Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 359 storben 16. Jänner 1905) in London und Konsul Simon in Hannover." Endlich erwähnt der Vorsitzende den Tod des Rabbiners Dr. M. Kayserling in Budapest, des Seniors der böhmischen Rabbinen Kreisrabbiner Adam Wunder in Budweis und verfügt mit Zustimmung der Versammlung, die sich erhoben hatte, daß die Trauerkundgebung dem Protokolle der Generalversammlung einverleibt werde. Dem Jahresbericht entnehmen wir: Im Jänner 1904 hat das in Kischenew durch neun Monate tätig gewesene Zentral-Komitee zu Gunsten der Opfer der Exzesse seine Wirksamkeit abgeschlossen. Aus dem vom Komitee erstatteten Berichte ist zu entnehmen, daß während der Funktion desselben 3809 Gesuche von den direkt beschädigten und Angehörigen der Ermordeten, ferner 6805 Eingaben von Familien und Einzelnen, die indirekt durch die Plünderungen in Not geraten waren, Berücksichtigung fanden. Der Betrag der Spenden, welche dem Komitee zugegangen waren, hatte insgesamt 1,010.343°30 Rubel (über 2,500.000 Kronen) ausgemacht. Die Ausgaben hatten im großen und ganzen dem von unserem Sekretär bei Beginn der Aktion an Ort und Stelle ermittelten, in unserem vorjährigen Berichte (S. 27) angegebenen Erfordernis entsprochen Es wurden unter anderem zur Versorgung der Witwen und Waisen nach den Ermordeten*) 100.200'— Rubel, Unterstützungen an materiell direkt Geschädigte 533.573°35 Rubel, Unterstützungen an indirekt in Not Geratene 156'071'86 Rubel, Beiträge zu Auswanderungszwecken 15.390'— Rubel, für unmittelbare Verpflegung der Brotlosen 23.056'94 Rubel ausgegeben. Ferner wurde nach Auflösung des Zentralkomitees ein ansehnlicher Restbetrag der Armenanstalt der jüdischen Gemeinde in Kischenew behufs Bewilligung nachträglicher weiterer Unterstützungen übergeben. Nach der Ernennung des liberalen Fürsten Swiatopolk-Mirsky zum Minister des Innern schienen einen Augenblick die Hoffnungen auf eine Besserung der Situation berechtigt. Eine freiere Diskussion staatlicher Angelegenheiten in den russischen Tagesblättern wurde von der durch die unaufhörlichen Kriegsniederlagen und die inneren Unruhen bedrängten Regierung geduldet, aber hinsichtlich der Juden blieb alles beim Alten. Eine neue Serie von Exzessen begann im Herbste, zumeist anläßlich der Einberufung der Reservisten, denen der Macchiavellismus der Behörden gerne gestattete, daß sie ihre Erbitterung über den nutzlosen Krieg und ihre Wut bei der Aussicht auf sicheren Tod in der Mandschurei durch Plünderung der wehrlosen jüdischen Bevölkerung austoben. Es fanden Krawalle in Smiela, Alexandria, Jekaterinoslaw, Mohilew, Witebsk, Smolensk, Boguslaw, Mstislaw, Bychow und anderen Orten statt. Die größten Anforderungen stellte an uns der seit Oktober unaufhörlich flutende Auswanderungsstrom aus Rußland. Die Schwierigkeiten, die wir bei dieser Bewegung zu überwinden hatten, waren in mancher Beziehung viel größere als diejenigen der rumänischen Emigration vor einigen Jahren und sogar als diejenigen der russischen Verfolgungen von 1882 und 1891. Denn diesmal handelte es sich um Flüchtlinge, denen, wie es sich bald zeigte, unter allen Umständen die Wege zur überseeischen Auswanderung geebnet werden mußten, da deren Repatriierung in die Heimat auch im Falle einer späteren Besserung der wirtschaftlichen Lage zum größten Teile ausgeschlossen war. Als uns im Oktober die ersten Ansammlungen aus Krakau signalisiert wurden, schien es noch, als wäre es möglich, den Unglücklichen durch kleine Unterstützungen und vorübergehende Unterbringung, sowie durch Arbeitsvermittlung in galizischen Städten zu helfen. Unser sofort nach Krakau entsandte Sekretär stellte dem dort gebildeten Komitee in Aussicht, daß eventuell ein Asyl für den vorübergehenden Aufenthalt der Flüchtlinge von uns subventioniert werden würde. Bald darauf nahm aber *) Ohne Zusammenhang damit stand eine spezielle Sammlung für die Waisenkinder, welche auf Grund eines besonderen Projektes von einem Privatkomitee veranlaßt wurde und ebenfalls eine beträchtliche Summe ergab. die Bewegung derartige Dimensionen an, daß alle Bedenken weichen und wir, vom Mitleid mit den Unglücklichen geleitet — das sich in gleicher Weise in ganz Europa geltend machte — uns entschließen mußten, eine Aktion zur Beförderung der Leute nach überseeischen Orten einzuleiten. Seit Mitte Oktober war unser Bureau Tag für Tag von Flüchtlingen überfüllt und mehrere Mitglieder unserer Exekutive arbeiteten täglich mit Hingebung und Aufopferung, um den Hunderten nach Wien, teils mit unvollständigem Reisegeld, in der überwiegenden Zahl der Fälle aber ganz mittellos gelangenden Emigranten nach Einvernahme eines jeden Einzelnen und Prüfung jedes Gesuches zu ihren Zielen zu verhelfen. Längs der östlichen Grenze und in fast allen auf dem Wege nach Wien gelegenen Städten, von Husiatyn und Brody beziehungsweise Nowosielitza bis nach Lundenburg hatten sich — soweit nicht die betreffenden Kultusgemeinden die Durchreisenden mit kleinen Gaben unterstützten — kleine unverantwortliche Privat-Komitees gebildet (oft unter dem Namen „lomebei ckebuäsi Russia/'), deren gutgemeinte aber planlose Humanität sich damit erschöpfte, die Emigranten zu bewirten und sie eine kurze Etappe weiter zu senden. Bezüglich der Weiterreise von Wien konnte jedoch von diesem System keine Rede sein, da die Grenze nach Norddeutschland für Leute ohne Schiffskarten (und zwar solche deutscher Gesellschaften) hermetisch geschloffen war. Als der Ansturm immer größer wurde, wandten wir uns an unsere Freunde in Paris mit der Hitte, uns dadurch eine Erleichterung zu schaffen, daß sie für die nach Kanada reisenden Emigranten sich mit der Hälfte an der von uns für die Anschaffung der Schiffskarten den Leuten gewährten Zuschüssen beteiligen. Diese Mitwirkung wurde uns für die Zeit vom 16. November bis Ende desselben Monats in dem von uns vorgeschlagenen Maße bereitwilligst gewährt. Im November hatte sich die Etappenwanderung von der östlichen Grenze nach Wien bereits auch in den Provinzgemeinden als derart drückend erwiesen, daß die mährisch-schlesischen Kultusgemeinden eine Konferenz nach Prerau einberiefen, um eine Organisation zu schaffen, mit deren Hilfe die Emigranten, anstatt von Ort zu Ort auf einmal direkt nach Wien dirigiert werden sollten. Unser Sekretär, der an der Konferenz teilnahm, schlug hierauf in unserem Aufträge vor, daß statt dieser planlosen Dirigierung nach Wien die Provinzgemeinden ein von der Allianz in Mährisch-Ostrau einzusetzendes Hilfskomitee unterstützen mögen, das zur Aufgabe haben würde, die Leute schon an jener Station unterzubringen und zu sichten, die Kosten des Umweges über Wien zu ersparen und die Emigrationssähigen im Einvernehmen mit unseren deutschen Freunden, mit den Schiffskatten, die wir von Wien aus senden würden, über Breslau direkt nach Hamburg zu expedieren. Die Konferenz nahm nicht nur unseren Antrag an, sondern verpflichtete sich auch dahin zu wirken, innerhalb der mährisch-schlesischen Gemeinden einen Beitrag für die Gesamtkosten der von der israelitischen Allianz zu leitenden Aktion aufzubringen. Bald darauf wurde das Komitee in Mährisch-Ostrau unter der umsichtigen Leitung des Herrn Moriz Krasny organisiert, der mit praktischem Sinn, mit rastloser Fürsorge und menschenfreundlicher Hingebung das Hilfswerk an der Grenze Monate hindurch — gerade während der schwierigsten Periode — mustergiltig leitete und unfern Vorstand zu außerordentlichem Dank verpflichtet hat. In gleicher Weise haben uns später die Herren Kultusvorsteher Dr. Alois Hilf und Advokat Dr. Max Beer durch ihre mit Eifer und Sorgfalt entfaltete Wirksamkeit an der Spitze des Komitees unschätzbare Dienste geleistet. Im ganzen sind von uns seit Beginn der Bewegung über 2500 Flüchtlinge befördert worden, wodurch Krakau, Mährisch- Ostrau, Oswiecim evakuiert wurden und — soweit die von sämtlichen großen Organisationen aufgestellten und für uns bindend gewesenen Prinzipien es gestatteten — den großen Scharen, die über Wien täglich gezogen kamen, Hilfe gebracht wurde. Die Ablenkung großer Massen von Wien durch die Einsetzung der genannten Komitees hat den täglichen Andrang de