Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 349 Versorgungshauses war von Fräulein Lina Ehrlich, der Tochter des Versorgungshausverwalters, aus diesem Anlasse sehr geschmackvoll schwarz dekoriert. Bndapest. (Ovation.) Am 11. v. M. machten die Zöglinge des Landes-Rabbinerseminars unter Führung des Rabbinatskandidaten Dr. Josef B o r s o d i ihre Aufwartung beim Universitätsprofessor und Professor des Seminars Doktor Ignaz G o l d z i h e r, um ihn anläßlich seiner Wahl zum Präsidenten der I. Klasse der Akademie zu beglückwünschen. Kronstadt. (R a b b i n e r w a h l.) In der aut. orth. Gemeinde zu Brassü wurde Rabbiner Dr. Hermann Klein aus Nagy-Sallo zum Oberrabbiner gewählt. Der neue Rabbiner hat sich mit der Tochter des Oberrabbiners Wesel aus Torda verlobt. Fiume. (R a bb i n erw a h l.) Die israelitische Kultusgemeinde in Fiume wählte den bisherigen Rabbiner der Muraszombater Gemeinde Dr. Josef Frankl zum Rabbiner. Eine wertvolle Schenkung für die Frankfurter Stadtbibliothek. Die Frankfurter Stadtbibliothek hat von Frau Baronin Edmond von Rothschild in Paris, die der Bibliothek ihrer Vaterstadt wiederholt ihr Wohlwollen bewiesen hat, eine sehr wertvolle Schenkung erhalten. Es ist dies eine reich illustrierte, im Jahre 1296 im Süden Deutschlands entstandene Pentateuch- Handschrift, ein starker Foliant aus feinem Pergament und zierlich geschrieben. Er umfaßt den Pentateuch, seine aramäische Uebersetzung und den Raschi-Kommentar. Daran schließen sich die Haftarot (Propheten-Abschnitte); den Text begleitet die Massora (kritische Lesarten des Pentateuch), die, kunstvoll in Figuren geschrieben, den unteren Rand der Handschrift einnimmt. Der Anfang jedes Abschnittes des Pentateuch und der Haftarot ist mit Bildern reich verziert. Die Initialen und Ornamente sind von seltenem Farbenreichtum, zuweilen mit starkem Gold überzogen. Jedes der fünf Bücher des Pentateuch beginnt mit einem Vollbild. Die Abbildungen, meist Tiergestalten und Fabelwesen, zuweilen Jagdszenen und Turniere, verraten die lustige und übermütige Art des Jllustrierens, die dem 13. Jahrhundert eigen ist. Selten sind Darstellungen, die mit dem Inhalt in Verbindung stehen. Sehr wertvoll sind die Illustrationen für die Kostümkunde; die große Anzahl von Familienwappen wird dem Heraldiker sehr belehrend sein. Die Handschrift wird der Ausstellung der Stadtbibliolhek einverleibt und kann dort besichtigt werden. Stoüholm. Zu der mysteriösen Explosion eines Postpakets in einem Postamt zu Stockholm wird aus Berlin gemeldet: Die Stockholmer und Berliner Polizei ist eifrigst bemüht, in die unaufgeklärte Angelegenheit Licht zu bringen. Dem Anscheine nach war das Attentat gegen den in Stockholm wohnhaften Kaufmann Albrecht Valentin gerichtet, an den das Paket adressiert war. Valentin wurde verschont, da die Sendung schon auf dem Postamte explodierte, wodurch drei Beamte verwundet wurden. Als Absender figurirte auf dem Paket „der antisemitische Verein Berolina". Einen solchen Verein gibt es dort aber nicht. Die Behörde nimmt an, daß hinter diesem Deckmantel sich eine Privatperson verberge. Graf Pückter muß fitzen. Das Reichsgericht .hat die Revision des Grafen Pückler gegen das Urteil vom 12. Jänner d. I., durch das er wegen Aufreizung zum Ungehorsam, zu Gewalttätigkeiten usw. zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war, verworfen. „Der einzige zur Zeit lebende Vertreter des wahren Deutschtums", wie sich Graf Pükler in jener Verhandlung nannte, wird nun die sechs Monate, die ihm zudiktiert waren, absitzen müssen. Petersburg. Der Verfasser des nachträglich als gefälscht festgestellten Berichtes über die Vorgänge in Schitomir, den der offizielle Regierungsbote veröffentlicht hatte, ist ermittelt. Die „Nowosti" teilen mit, daß dies agitatorische Machwerk vom Staatsanwalt des Schitomirer Landgerichtes herrührt. Aus Krew wird mitgeteilt, daß dort derzeit ein Beamter der englischen Botschaft aus Petersburg sich aufhält, welcher die jüdischen Städte bereist, um die Lage der russischen Juden zu studieren und Informationen zu sammeln. Von Kiew reist er nach Odessa. Feuilleton. Aus finster« Zeile«. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samuely. Sechstes Kapitel. An demselben Tage, nachmittag, hatte ich einen unheimlichen Besuch; dieser nannte sich „Stasch, der Barbier". Stasch Barbier war ein kugelrundes Männlein mit einem großen Kahlkopfe, der ihm fast unmittelbar auf den breiten Schultern faß, mit einem verschmitzten Gesichte, in welchem zwei pfiffige, nur zu Hälfte geöffnete graue Aeuglein blinzelten. Er trug den Rock immer offen, um beide Daumenfinger bequemer in die Hosentasche stecken zu können. Die übrigen Finger pflegte er während des Sprechens in verschiedenen Evolutionen je nach dem Inhalte des Gespräches zu bewegen. Stasch war der Vater aller schweren Herzen. Liebesbedürftige Jünglinge fanden immer sein Ohr und sein Haus für ihre Buten offen; schwerbelastete Mädchen fanden bei ihm Rat und Abhilfe; fehlte es Jemanden an einen Belastungs- oder Entlastungszeugen, war Stasch bei der Hand; wo es galt Geld zu verdienen, war er für jeden argen Streich immer bereit. Mit einem Worte, er war gegen klingende Münze Allerweltshelfer. Wie sein Beruf, war seine Sprache immer derb und sein Witz brutal. „Freund Reb Benjamin", fing er an, nachdem er sich zu mir auf einer Bank hinsetzte und einige Minuten ausgeschnauft hatte, „ich habe Vielen geholfen, ich werde auch Ihnen helfen." Ich blickte ihn verlegen an; wie kann der Mann mir helfen? „Was schauen Sie so verblüfft?" sagte das Männlein, pfiffig mit den Augen blinzelnd. „So lange Stasch lebt, haben Sie nicht zu sorgen!" „Sorgen? — Was sorgen?" fragte ich immer befremdeter. „Erklären Sie sich doch deutlich!" „Ist es Ihnen also in dieser Weise nicht recht", stieß er mit einem rohen, widerlichen Gelächter hervor, „dann drehen wir den Satz um und sagen: so lange Stasch sorgt, haben Sie nicht zu leben, jetzt aber lebt Stasch, haben Sie nicht zu sorgen. Ich werde Ihnen mit Gotteshilfe Ihren Sohn durchführen!" „Durchführen?" fragte ich immer befremdeter. „Wie kommen Sie dazu, jetzt mit mir von Durchführen zu sprechen?" „So . . sagte er und alle seine acht aus den beiden Hosentaschen heraushängenden Finger fingen an, sich wie Windmühlflügel zu drehen. „Sie scheinen also gar nicht zu wissen, daß der Vorstand in seiner heutigen Sitzung beschlossen hat, Ihren Sohn assentieren zu lassen. Gehen Sie nur früher sich darnach zu erkundigen und dann werden wir darüber ausführlicher sprechen." Bei diesen Worten winkteer mir mit dem großen, kahlen Kopfe zu und bewegte sich zur Tür hinaus. Ich und meine Frau — denn auch sie war anwesend bei dieser Unterredung — waren wie vom Donner gerührt. Sollte der rote Wölfele mich nur irregeleitet haben? — Wir versäumten keinen Augenblick und liefen, als hätten wir Flügel an den Sohlen, auf die Gasse, um Näheres zu erfahren. Stasch, der Barbier, war gut unterrichtet. Der Vorstand hatte in der Tat in der heutigen Sitzung das Urteil über unser einziges Kind gefällt. Wie Wahnsinn ergriff es uns und