Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 24 (15.6.1905)
- Date
- 1905-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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str. 24 Dr. JBlocb s MocdenscbrM. Seite 871 stehenden Blättern und in meiner Schrift „Meine 25jährige zionistische Agitation", deren Titel allein ein Crimen laesionis majestatis ist. 4. Von dieser Schrift wurden 100 Exemplare mitsamt 100 Exemplaren eines mir vom hiesigen Kapellmeister Bernstein gewidmeten zionistischen Marsches — beide auf meine Kosten gedruckt und ihr Erlös dem Nationalfond gewidmet — ko nf i s zi ert. So standen die Sachen bis vor dem sechsten Kongresse, als ich von dem verewigten Führer Herzl ein sehr versöhnliches Schreiben erhielt mit der Beteuerung seiner Unschuld, mit der Aufforderung, zum Kongresse als eine seiner Zierden zu erscheinen. Auf dem Kongresse forderte er mich durch Herrn S. Pineles, den Präsidenten rumänischer Föderation zwei Mal auf, den Ehrensitz wieder einzunehmen. Sein tragisches Ende verwischte den letzten Rest von Animosität aus meinem Denken, und ich ehrte sein Andenken als eines großen Mannes, selbst in seinem Jrrtume groß. Der Tod versöhnt: »mir- -mb nun n« ps-wo p« Ich hielt ihm fünf Mal Trauerreden bei fünf verschiedenen Gelegenheiten. Leider war es damit noch nicht zu Ende, und ich mußte bald erfahren, daß Methode in diesem Unsinn war. Es war auf der nach dem Tode Herzls stattgefundenen ersten Konferenz in Wien — wohin ich mich bloß darum begab, um bei meinen Wählern nicht der Vermutung Raum zu geben, als ob mit dem Tode des Führers die ganze Bewegung ins Stocken geraten wäre — als das leitende Komitee mich mit der Eröffnung der Konferenz beehrte, aber mit.der ausdrücklichen Bedingung, keine Rede zu halten, eine Bedingung, die Herr Czlenow mir dreimal zu sagen den traurigen Mut hatte. Ich folgte gehorsam mit verbissenem Grimm. Von Hause aus machte ich Herrn Marmorek schriftlich die Bemerkung, daß diese Bedingung schon darum überflüssig, weil diese Versammlung von N e u j u d e n (mit Ausnahme der Rabbiner Jelsky und Roth) weder Sinn noch Verständnis für meine Vorträge habe. Hingegen war ich verdammt, ihre wohleinstudierten, phrasenreichen, aber inhaltsleeren oratorischen Produktionen anzuhören. Nichtsdestoweniger werde ich nicht aufhören, diese wackern, unermüdlichen Arbeiter im Weingarten des Herrn mit meiner ungeteilten Sympathie und meinen heißesten Wünschen zu begleiten. Die schönste Errungenschaft, die das Judentum am Ende des XIX. Jahrhunderts Herzl zu verdanken hat, ist der Kongreß, und einer der schönsten Momente meines LebeUs wird die Stunde meiner Einweihung des ersten Kongresses in Basel bleiben. Man verlangte von mir auch damals bloß eine Eröffnung, und Herr Wolfson raunte mir während meines Vortrages etwas ins Ohr, was mich unangenehm berührte, aber ich fand schon beim Herabsteigen von der Tribüne meine Genugtuung im warmen Händedruck und im gefühlvollen iro "W" Nordau's. Einen Wunsch habe ich noch, dessen Erfüllung ich noch erleben möchte, der ist, daß der Kongreß ein allgemein jüdischer werde, auf dem sämtliche jüdische Vereine der Erdoberfläche vertreten sein sollen. Dr. Lippe. Vom Aabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. („Der Schreckenstag von St. Petersburg." — Der große Sieg zu Lande als Gegenstück zu der gewonnenen Hüller Seeschlacht. — D i e Farbe des Winterpalastes. — Togo am Lager Roschdestwensky's. — Dr:Wesselsky als zürnenderAchill. — Mechaniker Schneider, Bielohlawek und das sprechende Haus.) In den letzten Tagen bildete ein großes Gemälde, das im Künstlerhaus ausgestellt ist, die Sensation von Wien. Das Bild trägt den Titel: „Der Schreckenstag von St. Petersburg, 22. Jänner 1905", und schildert mit ergreifender Anschaulichkeit die entsetzliche Szene, wie die russischen Dragoner eine kühne Reiterattaque gegen den Feind, das ist das arme wehrlose Volk, vollführen, das zu tausenden herangezogen war, um demütig und gläubigen Gemütes dem Zaren, dem Väterchen, eine Bittschrift zu überreichen. Der unwiderstehliche Kavallerieangriff wurde ins Werk gesetzt, nachdem die Fußtruppen durch einige wohlgezielte Salven, welche hunderte von Unschuldigen, darunter viele Frauen, Greise und Kinder, niederstreckten, ihre blutige Arbeit bereits getan hatten. Das Kolossalgemälde ist eine Kompagniearbeit zweier namhafter Künstler, Adalbert Ritter v. Kossak und Hans Temple, und zum großen Schmerze unserer antisemitischen Bewunderer der russischen Gewaltherrschaft kann keinem derselben das moralische Brandmal aufgedrückt werden, das die große Unannehmlichkeit eines Vizebürgermeisters von Wien bildet, dem das Schicksal seinen Platz angewiesen hat zwischen Dr. Lueger und Dr. Neumayer, nämlich das „Brandmal" jüdischer Abstammung. Die Künstler hatten sich auf den Schauplatz des scheußlichen Ereignisses begeben, um an Ort und Stelle ihre Studien zu machen, und es ist ein historisches Dokument, das sie geschaffen haben, das nicht ohne Eindruck auf die Zeitgenossenschaft bleiben kann — es soll noch auf die Reise nach England und Amerika geschickt werden — und es wird auch noch der Nachwelt erzählen von dem einzigen Siege zu Lande der heutigen russischen Wehrmacht, jenem Siege, der ein würdiges Seitenstück bildet zu der gewonnenen großen Seeschlacht über die harmlosen Hüller Fischerboote. Das find die einzigen, aber auch die einzigen Triumphe der russischen Waffen, da hunderttausende von Menschen und Milliarden von Werten aufgeboten worden sind, um die Macht dieser Waffen vor den Augen der Welt zu betätigen. Den Hintergrund zu den erschütternden Szenen bilden der Winterpalast und das Admiralitätsgebäude und aus der Mitte der Greuel ragt empor — die Friedenssäule. Ein bitteres, welthistorisches Epigramm. Der Winterpalast weist eine nicht recht definierbare Farbe auf. An jene Farbe knüpft sich eine kleine Geschichte, deren Authentizität aus russischen Hoskreisen verbürgt wird. Als unter Nikolaus I. der Winterpalast neu angestrichen werden sollte, wurde der Beherrscher aller Reußen natürlich befragt, welche Farbe ihm genehm sei. Der Selbstherrscher war gerade sehr schlecht gelaunt und antwortete: „Mit —!" Er gebrauchte jen-n kräftigen Ausdruck, den in Wahrheit General Cambronne auf die Aufforderung, sich auf dem Schlachtfeld von Waterloo zu ergeben, gebraucht haben soll, statt der ihm fälschlich zugeschriebenen schönen Tirade: „Ca garde meurt et ne se rend pas!“ Daraufhin habe sich eine Kommission zusammengesetzt, habe die Farbe der ^kremente von Normalmenschen studiert und so sei dann der Winterpalast angestrichen worden. Und wenn nun auch entgegen der Versicherung der unbedingtesten Authentizität die Geschichte nicht wahr sein sollte, so ist sie immerhin bezeichnend genug, um festgehalten zu werden. Ein anderes eindrucksvolles Historienbild müßte das Motiv geben: Togo am Schmerzenslager Roschdestwenskys. Welche Wendung durch Gottes Fügung! Der kleine Japaner als Sieger bei dem Manne, der noch wenige Tage zuvor der Befehlshaber einer der mächtigsten Flotten war, die die Welt je gesehen hatte. Und nun — die Flotte vertilgt, vernichtet, der große Befehlshaber der Gefangene des kleinen Mannes, mit dem er einige Höflichkeiten austauscht. Zu diesem Bilde fügt sich noch ein anderes, wie nun die russischen und japanischen Diplomaten am grünen Tisch sitzen, um über Siegespreis und Buße zu beraten. Uebrigens haben wir auch in unserer nächsten Nähe Motive in Hülle und Fülle zu Historienbildern aus der Zeit; es gäbe schon eine ganz interessante moderne Galerie. Die Komposition „Dr. Wesselsky als zürnender Achill" sollte sich ein berufener Künstler nicht entgehen lasten. Es ist aber auch, um sich etwas auszureißen! Er hatte so schöne Anwartschaft auf einen Vizebürgermeisterposten, und ist man erst einmal Vizebürgermeister — wer kann wissen? — es haben auch schon Haus-