Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 24 (15.6.1905)
- Date
- 1905-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 372 Dr Dlocb s Mocvenscbrttt. Nr. 24 meister Karriere gemacht! Und nun — wieder die Zudringlichkeit der Juden! Die Juden sind doch an allem Bösen Schuld — und nun kommt ein Judenstämmling daher und schnappt ihm die schöne Stelle vor der Nase weg. Wenn das möglich ist, dann stellt einen ja die ganze Judenverfolgung nicht mehr. Dr. Westelsky hat furchtbare Rache genommen: er hat auf seine besoldete Stadtratstelle verzichtet. Nun sollen sie sehen, wie sie ohne ihn fertig werden. Europa hält den Atem an, — Doktor Westelsky geht. Wir wagen es nicht auszudenken, wie Dr. Lueger diesen furchtbaren Schlag überleben soll. Und dann die homerischen Helden Mechaniker Schneider und Hermann Bielohlawek — sind das nicht Gestalten für ein großes, denkwürdiges Historienbild? Sie rüsten zum Heroeukampfe, und was dabei herauskommen kann, das ist in Anbetracht der beiderseitigen besonderen Individualitäten noch gar nicht abzusehen. Man scheint nicht daran gedacht zu haben, daß der große Parteiführer Mechaniker Schneider zur Kategorie jener Persönlichkeiten zählt, die man nicht reizen darf. Nun hat man die Bescheerung. Schon hat es wettergeleuchtet. In einer Versammlung des Verbandes der Gewerbegenostenschaften hat Mechaniker Schneider den ersten Schuß abgegeben. Er ließ sich vernehmen wie folgt: „Als bekannt wurde, daß man zur Wahl eines Landesausschuffes schreiten müsse, begab sich Abgeordneter Sturm zu Dr. Geßmann und stagte denselben, ob es richtig sei, daß Abgeordneter Bielohlawek gewählt werden wolle, woraus Dr. Geßmann erklärte, man habe absolut niemanden und könne niemand anderen wählen als Herrn Bielohlawek. Man wird es begreiflich finden, daß ich nach dieser Mitteilung des Kollegen Sturm sofort die Stelle eines Landesausschußstellvertreters, sowie als Obmann des Gewerbeausschusses und des Eisenbahnausschustes niedergelegt habe. Aber Dr. Lueger drang in mich, momentan jede Komplikation zu vermeiden, und nachdem ich weiß und davon überzeugt bin, daß er von der seltsamen Begründung Dr. Geßmanns keine Ahnung hatte und zweifellos korrekt vorgegangen wäre, so habe ich die Niederlegung dieser Stellen vorderhand aufgeschoben." Wir begreifen und würdigen es vollkommen, daß Herrn Mechaniker Schneider Herr Bielohlawek als Landesausschuß nicht paßt, aber wir können uns andererseits ganz gut vorstellen, daß Herrn Bielohlawek und vielleicht noch einigen anderen Leuten auch Herr Schneider als Landesausschuß nicht vollkommen entsprechen würde. Bezeichnend bei der ganzen Geschichte ist nur das, daß nun so schön nach und nach gewisse Partei-Intimitäten in die Oeffentlichkeit zu dringen beginnen. So wird man es inne, daß das Gebäude der christlich-sozialen Partei ein „sprechendes" Haus geworden ist. Was das besagen will, braucht nicht erst umständlich dargetan zu werden. Man weiß, was ein sprechendes Haus ist, und aus alter Erfahrung kann man beurteilen, was das leise Knistern zu bedeuten hat. Für den Abgeordneten Schneider ist die Angelegenheit im richtigen Fahrwasser. Er hat Gelegenheit gefunden, die Korruption zu bekämpfen. Die Landesausschußstelle ist mit zwölstausend Kronen dotiert und man hat die Unverschämtheit gehabt, ihm das Sekretariat der Franz Josefs-Stiftung anzubieten, das nur dreitausend Kronen trägt. Man tröstet ihn, daß dabei fast gar nichts zu tun ist. Darauf seine Antwort von wahrhaft historischer Größe: Dann verdiente ich als eines der korruptesten Subjekte der Welt bezeichnet zu werden! — So stehen die Dinge. Die Stelle hatte bisher der Korruptionstödter Bielohlawek inne. Ein sprechendes Haus und ein meuterndes Lager. Wir können's ruhig abwarten, wie es weiter werden wird. Die jüdische« Opfer in der Seeschlacht von Tsuschima. „Die Zeit" vom 30. Mai brachte unter dem Titel „Der Seekrieg" eine Schilderung der Schrecknisse des Seekrieges von einem k. k. Flaggenoffizier. Zum Schluffe heißt es: „Das Innere der Schlachtschiffe ist während des Gefechtes ein fast noch schrecklicherer Aufenthalr als das den feindlichen Geschossen auSgesetzte Oberdeck. Die Leute droben sehen der Gefahr ins Auge, sie wissen, was da herankommt, sie können im entscheidenden Moment vielleicht auch etwas für ihre eigene Rettung tun. Die Leute aber, die in der Tiefe arbeiten, die sehen nichts, sie arbeiten nur mit allen ihren Kräften, ohne zu wissen, was der Erfolg ist, und sie gehen zugrunde wie die Ratten im Kielraum, wenn ihrem Schiff die letzte Stunde schlägt." „Besonders schwer ist der wichtige Dien st der Heizer: Nackt bis zum Gürtel arbeiten sie, einander ablösend, auf den Höllenfeuern unter den Kesseln. Oben tobt die Schlacht mit ihren Donnern — in dieser Tiefe hört man kaum anderes als das tiefe Brummen der arbeitenden Riesenmaschinen, mit denen verglichen eine Schnellzugsmaschine das reine Kinderspielzeug ist. Stundenlang geht so die Arbeit fort. Da erschüttert etwas das Schiff. Ein Moment banger Spannung. Dann fällt das Feuer ans den Kesseln, siedendes Wasser verbrüht die armen Leute im Kesselraum, die Maschinen stöhnen ein letztesmal - dann geht es in die Tiefe, und kein Mann, der unter Deck war, hat auch nur die mindeste Aussicht, sich aus dem Wirbel der Wäffer zu retten, die das Werk aus Menschenhand verschlingen". Bei der Flotte Roschdestwensky's, wie überhaupt bei der gesamten baltischen Flotte, welche in den Seekrieg nach Ostasien zog, hat man, wie verläßlich gemeldet wird, als Heizer größtenteils jüdische Soldaten verwendet. Wie man beim Beginn der Mobilisierung zunächst Juden Und Polen auf den Kriegsschauplatz entsendete, so verwendete man auch bei der Flotte für den schwersten und aufreibendsten Dienst, und das ist unstreitig der Dienst der Heizer, jüdische Soldaten, die man eigens dazu abrichtete. Die englische Fremdenbill und die Wiener Antisemiten. Angesichts der für sie so traurigen Geschehnisse auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz suchen die Wiener Antisemiten anderwärts Stärkung und Trost. Das „Deutsche Volksblätt" von Samstag den 10. Juni widmet seinen Leitartikel dem „neuen englischen Fremdengesetz" und beginnt seine Ausführungen mit folgenden an unsere Adresse gerichteten Sätze: „Bloch schmollt, Bloch grollt! Seine Zeitung, die „Oesterreichische Wochenschrift", Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, ist mit dem neuen englischen Fremdengesetze unzufrieden. Von seinem Standpunkte ist dies wohl sehr begreiflich." Indessen will es uns scheinen, als ob die Genugtuung des „Deutschen Volksblattes" über die englische Fremdenbill einigermaßen etwas verfrüht ist. Jetzt erst fangen die Gegner der englischen Fcemdenbill sich wieder zu regen an. Etwas spät, aber hoffentlich doch nicht zu spät, um noch manches zu erreichen. Sie haben nämlich sich auf folgende Amendements geeinigt, die sie der die Bill beratenden Kommission oder dem Plenum vorlegen wollen:!. Alle Einwanderer, welche in ihrer Heimat religiösen Verfolgungen unterlagen und dadurch zur Auswanderung gezwungen waren, haben eben so wie die politisch Verfolgten unbehinderten Zutritt. L Einwanderer, welchen von Hafenbeamten das Landen verboten wurde, sowie solche Einwanderer, welche zur Landung zugelassen, nachträglich jedoch aus irgend einem Grunde ausgewiesen wurden, haben das Recht, an einen ordentlichen Gerichtshof zu appellieren. Das gleiche Recht steht den Schiffsgesellschaften zu, welchen der Rücktransport solcher Einwanderer obliegt. 3. Das Recht der Regierung, Fremde, welche unter antihygienischen Zuständen leben, auszuweisen, soll aufgehoben werden. 4. Die Regierung soll kein Recht haben, die Kosten des Rücktransportes ausgewiesener Fremden den Schiffsgesellschaften aufzuerlegen. Sir Charles Dilke übernahm ein Amendement durchzuführen, welches den Opfern der religiösen Verfolgungen die gleichen Begünstigungen, wie den polisischen Flüchtlingen gewährt. Die Aufgabe Dilkes ist keine leichte, da Mr. Balfour dem Vernehmen nach erklärt haben soll, diesen Punkt zu einer Parteifrage zu machen. Andererseits sollen die Unionisten, ja selbst einige Tories bereit sein, die oben aufgeführten Amendements zu unterstützen. Die jüdische Gemeinde von Birmingham ist bei ihrem Deputierten Mr. Joe Chamberlain vorstellig geworden, in der zur Vorberatung der Bill eingesetzten Kommission dahin zu wirken, daß für Einwanderer, welche durch religiöse Verfolgungen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und in England