht ist, die Mittel mit herbeizuschaffen, daß auch nicht ein Bewerber abgewiesen werde, wenn er bittend an den Verein herantritt, er möge ihm helfen, seinem Kinde den Weg zu öffnen, auf welchem es zum Ziele ehrlichen Fortkommens gelange, ohne seinen Glaubensgenossen später einmal zur Last und den Feinden Israels zum wehrlosen Opfer sein zu müssen. Jeder jüdische Handwerker vermindert mit seiner Person das jüdische soziale Elend und vermehrt dagegen die Reihe der berufenen Hilfsgenoffen in dem uns aufgezwungenen Kampfe um gleiche Rechte. Wenn es auch nicht möglich ist, allen bestehenden humanitären und kultusfördernden Vereinen helfend beizutreten, weil jeder Einzelne von uns mehr oder weniger von ihm Näherstehenden in Anspruch genommen wird, so soll uns nichts abhalten, diesem genannten Vereine, jeder nach seinen Kräften, beizustehen, welcher unsere Jugend dem Handwerke zuführt, und jedes nicht aufgenommene Kind ist ein Borwurf an ihm begangener harter Ungerechtigkeit, für dessen später vielleicht verfehlten Beruf wir uns mitverantwortlich machen. Es gibt ein probates Mittel, dieser unserer moralischen Pflicht, jeder nach seinen Kräften, gerecht zu werden: Geben wir Steuerträger, Alle, ohne Ausnahme, unsere Zustimmung, daß zu der von uns eingehobenen Kultussteuer ein Zuschlag von 5 bis höchstens 10 Perzent erhoben werde, welcher ausschließlich der Förderung des Handwerkes unter den inländischen Israeliten dienen und dem Vereine zur Verfügung