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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 342 Dr. Llocb's MlocbenscbrLN. Nr. 32 Behörde nicht darin zu sehen haben, die Juden von der Universität fernzuhalten, sondern die studentischen Anhänger des Herrn Abgeordneten Schönerer." Dies ist die Rede, welche der Herr Unterrichtsminister hätte halten müssen undsollen. Auf den Zwischenruf des Abgeordneten Schönerer antwortete er indessen in Wirklichkeit: „Zu so radikalen Mitteln können wir doch nicht greifen," eine Antwort, die uns bei einem Spaßmacher vielleicht ganz gut gefallen würde, als Antwort eines österreichischen Kultusministers gegenüber dem Abgeordneten Schönerer aber einigermaßen zu wünschen übrig läßt. Professor Dr. Morr; Szilasi. (1834—1905.) Ein Gedenkblatt. Unter unseren Gelehrten jüdischen Glaubens findet sich nicht häufig ein Mann gleich dem am 15. v. M. aus dem Leben geschiedenen ordentlichen öffentlichen Professor für ungarische Sprachwissenschaft und vergleichende finnisch-ugrische Linguistik an der königlich-ungarischen Franz Josephs-Universität zu Klausenburg und Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften Doktor Moriz S z i l a s i. Geistig hervorragend begabt, ausgerüstet mit einem auf weite Gebiete sich erstreckenden tiefen Wiffen, vereinigte dieser ausgezeichnete Gelehrte und Forscher eine solche Fülle menschlich edler Eigenschaften des Charakters und Herzens in sich, daß er uns mit Recht als eine Jdealgestalt erschien. Was ihn aber unserem Herzen noch ganz besonders teuer machte, war seine hingebungsvolle Liebe zum Judentum und seine rührende jüdische Frömmigkeit, die bei einem Manne von seiner geistigen Bedeutung und sozialen Stellung doppelt wohltuend berührte und für weite Kreise vorbildlich wirken mußte. Diese gedrängte Charakteristik des herrlichen Menschen und mustergiltigen Juden, der wegen der Isoliertheit des Wissensgebietes, auf dem er eine fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit von bleibendem Werte entfaltete, wie auch infolge Entlegenheit des Schauplatzes seiner Wirksamkeit weiteren Kreisen nur wenig bekannt wurde, dürste zur Rechtfertigung des Wunsches genügen, einem größeren jüdischen Leserkreise einige Kenntnis seiner Persönlichkeit zu vermitteln. Der Familie eines blutarmen ungarischen Landjuden, an dessen Stelle er ftüh den zahlreichen Geschwistern gegenüber Vaterpflichten erfüllen mußte, entsprossen, hatte der nun Verblichene einen schweren Kampf um seine geistige Entwicklung, wie ums tägliche Brot von früher Jugend an zu bestehen. Zwar konnte er sich in der jüdischen Schule seines Heimatsortes des Unterrichtes eines wohl unpädagogischen, aber umso hingebungsvolleren, von ihm stets in dankbarer Erinnerung behaltenen Lehrers erfteuen, der seinem jungen Kopfe eine große Menge verschiedenen und darunter auch gediegenen Wissensstoffes einpaukte, den der helle Geist des Knaben bereitwillig in sich aufnahm und größtenteils auch zu verarbeiten im Stande war. Viel. weniger aber war er vom Schicksal begünstigt während der Lehrjahre am Gymnasium, das er unter der Leitung wohlmeinender, aber ziemlich unfähiger Ordenspriester in Veszprim und Stuhlweißenburg absolvierte. Erst an der Universität zu Budapest fand er einen Lehrer, wie er ihn brauchte, in dem berühmten Linguisten Professor Josef B u d e n z, der, ein Gelehrter von ungewöhnlich großem Wissen und ein Mensch edlen Charakters, die nachhaltigste und wohltätigste Wirkung auf die Entwicklung seiner Zuhörer ausübte. S z i l a s i und sein Freund, Landsmann und Vorgänger im Universitätslehrstuhl, der vor 4 Jahren ebenfalls in der Blüte der Jahre Heimgegangene Ignatz H a l a s z, übrigens auch ein treuer Jude, wurden bald Lieblingsschüler Budenz und endgiltig für die damals in Entstehung begriffene neuere ungarische Sprachwissenschaft gewonnen. Nachdem nun S z i l a s i sich hier tüchtig eingearbeitet hatte, widmete er sich, besonders während eines einjährigen Aufenthaltes in Leipzig, indogermanistischen Studien und namentlich der klassischen Philologie, der er sich vorderhand nunmehr ganz zuwandte, indem er diese Disziplin zum Lehrfach an einem staatlichen Gymnasium in der Hauptstadt, an dem er eine Anstellung erhielt, sich auserkor und mehrere Schulbücher dieses Faches verfaßte. Auch gab er Auszüge aus Plutarch und Thukydides in philologisch genauer und dabei fließender ungarischer Uebersetzung heraus. Hieher gehört ferner seine Uebersetzung von Curtius' Griechischer Geschichte und Church's Römischen Lebens im Zeitalter des Cicero. In eine höhere Stelle, als philologischer Studienleitcr an den nach dem unvergeßlichen Kultusminister Baron Joses E ö t v ö s benannten Kollegium, vorgerückt, kehrte er endgiltig zu seiner ersten Liebe, der ungarischen Sprachwissenschaft zurück und brachte der finnisch-ugrischen Sprachforschung viel wertvolles Material bei, besonders in seinem Wogulischen Wörterverzeichnis und seinem voeabulerium eseremissieum. Aber erst vor 3 Jahren, nachdem er auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften geworden war, gelangte er an die richtige Stelle, als er nämlich an die Universität zu Klausenbnrg berufen wurde, deren philosophische Fakultät ihn am 28. April d. I. zu ihren Dekan für das sechste Studienjahr wählte. Leider sollte er diese Ehrenstelle nicht mehr bekleiden und seine zahlreichen und hohen wissenschaftlichen Pläne nicht ausführen dürfen. Von einer von ihm begründeten und mit Unterstützung des Ministers für Kultus und Unterricht herausgegebenen Zeitschrift für uralaltaische Sprachforschung erschien bloß das erste inhaltsreiche Heft. Dieses Unternehmen, wie überhaupt seine wissenschaftlichen Sorgen beschäftigten ihn noch auf dem Sterbebette. S z i lasi war ein ausgezeichneter Pädagoge, der seine Schüler mit väterlich strenger, aber auch liebreicher und weiser, zielbewußter Hand zu selbständiger Arbeit und eindringender Forschung zu erziehen verstanden hat. Dabei war er aber auch ein Vollblutgelehrter, jedoch ohne die mannigfachen Schwächen dieses Menschenschlages. Von aller Einseitigkeit weit entfernt, bekundete er vielmehr ein lebhaftes Interesse für alle Zweige der Wissenschaft, Kunst und Literatur, deren Erzeugnisse er, dank seiner ausgebreiteten Sprachkenntnisse — u. a. schrieb er ein besonders korrektes und schönes Deutsch — und sonstigen tüchtigen Vorbildung im vollsten Maße zu genießen im Stande war. Und obwohl seine wichtigsten Arbeiten hauptsächlich in Materialiensammlungen bestehen, so war er doch nichts weniger als ein wissenschaftlicher Kleinkrämer, vielmehr war sein Auge stets aus große Fragen seiner Wissenschaft gerichtet. Darum ist er viel unter der Last der Handlangerarbeiten, die er, weil von anderen nicht besorgt, selber verrichten zu müssen sich bewußt war und pries die Nachgeborenen glücklich, die, auf den Schultern von Seinesgleichen stehend, ihren ganzen Fleiß und ihre ungeteilte Arbeitskraft den wirklichen, umfassenden Problemen ihrer Wissenschaft werden widmen dürfen. Weil er sich aber kaum je in gründlicher Vorbereitung und peinlichst genauer Ausarbeitung seiner Veröffentlichungen genug tun konnte, so bleibt ein reiches, von ihm in emsigster, rastloser Forscherarbeit mühevoll zusammengetragenes Material in seinem handschriftlichen Nachlaß zurück, das der Bearbeitung und Veröffentlichung seitens eines Fachgenossen harrt. Am bezeichnendsten aber bleibt für S z i l a s i als Gelehrten, wie übrigens auch als Menschen seine große edle Bescheidenheit, vielleicht geweckt und genährt in ihm durch die gedankenvolle und gemütstiese Anschauung der Natur, die er schwärmerisch liebte und an deren Wunder er sich nicht satt staunen konnte. Im Besitze eines natürlichen und auf Reisen in Italien ausgebildeten hervorragenden Schönheitssinnes, verstand er die unbedeutendsten Erscheinungen der Natur, wie die gewaltigsten Hervorbringungen der Kunst vollkommen zu genießen. Aber noch eine fernere große Liebe trug er im Herzen mit sich: die Liebe zum Judentum. Mit 20 Jahren hatte er die große Glaubenskrise seines Lebens durchgemacht; aus diesen innern Stürmen aber war seine religiöse Ueberzeugung gefeit gegen alle Anfechtungen und Versuchungen hervorgegangen. Und so bekannte er hinfort sich stolz zum Judentum, dessen glanzvolle Vergangenheit ihm Bewunderung einflößte. Tief schmerz-

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