Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Str. 21 Dr. Dwcbs MocbenscvrM. Se1t<333 UM, wie es in der damaligen Ausdrucksweise hieß, „für die Stadt zu gehen". Welche jedoch hießen Niedrige und Gemeine? Blutarme Leute, die ihren Beutel nicht öffnen konnten, zumeist ehrliche, arme Handwerker. Wer zählt die Tränen, die damals vergossen, die Herzen die damals gebrochen wurden? Das Tier im Walde wird nicht so grausam gehetzt, wie damals jene Armen und Unglücklichen. Fast jedes Haus hatte ein heimliches Versteck, wohin die Verfolgten sich flüchteten. Mit klappernden Zähnen lagen sie in einem Kellerloch, in einem geheimen verschlossenen Schrank, in einer Wandhöhlung, die mit Brettern bedeckt war und entbehrten oft wochenlang die Sonne, die freie Luft. Viele gingen so weit, daß sie sich förmlich zu Skeletten aushungerten, manche verstümmelten sich grausam — und alles, um dem schrecklichen Molochdienst zu entgehen . . . Es muß allerdings heutzutage befremdend klingen, daß Menschen solche grauenhafte Mittel angewendet haben, um sich einer ehrenhaften Bürgerpflicht zu entziehen. Allein man bedenke, daß zu damaliger Zeit Soldat sein, nicht mit Unrecht, als die schrecklichste Strafe angesehen wurde. Die Soldaten wurden damals nicht so menschlich behandelt, wie in unseren Tagen. Damals gab es Leibesstrafen, Spießruthenlausen und ähnliche entsetzliche Qualen für das leiseste Vergehen. Verfiel ein Jude, der ohnehin verhaßt und verachtet war, dem Militärdienste, so hatte er die grauenhastesten Marter zu ertragen. Noch jetzt sträubt sich mir das Haar, wenn ich das Bild mir zurückruse, wie ein jüdischer Soldat zwischen zwei Reihen von je hundert Soldaten, deren jeder mit einem Bündel Spießruten versehen war, mit entblößten Rücken langsam durchgeführt wurde, wie jeder Soldat mit seinem Ruthenbündel grausam auf ihn loshieb, daß die Stacheln sich in das Fleisch eingruben, so daß der Rücken bald in Fetzen zerrissen und zerhackt war und das Blut ihm in Strömen herunterlief. Um das markerschütternde Wehgeheul zu übertäuben, wurde von allen Seiten getrommelt und in Trompeten gestoßen. Nach der zweiten Tour brach der Aermste, der in Stücken zerhauen war, tot zusammen. Vom Militärdienste konnte man sich entweder durch eine gewisse Summe.Geldes oder durch einen Stellvertreter loskaufen. Es gab nämlich solche, die sich für Geld dazu hergaben; man nannte sie „Auslöser". Nicht jeder hatte das dazu nötige Geld und auch nicht zu jeder Zeit fand sich der entsprechende, für das Militär taugliche Auslöser. Von alledem, was ich bisher erzählt, werdet Ihr begreifen, in welch schrecklichen Weise ich daran erinnert wurde, daß der rote Wölfele erster Regierer sei. Mein Jankele erreichte gerade damals das Alter der Militärpflicht. In der letzten Zeit behandelte mich der rote Wölfele mit großer Freundlichkeit, beantwortete meine Grüße in der herablassendsten Weise und ließ mich häufig zur Thora aufrufen. Das bestärkte mich in der Hoffnung, daß von dem alten Groll seit lange keine Spur in ihm zurückgeblieben sei. Als daher die Assentierungszeit immer näher heranrückte, fand ich es für gut, mich zu ihm zu begeben. Im Vorhause fand ich eine große Schar von Jammergestalten: Greise auf Krücken gestützt, alte, gebückte Frauen, Mütter mit Säuglingen an der Brust, andere wieder mit ausgehungerten Kindern, die sich an ihrer Schürze hielten; lauter elende, unglückliche Menschen, die vom Regierer Hilfe in ihrer großen Not erwarteten. Statt seiner jedoch erschien seine Frau — ein aufgedunsenes Weib mit versteinerten Gesichtszügen, das eine mit Juwelen besetzte Stirnbinde auf dein Kopse trug, einige Perlenschnüre um den grüngeäderten Hals und einen großen Bund Schlüssel, der mit einem Eisenhaken an der schmutzigen Schürze befestigt war. Mit rabenkrächzender Stimme hielt sie gerade folgende Standrede: „Ihr Bettelpack, Ihr! Warum lagert Ihr Euch Tag und Nacht vor meiner Türe? Was wollt Ihr? Füttern wollt Ihr Euch lassen? Arbeitet, dann werdet Ihr Euch selber füttern! Soll sich mein Mann eueretwegen ganz zu Grunde richten? Eher sollt Ihr tausendmal verhungern, als daß sich mein teuerer Mann nur einen Nagel krümme. — Verstehts Ihr? Nein, ich werde es keineswegs zugeben, daß mein Mann sich eueretwegen aufrcibt und weder essen noch trinken kann!!" Der Mann, der „sich ganz ausreibt" und „weder essen noch trinken kann", erschien in diesem Augenblicke im Rahmen der Türe, gehüllt in einen seidenen Morgenrock, dessen Quaste er sich um den Zeigefinger seiner Linken drehte und mit einem Glas Wein in seiner Rechten. Als er mich gewahrte, schritt er auf mich zu und schob seine Frau mit einem Ruck von der Türe weg, so daß sie zum zweiten Winkel des Zimmers flog. „Ah, Sie auch hier", sagte er herablassend, ohne die Frau weiter zu beachten, „treten Sie nur näher!" Ich trat in das zweite Zimmer, wo ich bescheiden bei der Türe stehen blieb. „Die Last einer ganzen Gemeinde", begann der Regierer, indem er mir einen Sessel anbot, „drückt Einen nieder. Da heißt es den ganzen Tag nur herumlaufen, vom Gemeindehaus in verschiedene Aemter, von diesen zu einer Beschneidung, von der Beschneidung zu einer Trauung, so von einem zum anderen, bis Einem der Tag vergeht und man vergißt an das Essen und Trinken, daß Einem das Herz herausfällt." Und um es festzuhalten das herausfallende Herz, leert er mit einem Zug das ganze Glas. „Doch welche Angelegenheit führt Sie zu mir, Reb Benjamin?" fügte er hinzu. „Eine Bitte, Reb Wölfele", erwiderte ich demutsvoll. „Ach, eine Bitte", wiederholte er, die rechte Bartspitze in den Mund langend. „Gewiß betreffs Ihrer Kinder, daß wir ihnen etwas zu verdienen geben. Doch ich habe ja schon angeordnet, daß man all unseren Bedarf an Frauenkleidern bei Ihren Kindern besorge!" „Dafür tausend Dank, Reb Wölfele — jetzt führt mich eine ganz andere Bitte zu Ihnen." „Eine andere" wiederholte er, indem er die rechte Bartspitze im Munde kaute und die linke sich um den Finger wickelte — „welche andere Bitte?" „Mein Jankele kommt jetzt in das zweiundzwanzigste Lebensjahr" fing ich an. „Zweiundzwanzig Jahre" — unterbrach er mich lebhaft und ließ zugleich beide Bartspitzcn aus Mund und Finger fahren, während etwas Unheimliches in seinen Augen aufleuchtete. „Zweiundzwanzig Lebenswahre, also militärpflichtig!" „Ja militärpflichtig", bestätigte ich mit zitternden Lippen. „Richtig!" sagte er gedehnt und nachdrücklich. „Ich sollte es ja wissen . . . Ihr Sohn ist mit meinem Aronleb gleichen Alters . . . Sie pflegten ja zusammen auf dem Bahnplatz zu spielen . . . Ist mir noch ganz lebendig . . . Weiß mich an alles noch gut zu erinnern .... Hab' für manche Dinge ein treues Gedächtnis ..." Das Herz erbebte mir, denn in diesem Augenblick blitzten nicht allein seine beiden meergrünen Augen, wie die einer gereizten Schlange, sondern auch seine wulstigen Lippen verzogen sich und zeigten mir seine spitzen, scharfen, wie gezückte Schwerter blitzenden Zähne . . . „Ich war ja nur Vater", stammelte ich verwirrt .... „Ich bitte vergessen Sie!" „Dummheiten!" erwiderte er und im Nu nahm sein Gesicht wieder den lammfrohen Ausdruck an. „Wer denkt mehr daran?" Hingerissen von einer unsäglichen Angst und meinen überquellenden väterlichen Gefühlen, warf ich mich zu seinen Füßen hin. „Mein Jankele ist militärpflichtig", sagte ich ihm mit tränengefüllten Augen, „er ist mein einziges Kind, wir find ältere Leute. Wir haben nichts, nichts als unser einziges Kind. Nimmt man ihn von uns, so nimmt man unser Augenlicht, unser Leben! Erhören Sie die Bitte eines Vaters und Gott, der Vater des Weltalls, wird auch Sie erhören, wenn Sie zu ihm für Ihre Kinder beten." „Stehen Sie doch auf, Reb Benjamin", erwiderte er weich, wie von meinen Worten ergriffen. „Wer denkt denn daran, Gott behüte, Ihnen Ihr Kind zu nehmen? Weiß ich