Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 338 Dr. Dlocd's Mlocbenscbrm. Nr. 22 Ci« Rei«igu«gsxro;etz. In Warschau sind unerhörte Dinge geschehen. Selbst die russische Polizei, die alles weiß, alles begreift und sich durch nichts verblüffen läßt, gesteht zu, daß sie das rätselhafte Ereignis nicht zu deuten vermag. Jüdische Arbeiter, erfüllt von den höchsten Begriffen der Freiheit, Vaterlandsliebe, Ethik und Moral, haben einen Vernichtungskrieg gegen die jüdischen Zuhälter und Bordellmirte begonnen. Dieses Sumpfgewürm zu besseren sittlichen Anschauungen bekehren zu wollen, wäre vergebliche Mühe gewesen. Die Männer der Arbeit, die auf die Reinheit ihres Standes und ihres Volkstums halten, haben ihre Zeit nicht erst mit zwecklosen philanthropischen Versuchen verloren — sie haben begonnen, das ekle Gezücht gewaltsam auszurotten. Will man die Erscheinung verstehen, daß Juden gegen Juden sich mit Messern und Revolvern wenden, dann muß mau die Zustände kennen, unter denen das jüdische Proletariat in Kongreß-Polen und im russischen Ausiedlungsgebiete zu leben gezwungen ist. Die feige und heimtückische Staatskunst eines Jgnatiew und eines Alexander III. hat mehr als fünf Millionen Juden in einem Raum zusammengepfercht, wo sie sich selber erdrücken, wo Einer dem Anderen den Bissen vom Munde wegißt und wo im allgemeinen Schmutz und Elend, im grauenhaften Existenzkämpfe die schrecklichsten Leidenschaften, die scheußlichsten Laster sich entwickeln. Aus diesem Pfuhl heraus hat sich der „Bund" erhoben, jene Organisation jüdischer Arbeiter, welche mit der gesamten russischen Intelligenz, in Gemeinschaft mit allen Freiheitsfreunden die Greuel einer unerträglichen Beamteutyrannei beseitigen, das Joch eines unerträglichen Despotismus abschütteln will. Wenn in St. Petersburg, in Moskau, in Kiew die gebildeten Kreise um das ideale Gut der Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ringen, so kämpft der jüdische „Bund" noch um etwas mehr: um die materielle Möglichkeit der Existenz des jüdischen Volkes, und der Opfermut seiner Mitglieder ist umso höher auzuschlagen, als es hier simple Arbeiter, mühselig um einen Bissen Brot ringende Meuchen sind, die, allen Gefahren der zarischen Gewalt trotzend, mit der eigenen Würde die Würde der Menschheit verteidigen. Der Zarismus aber benützt die Opfer seiner Grausamkeit zugleich zu seinen Werkzeugen. In den Brutstälten des Elends, in den Schlupfwinkeln des Lasters findet er die Spitzel und Naderer, die sich in die Reihen der Freiheitskämpfer eindrängeu und ihm deren Führer ans Messer liefern. In aller Welt rekrutieren sich die Affiliierten der Polizei aus dem Abschaum der Gesellschaft. In Rußland aber ist diese Verbindung zwischen den Hütern der Ordnung und deren Auswürflingen zu einem weitverzweigten System ausgebildet Jeder Bordellinhaber, jeder Zuhälter, jede Kupplerin steht im Dienste der Polizei. Daß es vorwiegend jüdische Elemente sind, die diesen schmachvollen Gewerben nachgehen — wer wüßte nicht den Grund hiefür? Wer weiß nicht, daß die grauenvolle Not, unter der die russischen Juden zu leiden haben, jedes moralische Gefühl erstickt und ertötet und daß sie, um den Hungertode zu entgehen, auch zu den verpöntesten Erwerbsmitteln greifen. Das Kupplergewerbe aber ist nicht nur nicht verpönt, es ist von der allgewaltigen Polizei geradezu favorisiert und patronisiert! Und nicht nur die Hefe der Juden allein lebt davon, sondern auch die Polizei mit all' ihren höheren und niederen Organen! Vom Schandgelde der Prostituierten bezahlen die Polizeimeister ihre Equipagen und Maitressen, die Polizisten den Schnaps, den sie in Strömen durch die Gurgel rinnen lassen. Polizei und Prostitution sind in Rußland gleichwertige Begriffe und wachsen aus denselben fauligen Wurzeln heraus. Die jüdischen Arbeiter haben das erkannt. In den Winkeln und Gäßchen der Warschauer Judenstadt, wo die geschminckte Freude lockt, wurde der Verrat begonnen, in den Spelunken der Lotterhäuser wurden die Waffen geschmiedet, mit welchen man die hochstrebende und tapfere jüdische Jugend fällen wollte. Da hieß es rasche und gründliche Arbeit tun und sie wurde getan. Von Bordell zu Bordell, von Dirnenhaus zu Dirnenhaus zog die Schar der Rächer und ekrasierte die Schmach des jüdischen Volkes, zertrat das Gewürm, das im Dunkel der Nacht sein ekles Gift gegen sie spritzte. Und indem sie die Prostitution traf, traf sie ihre Erzeugerin und Gönnerin, die Polizei. Aber sie traf noch etwas anderes — die nichtswürdige, von den Feinden des Judentums verbreitete Lüge, daß die Prostitution, der Handel mit Menschenfleisch ein spezifisch jüdisches Gewerbe sei, das von den niederen, ungebildeten Schichten ausgeübt, von den höheren, gebildeten Kreisen begünstigt oder gedeckt werde. Vom Ural bis zu der Kette der Anden wurde die verleumderische Mär verbreitet, daß angebliche jüdische Solidarität sich auf die schimpflichsten Verbrechen, auf die erbärmlichsten Verbrecher erstrecken. Vergebens erhoben die Rabbiner ihre Stimme, vergebens riefen die Juden selbst Organisationen zur Bekämpfung des Mädchenhand ls ins Leben — die Lüge blieb, denn sie wurde von lausend Zungen verbreitet und man glaubte sie, weil man sie glauben wollte. In Warschau aber ist diese Lüge von der „Solidarität des Verbrechens" gründlich zerstört worden. Wir zitieren wörtlich aus einem Berichte des „Deutschen Volksblatt", das die Angreifer folgendermaßen sprechen läßt: „Ihr sagt, Juden sind Diebe, Schwindler, Meuchelmörder» Betrüger und Zuhälter? Nun da wollen wir beweisen, daß wir selbst, der ordentliche Teil der jüdischen Bevölkerung, diese Hallunken nicht nur verdammen, sondern sie auch aus dem Wege schaffen können! Und weiters heißt cs: „Von jüdischer Hand fielen über 20 Juden von denen bekannt war, daß sie Mörder, Diebe, Souteneure und desgleichen sind? Regt sich irgendwo dennoch eine empfindsame Seele für die verkommenen Opfer dieses nationalen Reinigungsaktes? Nun denn, die Geschichte des jüdischen Volkes lehrt uns, daß solche Empfindsamkeit nicht am Platze ist, wo es sich um das Schicksal und den sittlichen Wert eines ganzen Volkes handelt. Die Mahnung des Propheten: Reiniget Euch, läutert Euch", sie ist nach Jahrtausenden wieder einmal befolgt worden. Und sie wird weiter befolgt werden noch durch fernere Jahrtausende, denn wir glauben an den Fortbestand des Judentums, an seine sich immer erneuernde sittliche Wiedergeburt, an die ewige Dauer seiner von Gott gegebenen ethischen Grundsätze. Cm Kaffabuch der Wiener Indenschaft. Von Dr. M. S t e i n e r. (Schluß.) Die Kriegsereignisse, welche während der Benützung jenes Kassabuches Europa erschütterten, lassen sich aus einzelnen Kassaposten erkennen. Bekanntlich wurden die Juden 1788 zum Wehrdienst einbezogen — eine ehrenvolle, aber sehr schmerzlich empfundene Gleichstellung mit den Andersgläubigen. Da nach der damals geltenden Konskriptionsordnung Honoratioren vom Wehrdienste befreit waren, so machte die Wiener Judenschaft erfolgreich geltend, daß sie, aus „Tolerierten" bestehend, auch als Honoratioren anzusehen seien, was behördlich anerkannt wurde. Obschon selbst befreit, nahmen sich doch die Wiener Juden der der Wiener Garnison angehörenden „hebräischen Soldaten" an. Wiederholt wurden laut Kassabuch „Kriegsgebete" gedruckt oder gekauft; die Verpflegung erkrankter jüdischer Soldaten wurde seit 1789 zur ständigen Kassapost, desgleichen die Verköstigung aller jüdischen Soldaten an den hohen Festen. Schon 1789 wurde eine Kriegssteuer eingeführt. Als man 1797, durch die französischen Siege in Italien erschreckt, Wien in Verteidigungszustand versetzte, mußte zu den „Schanzarbeiten" beigetragen werden. Für die jüdischen Freiwilligen des Aufgebotes von 1800 wurde eine Kollekte von