Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 350 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 22 in der ersten Verwirrung fanden wir keinen anderen Weg, als direkt zu Wölfele nach Hause zu laufen. Vielleicht gelingt es uns doch, sein Herz zu erweichen, er könnte ja das Unglück von uns noch abwenden. Im Vorhaus fanden wir wiederum mehrere Verzweifelte, die von einem gleichen Unglücke betroffen waren wie wir. Auch jetzt war von Wölfele keine Spur zu sehen; sein Weib, mit der großen juwelenbesetzten Stirnbinde auf dem Kopfe und dem Schlüsselbunde an der schmutzigen Schürze, erstattete für ihn Bescheid. „Ein wahres Unglück", keuchte sie mit einer Stimme, die wie das Gekrächz einer heisern Eule sich anhörte, „Keiner will Soldat sein. Wer denn soll dienen? Des Rabbiners Sohn nicht, mein Sohn noch weniger, Ihr alle, lauter Bettelpack, möchtet Euch auch nicht assentieren lassen — da wird nichts anderes übr.'g bleiben, als daß ich Söldner werde!" Die Armen versuchten, jeder in seiner Weise, zu antworten, doch sie überklingelte sie mit ihren Schlüsseln . . . „Was wollts nun Ihr wieder?" wandte sie sich hierauf an uns. „Unser Kind, unser armes, einziges Kind", — begann meine Frau mit tränenerstickter Stimme. Aber das schreckliche Weib ließ sie nicht weiter zu Worte kommen, sondern klatschte sich mit beiden Händen in die Hüfte und krähete: „Auch mir 'ne Sorge, wird ein Schneiderjüngel weniger in der Stadt sein!" Ich versuchte zu sprechen, allein die Frau des Regierers begann abermals geräuschvoll mit ihren Schlüsseln zu klüngeln und zog sich während dessen, wie eine Kröte, rücklings in das zweite Zimmer zurück, -dessen Türe sie uns vor der Nase zuschlug. Das war der Bescheid, den wir von der Frau des Regierers erhielten. Mit gebrochenem Herzen und tränenerfüllten Augen verließen wir das Haus. Was wir innerhalb dieser kurzen Zeit gekämpft und gelitten, davon hatte weder Jankele, noch seine Rachele die leiseste Ahnung. In ihrer Liebestrunkenheit vergaßen sie die Welt und alles Ungemach um sich her. Sorglos scherzten und sangen sie in ihrem schmucken Stübchen. Der schreckliche Gedanke, wie jäh dieses Glück enden würde, steigerte unseren Seelenschmerz fast zur Raserei. Zwei Tage nachher mußte Jankele aus unserem Munde erfahren, was ihn erwartete — die Zeit drängte. An demselben Tage stellte sich auch Stasch, der Barbier, ein. „Ha, Stasch lügt nicht!" Mit diesen Worten öffnete er die Türe. „Es verhält sich also ganz so, wie ich Ihnen gestern gesagt", fuhr er fort, nachdem er sich zu mir hingesetzt, „aber ich werde Ihren Sohn schon durchführen." „Wieso durchführen?" fragte ich. „Wieso durchführen?" wiederholte er und seine grauen Augen blinzelten unheimlich. „Wie habe ich voriges Jahr den Bendid Braunstock und den Aron Grünspur durchgeführt? Ich habe, wie Sie wissen, Mittel genug!" „Welche Mittel!" „Sie wollen mich immer nicht verstehen — Ihnen, scheint es, muß man Alles auf dem Teller geben. — Nur ein kleines Fehlerchen und Ihr Sohn ist für das Militär untauglich." „Ein Fehlerchen! —" Mir lief ein Schauer durch alle Glieder. „Macht mir Spaß", lachte er brutal, als er meine Verwirrung bemerkte. „Sie glauben, daß ich Ihr Kind zum Krüppel machen werde, — bewahr, ein ganz kleines Fehlerchen. „Was für ein Fehlerchen?" „Ich werde ihm nur etwas die Augen schädigen!" sagte er. „Die Augen schädigen?" fuhr ich entsetzt zurück. „Wie man's nehmen will", erwiderte er kaltblütig, „man nennt's nur so, in der Tat aber wird er nach wie vor Alles wieder machen können, scheeren, nähen, das Maß nehmen — höchstens, daß ihm die Augen etwas gerötet sind und von Zeit zu Zeit tränen werden." Ich vermochte vor Erstarrung kein Wort hervorzubringen, wie ein Fieberfrost schüttelte es meine Glieder. Er nahm dieses Schweigen für Zustimmung. „Das wird Sie nicht einmal viel kosten", fügte er hinzu geschäftsmäßig, muß ja Rücksicht haben . . . Sie sind nur ein armer Schneider — dreißig Gulden und Alles ist in Ordnung!" „Was, Sie wollen mir mein Kind verstümmeln?" brachte ich endlich hervor und der Zorn schnürte mir fast die Kehle zusammen. „Auch ein Verstümmeln!" lachte er roh. „Da habe ich vor zwei Jahren den Eli Stiebitz einen Finger abgehauen, um ihn für's Militär untauglich zu machen; das ging ohne Schmerzen vor sich. Wie ein Blitz — und der Finger seiner Hand war weg. Nun ist der Mann frei vom Militär und sein abgehauener Finger hindert ihn nicht im Entferntesten an seinem Geschäfte. Er kann auch so mit gewohnter Geschicklichkeit — Sie verstehen mich —". Der Barbier machte mit den aus der Tasche heraushängenden Fingern ein Zeichen des Stehlens. — Auch Ihrem Sohn wird die leichte Augenentzündung in seinem Berufe kein Hindernis sein. Uebrigens braucht er ja nicht mehr zu heiraten, er hat schon eine Frau uno hat's also nicht mehr nötig, den Mädeln zu gefallen." „Nein!" schrie ich aus Leibeskräften, „nein, mein Kind laß ich mir nicht verstümmeln." Ich hätte den Elenden in diesem Augenblicke erwürgen mögen, wie er so vor mir mit der gleichgiltigen Miene dastand. „Wissen Sie was, ich habe eine ganz andere Idee!" sagte er nach kurzem Besinnen. „Gegen diese werden Sie ganz gewiß nichts einzuwenden haben." Ich sah ihn mit fragenden Blicken an. „Ein Ohrenfluß", sagte er mit der Miene eines Menschen, der auf eine glückliche Idee gekommen, „das entstellt ihm nicht das Gesicht, hat auch mit seinem Berufe nichts im Entferntesten zu tun und macht ihn für's Militär untauglich. — Ueber den Preis, wie gesagt, werden wir uns vergleichen. Ich bin ein Mann vom Charakter und werde Sie gewiß ganz solid behandeln. Die Reichen müssen etwas mehr zahlen, damit es dem Armen billiger kommt." Jede Faser erzitterte in mir; ich faßte mich beim Kopfe, es schien mir, daß er ganz in Flammen stehe. „Gehen Sie mir aus den Augen!" schrie ich, „vor solcher Hilfe behüte mich der Himmel!" „Wollen Sie also, daß Ihr Sohn Soldat bleibe — meinetwegen! ..." „Sprechen Sie mir nicht weiter davon!" schrie ich heftig, „Sie können es sonst arg bereuen!" „Mir bleibt sich's gleich!" sagte er, sich langsam erhebend und der Türe zuschreitend, wo er sich jedoch nochmals umdrehte. „In Ihrem Interesse warne ich Sie, ja vor Niemandem etwas von dem verlauten zu lassen, was ich mit Ihnen gesprochen habe, denn ich kann, wenn ich will, gefährlich werden. — Sie verstehen? —" Wieder machte er mit den heraushängenden Fingern ein drohendes Zeichen und verschwand aus dem Zimmer. _ (Fortsetzung folgt.). Neue Bücher. Altneuland. Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Organ der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas. II. Jahrgang, Heft Nr. 5. Mai 1905. Hcrausgegeben von F. Oppenheimer, S. S o s k i n, O. Marburg. Inhalt: Dr. M. Blanckenhorn: Abriß der Geologie Syriens. II. Dr. L. Grünhut: Die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten Jerusalems. N. W i l b u s ch e w i t s ch: Zur Frage der Mühlenindustrie iu Palästina. Palästina und Nachbargebiete. Banken und Gesellschaften. Jüdische Kolonien. Neue Literatur. Vermischtes. The New Era lilustrated Magazine. Published monthly by The New Era lilustrated Magazine Company, Tribüne Building, New-York, City. Vol. VI. May 1905. Nr. 5. Contents: Max Cohen: Schiller and the Jews.