Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 354 Dr. Dlocv's MocdenscvrM. Nr. 23 und eine Regierungsform hatte, die einfach ein Hohn aus alle Gerechtigkeit und Redlichkeit ist. Jeder Tag bringt spaltenlange Nachrichten und Berichte vom Kriegsschauplätze. Hat man je schon gelesen, daß ein japanischer Soldat, geschweige denn ein japanischer Offizier, sich in Schnaps oder in Sekt viehisch betrunken hätte? Hat man je schon gelesen oder gehört, daß bei all dem schrecklichen Blutvergießen auch nur ein japanischer Soldat irgend eine unnötige brutale Grausamkeit begangen hätte? Hat man je davon vernommen, daß ein japanischer Beamter sich habe bestechen lassen, daß er unterschlagen, gestohlen habe, und das mit dem klaren Bewußtsein, seine Brüder im Felde damit preiszugeben? Wurden jemals auf japanischer Seite die Liebesgaben für die Soldaten auf dem Schlachtfelde, die wärmenden Winterkleider und die Decken, die großen Spenden der Reichen und die blutigen Heller der Aermsten des Volkes von gewissenlosen Intendanten entwendet, ihrer Bestimmung entzogen, wurde durch sie die notwendigste Nahrung für den Mann im Felde, die Munition, der ganze Kriegsbedarf gefälscht, verschleudert, zu Gunsten der eigenen Tasche verwertet? Hat man gehört, daß japanische Soldaten und Offiziere es haben fehlen lassen an dem nötigen Studium, an der nötigen Intelligenz, an dem erforderlichen Verständnis, an Einsicht, Ernst und an Tapferkeit? Das ist die Unkultur auf der einen Seite, die uns der Notwendigkeit enthebt, uns näher mit der Zivilisation auf der anderen zu befassen. Es sind Einzelheiten, die sich zusammensetzen zu einem großen und überzeugenden Gesamtbilde und die erweisen, daß man es da nicht mit Wechselfällen eines launischen Zufalls, sondern mit notwendigen und logischen Konsequenzen zu tun hat. Es ist fast nur noch der Antisemitismus, der die Logik der Tatsachen nicht anerkennen will, übrigens — wann hätte er sie je anerkannt? Der erste Versuch dazu würde ihm den Boden unter den Füßen entziehen, und das ist ein fruchtbarer Boden. In ihm wurzeln Pflanzen wie Bielohlawek und Schneider, für die er ein Nährboden ist, auf dem sie vortrefflich gedechen. Es hat für uns weder etwas Befremdendes noch etwas Beunruhigendes, daß der Antisemitismus sich förmlich solidarisch erklärt mit dem russischen Absolutismus. Das ist schon die richtige Bundesgenoffenschaft. Die Tauben hätten sie nicht schöner Zusammentragen können. Uns, die wir beide bekämpfen und bekämpfen werden bis zum letzten Atemzuge, könnte es eher beunruhigen, wenn diese Bundesgenossenschaft nicht etabliert worden wäre. S.e ist eine verheißungsvolle und wir begrüßen sie mit Zuversicht. Wir erwarten dabei keine Wunder, wir vertrauen ruhig der Logik der Tatsachen. Der Zusammenbruch kann nicht ausbleiben, und wenn die russische Hofpartei bangend um Haupt und Leben und in Liebedienerei für den selbstherrlichen sentimentalen Schwächling auch hundertmal erklärt, den Krieg zu einem für die russischen Waffen siegreichen Abschluß bringen zu wollen, so wird sie die Logik der Tatsachen eines Besseren belehren und ihr die tiefe Weisheit jener Lebensregel vermitteln, die da verkündet, daß Schreien nichts hilft, wo Tatsachen beweisen. Der russische Absolutismus hat noch nicht formell, aber dem Wesen nach schon — Bankerott gemacht, und mit ihm wird jene europäische Zivilisation Bankbruch erleiden, die da meint, wirklich eine Kulturarbeit zu leisten, wenn sie den außereuropäischen Völkern ihre Missionäre mit den frommen Traktätlein und ihre Soldaten aus den Hals schickt. Mit ihm endlich auch jene „Zivilisation", die die Unterdrückung und herzlose Verfolgung von Millionen von Menschen um ihrer Abstammung und ihres Glaubens willen für ein — gottgefälliges Werk ausgibt. Ein gewattiges Stück Ruchlosigkeit schickt sich an, in die Tiefe zu versinken. Das ist der Aspekt, den die beispiellose Niederlage der russischen Wehrmacht eröffnet. Eine deutsche Klimme aus Kud-Afeika über den deutschen Antisemitismus. Die unter der Aegide des deutschen Schulvereines in Johannesburg erscheinende Zeitschrift „Deutsche Schule" publiziert in Nr. 5 (April 1905) nachstehenden Artikel: Der Bazar zugunsten einer deutschen Kapelle hat uns ein ebenso unerwartetes, als erfreuliches Schauspiel dadurch geliefert, daß eine große Anzahl unserer jüdischen Mitbürger sich in aktiver Weise an diesem Bazar beteiligt hat. Wir müssen sogar weiter gehen, wir müssen uns offen eingestehen, daß ohne diese vorurteilslose und tatkräftige Unterstützung der Kircherrbazar auch nicht annähernd den Erfolg aufzuweisen gehabt hätte, als es tatsächlich der Fall war. Welch wirklich hochherzige und herzlichst anzuerkennende Lehre liegt nicht in diesem Vorgänge gegenüber jenem häßlichen sozialen Auswuchs, welchen man Antisemitismus nennt und welcher sich leider in der Heimat noch immer breit zu machen versteht. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wenn man in den Zeitungen lesen muß, daß erst kürzlich im Reichstage ein antisemitischer Redner keinen Anstand nahm, sich darüber zu beklagen, daß gelegentlich der Einweihung des Berliner Domes in der Kaiserloge ein Teppich gelegen habe, welcher angeblich von einer jüdischen Firma geliefert worden war. Für uns, welche wir mit unseren jüdischen Mitbürgern in herzlicher Freundschaft und Jdeengemeinschaft zu leben gewohnt sind, sind solche Vorgänge einfach unfaßbar!' Wir könnten uns ja mit dem Gedanken trösten, daß die Vertreter des Antisemitismus — im Reichstage wenigstens — nur eine verschwindend kleine Zahl von Querköpfen bilden, welche bei den Debatten von keiner Seite ernst genommen werden, die bloße Existenz jedoch des Antisemitismus, wenn auch in noch so kleinen Kreisen, muß von vorurteilsfreien Patrioten als eine Schmach und — was mehr ist — als ein wirtschaftliches Unglück für das Vaterland, für das Land der Philosophen und vorurteilsfreien Denker empfunden werden. Können wir es fortleugnen, daß in Deutschland, wenn auch vor den Gesetzen gleich, der Jude äe facto doch in einzelnen Fragen, wie in denjenigen der Besetzung der Offiziers- und Beamtenstellen die ihm zustehende Gleichberechtigung nicht genießt? Im Großen und Ganzen sind wir ja nur allzu geneigt, die ganze Frage des Antisemitismus als eine unangenehme und etwas beschämende Sache totzuschweigen, über die man nicht gern spricht, da man doch nichts daran ändern kann, und von welcher man hofft, daß sie mit der Zeit von selbst aussterben wird. Trotzdem aber scheint es in einem vorurteilsfreien und denkenden deutschen Gemeinwesen, mit so zahlreichen jüdischen Elementen wie das unsrige, vollkommen angezeigt, der Frage ganz offen ins Auge zu sehen und sie ebenso offen zu besprechen. Niemals noch hat die offene Besprechung einer Angelegenheit von solch' öffentlichem Interesse Schaden verursacht und ein verschämtes Fortschweigen kann keine Lösung bringen. Die Verteidiger oder wenigstens theoretischen Erklärer des Antisemitismus werfen bekanntlich den Juden übertriebene Freizügigkeit und damit Unzuverläßlichkeit im nationalen Sinne, ebenso wie Unduldsamkeit und ablehnende Haltung ihren andersgläubigen Mitbürgern gegenüber vor. Ebenso wird erklärt, daß der Antisemitismus nur ein Jnteressenkampf zwischen einer begabteren und anderen minder begc bten Rassen ist, daß derselbe daher in allen Ländern der Welt in mehr oder weniger latenter Form bestehe, ein Faktum, welches die Existenzberechtigung des Antisemitismus zur Genüge beweise. In Offiziers- und Beamtenkreisen wird uns in anderer Form ungefähr dasselbe entgegnet, nämlich, daß es sich auch dort um einen Jnteressenkampf handle, und die dort zu hörenden Ausführungen laufen darauf hinaus, daß die Erziehung der Kreise, aus denen sich bei uns im allgemeinen Offiziere und Beamte rekrutieren, eine solche ist, daß ihre Angehörigen sich eben nur ausschließlich d n erwähnten beiden Ständen zu widmen imstande sind. Dem Juden das Monopol im Bankwesen und im Handel mit all seinen Chancen, uns überlasse man die mühselige und kärglich bezahlte Laufbahn des Offiziers und Beamten. Das ist so ziemlich die Quintessenz der Losung, welche uns aus den alten Beamten- und Offizierskreisen entgegenschallt! Es ist nicht zu leugnen, daß aus dem Munde so manchen Hauptes alter Familien, welche seit Jahrhunderten beinahe ausschließlich im Dienste des Vaterlandes Gut und Blut eingesetzt und verloren haben, die Entgegnung immerhin ihren Anspruch auf Gehör hat und damit kommen wir zu dem springenden Punkt der ganzen Frage. Rings um uns her schreitet die Welt mit beängstigenden Ri senschritten vorwärts. Rings um uns her fliegen Sonderrechte und Vorurteile aller Art wie veralteter, morscher und nutzloser Plunder in den Papierkorb der Weltgeschichte! Sollen und wollen wir, das Volk der-Mitte, das Volk der Denker, inmitten all des neuen keimenden Lebens allein und in rückwärts schauende Träume verloren, weiter starr in der Vergangenheit wurzeln und uns von der ganzen Welt überflügeln lassen? Nur vollständige und wirkliche Gleichberechtigung, nur ein entschlossenes Lossagen von allen schädlichen und ungerechten Vorurteilen kann heute das deutsche Volk davor retten, dereinst trauernd auf den Trümmern seiner einstigen geistigen, und politischen Größe zu sitzen. Wenn ihre Erziehung die Söhne unserer alten Familien daran hindert, in allen Fächern unseres sozialen und wirtschaftlichen Lebens den Wettbewerb mit ihren Mitbürgern aufzunehmen, so muß eben diese Erziehung geändert werden, aber der Anspruch auf ein Monopol