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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 23 Dr. DIocb's MocbenscbrM. &eiu 355 und sei dasselbe auf noch so ehrwürdige Traditionen gestutzt, hat in unserem Zeitalter keine Existenzberechtigung mehr, am allerwenigsten aber, wenn dasselbe vermittelst Ausschließung einer ganzen Klasse von achtbaren Mitbürgern aufrecht erhalten werden soll, welche in unserem letzten großen Kriege gezeigt hat, daß sie ebensowohl für den idealen Gedanken eines Vaterlandes zu sterben versteht, als diejenigen, welche ein Monopol hierfür beanspruchen. Im Auslände kann man Dutzenden von jungen Leuten, Söhrien hochachtbarer und patriotischer jüdischer Familien, begegnen, welche ihrem Militärdienst mit dem peinlichsten Eifer genügten, trotzdem aber in kränkender Weise ihrer Religion wegen zurückgesetzt wurden und daher mit berechtigter Bitterkeit aus der Heimat schieden. Die Juden beinahe der ganzen Welt sind in Sprache, Bildungsgang und Denkweise, sogar ihrem Namen nach Deutsche, sie denken und fühlen in unserer Muttersprache und doch können viele von ihnen nur mit Bitterkeit an die Heimat denken und von derselben sprechen. Sie sind hinausgezogen in die weite Welt, haben in harter Arbeit große Vermögen erworben und es ist nur natürlich, daß viele von ihnen mit dem Erworbenen nur zu gerne in das Land zurückkehren möchten, in welchem ihre Wiege gestanden hat und in dem sie die ersten Worte der Sprache gelallt haben, welche sie später in ihrer Verbitterung zu vergessen suchten. Traurige und kränkende Erinnerungen aber stehen bei nur zu vielen zwischeil ihnen und der Heimat, oft durch die verflossenen Jahre mehr verschärft als gemildert und die Mehrzahl der deutschen Juden nimmt dann in der Fremde ihren dauernden Aufenthalt. mit verbissenem Groll und uneingestandener Sehnsucht an die wirkliche Heimat denkend, welche sie ungerecht und lieblos von sich gestoßen hat. Welche ungeheure Schädigung unserer nationalen Machtstellung, ja ganz besonders unseres Nationalvermögens daran liegt, daß so viele der ausgewanderten deutschen Juden, anstatt in die Heimat zurückzukehren, sich dauernd im Auslande niederlaffen und dort nicht nur uns entfremdet, sondern in vielen Fällen sogar direkte Feinde des Deutschtums werden, ist überhaupt gar nicht zu berechnen. Hierbei soll allerdings gar nicht übersehen werden, daß bei vielen Juden eine bedauernswerte Aktion eine ebenso verdammungswerte und übertriebene Reaktion herbeigeführt hat, welche in vielen Fällen unberechtigt ist und weit über das Ziel schießt. Je eher unsere Machthaber, unsere Gesetzgeber, ja das ganze Volk einsehen lernen, daß der Mangel an vollkommener Gleichberechtigung der Juden eine ungeheure Schädigung aller unserer nationalen Interessen, die Beseitigung aller ungerecht kränkenden Ungleichheiten aber einen bedeutenden Zuwachs unserer Machtstellung in jeder Hinsicht bedeutet, desto besser für die künftige Wohlfahrt des ganzen deutschen Volkes. Zur Begründung und Erstarkung dieses Gedankens, zur versöhnenden Ausgleichung der bestehenden Gegensätze beizutragen, sollte sich jeder wahre deutsche Patriot nach Maßgabe seiner Kräfte zur Aufgabe machen. Unsere hiesige Kolonie ii't zwar an Zahl klein, aber sie schließt die besten und aufgeklärtesten Elemente unseres Volkes in sich. Wenn wir öffentlich unser tiefes Bedauern über solchen würdelosen Unfug, wie ihn sich der antisemitische Abgeordnete Böckler hinsichtlich des Kaiserteppichs geleistet hat, aussprechen, so ist es wohl möglich, daß unsere Stimme im Weltall verhallt; es ist aber auch möglich, daß die vielen anderen intelligenten Vertreter des Deutschtums im In- und Auslande unseren Ruf aufnehmen und Mitarbeiten wollen an der Beseitigung der Schlacken mittelalterlichen Vorurteils, an der Beseitigung des Rassenhasses und an dem Aufbau unserer Gesellschaftsordnung nach den Grundsätzen wirklicher und nicht nur scheinbarer Gleichberechtigung. Johannesburg, 12. April 1805. P. R. K. Vom Aukrmurkt des Lebens. Die Kontrerevolution in Warschau. Wir haben in der vorigen Nummer unter dem Titel „Ein Reinigungsprozeß" die Vorgänge in Warschau uns zu erklären versucht. Nun erhält die „Arbeiter-Zeitung" vom 6. Juni vom Ausländischen Komitee des Bundes folgenden aufklärenden Bericht: „Die gesamte ausländische Presse brachte Telegramme, die die Ereignisse von Warschau am 24., 25. und 26. Mai als einen Kreuzzüg des „Bundes" gegen die Warschauer Diebe und Freudenhäuser darstellten. Dieie Telegramme haben zum Teil offiziellen Charakter, zum Teil sind sie von der zarischen Regierung inspiriert, zum Teil entstammen sie der polnischen bourgeoisen Presse, die dje russische Regierung in der Verbreitung aller unsinnigen Gerüchte über den „Blind" rührig unterstützt. Alles, was in diesen Telegrammen über die Rolle des „Bundes" bei der Organisation der blutigen Exzesse gesagt wird, erweist sich als böswillige Erfindung, die das Ziel verfolgt, die Organisation des jüdischen Proletariates zu kompromittieren. In Wirklichkeit wurde die Plünderung der Freudenhäuser, die von blutigen Zusammenstößen zwischen den Arbeitern und den sogennanten „Lobusy" begleitet war, von den Warschauer Behörden vorbereitet und ist als einer der Akte der Kontrerevolution anzusehcn, die von der Autokratie überall in Rußland in Szene gesetzt wird. Für antisemitische Krawalle ist nämlich in Warschau keine Möglichkeit gegeben und die Polizei hat darum ein anderes Manöver in Anwendung gebracht. Sie hat die Hefe des jüdischen Proletariats in Warschau, die sogenannte „Lobusy", bewaffnet und gegen die jüdischen Arbeiter aufgehetzt. An einem und demselben Tage begannen in den verschiedenen Teilen Warschaus blutige Zusammenstöße zwischen den Arbeitern und den „Lobusy". Die unbewußten Elemente des jüdischen Proletariats gingen in die von den Warschauer Behörden aufgestellten Netze. Erbost gegen die „Lobusy" wegen der Rolle, die diese während der Jänner-Ereignisse gespielt hatten, indem sie die Geschäftsläden in Gesellschaft von Polizeispitzeln, Wachleuten und Soldaten plünderten und. aller Wahrscheinlichkeit nach außerdem von Agents provocateurs aufgehetzt, gingen die unorganisierten jüdischen Arbeiter daran, die Schlupfwinkel des Warschauer Lumpenproletariats zu zerstören. Es spielten sich grauenhafte Szenen ab, die einige Tage hindurch unter der Untätigkeit und Vorschubleistung der Polizei und des Militärs und unter dem Frohlocken der Bourgeoisie anhielten. Nachdem die Warschauer Behörden sich überzeugt haben, daß die Krawalle gegen die Diebe und Prostituierten den erwünschten Effekt erzeugt hatten, betraten die „Hüter der Ordnung" die Szene und gegenwärtig ist die Stadt der Gewalt der betrunkenen Soldateska ausgeliefert. Das Ziel der Regierung, die die Exzesse gegen das Warschauer Lumpenproletariat hervorgerufen, ist klar: die Energie des jüdischen Proletariats zur Entladung zu bringen, sie gegen die bedauernswertesten Opfer der kapitalistischen Ordnung zu richten und derart das rasche Anwachsen der jüdischen Arbeiterbewegung in Warschau aufzuhalten; auf das jüdische Proletariat und dessen Organisation einen Schatten zu werfen, indem die Wildheit und Bestialität, die von einigen unbewußten Elementen an den Tag gelegt wurde, auf seine Rechnung gesetzt wird; der Bourgeoisie Schrecken vor der nahenden Revolution einzuflößen, vor der Revolution, als deren Träger ein Proletariat erscheint, das zu solchen Exzessen fähig ist, und das Bürgertum der Kontrerevolution in die Arme zu treiben. Absichtlich wollte man die Kluft zwischen den jüdischen Arbeitern und den Bewohnern der verrufenen Schlupfwinkel benützen, zwischen ihnen einen Streit zu provozieren, um desto leichter die jüdischen Lnmpenproletarier als Waffe im Kampfe gegen die Revolution ausbeuten zu können, und wollte schließlich einen plausiblen Vorwand erlangen, um das Kosakenregime in Warschau zu verstärken und grausame Repressivmaßregeln gegen das Warschauer Proletariat in Anwendung zu bringen. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß das listige Vorhaben der zarischen Regierung, der verröchelnden Autokratie neue Kräfte einzuflößen, ebensowenig durch Exzesse gegen das Lumpenproletariat als durch Krawalle gegen Juden, Armenier und die Intelligenz gelingen werde. Wir teilen einige Auszüge aus der Proklamation der Warschauer-Komitees des „Bundes" mit, die auf die scheinbar rätselhaften Warschauer Ereigniffe ein Licht werfen. Die Selbstherrschaft durchlebt ihre letzten Tage. Von allen im Stiche gelassen, von allen gehaßt, allseits Angriffen ausgesetzt, sucht sie in den allertiefsten und am wenigsten entwickelten Schichten der Bevölkerung ihre Stütze: unter den Lnmpenproletariern. Sie organisiert die Diebe und die „Lobusy" zu „Schwarzen Banden" und läßt sie auf die Juden, die Intelligenz und die Revolutionäre los Dieselbe Autokratie, die ständig das Wort „Ordnung" im Munde führt, vereint sich mit den schlimmsten Feinden jeder Ordnung. Sie hofft, mit ihrer Hilfe die Freiheitsbewegung im Blute zu ertränken Sie hat sie zu ihrer Stütze ausersehen, um ihre Gewaltherrschaft fortsetzen zu können. Nach Baku folgte Jalta, nach Tambow und PSkow-Kursk weiterhin Schitomir und nun Warschau. Einige Tage sind es bereits, da in Warschau etwas Schreckliches vorgeht. Die Polizei bewaffnet die Diebe und die „Lobusy" und gestattet den Waffenhandlungen, ihnen Waffen zu verkaufen. Die Diebe fallen über die Arbeiter her, die Arbeiter über — die Diebe. Mittwoch den 24. Abends kam es zu Zusammenstößen. Unbewußte Arbeiter überfielen die Freudenhäuser und verwüsteten sie. Sie schlugen alles kurz und klein. Sie trennten die Pölster auf. Die Gassen waren von Bettfedern gleichwie von Schnee bedeckt. Die unglücklichen Prostituierten wurden m ßhandelt. Die Polizei sah dem Treiben von weitem zu und mengte sich nicht ein. Im Gegenteil sie stachelte noch auf. Nachdem bereits alles demoliert war, nahm sie an einigen Orten ein Protokoll auf und arretierte einige Personen. An jenem Abend gab es Tote und Verwundete sowohl auf Seite der Lnmpenproletarier als auch auf Seite der Arbeiter. Donnerstag morgens zogen einige Dutzend Arbeiter durch die Stadt und stellten aus eigener Initiative, ohne jemanden zu fragen, die Arbeit in allen Fabriken und Werkstätten ein. Sie erklärten, daß sie im Namen der revolutionären Organisationen vorgingen; in Wirklichkeit aber hatte ihnen keine der Organisationen die Vollmacht dazu erteilt. In den Straßen zeigten sich gewaltige Volksmassen. Alles schrie, lärmte, im allgemeinen Chaos konnte man nichts Rechtes in Erfahrung bringen. Nur Gerüchte schwirrten herum, daß es bald hier, bald dort zu Schlägereien gekommen sei. Das Volk rannte aus einer Gasse in die andere. Noch etliche Freudenhäuser wurden verwüstet und einige Diebe verwundet. Alles befand sich in Aufregung, alle erwarteten etwas.

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