Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 22. I«hr-a»S XXII. Dr. Bloch’s I II t Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. A. k. Postspsrrs Yen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdartton und Administration: v Wien IX/l, Verggalfe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. *= Wien, S. I««i 1S«S. - >»» fr- - Erscheint jeden Freitag. - ->-» ■> «^.- Brief-Adresse: Wien, IX/l, Berggasse 39. Telearamm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »rzugsprei» für Srstrrrrith: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller^ Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene I ''etitjeile 24 Heller. Inhalt: iietiarttlel: Das Weltgericht. — Ein Retnigungsprozeß. — Ern Kassabuch der Wiener Judenschaft. — Erst Menschenschutz, dann Tierschutz. — I. G. Weiß. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Rußland und Amerika. Eine Rede des österreichischen Kultusministers Härtel. — Professor Dr. Moriz Szilasi. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Aus der Sitzung des „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundes". Jüdischer Turnverein in Prag. Karlsbad, Budapest. Baron Alphonse Rothschild. Die Judenmassakres in Warschau. Das Leichenbegängnis der Opfer von Schitomir. — Vermischtes: Kranzablösungsspeuden der „Ehewra-Kadischa". Wien. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten. Probepredigten. Kranken-, Witwen- und Waisen-Unterstützungsverein „Chesed schel Eines“. Prerau, Prag, Leipnik, Fiume. Eine wertvolle Schenkung für die Frankfurter Stadtbibliothek. Graf Pückler muß sitzen. Petersburg. — Feuilleton: Aus finstern Zeiten. — Literatur. — Reue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Das Weltgericht. Der Zusammenbruch der russischen Macht. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Wenn jemals die tiefe Weisheit dieser Sentenz des Dichterfürsten dem Bewußtsein und dem Berständnis der Menschheit nahegerückt worden ist, so war es m diesen Tagen, da der weltumschlingende Draht der Zeitgenossenschaft die wuchtigen Nachrichten von der Zertrümmerung der gewaltigen russischen Seemacht vermittelte. Es ist ein Weltgericht, und eine Justifizierung von welthistorischer Bedeutung vvllznht sich da. Die letzte stolze Hoffnung des Zarismus ist geknickt; der große Zusammenbruch naht unaufhaltsam, mit der unwiderstehlichen Kraft des Verhängnisses. Eine ungeheure Erregung geht durch die Welt bei der Borstellung der entsetzlichen Szenen des MordenS und Veruichtens aus hoher See. Vielleicht niemals zuvor sind in so furchtbarer Schnelligkeit so viele Menschenleben und so gigantische Werte vernichtet worden. Die Erregung wächst ins Maßlose, wenn man es überdenkt, welch unsägliches Leid jene wenigen Stunden über unzählige Familien gebracht haben, die so schuldlos sind, wie es die armen, nun auf dem Meeresgründe ruhenden Todesopfer waren, die da hinausgesaudt worden waren und ein grauenvolles Ende finden mußten, um einer Sache willen, die ihnen niemals nahe gegangen war, die ihr Verstand nicht begriff und für die sie niemals ein Herz hatten, widerwillig, verständnislos, ohne innere Anteilnahme. Es war der Despotismus, der sie geschickt hatte, und dieser Despotismus nun aber ist niedergebrochen, rndgiltig niedergebrochen, wie trotzig er sich auch noch immer geberden mag. Dieser Niederbruch aber bildet noch das einzige erhebende Moment in all dem katastrophalen Unheil. Es ist eine Götzendämmerung, die eintreten mußte, bevor das Morgenrot der Freiheit aufleuchten konnte. Die Hälfte der gesamten Judenschaft lebt in Rußland und hatte und hat unter dem Drucke der Despotie schwer zu leiden. Was Wunder, wenn wir, da das Schicksal Rußlands in Frage kommt, zunächst an das Schicksal unserer Brüder denken? Was Wunder, wenn die zagende Hoffnung sich regt, wenn die Gewaltherrschaft sich überschlägt, wenn sie auf der ganzen, aber auch auf der ganzen Linie Bankbruch und Schiffbruch erleidet? Die Lage der Juden in Rußland war nicht nur eine trostlose, sie war — noch schlimmer — eine hoffnungslose. Schlechter konnte sie gar nicht sein. Es gab unter dieser Herrschaft keine Hoffnung, daß sie jemals besser werden könnte. Erst der Bankerott der Tyrannei weckt wieder Hoffnung. Wenn auch uns die Erregung ob der ungeheueren Geschehnisse bis in die Feder zittert, die diese Zeilen niederschrewt, so macht das die Erschütterung über die unaussprechlichen Greuel, unter welchen sich die geschichtliche Tatsache vollziehen mußte, und es ist wahrhaftig keine Regung der Freude dabei, aber es wäre eine Heuchelei, dem Gefühle der Befriedigung, daß es so gekommen ist, nicht Ausdruck zu geben. Für die Gewaltherrschaft sind die Aussichten, sich auf die Dauer zu behaupten, verschwunden, und die Gewaltherrschaft selbst muß erst verschwinden, wenn für die Juden die Äera — nicht schon des Glückes und des Wohlstandes, sondern auch nur der dürftigsten Gerechtigkeit anheben soll. Es soll gesagt sein, daß aus der Tiefe des unfruchtbaren Meeres, das nun so viel Jammer in sich schließt, den Inden Rußlands eine verheißungsvolle Hoffnung aufgeblüht ist. In dem Schicksal der baltischen Flotte ist auch das Schicksal des gewaltigen russischen Reiches symbolisiert. Wie ein Amokläufer zur See stürmte ihr Führer dahin, er überfuhr Recht und Gesetz und ließ harmlose Schlfferboote und Kauffahrteischiffe seine brutale Uebermacht fühlen, als aber daun die erste wirkliche Kraftprobe kam, da gab es ein rühmloses, schmähliches Verjagen, eine Niederlage ohne Gleichen in der Geschichte. Aus dem Lande aufs Haupt geschlagen, die Seemacht vernichtet, der Mittel entblößt, den Titanenkamps weiterzusühreu, so steht nun der Zarismus da lediglich mit dem Willen, nicht aber auch mit der Kraft, den Despotismus aufrechtzuerhalten. Weil aber nun die Juden aus diesem Zusammenbruch neue Zuversicht schöpfen, werden ihre Widersacher, die Antisenliten in aller Welt, eifrig am Werke sein, sie zu verdächtigen und zumal ihre Vaterlandsliebe in Zweifel zu ziehen. Ach, die Phrasen vom Patriotismus! Die Juden haben es tausend- und tausendfach bewiesen, wo immer sie auch leben, daß sie treue Söhne ihres Vaterlandes sind. Was aber hätten sie an dem autokratischeu Rußland lieben können, das ihnen immer Steine gab statt Brot, das sie immer nur marterte, bedrückte, verfolgte, in dem sie alles Ungemach, niemals ein Recht fanden. Man lasse nur einen Hellen Strahl von Menschenliebe, nur einen Strahl der Gerechtigkeit hiueinleuchten in die Nacht des millionenfachen Elends, und man wird sehen, wie es licht werden wird in dieser Nacht und wie selbst in diesem blutgedüngten Boden alle Keime der dankbaren Vaterlandsliebe aufgehen werden zu fruchtbarem Wachstum. Möge es ein gütiges Geschick fügen, daß das Urteil des Weltgerichts bald voüstreckt werde.