Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr/23 Sette 865 Dr. JSlocb s MocbenscdrM, zwei Dritteile des Jahres mich mit einer so dummen und ziellosen Arbeit beschäftige, wie bas Komponieren von Variationen auf „Sch’ma Isroel“ und „Altaschchis“, ist es nichts mehr als natürlich, daß ich, wenn der Frühling kommt, müde und entnervt bin. Die Seele sehnt sich aus den Steinmauern hinaus ins Freie und obendrein blühen hier zu Anfang des Monats Siwan weiße Schlüsselblumen, die Birken und Ulmen hüllen sich in grüne Schleier, selbst von den kühlen, finnischen Felsen weht ein frischer Frühlingsodem, und diese Zeit der erwachenden Natur ist auch die Zeit des Pfingstfestes — Schewuos. „Wer, von der Schönheit der Natur bezaubert, sein Gebet unterbricht — ist todeswürdig", lautet der Ausspruch eines weisen Talmudisten. Sicherlich war dieser Gesetzgeber überzeugt, baß dies drakonische Gesetz dem Geiste der Thora entspricht. Und doch hat dieselbe Thora, welche das Schewuosfest eingesetzt, nichts dagegen, daß die frommen Nachkommen Jacob's nicht nur an der Natur sich erfreuen, sondern an diesem herrlichen Tage ihre Wohnungen und sogar Gotteshäuser mit grünen Zweigen und allerhand duftendem Kraute schmücken. Dreimal im Jahre und unter drei verschiedenen Gestalten erscheint das Grün in unseren religiösen Gebräuchen. Zweimal ist es ein Symbol abstrakter Begriffe oder Erinnerungen aus der Geschichte unserer glorreichen Vergangenheit. Zu Ostern reicht man uns „Karpass“, zu Sukkoth bedecken Kalmus und Fichtennadeln die Dächer unserer Zelte und am „Uosebauob-Uabab" werden die Blätter an den Zweigen der Bachweide abgeklopft. Einmal nur im Jahre, zu Pfingsten — am Fest unserer Lehre, — ist gas Grün frei von jeder Symbolik und wenn es an diesem Tage die Wände unserer dunklen, traurigen Häuser erheitert, so soll uns dies beweisen, daß auch im trostlosen, jüdischen Ghetto helle Augenblicke sich ereignen, daß es bei seinen Bewohnern an diesem Tage heiter und fröhlich zugeht. Welch ein anmutiges Fest ist „Schewuos" und wie gut und wahrhaft lieblich ist unsere Thora! . . . Warum haben die unglücklichen Nachkommen von Esau und Jsmael sie nicht annehmen wollen? Hat Gott sie ihnen doch angeboten, bevor er sie Israel auf ewige Zeiten übergab. II. Das Schewuosfest naht heran und es ruft mich das „rauschende Grün" der Natur. Ich sitze im Schatten der düsteren Fichten und denke an eine sehr interessante Erzählung aus „Pirke Rabbi Elieser". Als Gott den Nachkommen Esau's die Thora anbot, wollten sie dieselbe nicht nehmen, weil das Gebot: „Du sollst nicht tobten" darin enthalten war. „Das ist nichts für uns", sagten sie, „unser Leben ist das Schwert und auch unser Erzvater Esau kannte kein anderes Dasein." „Man darf nicht stehlen", sagten die Israeliten. „Das ist schlecht! . . . Ueberfall und Beute bilden unser Leben und so zu leben lehrte uns schon unser Erzvater Jsmael!" Die Amalekiter, Moabiter, Assyrier und alle anderen Stämme jener Zeiten lehnten aus diesem oder jenem Grunde die Empfangnahme der Thora ab. „Was heißt das?" sagten sie unter Anderem. „Weder kann man sich betrinken, noch seine Frau schlagen, noch bei Gelegenheit einen kleinen Ueberfall ins Werk setzen! Was ist das für eine Ordnung? Was für ein Leben! . . . Wir brauchen solche Ahora nicht." Die Egypter, ein Volk mit so hoher Kultur, daß deren Ueberreste heute noch die Bewunderung der Menschheit erwecken, auch sie wollten die ihnen angebotene Lehre nicht nehmen. „Das ist nichts für uns", antworteten kurzweg die Untertanen des großen Pharao. „Warum nicht?" „Nehmen wir z. B. nur das Eine: Die Thora verlangt, daß der Fremdling, ebenso wie die angestammte Bevölkerung, im ganzen Lande nach Belieben solle wohnen dürfen, und bei uns, seht ihr, hat man den Abkömmlingen von Josef dem Schönen einen besonderen Aufenthaltsort — die Provinz Goschen -— angewiesen." „Nur dieses Eine hindert euch? So ändert dies unvernünftige Gesetz und fertig ist's." „So?" riefen empört die Egypter. „Das Ghetto in Goschen aufyeben? Was sagt ihr? Wir können nicht leben ohne Ghetto..." So endeten die mißlungenen Proben mit der armen Thora. Und nun, da keines der Völker des Altertums diese Last tragen wollte, gab sie der Allmächtige uns, obgleich die Engel es ihm widerrieten, wie dies seinerzeit im Traktat „Sabbath" Rabbi Jehoschna ben Lewi in poetischer Weise schildert. „Gott!" flehte das Heer der Cherubim, „die Thora, die man bis zur Erschaffung der Welt neunhundertvierundfiebzig Jahrhunderte behütet, willst du einem Sterblichen geben, einem Geschöpf von Fleisch und Blut? Wird ein Mensch deine Gesetze befolgen?" „Moscheh", befahl Gott, „gib ihnen Antwort!" Statt der Antwort jedoch erklang das Echo der Stimmen einer zahllosen Menschenmenge, die in diesem großen Augenblick am Fuße des heiligen Berges stand. „Wir werden hören und befolgen!" wiederholte das zu Füßen des Sinai versammelte Volk Israel. „Und nicht hörten und nicht befolgten sie..." flüsterte plötzlich neben mir eine unbekannte Stimme. Ich wandte mich um und erschrack. III. In dem Dämmer eines feuchten Abends stand an den phantastisch gekrümmten Stamm einer alten Fichte gelehnt, eine sonderbare Gestalt, deren Alter man auf den ersten Blick nicht angeben konnte. Hager, gebückt, mit einem gerunzelten, erzfahlen Gesicht, grauem, krausen Haar und Bart, mit bleichen, krampfhaft geschlossenen Lippen, — blickte dieses so schrecklich verkrüppelte, schwache und gleichzeitig krankhaft gereizte Wesen mich an und die blutleeren Lippen flüsterten: „Ja, ja, nicht hörten und befolgten sie." „Mit wem spreche ich?" fragte ich, erstaunt über die eigentümliche Erscheinung. „Woher kommen Sie?" „Woher?" erwiderte der Unbekannte. „Von dort. . . geraden Wegs von dort. . . Von jenseits des Sambatjon." „Von jenseits des Sambatjon? . . . d. h. daß Sie..." „Das heißt, daß ich einer jener „roten Juden" bin, die dort wohnen und die — laut den Märchen, die bei euch im Umlauf — ein so ruhiges und glückliches Leben führen, wie Gott es jedem Juden geben möge." „Und ist das etwa nicht wahr?" fragte ich. „Man erzählt, daß ihr dort, jenseits des Sambatjon, ein beneidenswertes Dasein führt. En gros- und Detailhandel, Handwerk, Ackerbau, Rechtspflege, mit einem Wort, alle Zweige der Industrie sind in euren Händen; weder kaufen, noch verkaufen, noch borgen kann man ohne euch. Wohin man blickt, überall ist der „rote Jude" da." „Zum Teil haben Sie Recht", entgegnete der Fremde, „ich könnte Ihnen sogar die Namen vieler „roten Juden" nennen, die bei Eisenbahnkonzessionen, Bank- und Börsenspekulationen, Regierungslieferungen und Privatdiskontos zu mehrfachen Millionären wurden. Auch jetzt noch verursacht häufig ein Wort eines solchen „roten Juden" eine Umwälzung auf dem Geldmarkt, selbst Anfang und Ende diplomatischer Streitigkeiten hängen häufig davon ab, wie irgend ein „roter Jude" darüber urteilt, denn seit den Siegeszügen der römischen Cäsaren nach Gallien und Britannien hat noch kein Krieg stattgefunden, ohne eine äußere Anleihe bei diesen Königen und Priestern des Goldes. . . Doch das find allbekannte Sachen. Wollen Sie genau wissen, wie wir „rote Juden" leben, so bitte, werfen Sie einen Blick auf mich. Meine Frau, acht Kinder, zwei Ziegen und meinen fiebenundzwanzig Jahre alten Sabbathrock abgerechnet, sehen Sie mein ganzes Vermögen vor sich. Und womit habe ich mich nicht beschäftigt: ich hatte eine Konzession zum Bau einer Eisenbahn aus den Mond, damit die Juden, wenn fie beim Neumond zum Himmel