Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 366 Dr Dlocb's MlocbenscbrttN Rr.'23 emporblicken, nicht zu Hüpfen brauchen, sondern in den Waggon steigen und direkt hinauffahren können — ich hatte Regierungslieferungen kontraktlich abgeschlossen, kraft welcher ich meine Kinder, Enkel und Urenkel das Recht haben sollten, „Fische" von der Regierung zu erhalten, — ich hatte an der Börse mit dem koniplizierten Mechanismus ä la hausse und ä la baisse gespielt, infolge dessen mich heute noch häufig „Kadochos V wus“ (viertätiges Fieber) schüttelt. Auf dem Berg Sinai erhielt ich das Diplom der Reife, der Beerdigungsverein ernannte mich zu seinem Rechtskonsulenten, ich besitze ein Monopol zum Fabrizieren von „Charoses", von „österlichem Meth". Die Erlaubnis zur Errichtung einer Werkstätte für „leülim, Hesusos und Kamees“, zum Import von „Paradiesäpfeln, Palmzweigen", „Laknechos“ und „Berschader Taleisem“. Ich habe mir ein Patent zum Brennen von österlichem Schnaps ausgekauft und der Vorstand des „Kochkunstvereins" hat mir ein Belobigungsschreiben für Kugel, Cymes und gefüllte Fische verliehen. Lieber Gott! . . . Und was kann ich noch für Dinge, auf die ich kein Patent genommen habe? Und nun sehen Sie, wie ich aussehe, trotz all meiner Fähigkeiten ... Ich stehe vor Ihnen mit allem, was ich besitze.. „Aber erlauben Sie, mein Herr . . . Man sagte mir ..." „Ich weiß, ich weiß, man sagte Ihnen. Und war derjenige, der Sie benachrichtigt, einmal wenigstens jenseits des Sambatjon hat er das, was er erzählt, mit eigenen Augen gesehen? .. . Ja, Freundchen, an eine Sache habt ihr ganz vergessen ... Dort, jenseits des Sombatjon wohnen zehn Stämme Israels, von denen ihr durch eine unermeßliche Entfernung getrennt seid und doch ist diese Entfernung nichts im Verhältnis zu dem Unterschiede zwischen eurer und unserer Sage. Ja! . . . Wir hörten und befolgten nicht die Gesetze, zu deren Ausübung wir uns durch die Annahme der Thora in der Wüste Sinai verpflichtet hatten. Und darum ereilte uns alle das gleiche traurige Schicksal: man nahm uns alles, was wir hätten „hören und befolgen sollen". Man nahm uns unser Vaterland! . . . Wenn der Mensch im Winter einer wärmeren Kleidung bedarf und im Sommer Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen, so ist ihm das Vaterland so unentbehrlich wie Licht, wie Luft, wie das Blut zu seinem Herzen strömt. Und uns nahm man das Vaterland! . . . Auch ihr wurdet, so wie wir, in die Verbannung getrieben, aber ihr lebt in reichen, kulturellen Ländern, indeß wir, die Nachkommen der zehn Stämme Israels, die ganze Last der Strafe zu tragen haben, weil wir „nicht hörten und nicht befolgten". Soeben erinnerten Sie sich der Legende aus Pirke Rabbi Elieser von den Nachkommen Esau's und Jsmael's, welche die Thora nicht haben wollten. So wisse denn, mein Bruder, daß wir „rote Juden" jenseits des Sambatjon, der viel weiter entfernt ist als der Nordpol, gerade unter den Abkömmlingen Esau's und Jsmael's wohnen, und um den „Goluß" kennen zu lernen, muß man, so wie ich, jenseits des Sambatjon leben und dann..." „Aber, erlaubt", unterbrach ich, da mir plötzlich ein Gedanke gekommen war, „wenn ihr wirklich ein „roter Jud" seid und jenseits des Sambatjon wohnt, wieso seid ihr hergekommen? Auf welche Weise konntet ihr über den Sambatjon setzen, der . ." „Still!" rief der erschreckte Fremdling, „um Gotteswillen! Kein Wort davon, keinen Laut. . . Still!" Und noch mehr zusammenschrumpfend und immer kleiner werdend, begann die eigenartige Erscheinung vor meinen Augen in der Luft sich aufzulösen, bis sie nach einigen Sekunden gänzlich verschwand. Ich wußte vor Erstaunen nicht, was ich tat; rasch sprang ich von der Bank empor und ... Und erwachte. IV. Du, meine ermattete, arme Seele! . .. Wie sehr muß dir Ruhe und Erholung nottun, wenn hier sogar unter den düsteren Fichten, inmitten der Felsen und Sümpfe Finnlands, die leise Liebkosung der kaum erwachten, geizigen, ärmlichen Natur dich in den Schlaf gewiegt hat. .. Aber welch sonderbaren Traum hatte ich doch! Welchen Unsinn schwatzte der kleine Mann mir vor. . . Sambatjon . . . Die Nachkommen Esau's.. . rote Juden..." Bei uns ist jetzt Schewuos, das Fest der Thora und der Offenbarung, und in dem ärmsten Dorf, sogar in dem weltvergessenen Winkel, wo ich die lieben Tage nleiner Kindheit verbrachte, sind die Häuser nnd die Synagoge mit duftendem Kalmus und ftischen Weiden- und Akazienzweigen geschmückt. Die Juden essen mit Käse gefüllte, eigenartig geformte Kuchen, trinken Kaffee mit Sahne, in den Gärten singen die Bachstelzen, in dem entfernten Wäldchen läßt der Wiedehopf sein eintöniges Lied erklingen und in der Synagoge steht unser Chasen auf der Kanzel und liest mit seiner klangreichen Tenorstimme „Akdomos“ vor. Ach, meine Freunde, welch ein anmutigesFest ist „Schewuos" und wie lieblich und gut ist unsere Thora! Literat«». Wegweiser für die Jugendliteratur, herausgegeben von der Großloge für Deutschland, VIII. U. O. B. B., redigiert von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Nr. 1 und 2. 1905. Einer dankenswerten, hohen Aufgabe haben sich diese Blätter, die im Aufträge der von der genannten Großloge eingesetzten „Kommission zur Schaffung einer jüdischen Jugendliteratur" herausgegeben werden, unterzogen. Es sollen in ihnen nicht allein grundsätzlich die Fragen, welche die Jugendlektüre betreffen, behandelt, sondern auch für Eltern und Erzieher ein Wegweiser geschaffen werden, der sie bei der Auswahl der Jugendlektüre unterstützen soll. Wir werden auf diese interessanten Blätter noch ausführlich zurückkommen. Memoiren des sel. Lektors I. H. Weiß. I. H. Weiß hat einige Wochen vor seinem Tode Herrn Dr. A. Kaminka seine hebräisch geschriebenen, leider unvollendet gebliebenen Memoiren übergeben mit der Bitte, dieselben für den Druck vorzubereiten und auf geeignete Weise zu publizieren. Es sind drei Hefte, deren Inhalt eine Fortsetzung der von Weiß bereits vor mehreren Jahren veröffentlichten „S i ch r o n o t h" bildet und sich bis zum Jahre 1846 erstreckt. In seinem bekannten fesselnden Stile und mit abgeklärtem Urteil erzählt der Verfasser u. A. viel Interessantes über die Prager Wirksamkeit des Predigers Dr. Michael Sachs, über Moses S o f e r und die Preßburger Jeschibah, über Kreisrabbiner Z. H. Chajes, über das mährische Landesrabbinat und über die Familie Oppenheim (mit der sich Weiß 1843 verschwägerte. „Masculini generis.“ Ein Lebensbild von Sela L i n t o r f. Braunschweig, Richard Sattler. Vor mir liegt das Erstlingswerk einer sicherlich noch sehr jugendlichen Schriftstellerin zur Besprechung. Unter dem Pseudonym Sela Lintorf verbirgt sich die Tochter des hochangesehenen, verdienstvollen Seelsorgers einer deutschen Großgemeinde und das Buch wird daher in erster Reihe das Interesse der gebildeten jüdischen Kreise erregen, obgleich die darin auftretenden und handelnden Personen Nichtisraeliten sind Wir vermeinen, eine ernste, ehrliche Kritik wird der jungen Schriftstellerin förderlicher sein, als eine Kritik, die in ihr die Tochter eines berühmten Vaters sieht. Erstere wird sie anfeuern, unablässig an sich zu arbeiten, rastlos zu streben und zu lernen, strenge Selbstkritik zu üben, während andererseits die Gefahr nahe liegt, zu verflachen. Und gar viel zu lernen tut der jungen Dame not! In dem Buche ist viel Unreifes nnd Unfertiges, ein großer Mangel an Welt- und Menschenkenntnis, die Ansichten über die Frauenbewegung, deren Dolmetscher Frl. Dr. V o ß, die Heldin des Buches, ist, sind ebenso unklar als verworren und bedürfen dringend der Läuterung, wozu der jungen Schriftstellerin in ihrer Vaterstadt die beste Gelegenheit geboten ist. An Sela Lintorf, die mit hohem Ernst und -inniger Ueberzeugung das gleiche Recht und die gleiche Pflicht auf Arbeit für Mann und Frau anerkennt und die Arbeit als einen Segen streift, richten wir die wohlgemeinte Mahnung, sich durch gute Lektüre zu bilden, sich in ernste deutsche Sprachstudien zu vertiefen, ihre Welt- und Menschenkenntnis zu erweitern, ihren Sätzen mehr Inhalt und Form und weniger Worte zu geben, sich Goethes: „In der Beschränkung zeigt sich der Meister" stets vor Augen zu führen. Beherzigt sie diese Mahnung, so dürfen wir, da fraglos Talent vorhanden ist, zuversichtlich hoffen, dereinst, wenn ihre Anschauungen von Welt und Leben