Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 23. Ör. BIOCH’S Iah«,«,, XXII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wir«, 9. K««i 1905. - -» » »»^-- Lrsch eint jeden Freitag. - 'H- •■4» - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wie«. »rzussPrri» fllr Srstrrrrich: Halbjährig 8 Krouea. Ein»elexemplare 80 Heller. Mr'» Auslaud r Halbjährig 10 Kronau Banzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene ^etitzeile 24 Heller. V. k. Pofisxarragrn-Vmt Clearing-Vrrkrtzr Nr. 810.976. Ardartion und Adminiflralton: Wir» IX/1, Vrrggaffr Nr. 3S. Talophon Nr. 14.847. Jndalt: L e i t a r t i k e l: Die russische Despotie und ihre Wiener Freunde. — Eine deutsche Stimme aus Süd-Afrika über den deutschen Antisemitismus. — Vom Jahrmarkt des Lebens: — Die Kontrerevolution in Warschau. — Medizin in Warschau. — Krankenpflegerinnen für Jerusalem und Palästina. — Korrespondenzen: Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". Antisemitischer Stationsvorstand. Antisemitische Geographie. Lektor I. H. Weiß. Wüstes vom Herrn Wüst. Prag. Israelitischer Nächstenliebeverein. „Jüdischer Christenhaß". Der neue Bürgermeister von Czernowitz. Nagybecskerek, Breslau, München. Eine Lazarus-Straße. Schitomir. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden der „Chewra-Kadischa". Wien, Brünn, Pohrlitz, Krakau, Przemysl, Ruttka, Budapest, Triest, Bern, New-Iork. — Feuilleton: Schewuos. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die russische Despotie und ihre Wiener Freunde. Noch immer hält die Vernichtung der russischen Seemacht die öffentliche Meinung in Atem und das wird wohl noch lange der Fall sein. Denn es war ein Ereignis von weltgeschichtlicher Tragweite und die Japaner haben gründliche Arbeit getan. Es war nicht schlechthin ein Sieg, es war eine Ausrottung der russischen Seeherrschaft, eine Ausrottung mit Stumpf und Stil. Jahrzehnte werden vonnöten sein, um das zu ersetzen, was für Rußland da im eigentlichsten Wortsinne zugrunde gegangen ist, und wer Augen hat zu sehen und wem Parteifanatismus den Blick nicht trübt, der wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß das notgedrungene Jntermittieren russischer Gewalttätigkeit für die Sache der Freiheit und Menschlichkeit nur von fördersamer Wirkung sein kann. So tiefgehend war die Wirkung des Ereignisses, daß wohl oder übel auch Prinz Alois Liechtenstein seinem sachverständigen Auditorium in Ottakring davon erzählen mußte. Wie er sich seiner Aufgabe entledigte, wir vernahmen es unverwundert. Das nil admirari ist uns im Reiche der Unwahrscheinlichkeiten längst zur Lebensregel geworden. Wie? Wir sollten uns noch verwundern über die Theorien des schwarzen Prinzen, wo ihm das Volk, wo ihm Ottakring zujubelt; uns über ihn verwundern, wo ein Bielohlawek ein Großer des Reiches wird und ein Mechaniker Schneider in einem stattlichen Landesgebäude — nicht etwa in dem, das bekanntermaßen noch nicht fertig ist — eine große Rede hält über seine Methode, wie die Menschheit zu beglücken wäre? Das wäre ein unfruchtbares Beginnen. Stellen wir also nur fest, daß Prinz Liechtenstein den Ausgang der Affaire im japanischen Meer auf das tiefste bedauert. Denn es sei nicht die „europäischeZivilisation" gewesen, die dort gesiegt habe, und das Endergebnis sei nun das, daß wir als „blamierte Europäer" dastehen. Das wäre sehr traurig, wenn der Begriff, den der durchlauchtige Prinz mit der „europäischen Zivilisation" zu verbinden für gut findet, so ohneweiters feststünde als ein Dogma, an dem nicht zu rütteln und zu deuteln ist. Dem ist nun aller- -inßs nicht so, und wenn wir trotzdem dem blaublütigen Redner in einem Punkte zuzustimmen vermögen, so ist es in dem, daß in der Tat vor dem japanischen Volke so manch ein Europäer recht blamiert dasteht. Diese Europäer erfreuen sich durchaus nicht alle der russischen Staatsbürgerschaft, sie finden sich auch an der schönen blauen Donau und nicht minder auf den sonnigen Fluren Frankreichs, und wenn man den Prinzen Liechtenstein und seine Getreuen von Ottakring dazuzählt, so wird man jedenfalls nicht schwer irren. Mit der russischen Flotte ist nämlich nicht nur eine Hoffnung des Zarismus gesunken, sondern auch eine holde Illusion des internationalen Antisemitismus zerstört worden. Was ist es denn eigentlich, was man wagt, als europäische Zivilisation auszugeben? Und welche Zumutungen darf man der öffentlichen Meinung im Bildungszentrum des Westens heutzutage noch stellen, wenn man, ohne ein unauslöschliches Gelächter des bittersten Hohnes zu wecken, sich unterfangen kann, mit ernster Miene und ohne mit der Wimper zu zucken Rußland als Kulturträger vor den Augen der verwunderten Mitwelt hinzustellen! Also auf japanischer Seite die Unkultur, auf russischer die Zivilisation. Es ist die Zivilisation, für welche Rußland die ungeheuren Opfer bringt, für welche es sich, allerdings sehr contre coeur, schier verblutet. Gut. Wir akzeptieren das. Werfen wir einen Blick auf die kriegerischen Ereignisse von ihrem Anbeginn bis auf den heutigen Tag. Wie wir auch den Blick schärfen, nicht ein Erfolg, auch nicht der geringste auf russischer Seite, auf Seite der europäischen Zivilisation. Wenn das wirklich die europäische Zivilisation wäre, dann wäre es in der Tat hohe Zeit, darüber nachzudenken, ob sie denn wirklich was tauge, ob sie etwas wert sei und ob es nicht besser wäre, sie vom Grund aus umzukrempeln oder noch besser, einfach über Bord zu werfen. Für jene Zivilisation, als deren Pionier Rußland angesehen und von den Antisemiten aller Herren Länder gepriesen wird, wäre das letztere allerdings das Empfehlenswerteste und Zweckmäßigste. Man spricht von den Wechselfällen des Kriegsglückes und den unglücklichen Zufällen. Das ist falsch. Wechselfälle hat es überhaupt nicht gegeben. Die Russen find mit wunderbarer, niemals unterbrochener Regelmäßigkeit aufs Haupt geschlagen worden, und wenn es einen unglücklichen Zufall dabei gab, so war es der, daß Rußland, in diese Unternehmung gedrängt, eine Regierung